Lebensdaten
1757 bis 1835
Geburtsort
Fienstädt (Grafschaft Mansfeld)
Sterbeort
Lauban (Niederschlesien)
Beruf/Funktion
Lexikograph ; Literaturdidaktiker ; Literaturhistoriker ; Schulmann
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117148709 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Joerdens, Karl Heinrich

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Joerdens, Karl Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148709.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich Andreas, Schulrektor in F., später in Dassel;
    M N. N.;
    N. N.;
    17 K, u. a. Gustav (1785–1834), Ratsassessor in Görlitz, Schriftsteller (s. W, L).

  • Leben

    J. erhielt seine erste primär theologische und altphilologische Ausbildung von seinem Vater, die er 1773 an der Univ. Halle fortsetzte. 1776 nahm er eine Hauslehrerstelle in Berlin an, 1778 wurde er Lehrer am dortigen Schindlerschen Waisenhaus und war 1784-90 2. Direktor an den Cöllner Schulen. 1792 erhielt er die Stelle eines Inspektors und 2. Direktors an der Waisen- und Schulanstalt zu Bunzlau (Schlesien). 1796 wurde er Rektor des Lyzeums in Lauban. Dieses Amt behielt er bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand (1825). – J. bezeichnete sich selbst als „Schulmann und Literator“, eine für die Zeit der Spätaufklärung, die versuchte, das Erbe der deutschen Aufklärung breiteren Kreisen weiterzuvermitteln, charakteristische Verbindung von Interesse und Beruf. Die in seinen Gedichten und Schriften vermittelte Gedankenwelt wie auch seine literaturpädagogischen Intentionen sind wesentlich geprägt von der Begegnung mit dem Berliner Kreis von Schriftstellern und Gelehrten um F. Nicolai, M. Mendelssohn, J. J. Engel und K. W. Ramler. Den Einfluß des letzteren bezeugen vor allem J.s poetische Versuche, die in den beiden von ihm herausgegebenen Berliner Musenalmanachen von 1791 und 1792 zu finden sind. Von Ramler wurde J. auch veranlaßt, mehrfach für die Lyrikerin A. L. Karsch einzutreten. – J.s literaturpädagogische Intentionen spiegeln sich in seinen zahlreichen Ausgaben von Textsammlungen für die Schule, insbesondere griech. und röm. Klassiker, aber ebenso der zeitgenössischen deutschen Literatur der Aufklärung. Er hat auch Texte mehrerer antiker Autoren in eigener deutscher Übersetzung veröffentlicht. Mehrfach setzte sich J. theoretisch mit der ästhetischen, philosophischen und pädagogischen Rechtfertigung, wie auch den didaktischen Problemen der Vermittlung antiker und zeitgenössischer Literatur an den Schulen auseinander. Sein konsequentes Eintreten für die Lektüre zeitgenössischer deutscher Texte an den überwiegend noch an den lat. und griech. Autoren orientierten preuß. Gymnasien ist besonders hervorzuheben. – Von bleibenden Wert für die Literaturgeschichtsschreibung ist J.s 6bändiges „Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten“ (1805-11), das in Weiterführung früherer Vorbilder (u. a. von Küttners „Charakteren deutscher Dichter und Prosaisten“) Leben und Werke deutscher Schriftsteller des 18. Jh. und – in geringerem Maße – auch früherer Jahrhunderte darstellt. Das Lexikon ist eine hervorragende Quelle vor allem für die Rezeption der Autoren, gibt J. doch neben den Erstausgaben der Werke alle gesammelt oder separat erschienenen Nachdrucke und Übersetzungen an, ferner Werke anderer Schriftsteller, die auf jene Bezug nehmen, Rezensionen, Würdigungen und Stellungnahmen von Freunden und zeitgenössischen Literaturkritikern. Obwohl J. sein eigenes Urteil in der Regel zurückhält, spiegelt das Lexikon deutlich die Werturteile seiner Zeit. J. J. Engel, Lessing, Ramler und Wieland werden sehr positiv und ausführlich gewürdigt, das Urteil über Goethe und Schiller ist ambivalent, die Sturm und Drang-Generation fehlt. – Neben seinen literarischen und philologischen Arbeiten hat J. auch Aufsätze zu pädagogischen, philosophischen und theologischen Problemen verfaßt. In die Geschichte der Bunzlauer Schule und des Laubaner Gymnasiums ist J. als Lehrplanreformer und gewissenhafter, aber nicht immer bequemer Verwaltungsfachmann eingegangen.

  • Werke

    Weiteres W Anekdoten a. d. Leben d. vorzüglichsten Dt. Dichter u. Prosaisten, 2 Bde., 1812. -
    Zu S Guslav: Morgana (Erzz. u. Märchen), 1820;
    Die Jahreszeiten d. Ehe, 1822;
    Die Vermählung. Ein Nachtstück, 1822;
    Lanzelot vom See, Rittergesch., 1822;
    Bunte Bilder (Erzz.), 1823 f.

  • Literatur

    ADB 14;
    Ersch-Gruber II, (W-Verz.);
    Kosch, Lit.-Lex. (auch f. S Gustav).

  • Portraits

    in: Büsten berlin. Gel. d. Künstler mit Devisen, Nachtrag v. J. F. Knüppeln, 1792, S. 113.

  • Autor/in

    Hans G. Winter
  • Empfohlene Zitierweise

    Winter, Hans-Gerhard, "Joerdens, Karl Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 458 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148709.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Joerdens: Karl Heinrich J., Schulmann und Literarhistoriker, geb. den 24. April 1757 zu Finnstädt in der Grafschaft Mansfeld, gest. den 6. Dec. 1835 in Lauban. — Der einzige Sohn eines Geistlichen, studirte er selbst 1773 bis 76 Theologie in Halle. Dann erst Hauslehrer in Berlin, später (1778 bis 84) Lehrer am Schindler'schen Waisenhause und bis 1790 Subrector am Cöllnischen Gymnasium daselbst, erwarb er sich durch eine Reihe von Schulausgaben und Uebersetzungen steigenden Ruf. Er edirte in jenen Jahren die Bucolica Virgils, die Germania des Tacitus, die Fabeln des Phaedrus, einige Biographien Plutarchs, die Lieder Anakreons, die Bibliothek Apollodors, Cicero's Werk von den Pflichten und schrieb Verdeutschungen von den Oden des Horaz und den Eklogen Virgils. So schien er für eine umfassendere Thätigkeit gerüstet, und als er 1791 Inspector und Condirector am Waisenhause in Bunzlau, der Gründung des frommen Maurermeisters Zahn geworden war, konnte man von seinen Kenntnissen und Erfahrungen Großes erwarten. Aber er verstand es nicht, mit dem eigentlichen Leiter der Anstalt (Woltersdorf) und den übrigen Lehrern einmüthig zusammen zu wirken und sein Bestreben, durch einen neuen Lehrplan (1793) dem Unterrichte die Normen der Gymnasien auszunöthigen, brachte dem Waisenhause das mehr und mehr schwindende Vertrauen so wenig zurück, daß die Zahl der Zöglinge 1795 auf 40 herabsank. Es kam hinzu, daß J. das Rechnungswesen in Unordnung brachte und die Anstalt der Gefahr aussetzte, das Wohlwollen der höchsten Behörden wie der Curatoren zu verlieren. Unter solchen Umständen war ihm selbst der Ruf zur Leitung des Lyceums in Lauban, der 1796 an ihn erging, willkommen. In dieser Stellung hat er bis zum Jahre 1825 gewirkt. Wie er zu unterrichten denke, zeigte er gleich in den ersten Programmen, in denen er das Lesen und Erklären deutscher Schriftsteller auf Schulen warm empfahl (1797—99). Ein unverkennbares Verdienst erwarb er sich aber durch sein „Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten“ (Leipzig, Weidmann, 6 Bände, 1806—11). Das Werk war anfangs nur auf drei Bände berechnet, erweiterte sich aber dem unermüdlichen Verfasser unter der Hand und so rasch, daß er bei der Herausgabe des dritten Bandes einen vierten in Aussicht stellen und dann noch zwei weitere Bände hinzufügen mußte. Vollständigkeit und Gleichmäßigkeit der Behandlung hat er nicht erstrebt, auch wegen mancher Mängel heftige Anfechtungen erfahren (s. die Vorrede zum dritten Bande); aber seine litterarischen Nachweisungen und Zusammenstellungen, in denen er einen wahrhaft erstaunlichen Fleiß bewiesen hat, lassen seine Leistungen noch immer als sehr verdienstlich, ja in manchen Beziehungen als unentbehrlich erscheinen. Aus seinen Studien kamen auch „Denkwürdigkeiten, Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der vorzüglichsten deutschen Dichter und Prosaisten“ I. 1812, während er mehr für Schulzwecke noch herausgab „Oweni epigrammata selecta mit den vorzüglichsten deutschen Uebersetzungen und Nachahmungen verschiedener|Verfasser“, 1813. Zur Fortsetzung und Ergänzung seines großen Werkes hatte er weitschichtige Sammlungen angelegt; aber in einer Stunde des Mißmuths hat er sie dem Feuer übergeben. — Der ihm eröffnete Ruhestand wurde ihm leider sehr verbittert. Er war Vater von 17 Kindern. Von diesen verwickelte ihn die Anklage einer Tochter 1830 in eine Criminaluntersuchung, welche ihm Verhaftung nicht ersparte. Sein Sohn Gustav, als Verfasser von Romanen bekannt, endete 1834 durch Selbstmord. Ein Jahr später folgte er selbst ihm ins Grab.

    • Literatur

      S. Otto, Lexikon der Oberlausitz. Schriftsteller, II, 258 ff. mit dem Suppl. von Schulze. N. Lausitz. Magazin, 1836. Stolzenburg, Geschichte des Bunzlauer Waisenhauses (1854). 83 f., 112 f., 130.

  • Autor/in

    H. Kaemmel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kämmel, Heinrich, "Joerdens, Karl Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 526-527 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117148709.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA