Lebensdaten
1773 bis 1824
Beruf/Funktion
Mythologe ; Sprachforscher ; Publizist
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118776665 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bergius, Walter (Pseudonym)
  • Author, Johannes (Pseudonym)
  • Author, Johannes
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Zitierweise

Kanne, Johann Arnold, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118776665.html [25.05.2017].

CC0

Kanne, Johann Arnold (Pseudonym Walter Bergius, Johannes Author)

Mythologe, Sprachforscher (* 28. ?), ~ 31.5.1773 Detmold, 17.12.1824 Erlangen. (deutsch-reformiert)

  • Genealogie

    V Friedrich Georg (1723–93), S d. Joh. Christoph, beide Schuhmachermeister in D., u. d. Anna Elisabeth Köhne; M Amalia (1729–92), T d. Joh. Jost Gerves, Schloßsoldat, dann Hausbes. in D., u. d. Anna Elisabeth Schneeberg; Nürnberg 1809 Henriette Herold ( n. 1842) aus Hof; 2 S. 1 T.

  • Leben

    Schon während der Schulzeit in Detmold zeigte sich die K.s ganzen Lebensweg bestimmende Gespaltenheit zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisstreben und pietistischer Religiosität. Während der Rektor des Detmolder Gymnasiums seinen philologischen Lerneifer förderte, wurde K. durch den katechetischen Unterricht Jakob Ludwig Passavants auf den Weg des Lavaterschen Christentums geführt. Nachdem er 1790 in Göttingen zunächst mit dem Studium der Theologie begonnen hatte, wechselte er alsbald zur klassischen Philologie über und fand in Ch. G. Heyne seinen Lehrer. Die damals mit Johann Jakob Wagner geschlossene Freundschaft brachte in späteren Jahren heftige persönliche Gegensätze und wissenschaftlich-weltanschauliche Auseinandersetzungen. Ohne Abschluß verließ K. Göttingen um die Jahreswende 1797/98 und begann ein ruheloses Wanderleben. Vorübergehend war er Lehrer am Halleschen Waisenhaus-Gymnasium, dann Hofmeister in Hersbruck und Leutenberg. Neben mythologischen und sprachvergleichenden Forschungen versuchte er sich auch als Dichter, indem er humoristische und satirische Schriften verfaßte, die durch forcierte Nachahmung Jean Paulscher Stilprinzipien gekennzeichnet sind. Im Sommer 1802 trat er in österreichische Kriegsdienste. Bei einem längeren Prager Urlaub losgekauft, ging er 1805 nach Würzburg, wo er seine „Mythologie der Griechen“ begann. Obgleich Heynes philologisch-kritische Schule die Darstellungsweise bestimmte, machte sich darin schon eine spekulative Auffassung des Mythos bemerkbar, die in die Richtung panentheistischer Geschichtsmetaphysik wies. Eine Entzweiung mit Wagner trieb ihn nach Jena. Dort entstanden die „Ersten Urkunden der Geschichte“ (1808, 21815), wozu Jean Paul, der sich schon vorher mehrfach für K. verwandt hatte, eine Vorrede schrieb. Aus der Entdeckung auffälliger Übereinstimmungen zwischen der griechisch-orphischen und der ind. Kosmogonie glaubte K. durch Namenvergleichung eine Mythologie der Urmenschheit gewinnen zu können. Seine Ableitung einer allgemeinen Theorie des Mythos aus der etymologischen Methode hat, obgleich sie sich als wissenschaftlich unhaltbar erweisen mußte, für die Anfänge Jakob Grimms Bedeutung gewonnen.

    Aus einer flüchtigen älteren Bekanntschaft mit dem Literaturhistoriker Adolph Wagner (1774–1835) ging in jener Zeit eine Freundschaft hervor, der als einziger im Leben K.s Dauer beschieden war. Seine wissenschaftlichen Arbeiten jäh abbrechend, ließ er sich im Frühjahr 1806 von preußischem Militär anwerben, geriet in Gefangenschaft, entfloh, trat aber, da er keinen Unterhalt fand, nunmehr in österreichische Kriegsdienste. Nach einer schweren Erkrankung wurde er schließlich durch Jean Pauls Vermittlung auf Veranlassung Friedrich Heinrich Jacobis zum zweitenmal losgekauft. Jacobi verschaffte ihm auch 1809 ein Lehramt für Archäologie und Geschichte an dem neu gegründeten Realinstitut in Nürnberg, dessen Leitung Gotthilf Heinrich Schubert übernahm. Die geschichtsmetaphysische Mythendeutung der „Ersten Urkunden“ suchte K. jetzt noch im „Pantheum der ältesten Naturphilosophie“ (1811) und im „System der ind. Mythe“ (1813) unter bereits christlich-dualistischem Aspekt zu einer soteriologischen Weltalterlehre auszubauen, bevor ihn im folgenden Jahr religiöse Erlebnisse, die er als Erweckung und Wiedergeburt verstand, zur Verwerfung seiner bisherigen wissenschaftlichen Bemühungen führten. Er verbrannte das Manuskript zu einem „Panglossium“, durch das er die Urverwandtschaft aller Sprachen hatte beweisen wollen, und schloß sich mit Schubert einem pietistischen Kreis an, der sich in Nürnberg um Georg Matthias Burger, einen Schüler des württembergischen Pietisten Phil. Matthias Hahn, gebildet hatte. An die Stelle vergleichender Mythenforschung traten bei ihm fortan christologische Deutungen, die Philologie wurde von einer theosophischen Sprachphilosophie abgelöst. Die meisten Veröffentlichungen seines letzten Lebensjahrzehnts – christliche Biographien, der Roman „Sämundis Führungen“ (1816) und die eigene Lebensbeschreibung – sind dem Erbauungsschrifttum zuzurechnen. Nur widerstrebend übernahm K. noch 1818 eine Professur für orientalische Sprachen an der Universität Erlangen. Daß ein Zwiespalt zwischen Forschungsarbeit und heilserwartendem Glauben trotz jener Umkehr bis zuletzt in ihm fortbestanden hat, zeigt die im Nachlaß erhaltene zweite handschriftliche Fassung des „Panglossium“ (Urkundenbuch Erlangen. Manuskript 2391).

    Jean Paul sah in K.s düsterem und selbstquälerischem „Überchristentum“ die Ausgeburt eines restaurativen, die freiere Religiosität Lessing-Herderscher Prägung bedrohenden Mystizismus. Er sammelte Materialien zu einer theologischen Kampfschrift „Wider-Kanne“, die jedoch nicht zur Ausführung kam. Auch als er 1823 mit K. noch einmal zusammentraf, erwiesen sich die beiderseitigen Standpunkte als unvereinbar.

  • Werke

    Weitere W Bll. v. Aleph bis Kuph, 1801; Analecta philologica, 1802; Blepsidemus od. Nikolais litterar. Liebesbrief, 1802 (Drama); Kleine Handreise, 1803; Über d. Verwandtschaft d. griech. u. teutschen Sprache, 1804; Leben u. aus d. Leben merkwürd. u. erweckter Christen, 2 T., 1816/17 (im Anhang zu T. 1: Aus m. Leben); Slg. wahrer u. erweckl. Geschichten aus d. Reiche Christi u. f. dass., 3 T., 1817–22, 31842; Christus im AT, Unterss. üb. d. Vorbilder u. Messian. Stellen, 2 T., 1818; Zwei Btrr. z. Gesch. d. Finsternis in d. Ref.zeit od. Ph. Camerarius Schicksale in Italien u. A. Clarenbachs Martyrthum, 1822; Neudr.: Aus m. Leben, Aufzeichnungen d. dt. Pietisten J. A. K., hrsg. v. C. Schmitt-Dorotić, 1919.

  • Literatur

    ADB 15; R. v. Raumer, Gesch. d. German. Philol., 1870, S. 362 ff.; F. Strich, Die Mythol. in d. dt. Lit. v. Klopstock bis Wagner, I, 1910, S. 321 ff.; Th. Kolde, Die Univ. Erlangen unter d. Hause Witteisbach, 1910, S. 127 u. ö.; K. Ziegler, Die dt. Mythostheorie d. Neuzeit, in: Real-Lex. d. dt. Lit.gesch. II, 21958, S. 569-84; E. Neumann, J. A. K., Ein vergessener Romantiker, Ein Btr. z. Gesch. d. myst. Sprachphilos., Diss. Erlangen 1927; E. Berend, in: Jean Pauls Sämtl. Werke, Hist.-krit. Ausg., I. Abt., Bd. 16, 1938, S. XL ff., S. 281-87 (Vorrede zu den „Ersten Urkk.“ mit „Zusatz im J. 1824“ aus d. „Kleinen Bücherschau“), II. Abt., Bd. 4, 1934, S. XII-XVII, S. 35-67 (Aufzeichnungen zu „Überchristentum, Wider-K.“); D. Schrey, Mythos u. Gesch. b. J. A. K. u. in d. romant. Mythol., 1969; Kosch, Lit.-Lex.; Goedeke VI.

  • Autor

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Kanne, Johann Arnold" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 105-107 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118776665.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Kanne, Joh. Arnold

  • Leben

    Kanne: Joh. Arnold K., geb. zu Detmold im Mai 1773. K. gehört zu jener Gruppe von staatsmännischen Publicisten aus dem Anfang unseres Jahrhunderts, welche, um Goedeke's Ausdruck zu acceptiren, "den Kampf ihrer Zeit dahin darstellen, daß sie sich das Princip absoluter Autorität in einer absoluten Kirche dachten." Seine Mitstreiter waren Männer wie Creuzer und Görres. Wie auf diese Weise sein Wirten nicht von der Geschichte seiner Zeit zu trennen ist, so kann man seine Thätigkeit andererseits auch schwer von seinem Leben, seinen äußeren Schicksalen loslösen. Es war ein abenteuerliches, zerfahrenes Dasein, welches dieser Mann führte, oder, besser gesagt: nicht führte — denn umhergeworfen von den Wogen des Geschicks, wurde sein Leben mehr von diesen bestimmt und geleitet, als umgekehrt. Er muß zu denjenigen Geistern deutscher Nation gerechnet werden, die, ausgerüstet mit hervorragenden Geistesgaben, dennoch unfähig waren, die Conflicte ihrer Zeit zu überwinden und an diesen schließlich zerschellten (Heinrich v. Kleist, Grabbe u. A.). Seine Biographie ist nichts als eine Kette von Kämpfen und Wandlungen in seinem Inneren, aber es fehlen die Ruhepunkte, die erlangte Harmonie, das endliche Resultat. Denn er, der anfangs von der Theologie, weil sie ihm nicht genügte, sich abwandte, sah zuletzt nur im streng dogmatisch Christlichen das alleinige Heil. Charakteristisch für seinen Lebenslauf sind die Gönner, denen er fast alle seine Errungenschaften verdanken sollte: nicht Charakter genug, sich selbst sein Lebensschiff zu zimmern, war er genöthigt, diese Arbeit Anderen zu überlassen. Wie den begabten Knaben ein Dorflehrer Namens Vegemann und der Prediger Ludwig Passavant aus der Sphäre des unteren Bürgerthums hervorziehen mußten, um ihm Bildung und eine Carrière zu eröffnen, so waren in seinen gereisteren Jahren Jean Paul und Professor J. J. Wagner Stützen und Wegweiser seines Glücks. Erst verhallen sie seinen censorisch beanstandeten "Ersten Urkunden der Geschichte oder Allgemeine Mythologie" zu einem Verleger (Bayreuth 1808), dann kauften sie ihn gelegentlich aus österreichischem Kriegsdienste los und schufen ihm eine geordnete Stellung. Soldat war er mehrmals, in Oesterreich und Preußen, dann Privatlehrer und Gelehrter in Göttingen, Leipzig, Halle a. S., Berlin und Jena. 1809 gab man ihm eine Professur der Geschichte am Realinstitut zu Nürnberg; verheirathet, aber nicht glücklich, ward er 1817 Professor der Philologie am Gymnasium zu Nürnberg und 1819 der orientalischen Sprachen zu Erlangen. Er schrieb, außer unter dem eigenen Namen, unter dem Pseudonym von: Walter Bergius, Johannes Author, Anton von Preußen. Man sieht, welch' unruhiges Leben K. hinter sich hatte, als er am 17. December 1824 zu Erlangen starb. Die bedeutendsten seiner Schriften, welche man in Goedeke's Grundriß III. 86, 87 aufgezählt vorfindet, sind noch: "Neue Darstellung der Mythologie der Griechen und Römer", 1805; "Pantheum der ältesten Naturphilosophie, die Religion aller Völker", 1811; "Sammlung wahrer und erwecklicher Geschichten aus dem Reiche Christi und für dasselbe", 1815—22, und "Leben und aus dem Leben merkwürdiger und erweckter Christen", 1816—17, welche beiden letzten Werke später (1824) noch eine Fortsetzung erfuhren. In der letzteren findet man auch seine bis 1817 reichende interessante Autobiographie.

  • Autor

    Julius Riffert.
  • Empfohlene Zitierweise

    Rissert, Julius, "Kanne, Johann Arnold" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 77-78 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118776665.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA