Lebensdaten
1841 bis 1916
Geburtsort
Gräfentonna bei Gotha
Sterbeort
Tegernsee
Beruf/Funktion
Verleger ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118774549 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • G. H.
  • H., G.
  • Hirth, G.
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Zitierweise

Hirth, Georg, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118774549.html [24.07.2016].

CC0

Hirth, Georg

Verleger und Schriftsteller, * 13.7.1841 Gräfentonna bei Gotha, 28.3.1916 Tegernsee.

  • Genealogie

    B Friedrich (s. 1), Rudolf (s. 3); - 1) München 1870 (⚮) Else (1852–1920), T d. Julius Knorr (1826–81), Verleger in München, Eigentümer d. „Münchner Neuesten Nachrr.“, Mitgl. d. Landtags, u. d. Josepha Rottmanner, 2) Walburga, T d. Posthalters u. Gastwirts Angerbauer in Traunstein; 3 S, 1 T aus 1), Siegfried (1872–1935), Dr. phil., Sprachforscher, Privatgel., Arthur (* 1875), Maler, Walther (* 1881), Journalist, Elsa ( [ 1902] Gustav Frhr. v. Rummel, 1958, Schauspieler [als Gustl Waldau]), 2 S, 2 T aus 2), u. a. Otto (1899–1969), Maler (s. Vollmer); E Arthur (1907–42), Sportschriftsteller, Hermann (* 1911), Schriftleiter beim „Münchner Merkur“, Alix (* 1925, Walter Rilla, * 1899, Schauspieler, Regisseur u. Schriftsteller), Schauspielerin u. Schriftstellerin (als Alix du Frênes).

  • Leben

    H. besuchte das Gymnasium illustre zu Gotha, trat wegen schwieriger wirtschaftlicher Lage des Vaters jedoch aus der 8. Klasse in das geographische Institut von Bernhard Perthes über. Er erwarb sich dort nicht nur gründliche geographische und kartographische Kenntnisse, sondern auch ausgezeichnete politische Grundlagen, die er durch nationalökonomische und statistische Studien vertiefte. 1858 begann er seine schriftstellerische Tätigkeit mit regelmäßigen Beiträgen „Neues aus der Ferne“ in Westermanns Monatsheften. Er schrieb, um Geld zu verdienen; deshalb gab er 1859 im Selbstverlag sein erstes Buch heraus: „Friedrich Schiller als Mann des Volkes“. Es fand reißenden Absatz und kennzeichnet bereits seine nationale und äußerst liberale Haltung. Er schloß sich dem Nationalverein an und war begeistertes Mitglied der Turnbewegung. Seit dem Tod der Mutter (1860) sorgte er für seine Geschwister.

    1862 gab er im Auftrag der Turnerschaft das erste statistische Jahrbuch der deutschen Turnvereine heraus, 1863-66 war er Leiter der Deutschen Turnzeitung in Leipzig, nachdem er das Perthessche Institut verlassen und in Jena bei Bruno Hildebrand zum doctor philosophiae (1863) promoviert worden war. Der Krieg von 1866 beeindruckte ihn sehr; auf preußischer Seite kämpfend, wurde er schwer verwundet. 1867 trat H. in das statistische Seminar in Berlin ein, 1868/69 war er Sekretär der Viktoria-National-Invalidenstiftung und kam in nähere Beziehung zu Kronprinz Friedrich. H., glühender Verfechter der nationalen Einigung unter Preußen, wenn auch mit starken kritischen Vorbehalten gegen das Junkertum und mit dem Ziel, Preußen in Deutschland aufgehen zu lassen, wirkte mit eminentem publizistischen Geschick und mit ausgezeichnetem Gespür für aktuelle publizistische Fragen. Er begründete 1867 H.s „Parlamentsalmanach“ (Band 9-16, 1871-87 als „Deutscher Parlamentsalmanach“ das Nachschlagewerk für die Reichstagsabgeordneten, seit 1890 durch das amtliche Reichstagshandbuch ersetzt) und 1868 die „Annalen des Norddeutschen Bundes und des Zollvereins“, seit 1871 unter dem Titel „Annalen des Deutschen Reiches für Gesetzgebung, Verwaltung und Statistik“, wozu ihm vom Kanzleramt alle Materialien geliefert wurden. H. wurde 1870/71 außen- und handelspolitischer Redakteur der Allgemeinen Zeitung in Augsburg und siedelte dann nach München über.

    H. gründete einen eigenen Verlag (zunächst mit Sitz in Leipzig), widmete sich aber vornehmlich der publizistischen Arbeit für das neue Reich. Sein Zukunftsprogramm eines liberalen Idealisten stellt sich dar als radikales, linksliberales Programm in wirtschafts-, sozial- und kulturpolitischer Hinsicht, während er in Fragen der Verfassung und der Reichsaufgaben ganz nationalliberaler Unitarier war. Er forderte die kulturelle Emanzipation der breiten Volksmassen durch systematische Verbesserung des Volksschulwesens, das er deshalb durch ein straffes Reichsschulgesetz geregelt wissen wollte, bekämpfte die Bildungsbarriere, die er in den ungleichen wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen erblickte. H. räumte dafür dem Staat erhebliche Rechte ein, zum Beispiel zur Vermehrung der Staatsbetriebe, zur Behandlung des Privateigentums als eine Art Lehen, das durch eine entsprechende Erbschaftssteuer wieder allmählich an den Staat fallen sollte. Als leidenschaftlicher Romgegner vertrat er Zeit seines Lebens die Trennung von Schule und Kirche. Er kämpfte für Rechtsgleichheit, für eine soziale Steuerpolitik, ebenso für Freihandel, für eine Jugenderziehung im „sicheren militärischen Geist“, für die Frauenemanzipation aus liberalen und philosophischen Gründen. Er war temperamentvoller Verfechter der Freiheit in Fragen des Bekenntnisses, der Arbeit, der Freizügigkeit, der Wissenschaft und Künste. Er erwartete sich von der exakten Forschung, insbesondere von jener der Naturwissenschaften, breite, volkstümliche Aufklärung in allen Bereichen des Lebens, eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle Mitglieder entsprechend ihren Anlagen sich entfalten sollten.

    1875 gründete H. mit seinem Schwager Thomas Knorr in München eine Buchdruckerei, die rasch eine der bedeutendsten Druckereien Deutschlands wurde. 1881, nach dem Tod des Schwiegervaters, übernahm H. die „Münchner Neuesten Nachrichten“ und machte sie zu einer der führenden deutschen Tageszeitungen des radikalen Fortschritts. Seine Leitartikel wurden berühmt, manche berüchtigt, wenn ihn sein Haß gegen die „Ultramontanen“ fortgerissen hatte; im Mittelpunkt aber stand immer die Reichsidee, stand eine freiheitliche Ausgestaltung der Reichsverfassung. Er focht jedoch ebenso heftig für seine Wahlheimat München, für Kanalisation, Straßenbau und -beleuchtung, für Schulbauten. Das Programm seines Blattes lautete: „Jede unabhängige Zeitung sei ein Panzerturm zum Schutze der Rechtsgleichheit, der Gewissensfreiheit, des zeitgemäßen Fortschritts und der nationalen Ideale“. H. und die MNN waren jahrzehntelang eine maßgebende Instanz der Öffentlichkeit in München, Bayern und Deutschland, beider Einfluß zeitweise gewaltig. H. hatte zwar 1877/80 politisch etwas resigniert, enttäuscht über Bismarcks Wendung zur Schutzzollpolitik und zur Mäßigung im Kulturkampf, er war unzufrieden mit König Ludwig II. von Bayern wie später mit Kaiser Wilhelm II., doch änderte das nichts an seinem liberalen Optimismus.

    War H. in der politischen Auseinandersetzung ein Meister in der Handhabung seiner Zeitung, so erst recht im Ausnutzen seiner Druckerei für seine kunstpolitischen und volksbildenden Absichten. Eine große Verlags- und Herausgebertätigkeit seit 1876 diente der Propagierung seiner Kunstansichten. 1867 hatte er in Paris Courbet schätzen gelernt und bewahrte sich seitdem eine Vorliebe für junge, neu aufbrechende Kunstströmungen. Eine Ausstellung im Münchner Glaspalast brachte 1876 die Wiederentdeckung der deutschen Renaissance, die H. als eine nationale Dekorationskunst betrachtete. Er gab Kunstdrucke und Kunstbücher in preiswerten Ausgaben heraus, förderte die Buchillustration, bevorzugte zunächst Gotik und Frührenaissance und alte deutsche Meister, wie es dem national erregten Zeitgefühl entsprach. H. wollte die Kunst demokratisieren, insbesondere förderte er deshalb das Kunstgewerbe. Sein Haus war Mittelpunkt der Münchner Künstlergesellschaft, Treffpunkt für Böcklin, Menzel, Klinger, Lenbach und viele andere. An der Münchner Sezession von 1892 war er mitbeteiligt. Konsequenz daraus war, daß er Ende 1895 die Zeitschrift „Jugend“ gründete, Zeichen für H.s Kultus der Jugend und des Kindes wie für seine radikal-liberale Einstellung. Selbstverständlich nutzte er die MNN auch als Sprachrohr für seine künstlerischen und volksbildenden Ideen. Er begründete mit den Goethebund zum Schutz freier Kunst und Wissenschaft (1900), gleicherweise den Münchner Journalisten- und Schriftstellerverein, dessen Präsident er lange war, und war wesentlich beteiligt am Zustandekommen der Pensionsanstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller. Seit den 90er Jahren öffnete er in der Kunst jungen Kräften den Weg, indem er die MNN, vor allem aber die „Jugend“ der Avantgarde überließ. Er war ein wählerischer, treffsicherer Sammler, der auch hier seinem journalistischen Motto folgte: es gibt auf der Welt nichts Uninteressantes. H. hat durch seine gesamte Tätigkeit, durch alle seine Unternehmungen wesentlich beigetragen, die wilhelminische Gesellschaft zu verändern.

  • Werke

    Weitere W Freisinnige Ansichten d. Volkswirtsch. u. d. Staats, 31876;  Aufgaben d. Kunstphysiol., 2 Bde., 1891, 21897;  Das plast. Sehen als Rindenzwang, 1892;  Der Stil, 1898, 31922;  Kleinere Schrr., 5 Bde., 1902-18;  Unser Herz, ein elektr. Organ, 1913. -  Hrsg.: Der Formenschatz d. Renaissance, 35 Jgg., 1877 ff., 1879-1911 als Der Formenschatz, jährl. 12 Hh.;  Das dt. Zimmer, 1880, 41899;  Kulturgeschichtl. Bilderbuch, 6 Bde., 1881–90, 21895-1901, neu bearb. v. M. v. Boehn, 2 Bde., 1923-25;  Kat. d. farbigen Kunstbll. a. d. Münchener Jugend, ausgew. a. d. Jgg. 1896-1912, 1913;  dass. a. d. Jgg. 1896-1917, 1917;  dass. a. d. Jgg. 1896-1918, 1920. -  Autobiogr. in: Geistiges u.|künstler. München in Selbstbiogrr., hrsg. v. W. Zils, 1913 (P).

  • Literatur

    F. C. Endres, G. H., Ein dt. Publizist, 1921 (P).

  • Autor

    Leonhard Lenk
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenk, Leonhard, "Hirth, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 239-241 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118774549.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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