Lebensdaten
1864 bis 1941
Geburtsort
Torschok (Gouvernement Twer)
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
Maler
Konfession
griechisch-katholisch
Normdaten
GND: 118557157 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jawlensky, Alexej von
  • Iavlenskii, A.
  • Iavlenskii, Aleksandr
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Zitierweise

Jawlensky, Alexej von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557157.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus russ. Adelsfam.;
    V Georgi Nikiforowitsch (1835–85), russ. Oberst, S d. Nikifor u. d. Maria Nikolaewna;
    M Alexandra Petrowna (* 1859), T d. Peter Medwedew u. d. Eudoxie Jakowlewna Khwostow;
    Wiesbaden 1922 Helene (1881|-1965), T d. Kosaken-Freibauern Michael Nesnakomoff in Krassnij Bereg/Ukraine u. d. Olga Kochno;
    S Andreas (* 1902), Maler.

  • Leben

    1874 mit der Mutter und den Geschwistern nach Moskau gekommen, besuchte J. hier zunächst das humanistische Gymnasium, dann eine Privatschule, seit 1877 die Kadettenschule. 1880 hatte er in einer Ausstellung seine erste Begegnung mit der Kunst, die ihn veranlaßte, selbst künstlerisch tätig zu werden. Der Kunsterzieher der Kadettenanstalt, Wassilieff, förderte ihn. 1885 trat er in die Militärschule in Moskau ein, ohne das Ziel, Maler zu werden, aus dem Auge zu verlieren. Nach Abschluß der Militärschule konnte J. als Leutnant im Samogitischen Infanterie-Grenadier-Regiment in Moskau bleiben. Er wohnte bei dem Maler Katalkoff im Hause des Dimitrij P. Botkin, der eine große Sammlung zeitgenössischer Kunst besaß. In diesen Jahren fand J. Kontakte zu Malern und Kunstfreunden. Durch Vermittlung gelang es ihm, sich 1889 nach Petersburg versetzen zu lassen. Hier bestand er im Herbst desselben Jahres die Aufnahmeprüfung in die Akademie. Sachetti, Professor für Ästhetik, führte ihn bei Ilja Rjepin, dem „Courbet Rußlands“ und Mitbegründer der neueren russ. Malerei, ein, wodurch J. entscheidende neue Erfahrungen über den Realismus in der Malerei, die Freilichtmalerei und den Impressionismus erwuchsen. Durch Rjepin lernte J. Marianne Werefkin kennen, die nicht nur auf den Künstler und Menschen J. einen großen Einfluß nahm, sondern später auch unter den Künstlern in München eine beherrschende Rolle gespielt hat. Ihr ganzes Interesse konzentrierte sich darauf, daß J. als Maler ihre idealen Vorstellungen in Kunst umsetze und verwirkliche. 1896 nahm J. den Abschied vom Militär und verließ auch die Akademie. Zusammen mit der Werefkin und den befreundeten Malern Jigor Grabar und Dimitrij Kardowsky suchte er die Begegnung mit der westeurop. Kunst. Münchens Ruf als Kunststadt zog sie an, und im Nov. 1896 ließen sie sich dort nieder. Mit Marianne Werefkin und Helene Nesnakomoff bezog J. eine Wohnung mit Atelier in der Giselastraße 23, wo er 18 Jahre blieb. Mit Grabar und Kardowsky besuchte er drei Jahre lang die Malschule von Anton Azbé. Hier lernte er Kandinsky kennen. Seit 1896 arbeitete J. selbstständig. Allerdings waren Einwirkungen von außen, die Kontakte mit jungen Künstlern und der Einfluß der Werefkin wesentlich. Sie vor allem organisierte und lenkte die Ateliergespräche, denen sie eine romantische Orientierung gab. In der Auseinandersetzung mit den traditionellen Kräften, zugleich aber auch mit den neuen Strömungen der Kunst in Deutschland und Frankreich, gelang J. in den Jahren zwischen 1906 und 1909 der Durchbruch in seine expressionistische Phase. Sie ist bestimmt von einer gefühlsgetragenen und unmittelbaren Farbigkeit; die Motive sind Landschaften, Köpfe und Stilleben. Während der Münchner Jahre und auf seinen Reisen begegnete er vielen Künstlern, u. a. Corinth, Matisse, Nolde, Diaghileff. 1909 begründete er mit Kandinsky, Gabriele Munter, Marianne Werefkin, Erbslöh, Kanoldt, Kubin u. a. die „Neue Künstlervereinigung“, aus der gegen Ende des Jahres 1911 der „Blaue Reiter“ mit Kandinsky, Marc, Macke, Münter und J. hervorging. Bei Kriegsausbruch 1914 wurde J. aus Deutschland ausgewiesen.

    J. siedelte nach St. Prex über, 1917 nach Zürich und 1918 nach Ascona. In der Schweiz fand er zu seinen landschaftlichen „Variationen“: Ein immer wiederkehrendes Motiv wird in den verschiedensten Stimmungen der Jahres- und Tageszeiten dargestellt. Für J. war das der Versuch, Naturgefühl und Seelenstimmung in Einklang zu bringen. Mit den „Variationen“ trennte er sich von seiner frühen, expressionistischen Phase und fand den Weg zu einer stillen, verinnerlichten Malerei. 1920 kehrte J. nach München zurück und siedelte 1921 nach Wiesbaden über, wo er bis zu seinem Tode lebte. Eine in Wiesbaden besonders erfolgreiche Wanderausstellung hatte ihn zu diesem Ortswechsel veranlaßt. Bereits in der Schweiz hatte J. zum Thema „Köpfe“ seiner vorexpressionistischen Zeit zurückgefunden und es in der Folge konsequent weitergeführt. Die „Gesichte“ des Jahres 1917 wandelten sich 1918 zu den „konstruktiven Köpfen“. Das war zugleich auch der Weg vom Christuskopf, dem „Heilandsgesicht“, zur abstrahierten Kreuzform, der „Urform“, die aus dem menschlichen Antlitz herausgelöst wurde.

    Mit dieser Phase seines Schaffens entfernte sich J. endgültig von seiner spontan-leidenschaftlichen Malweise und schöpfte von nun an seine gestalterischen Kräfte und Formvorstellungen aus der Meditation. Die Überzeugung, daß der Weg des Künstlers ein innerer sei, ließen J. die Aufforderungen, ein Lehramt, etwa am Bauhaus, zu übernehmen, zurückweisen. Der alte Kontakt aber zu Kandinsky, Klee und Feininger führte 1924, auf Betreiben von Emmy Scheyer, zur Gruppe der „Blauen Vier“. Emmy Scheyer reiste|nach Amerika, um dort Ausstellungen der Gruppe zu organisieren. 1929 erkrankt J. an Arthritis. Ein Freundeskreis formiert sich zur „Jawlensky Gesellschaft“, um dem Maler die Existenz zu sichern. Je stärker die Krankheit voranschritt, um so mehr zwang sich J. zur Arbeit. Die zarte Farbe der konstruktiven Köpfe verdunkelte sich und wurde intensiver. Das Formengerüst wurde kräftiger, in bewegteren Linien angelegt, der Pinselstrich breiter. Um 1933 begann das Spätwerk des Künstlers, die Reihe der kleinformatigen „Meditationen“, wie J. sie selbst nannte. Durch schwarze Balken, die nach wie vor dem menschlichen Antlitz entlehnt waren, brach die Farbe wie glühendes Licht hindurch. Bezeichnend ist das Zitat aus einem Brief an Emmy Scheyer vom 25.11.1934: „Ich habe das Licht in meiner Seele, und darum bin ich ruhig“. – Das Werk des Malers J. zeigt in jeder seiner Entwicklungsphasen die Einbindung in die Kunst des 20. Jh. Über die Zeitgebundenheit hinaus jedoch ist es das Werk eines empfindsamen Künstlers, der aus der Tiefe seiner Seele schöpfen konnte.

  • Werke

    In allen wichtigen dt. Museen, d. größten öffentl. zugängl. Slgg. in Wiesbaden, Mus., u. in Pasadena/USA, Art. Mus.

  • Literatur

    C. Weiler, A. J., 1959, (W-Verz., P);
    ders., A. J., Köpfe, Gesichte, Meditationen, 1970;
    E. Rathke, A. J. 1968;
    Kat. d. Ausst. A. J., Villingen-Schwenningen 1972;
    ThB;
    Vollmer.

  • Autor/in

    Ulrich Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Ulrich, "Jawlensky, Alexej von" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 370-372 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557157.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA