Lebensdaten
1779 bis 1856
Geburtsort
Predel bei Zeitz
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Geburtshelfer ; Gynäkologe ; Pädiater
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117148814 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jörg, Johann Christian Gottfried
  • J., J. C. G.
  • Joerg, Joannes C.
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Zitierweise

Jörg, Johann Christian Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148814.html [21.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Andreas (* 1746, vor 1805), Reiter, dann Sattler im kursächs. Karabinier-Rgt., S d. Rotgerbermeisters Joh. Christoph in Heilbronn u. d. Ursula Margaretha Klaholz;
    M Christina, T d. Bauern Hans Dinger in P.;
    Poserna 1805 Chrisliana Constantine Luise (* 1777), T d. Pfarrers Christian Leberecht Webel (1723–97) in Poserna b. Weißenfels u. d. Charlotte Eleonore Heinsius; Vt d. Ehefrau Wilhelm Heinsius ( 1817), Buchhändler u. Bibliograph in L. (s. NDB VIII).

  • Leben

    J. begann 1800 in Leipzig mit dem Studium der Naturwissenschaften. Sein Weg führte jedoch bald in die praktische Medizin; 1802 wurde er Assistent des Leipziger Stadtgeburtshelfers Menz und gewann in dieser Funktion eine fundierte Erfahrung als geburtshilflicher Operateur. Angeregt durch die Schriften von Lucas Joh. Boër reiste er 1804 nach Wien, um an der von Boër geleiteten Entbindungsschule am Wiener Allgemeinen Gebärhaus dessen Verfahren kennenzulernen. In Leipzig erwarb er 1804 den philosophischen Doktortitel, 1805 habilitierte er sich als Magister legens und promovierte zum Doktor der Medizin und Chirurgie. 1809 erhielt er an der Univ. Leipzig einen Lehrstuhl für Geburtshilfe und zugleich den Auftrag, als Direktor und leitender Arzt eine Hebammenschule und Entbindungsanstalt zum Unterricht für Medizinstudenten zu errichten. Unter J.s Leitung gewann diese Entbindungsschule rasch Bedeutung und erfuhr durch seine jahrzehntelangen Bemühungen mehrfache Erweiterungen. Zu seiner vielseitigen Wirksamkeit gehörte auch die Leitung eines großen Militärhospitals nach der Völkerschlacht bei Leipzig (1813). J. starb unmittelbar vor seiner Emeritierung; sein Amtsnachfolger wurde K. S. Credé.

    J.s günstige Erfahrungen mit Boërs rein empirisch gestützter konservativer Geburtsleitung führten ihn früh zu einer Ablehnung des üblichen aktiven Eingreifens von Hebammen und Geburtshelfern zur Beschleunigung des Geburtsvorganges. In seiner Lehrtätigkeit wie in seinen Publikationen verfolgte er als Hauptziel die wissenschaftliche Begründung und Verbreitung einer so verstandenen konservativen Geburtshilfe; sein wissenschaftlicher Hauptkontrahent war F. B. Osiander. J.s Leistung liegt dabei in seinem Versuch, durch gründliche Beobachtung die Physiologie der Geburt als Basis der Geburtshilfe zu erforschen und die Spontangeburt als einen natürlichen Vorgang zu erklären und anzustreben. Die Kenntnis der physiologischen Geburtsdynamik sollte eine strenge wissenschaftliche Indikation operativen Vorgehens ermöglichen.

    In Erweiterung dieser Grundkonzeption forderte J. die Erforschung der Physiologie von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett im Rahmen eines Studiums der gesamten weiblichen Natur einschließlich der weiblichen Psyche. Er betrachtete seine Lehrbücher der Geburtshilfe und der Frauenkrankheiten als Einheit. Deshalb der Titel: „Über das physiologische und pathologische Leben des Weibes.“ Im Unterschied zu den meisten seiner Fachkollegen trat er für die kindliche Indikation geburtshilflichen Vorgehens neben der mütterlichen ein und lieferte darüber hinaus einen Beitrag zur Entwicklung der Pädiatrie mit seinem Handbuch der Kinderkrankheiten, welches die Physiologie und Psychologie des Kindes mit abhandelte. Über diesen bereits weitgefaßten Fachbereich hinaus behandelte J. in seinen Publikationen u. a. chirurgische, internistische, forensische, medizinhistorische und allgemeinmedizinische Themen.

  • Werke

    u. a. Hdb. f. Geburtshülfe f. Ärzte u. Geburtshelfer, 1807, u. d. T. Über d. physiolog. u. patholog. Leben d. Weibes, 21820 f., 31831-33;
    Hdb. d. Krankheiten d. menschl. Weibes, 1809, 31831;
    Diätet. Belehrungen f. Schwangere, Gebärende u. Wöchnerinnen, 1809, 41842;
    Schrr. z. Beförderung d. Kenntniss d. menschl. Weibes, 2 Bde., 1812/18;
    Lehrb. d. Hebammenkunst, 1814, 51855;
    Die Kunst d. Verkrümmungen d. Kinder zu verhüten, 1816;
    Hdb. z. Erkennen u. Heilen d. Kinderkrankheiten (= Über d. physiolog. u. patholog. Leben d. Kindes), 1826, 21836;
    Was hat e. Entbindungsschule zu leisten, 1829;
    Die Zurechnungsfähigkeit d. Schwangern u. Gebärenden, 1837.

  • Literatur

    ADB 14;
    E. A. Meißner, Ber. üb. d. Thätigkeit u. d. Verhh. d. Ges. f. Geburtshülfe zu Leipzig im 3. J. ihres Bestehens, in: Mschr. f. Geburtskunde u. Frauenkrankheiten 11, 1858, S. 439-41;
    |Kirsten, Gedächtnisrede auf J. Ch. G. J., in: Mitt. d. Ges. f. Geburtshülfe in Leipzig, 1879, S. 34;
    H. Fasbender, Gesch. d. Geburtshilfe, 1906, S. 298-300;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Hans G. Sohni
  • Empfohlene Zitierweise

    Sohni, Hans G., "Jörg, Johann Christian Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 462 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148814.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Jörg: Joh. Christ. Gottfried J., Professor der Geburtshülfe in Leipzig, geb. den 24. Decbr. 1779 zu Predel bei Zeitz, in Leipzig am 20. Septbr. 1856. Nachdem J. von 1792 bis 1800 das Stiftsgymnasium zu Zeitz besucht hatte, bezog er die Universität Leipzig, um Naturwissenschaften zu studiren, und nur ein eigenthümlicher Zufall führte ihn der praktischen Medicin zu: im 22. Jahre seines Lebens hielt er nämlich am 10. November 1801 zu Ehren des plötzlich verstorbenen Professors der Anatomie, Dr. Haase eine Grabrede, welche einen solchen Eindruck auf den vielbeschäftigten Stadtgeburtsarzt Dr. Menz machte, daß er ihn zu seinem Assistenten erwählte, wodurch er Gelegenheit fand, durch mehrere Jahre hindurch sehr viele geburtshülfliche Operationen auszuführen. Au' diese Weise war er vor seinen Commilitonen sehr bevorzugt, aber da er bisher keine einzige normal verlaufende Geburt gesehen hatte, indem die Gelegenheit fehlte, die physiologischen Vorgänge hierbei zu studiren, so war er nicht befriedigt, sondern wurde durch das Studium der Schriften des berühmten Lucas Johann Boër veranlaßt, nach Wien zu reifen, um an Ort und Stelle dessen dem Operiren sehr abholde Behandlungsweise kennen zu lernen. Mit diesen Eindrücken kehrte er nach Leipzig zurück, erwarb am 23. Decbr. 1804 die philosophische Doctorwürde, habilitirte sich am 9. Febr. 1805 als Magister legens, und disputirte am 23. August als Doctor der Medicin und Chirurgie. Von nun an wirkte er durch Wort und Schrift für Erhebung der Geburtshülfe zur eigentlichen Wissenschaft, wovon seine Lehrbücher der Physiologie, der Geburtshülfe, der Weiber- und Kinderkrankheiten, sein Hebammenlehrbuch, so wie seine Schritten zur Beförderung der Kenntniß des Weibes Zeugniß ablegen. Als nun gemäß einer Stiftung der am 1. Mai 1806 verstorbenen Frau Appellationsräthin Trier die Errichtung einer Hebammenschule und Entbindungsanstalt zum Unterricht für Studirende der Medicin ins Leben treten sollte, wurde J., der deshalb einen ehrenvollen Ruf nach Königsberg ablehnte, unter Ernennung zum ordentlichen Professor für Geburtshülfe, sowie zum Director und Obergeburtshelfer an dieser Anstalt, mit der ersten Organisation derselben beauftragt (1810). Sie nahm unter seiner Leitung einen rapiden Aufschwung und verdankt seinen fortgesetzten Bemühungen 1826 ihre Uebersiedelung aus ihrem ursprünglichen Local in dem vormals Trierischen Grundstücke, bis zum J. 1880 botanischen Garten in das in der Dresdener Straße gelegene Haus, welches 1853 mit Hülfe eines beträchtlich angewachsenen Stammcapitals und durch die Munificenz der Staatsregierung und der Stände bedeutend erweitert wurde. Neben seinen vielen Amtsgeschäften war J. fortwährend nicht nur als consultirter Arzt, sondern auch schriftstellerisch thätig, und fungirte nach der Schlacht bei Leipzig als Dirigent eines großen Militärspitals auf dem zur Stadt gehörigen Vorwerke Pfaffendorf. Seinem Wahlspruch "Naturae" getreu, verfocht er die Rechte derselben und die naturgemäße Behandlung der Geburt gegen Jedermann, wie unter Andern gegen Osiander den Vater zu Göttingen. Neben den oben genannten schrieb er eine specielle Therapie für Aerzte am Geburtsbette, über|die Zurechnungsfähigkeit der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen, ein Taschenbuch für gerichtliche Aerzte und Geburtshelfer bei den gesetzmäßigen Untersuchungen des Weibes, sowie zahlreiche andere Schriften, u. A. Materialien zu einer künftigen Materia medica, worin er die Homöopathie bekämpfte, endlich in Gemeinschaft mit dem berühmten Domherrn Dr. Tzschirner eine populäre Schrift über die Ehe. So wirkte J. bis an sein Greisenalter und verrichtete bis zuletzt noch die schwersten Operationen. Die zunehmende Altersschwäche, gegen die er mehrmals die Seebäder von Helgoland und Norderney, sowie 1855 das Bad Elster mit Erfolg gebraucht hatte, namentlich aber eine bedeutende Abnahme des Gesichts und Gehörs bewirkte seinen Rücktritt vom Amte, der in den ersten Tagen des October 1856 bevorstand, als er noch mitten in seiner Berufsthätigkeit starb. J. war ein Mann nach altem Schrot und Korn, unbeugsam im Festhalten dessen, was er für recht und wahr erkannt hatte. Eine bedeutende Schärfe des Geistes verband er mit einer bis zur Schroffheit gehenden Festigkeit des Charakters. An der Einfachheit der Natur wollte er immer und immer festhalten, und wehe den auf Künsteleien ausgehenden Neuerungssüchtigen, die er in unablässigem harten Kampfe durch Schrift und Rede verfolgte (Kirsten).

    • Literatur

      Emil Apollo Meißner, Nekrolog vom 20. October 1856. Monatsschrift für Geburtskunde, Bd. XI, S. 439. Kirsten, Gedächtnißrede am Joerg in Mittheilungen der Gesellschaft für Geburtshülfe in Leipzig aus dem Jahre 1879, S. 34.

  • Autor/in

    v. Hecker.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hecker, Karl von, "Jörg, Johann Christian Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 527-528 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148814.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA