Lebensdaten
1889 bis 1953
Geburtsort
Apenrade (Schleswig, heute: Dänemark)
Sterbeort
Berlin (West)
Beruf/Funktion
regierender Bürgermeister von Berlin ; sozialdemokratischer Politiker
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118599968 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Friesland, Ernst
  • Reuter, Ernst Rudolf Johannes

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Zitierweise

Reuter, Ernst, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118599968.html [27.09.2016].

CC0

Reuter, Ernst Rudolf Johannes

sozialdemokratischer Politiker, Regierender Bürgermeister von Berlin, * 29.7.1889 Apenrade (Schleswig, heute: Dänemark), 29.9.1953 Berlin (West). (seit 1912 konfessionslos)

  • Genealogie

    V Wilhelm (s. Gen 1); M Caroline Hagemann (1851–1941); Tante-v Wilhelmine (1836–1903. Christian Klumker, 1837–1903, Pfarrer auf d. Insel Juist, s. NDB XII*); B Wilhelm (1875–1947), Handelskpt., Navigationslehrer, Halb-B Otto (s. 1), Hermann (1885–1915), Oberlehrer, Karl (1886–1971), Pfarrer, Edzard (1893–1919), Seemann; – 1) 1920 ( 1927) Lotte Krappek (* 1901), 2) 1927 Hanna Kleinert (1899–1974); 1 T, 1 S aus 1) Hella (1920–83), kaufm. Angest., Gerd (1921–92), Math., Hochschullehrer, emigrierte nach Großbritannien, 1 S aus 2) Edzard (* 1928, 1] Christel, T d. N. N. Willner, Finanzdir. d. Ullstein-Verlags, Berlin, 2] Helga Roeder), Ind.manager, 1973 stellv., 1976 o. Vorstandsmitgl., 1987-95 Vorstandsvors. d. Daimler-Benz AG, 1994 Vorstandsvors. d. Airbus Industries, Manager d. J. 1987, Medaille d. ICCROM 1991 f. kulturelles Engagement, John McCloy-Preis d. American Council on Germany 1993 (s. Munzinger); E Timothy (1947–2002), Mediävist, lehrte nach Studium am Inst. f. österr. Gesch.forschung in Exeter, seit 1981 Mitarb. d. MGH f. Ed. d. Briefe Wibalds v. Stablo, seit 1994 Prof. in Southampton, Hg. d. 3. Bd. d. „New Cambridge Medieval History“ (1999), Mitgl. d. Royal Historical Soc. (s. The Guardian v. 17.10.2002; SZ v. 18.10.2002); FAZ v. 21.10.2002).

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Leer studierte R. 1907-12 Germanistik, Geographie und Geschichte in Marburg, München und Münster. Vom Neukantianismus beeinflußt, löste er sich von den Überzeugungen seines prot.-konservativen Elternhauses und trat 1912 nach dem Staatsexamen der SPD bei. Da ihm aufgrund seiner politischen Überzeugung eine Stelle im Schuldienst verwehrt blieb, verdiente R. seinen Lebensunterhalt zunächst als Hauslehrer, Journalist und sozialdemokratischer Wanderredner. Seit Nov. 1914 führte er die Geschäfte des „Bundes Neues Vaterland“, einer gemäßigt pazifistischen Vereinigung, die für einen Frieden ohne Annexionen eintrat. Im März 1915 zum Kriegsdienst einberufen, geriet R. im Aug. 1916 schwer verwundet in russ. Gefangenschaft. Nach Ausbruch der Revolution warb er unter den dt. Gefangenen für die Ziele der Bolschewiki. Im Mai 1918 wurde R. das Amt eines Volkskommissars in der autonomen wolgadt. Republik in Saratov übertragen. Hier bemühte er sich – abweichend von der Praxis in anderen Landesteilen –, die bäuerliche Bevölkerung auf freiwilliger Basis in die sowjet. Ernährungspolitik einzubinden.

    Im Dez. 1918 kehrte R. nach Deutschland zurück und trat der KPD bei, wo er zu den Wortführern des linken Parteiflügels zählte. In der von heftigen Richtungskämpfen bestimmten Phase nach der gescheiterten „Märzaktion“ amtierte er seit Aug. 1921 kurzzeitig als Generalsekretär der KPD, wurde jedoch bereits im Jan. 1922 aus der Partei ausgeschlossen, nachdem er deren zu große Abhängigkeit von der Komintern kritisiert hatte. Sein politischer Weg führte ihn über die USPD zur Sozialdemokratie zurück, für deren Parteiorgan „Vorwärts“ er seit 1922 als Redakteur arbeitete. In den folgenden Jahren profilierte sich R. als Fachmann für Gemeindepolitik, insbesondere für Fragen der kommunalen Infrastruktur. Seit 1921 war er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung, die ihn 1926 zum besoldeten Stadtrat für das Verkehrswesen wählte. Zu seinen Leistungen zählten der Ausbau und die Vereinheitlichung des öffentlichen Personennahverkehrs in Berlin. 1925 wurde er in den Vorstand des Dt. Städtetags berufen. Im April 1931 wählte ihn die sozialdemokratische Stadtverordnetenmehrheit zum Oberbürgermeister von Magdeburg; seit Juli 1932 vertrat er diesen Wahlkreis im Reichstag.

    Die Nationalsozialisten vertrieben R. aus seinen Ämtern und inhaftierten ihn 1933/34 mehrmals im KZ Lichtenburg, wo er als prominenter Sozialdemokrat fortdauernden Mißhandlungen ausgesetzt war. Kurz vor einer erneuten Verhaftung konnte er Anfang 1935 mit Hilfe der Quäker nach England emigrieren. Dort erreichte ihn ein Angebot der türk. Regierung, als Experte für Verkehrstarife nach Ankara zu gehen. Seit Juni 1935 beriet R. das türk. Wirtschafts- bzw. Verkehrsministerium, seit Herbst 1938 lehrte er zudem Kommunalwissenschaft an der Verwaltungshochschule (1939 Prof.). Er knüpfte Kontakte zu emigrierten Gegnern des NS-Regimes und beteiligte sich 1943 als Mitglied des Dt. Freiheitsbundes am Versuch einer Sammlungsbewegung des Exils, der jedoch in den Zentren der Emigration ohne Widerhall blieb.

    Im Nov. 1946 konnte R. nach Deutschland zurückkehren. Auf Bitten seiner Partei nahm er seinen Wohnsitz in Berlin, dessen Stadtverordnete ihn im Dez. 1946 zum Stadtrat für Verkehr wählten. R. zählte zu den entschiedenen Gegnern einer engen Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratie und KPD/SED. Die sowjet. Militärverwaltung legte daher gegen seine im Juni 1947 mit deutlicher Stimmenmehrheit erfolgte Wahl zum Oberbürgermeister ihr Veto ein. Erst nach der Teilung der Stadtverwaltung im Dez. 1948 konnte er das Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin (West) antreten. R., der als Teilnehmer der Rüdesheimer Ministerpräsidentenkonferenz 1948 nachdrücklich für die Gründung eines westdt. Teilstaates als Voraussetzung eines freien Gesamtdeutschlands votiert hatte, setzte sich entschieden für eine enge Anbindung Berlins an Westdeutschland ein. Während der Berlin-Blockade wurde der charismatische Redner zum Symbol für den Willen der Berliner Bevölkerung, dem sowjet. Erpressungsversuch standzuhalten. Er gehörte dem Bundesrat als stellv. Präsident und Vorsitzender des gesamtdt. Ausschusses an. 1949 wurde R. zum Präsidenten des Dt. Städtetags gewählt. Seine letzten Regierungsjahre waren einerseits durch wachsende öffentliche Anerkennung im In- und Ausland gekennzeichnet, andererseits durch teilweise heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen mit dem traditionalistischen Flügel der Berliner SPD um Franz Neumann (1904–74), die der Partei im Dez. 1950 eine schwere Wahlniederlage bescherten, so daß der als Bürgermeister überaus populäre R. sein Amt nur durch das Entgegenkommen der bürgerlichen Parteien weiterführen konnte. – Dr. rer. pol. h. c. (FU Berlin 1949).|

  • Auszeichnungen

    Ernst-Reuter-Plakette (in Silber) d. Senats v. Berlin f. bes. Verdienste um Berlin (seit 1954); Bgm.-Reuter-Stiftung d. SPD.

  • Werke

    Zur Krise unserer Partei, 1922; Komün bilgisi (Einf. in d. Kommunalwiss.), 1940; Schrr., Reden, hg. v. H. E. Hirschfeld u. H. J. Reichardt, 1972-75.

  • Literatur

    W. Brandt u. R. Löwenthal, E. R., Ein Leben f. d. Freiheit, 1957 (P); K. Harpprecht (Hg.), E. R., Ein Leben f. d. Freiheit, Eine Biogr. in Bildern u. Dok., 1957 (P); H. Altrichter, in: W. L. Bernecker u. V. Dotterweich (Hg.), Persönlichkeit u. Pol. in d. Bundesrep. Dtld., Pol. Portaits, II, 1982, S. 120-31 (P); J. F. Tent, Freie Univ. Berlin 1948-1988, 1988; D. Koerfer, in: W. Ribbe (Hg.), Stadtoberhäupter, Biogrr. Berliner Bgm. im 19. u. 20. Jh., 1992, S. 419-42 (P); F. Stern, Der Traum vom Frieden u. d. Versuchung d. Macht, Dt. Gesch. im 20. Jh., 1999; D. E. Barclay, „Schaut auf diese Stadt“, Der unbek. E. R., 2000; Haymatloz, Exil in d. Türkei 1933-1945, Ausst.kat. d. Ak. d. Künste, Berlin 2000, S. 78 f., 196-209 (P); Biogr. Lex. Schleswig-Holstein IV, 1976, S. 195-97; BHdE I; Persönlichkeiten d. Verw., 1991, S. 441-44 (Qu, L, P); Schumacher, M. d. R.; Soz.dem. Parl, in d. Dt. Reichs- u. Landtagen 1867-1933, 1995; DBE; W. Benz u. H. Graml (Hg.), Biogr. Lex. z. Weimarer Rep., 1998; Munzinger. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Landesarchiv Berlin.

  • Portraits

    Büste in Bronze v. B. Heiliger, 1954 (Berlin, Bgm.-Reuter-Stiftung), Abb. in: Berliner Bildnisse aus 3 Jhh., Ausst.kat. München 1962; Büste in Stein, 1955 (Regensburg, Ostdt. Gal.); Totenmaske, Abb. in: F. Eschen, Das letzte Porträt, 1967, S. 119.

  • Autor

    Winfried Süß
  • Empfohlene Zitierweise

    Süß, Winfried, "Reuter, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 467-468 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118599968.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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