Lebensdaten
um 1230 bis 1313
Geburtsort
Niederwerrn bei Schweinfurt
Sterbeort
Bamberg
Beruf/Funktion
didaktischer Dichter ; Schulrektor am Stift St. Gangolf in Bamberg
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118554638 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hugo
  • Trimberg, Hugo von
  • Hugo von Trimberg
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Zitierweise

Hugo von Trimberg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118554638.html [23.05.2018].

CC0

  • Leben

    H. nennt sich nach dem an der fränk. Saale gelegenen Trimberg. 40 Jahre lang versah er das Amt eines Schulrektors am Stift St. Gangolf in der Theuerstadt in Bamberg. Er hatte eine große Zahl von Angehörigen zu ernähren. Nach seinen eigenen Angaben verfaßte H. 7 deutsche und 5½ lat. Werke. Von den lateinischen sind 3 erhalten: „Registrum Multorum Auctorum“, eine Art Literaturgeschichte, „Laurea Sanctorum“, ein Heiligenkalender, und „Solsequium“, eine Sammlung von Fabeln und exemplarischen Geschichten für den Gebrauch des Predigers und des Didaktikers. Von den deutschsprachigen Werken ist nur der „Renner“ bewahrt, in dem der um 1260 entstandene, nur dem Namen nach bekannte „Samener“ H.s aufgegangen ist. H. nennt als Vollendungszeit des „Renners“ das Jahr 1300. Einige Stellen|aber lassen auf spätere Einfügung schließen, so die Erwähnung des Todes Kaiser Heinrichs VII. (1313).

    Im „Renner“, einem Lehrgedicht von ca. 24 600 Versen, handelt H., ausgehend von einer Allegorie im spätmittelalterlichen Stil, die 7 Todsünden – Hoffart, Habgier, Unmäßigkeit, Völlerei, Zorn, Neid, Trägheit – ab, indem er die einzelnen Stände einer scharfen Kritik unterzieht. Gegen den Adel erhebt er den Vorwurf anmaßender Willkür und hemmungsloser Ausschweifung, gegen die Geistlichkeit den der Habsucht und Ignoranz. Unter den Bauern geißelt er wie Werner der Gärtner die Parvenüs, die sich in die Schicht des Adels drängen. Der Zerfall der alten Ordnung erfüllt ihn mit Angst, und im Bangen vor dem kommenden Weltgericht ruft er beschwörend zur Buße. Mit dem Bewußtsein des nahenden eigenen Todes vereint sich tiefe Depression angesichts der allgemeinen Sündhaftigkeit zu dem Grunderlebnis der Vergänglichkeit alles Irdischen.

    H.s Werk ist durchzogen von der Klage um den entschwundenen Gehorsam gegenüber den göttlichen Geboten. Doch verurteilt er nicht nur den korrumpierten Adel seiner Tage, sondern die stark ästhetisch bestimmten Wertsetzungen des Rittertums selbst stoßen auf die Ablehnung des nüchtern und utilitaristisch denkenden Bürgers, der zugleich aus seinem engen Moralbegriff die Verführung durch den schönen Schein fürchtet. Er schmäht Minnedienst und Turnierwesen und prangert die höfischen Romane an. Unter den großen Dichtern findet bei ihm nur Walther mit seiner Spruchdichtung Anerkennung. Ihnen allen aber ordnet er den Marner, einen bürgerlichen Didaktiker, über. Bei all seiner bürgerlich bestimmten Sehweise geht H. jedoch mit den Angehörigen des eigenen Standes nicht weniger scharf ins Gericht. Die Kaufleute vermag er noch nicht als eigenen Stand mit eigener Berechtigung anzuerkennen. Aus seiner Ablehnung des Handels („wuocher“) spricht die Stellungnahme der Kirche. Den Platz der ersten Todsünde nimmt bei H. anstelle der Hoffart die Habsucht, das Laster des besitzenden Bürgers, ein – ein Zeichen für die gesellschaftliche Umschichtung, die sich vollzogen hat. Doch steht „gîtigkeit“ (Gier) zugleich für das hemmungslose sinnliche Lebensverlangen der Zeit überhaupt, die Mitte und Norm verloren hat.

    H. hat in sein Werk Kenntnisse aus allen Wissensgebieten – Religion, Naturkunde, Medizin, Jura, Sprachkunde – eingearbeitet. Umständlich seine Gelehrsamkeit demonstrierend, zitiert er neben den Kirchenvätern antike Gewährsmänner (Sokrates, Demosthenes, Empedokles) und aus neuerer Zeit Bernhard von Clairvaux und vor allem Freidank. Zur Belebung seiner Abhandlung verwendet H. das Predigtmärlein, die Fabel und das volkstümliche Sprichwort. Außerdem schöpft er aus dem Physiologus die Allegorien, in denen bestimmte Naturerscheinungen ihre religiöse und moralische Ausdeutung erfahren. All diese Veranschaulichungen werden breit interpretiert.

  • Werke

    Ausgg.: Der Renner, hrsg. v. Hist. Ver. Bamberg, 1833 f.;
    Der Renner v. H. v. T., hrsg. v. G. Ehrismann, = Litt. Ver. in Stuttgart 247 f., 252, 256, 1908-11;
    Laurea Sanctorum, ein lat. Cisiojanus, hrsg. v. H. Grotefend, in: Anz. f. Kunde d. dt. Vorzeit NF 17, 1870, Sp. 301-11;
    H.s v. T. lat. Werke, hrsg. v. E. Seemann, I: Das Solsequium, 1914;
    Das Registrum Multorum Auctorum, hrsg. v. K. Langosch, 1942.

  • Literatur

    ADB 39 (unter Trimberg);
    G. Ehrismann, H.s v. T. Renner u. d. ma. Wiss.system, in: Festschr. f. W. Braune, 1920;
    F. Götting, Der Renner H.s v. T., 1932;
    B. Bischoff, Das rhythm. Nachwort H.s v. T. zum „Solsequium“, in: Zs. f. dt. Philol. 70, 1948;
    E. Genzmer, H. v. T. u. d. Juristen, in: Studi in memoria di Paolo Koschaker „L'Europa e il diritto romano“ I, 1954, S. 291 ff., 334 ff.;
    F. Vomhof, Der Renner H.s v. T., 1959;
    E. Wagner, Sprichwort u. Sprichworthaftes als Gestaltungselemente im Renner H.s v. T., Diss. Würzburg 1963 (L);
    B. Schemmel, in: Fränk. Ll. IV, 1971 (W, L);
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Eva Rummer
  • Empfohlene Zitierweise

    Rummer, Eva, "Hugo von Trimberg" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 24-25 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118554638.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Trimberg *)Zu Bd. XXXVIII, S. 618: Hugo von T., lehrhafter Dichter des Mittelalters. Hugo ist "nicht vor 1230, wahrscheinlich bald nach diesem Jahre" in dem fränkischen Ort Werna (wol dem jetzigen Wernfeld) geboren. Vermuthlich kam er bald nach Trimberg, wonach er seinen Namen führt. Nach eifrigen Studien, die aber auf privates Lesen beschränkt blieben (wenigstens berichtet der gesprächige Mann nirgends von Lehrern oder Schule, und bezeugt ausdrücklich, daß er die berühmten fremden Universitäten nicht besucht hat) wurde er um 1260 Meister der in der Bamberger Vorstadt Teuerstadt bestehenden, dem heiligen Gangolph geweihten Schule. Dies Amt hat er mit Liebe und Eifer verwaltet, dabei aber weder reichlichen Lohn noch auch nur treue Dankbarkeit der Schüler geerntet. Er besaß eine zahlreiche Familie: zeitweilig aßen zwöls Menschen sein Brot. Ein Sohn ging ins Kloster. Der gelehrte und unpraktische Schulmeister schlug sich mit Schuldenmachen und Borgen mühsam durch; sein Haß auf die Wucherer beruhte auf eigenen Erfahrungen. Weder die Bücher, die er des Erwerbs wegen schrieb, noch die, welche er selbst sammelte und aus deren Verkauf er ein sorgenloses Alter erhoffte, brachten viel ein, so daß er in hohem Alter, um 1296, nach langer Pause wieder zur Feder greifen mußte, um in einem umfangreichen Lehrgedicht, dem "Renner", seine Erfahrung und seine Lectüre nutzbar zu machen. In dies große um 1300 vollendete Sammelhaus seines Wissens und Wollens trug er wiederholt und bis etwa zum Jahr 1313 hin Nachträge und Erweiterungen ein. Bald nach dem 24. August 1313 — dem Tage von Heinrich's VII., von Hugo erwähntem Tod — wird er gestorben sein. Den Ungeheuern Erfolg seines Hauptwerkes hat er nicht mehr erlebt.

    Nach Wölfel's Untersuchungen (Z. f. d. A. 28, 151 f.) zerfällt Hugo's dichterische Thätigkeit in drei Perioden. Der ersten, die etwa bis zum Jahr 1266 geht, gehören acht deutsche Büchlein an, drei weltlichen und fünf geistlichen Inhalts. Von ihnen ist uns nur der "Sammler" und auch der nur durch Hugo's Angaben bekannt; es war ein lehrhaftes Gedicht, ganz in der Art des "Renners", und wurde in diesen späterhin aufgenommen und eingearbeitet. Ueber den Verlust eines Theils der Handschrift unwillig, brachte der Dichter dies Buch nicht zur Vollendung und brach bei diesem Anlaß seine deutsche Verfasserthätigkeit überhaupt ab. Nun schrieb er vier Werke in lateinischer Sprache, eins in Reimversen, eins in quantitativ gemessenen Versen, eins in Prosa, eins prosaisch und gereimt. Wir kennen davon die "Laurea sanctorum" und das "Registrum multorum auctorum" (Neujahr bis September 1280 verfaßt), beides ärmliche Machwerke, die gleichzeitig dem Gedächtniß und der Moral dienen sollen und für beide Zwecke zu breit gerathen sind. Die "Laurea sanctorum", ein ausführlicher "Cisiojanus", d. h. ein Gedicht zum Auswendiglernen der Kalenderheiligen, ist immerhin das originellere Buch und in der Art, wie Hugo alle Heiligen in den Dienst seiner engen Anschauungen zwängt, liegt neben aller Monotonie eine gewisse Energie. Die Verskunst ist überall lässig geübt; wo Distichen herrschen, bleibt wol der Pentameter einmal fort; wo Reimpaare die Hauptmasse bilden, drängt sich (wie im Renner) gern eine Reimhäufung ein. — Die Auswahl der Autoren im Registrum bietet nichts Charakteristisches, weil eben Hugo alles, was er kennt, aufzählt, und fast alles auch anpreist. "Nullius scientiam dum sit bona sperno." Höchstens tritt eine Bevorzugung der Satiriker hervor: Persius und Juvenal werden citirt, von Horaz sind Satiren, Briefe und Poetik die "libri principales", neben denen die lyrischen Gedichte in den Hintergrund treten.

    Mit dem Registrum dachte Hugo, wie sein Schriftenverzeichniß am Ende|des Buches zeigt, seine litterarische Thätigkeit überhaupt einzustellen. Er war kränklich, litt an Ohrensausen und andern Gehörshallucinationen; seine Augen wurden schwach, sein Gedächtniß nahm ab. Gewiß war es die Noth, die ihm nach langer Pause wieder die Feder in die Hand zwang und langsam brachte er nun etwa 1296—1300 alles was er noch zu sagen hatte in lässigen Reimversen zu Papier. So entstand der "Renner", das umfangreichste Lehrgedicht in deutscher Sprache, über 24 000 Verse. Die ursprüngliche Anlage war nicht übel: unter Anleitung eines Gleichnisses (von den Birnen, die vom Baume herab in die Dornen der Hoffart, den Brunnen der Habgier, die Lache der Schlemmerei, oder das Graf der Reue fallen) sollten die drei ersten Todsünden und dann der tugendhafte Wandel vorgeführt werden; die vier andern Todsünden, Unkeuschheit, Zorn, Neid und Trägheit werden aus den drei ersten abgeleitet (vgl. Wölfel a. a. O. S. 165). Aber der alte Dichter ist völlig außer Stande, seinen "Renner" zu bemeistern; der läuft, wie er selbst klagt, nach Willkür seinen eigenen Weg. Hugo kommt fortwährend vom Hundertsten ins Tausendste, wiederholt sich, zum Theil wörtlich, und verwirrt sich; nie aber widerspricht er sich, denn seine Weltanschauung ist so einfach und fest, wie seine Disposition verworren und locker ist. Wie das Buch schließlich aussieht, wird es vortrefflich durch den Titel des alten Drucks charakterisirt: "ein schön und nützlich Buch, darinnen angezeigt wird einem Jeglichen, welcher Würde, Wesens oder Standes er sei, daraus er sein Leben zu bessern und seinem Amt nach Gebühr desselben auszuwarten und nachzukommen zu erlernen hat, mit viel schönen Sprüchen aus der Heiligen Schrift, alter Philosophen und Poeten weisen Reden, auch feinen Gleichnissen und Beispielen gezieret". Neben Freidank, der eine Summe praktischer Lebensweisheit gibt, und Thomasin von Zirclaria, der die adelige Jugend zu Herren und Damen comme il faut (das Fremdwort ist hier am Platze) erziehen will, stellt sich Hugo als Lehrmeister der Moral. Er besitzt weder Thomasin's Bildung, noch Freidank's Weltkenntniß, allein er hat erschrecklich viel gelesen. Ihm mangelt die Klarheit des wälschen Domherrn wie die Gewandtheit des Fahrenden; aber er hat sich in langjähriger Uebung eine eigenthümliche Technik erworben, die sein Buch populär machte. Sobald er an irgend ein Schlagwort kommt, bleibt er daran hängen, führt in großer Breite, fast immer mit Hülfe der Anaphora in ausgebildeter Priamelform seine Betrachtungen über dies eine Thema fort, und macht es sich leicht, von da wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen. Gern bindet er in volksthümlicher Weise mehrere Laster oder Classen oder Nöthe durch bestimmte Zahlen zusammen und schmückt einzelne Stellen durch Reimhäufung, Inreim, seltener durch Alliteration aus. Er citirt gelehrt genug, um sich in Respect zu setzen, und nennt Bücher des heiligen Gregorius und des heiligen Bernhard mit dem ausführlichen Titel, führt Bibelstellen genau an und mischt auch wol ein paar lateinische Sätzchen oder gar das griechische "gnothi seauton" ("erkenne dich selbst") ein; noch lieber aber beruft er sich auf Freidank, den einfachen Mann aus dem Volk, den er oft und kaum je ohne Lobsprüche nennt. Neben gelehrten Etymologien, neben Fabeln aus Aesop und seinen Nachahmern, neben Mittheilungen aus lateinischen Volksbüchern bringt er Anekdoten aus eigener Erfahrung vor, schildert eine Begegnung mit Bauern, denen er den Begriff des "Halbritters" erklären muß, und läßt es nicht an Anspielungen auf Zeitereignisse fehlen. Wenn er auch in der Herbeiziehung der Beispiele und Erläuterungen den im Registrum citirten Vers des Juvenal befolgt: "wo dus her hast, wer wills wissen? aber haben wirst du müssen", so weiß er doch oft das fremde Gut sich wirklich zu eigen zu machen; so sind seine Deutungen der mittelalterlichen Thiermärchen, wenn auch vom "Physiologus" abhängig, vielfach originell und nicht ohne Geist.|Er liest aber nicht bloß, sondern schaut auch eifrig um sich und weiß von den kegelspielenden Bauern, vom Trinker, vom ausgeputzten Weib hübsche Genrebilder zu entwerfen. Die Umgebung hat wol sogar zu stark auf ihn gewirkt; die fortwährende Verwendung von Mist und Mistkäfer im Gleichniß zeigt den verbauerten Dorfschulmeister. Daneben begegnen doch aber zarte Naturbilder wie das vom Sonnenschein im Winter (V. 7658), hübsche Wendungen wie die über die unersättliche Gier der Habsüchtigen (V. 21 216 f.). Der Schulmeister weiß nicht bloß seinen lieben Glocken manch hübsche Verwendung im Gleichniß abzugewinnen, sondern auch bei aller sonstigen Vorliebe für die Musik eine allzu sentimentale Aufnahme derselben mit einer witzigen Verspottung der Leute abzufertigen, die weinen müssen, wenn einer mit einem Pferdeschwanz über ihre Schafdärme streicht (V. 12 404 f.). Witz fehlt ihm überhaupt nicht und in der Erfindung von allegorischen Ekelnamen bildet er zwischen der pseudoneidhartischen Dichtung und den Fastnachtsspielen ein beachtenswerthes Bindeglied. Auch andere Allegorien mangeln nicht; sie bringen es freilich nicht zu der lebendigen Anschaulichkeit, mit der etwa Thomasin das deutsche Land als Hausfrau anredet.

    Hugo ist ein hartnäckiger laudator temporis acti: überall sieht er Verfall, in der ungezogen gewordenen Schuljugend wie in den ländergierigen Prälaten. Der Kirche schreibt der eifrig fromme Mann die größte Schuld an dem Niedergang aller Tugend zu. Die Habsucht, die Gier, der Geiz sind für ihn die herrschenden Leidenschaften der Zeit, und daneben noch besonders die Heuchelei und der Neid; auch die "böse Gewohnheit", d. h. der Mangel an Selbstzucht, übles Mißtrauen und Zorn werden ausführlich gerügt. Dagegen spricht er von fleischlichen Sünden wenig, auch der Trunk tritt zurück. Die Wucherer und Ausbeuter ziehen immer wieder sein Auge auf sich, sobald er von andern Dingen reden möchte. Ihn jammert, wie die Armen mißhandelt werden. Und dieser Grundton, die Klage über die Bedrückung der Geringen durch die maßlosen Leidenschaften der Mächtigen, sicherte seinem Buch ein aufmerksames Publicum. Dabei war es durchaus, wie wir uns heut ausdrücken würden, zur "Familienlektüre" geeignet: Frauenverspottung fehlt fast ganz, unanständige Stellen begegnen überhaupt nicht, allerlei nutzbare Winke (einmal sogar ein Hausmittel gegen die Gicht, ein andermal eine ausgezeichnete Charakteristik der deutschen Dialekte V. 22 208 f.) sind eingemischt. Hugo selbst, der namentlich gegen Schluß oft und treffend von sich selbst spricht und sein lässiges Dichten rührend entschuldigt, warnt vor der Lectüre der Ritterromane und der Volksepen, hierin zu Thomasin im bezeichnendsten Gegensatz: es sei eine Sünde, etwas zu schreiben oder zu lesen, woran kein Lob Gottes sei (21 498). Auch diese Stimmung kam der seiner Zeit entgegen; man war der "Lügendichtung" satt. Und so konnte der gute Hugo unter seinen Deutschen einen solchen Beifall finden, wie ihn etwa in Italien der gleichzeitige Dante geerntet hat! In zahlreichen Handschriften ward sein "Renner" fortgepflanzt. Michael de Leone, Scholasticus am Neuen Münster in Würzburg ( 1355) veranstaltete eine Bearbeitung, die ihrerseits vielfach verbreitet wurde. Für Nachahmungen blieb kaum noch Raum, doch besitzen wir in einer Handschrift von 1425 eine Art Auszug und eine wol noch aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Nachbildung in dem (früh Hugo selbst zugeschriebenen) "Reuaus". Schon 1549 ward dann der "Renner" durch Cyriacus Jakob zum Bock in Frankfurt am Main gedruckt, weil dieser ihn wegen der Anklagen gegen die Geistlichkeit als einen Zeugen für die Nothwendigkeit der Reformation ansah; im protestantischen Eifer hat der Drucker dann manche Stellen ziemlich bedenklich verändert: wo Hugo von der Wunderkraft des Weihwassers sprach, setzt er die des Gebets ein u. s. w. Schon Agricola hatte ihn gern citirt, Morhof spricht mit Verständniß von ihm, und der gestrenge Gervinus hat ihn gelobt und seine Milde anerkannt, während Wackernagel ihm gerade Härte schuld gibt. Dies ist gewiß unrichtig; der fromm und einfach erzogene, immer mäßige, demüthige Mann hat es zur Härte nie gebracht; er klagt die Welt an. weil seine Tugenden ihr fehlen. Ein Dichter war er nicht, aber sein frommes Gemüth mag mehr Gutes gewirkt haben, als manche prunkvolle Moralpredigt.

    • Werke

      Text: Der Renner her. v. Histor. Verein in Bamberg 1833; zum Handschriftenverhältniß Wölfel, Z. f. d. A. 28, 162 f. Ehrismann, Germ. 30, 129 f.; vgl. noch Mourek, Sitzungsber. der k. Böhm. Gesellsch. der Wissensch. 1893; Ehrismann, Germ. 36, 313. — Laurea sanctorum her. v. Grotefend, Anz. f. K. d. d. Vorz. XVII, 1870, S. 301—311; dazu vgl. S. 279—84. — Registrum multorum auctorum her. im Auszug v. M. Haupt, Monatl. Ber. d. Berl. Akad. d. Miss. 1854, S. 142—64, vollständig J. Huemer, Wien. SB. 116, S. 145 f.

    • Literatur

      Lebensbeschreibung: K. Janicke, De vita et scriptis Hugonis Trimberg., Diss., Halle 1856. Ders., Germ. 2, 363 f. Wölfel a. a. O., S. 145 f. (Sammlung der persönlichen Stellen S. 155).

      Zum Renner: K. Janicke, Freidank bei Hugo von Trimberg, Germ. 2, 418—24, die Fabeln und Erzählungen im Renner des Hugo, Ders., Arch. f. Stud. d. n. Spr. 32, 161—76. — Ueber Michael de Leone: Ruland, Arch. d. histor. Ver. v. Unterfranken u. Aschaffenburg XI, Heft 2, S. 42 f. — Meister Reuaus: Schönbach in Wagner's Archiv 1, 13—37; die Handschrift v. 1425: Wackernagel, Gesch. d. dtschn. Lit. 1, 378. Anm. 16. — Ueber den Druck: S. Schäfer, Zur dtschn. Lit.-Gesch. d. 16. Jahrh., Diss., Bonn 1874.

      Allgemeine Würdigung: K. Janicke, Hugo's von Trimberg Weltanschauung Germ. 5, 385—401. — Wackernagel a. a. O. S. 376 f. Koberstein, Gesch. d. d. Nat.-Lit. 1, 247. Gervinus, Gesch. d. dtschn. Dichtung⁵ 2, 277—93. Scherer, Gesch. d. d. Lit., S. 228 f. Vogt in Paul's Grundriß 2, 1, 349. — Veraltet Conz, Beitr. f. Philos., Gesch. u. Lit. 1786, 1, 82—131 und (danach umgearbeitet) Kl. Pros. Schriften 2, 290—346.

  • Autor/in

    Richard M. Meyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Meyer, Richard M., "Hugo von Trimberg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 762-765 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118554638.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA