Lebensdaten
1898 – 1948
Geburtsort
Dresden
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118720392 | OGND | VIAF: 24639148
Namensvarianten
  • Haringer, Jam
  • Haringer, Johann Franz (eigentlich)
  • Haringer, Jakob
  • mehr

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Zitierweise

Haringer, Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118720392.html [25.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Baptist (1860–1941), Saison-Kellner, Vertreter, zuletzt Bes. d. Schloßwirtsch. Aigen b. Salzburg, aus oberösterr. Zimmerer- u. Wirtefam.;
    M Franziska Albert (1874–1946), Lehrers-T, aus nd.bayer. Lehrersfam.; ledig.

  • Biographie

    H. besuchte in München und Salzburg die Volksschule und 1910-14 die Realschulen in Traunstein und Ansbach. Nach der 4. Klasse trat er in Salzburg eine kaufmännische Lehre an, die er nach einigen Monaten wieder aufgab. 1917 wurde H. eingezogen, war in Flandern und wurde wegen Herzbeschwerden 1918 als dienstuntauglich entlassen. In München wurde er 1919 vorübergehend festgenommen und als harmloser Mitläufer der Räterepublik wieder freigelassen. Später wohnte er in Gmain, Bad Reichenhall, Salzburg und Ebenau und lebte vornehmlich von Bettelbriefen. Ein geringes Zolldelikt wuchs zu einer „Schmuggelaffäre“ an, zog eine Reihe von Gerichtsverfahren und schließlich eine steckbriefliche Verfolgung H.s nach sich. Auf|der Flucht vor der Polizei vagabundierte er – ein Unbürgerlicher, kein Krimineller – mehrere Jahre in Deutschland und Europa umher. 1936 aus Deutschland ausgebürgert, 1938 von der Gestapo verfolgt, floh der unbehauste „Villon“ aus Österreich über Prag ins Elsaß und in die Schweiz. Als Illegaler wurde er erneut von der schweizerischen Fremdenpolizei gesucht, in ein Flüchtlingslager eingewiesen, nach einer Flucht wiederum aufgegriffen und schließlich in das Internierungslager Bellechasse eingeliefert, aus dem er abermals ausbrach. Einflußreiche Freunde ermöglichten ihm später ein menschenwürdigeres Dasein. 1943 ließ sich H. in Bern nieder, siedelte 1946 nach Köniz über und starb während eines Besuchs bei Freunden in Zürich. – Das Werk H.s ist weit verstreut, ungemein ungleichmäßig in Stil und Niveau und kaum auf einen Nenner zu bringen. Nachromantische Töne klingen in ihm ebenso an wie expressionistische Metaphern und Chinoiserien. Mehr als 30 Bücher H.s zählen die Bibliographen; sie täuschen allerdings eine Fülle vor, die es nicht gibt: H. hat oft und oft Themen variiert, Gedichte mehrfach gefaßt und Werke angegeben, die nicht nachweisbar sind. Das Dichten war ihm „so leicht, so unentbehrlich, wie andern das Atmen“ (Scarpi). Seine Stärke ruht in den einfachsten Zeilen, in einer schmucklos verwörtlichten Traurigkeit, die von seiner Unruhe und seinem nie gestillten Heimweh redet. So wird er mit Recht der letzte deutsche Vagantendichter genannt. Obwohl er über Vernachlässigung klagte, wurden ihm Ehrungen und Förderung durch bedeutende Zeitgenossen wie Alfred Döblin und Hermann Hesse zuteil. Wie von Dämonen gejagt (er war ein Querulant und ein rauher, undisziplinierter Polemiker, der an Goethe kein gutes Haar ließ), konnte er solche Verbindungen bedenkenlos abbrechen. Einige seiner Gedichte haben die Dauerhaftigkeit und Inständigkeit von Volksliedern, und in manchem seiner Prosastücke, vor allem in dem „Räubermärchen“ (1925), ist die Sprache von einer verschmitzten, kunstvollen Grazie. – Da er unentwegt produzierte, ein „Sonntagskind in einer Welt ohne Sonntage“ (H. Hesse), konnte er viele seiner Arbeiten bei größeren Verlagen nicht unterbringen und ließ sie im Selbstverlag unter dem anspruchsvollen Verlagssignet „Verlag Brundel, Amsterdam-Paris“ mit Hilfe seiner Freunde drucken. An diesem Leben ist bisher vieles Geheimnis geblieben. Der Dichter verwischte, veränderte die Spuren und wollte in nichts als in seiner Dichtung fortleben: in ihr spricht ein frommer, freier, getriebener Mann mit schöner Mühelosigkeit. Seine besten Gedichte gleichen den Bildern von Sonntagsmalern.

  • Werke

    Weitere W (nachweisbar) Hain d. Vergessens, Gedichte, 1919;
    Abendbergwerk, Prosa, 1919;
    Die Kammer, Gedichte, 1921;
    Die Dichtungen, 1925;
    Kind im grauen Haar, Gedichte, 1926;
    Heimweh, Gedichte, 1928;
    Leichenhaus d. Lit. od.: über Goethe, 1928;
    Abschied, Gedichte, 1930;
    Das Schnarchen Gottes, Gedichte, 3 Bde., 1931;
    Andenken, 1934;
    Vermischte Schrr., 1935;
    Notizen, o. J.;
    Das Marienbuch, o. J.;
    Tobias, o. J.;
    Weihnacht im Armenhaus, o. J.;
    Das Fenster, Gedichte, 1946. - Auswahlausgg.:
    Der Orgelspieler, Gedichte, hrsg. v. P. Heinzelmann, 1955, ³1963;
    Das Rosengrab, Gedichte, ausgew. v. Vino Schwertl, 1960, ²1963;
    Lieder e. Lumpen, 1962 (mit Vorwort v. P. Härtling);
    Der Hirt im Mond, hrsg. v. Th. Sapper, 1965. - Übers.: Villon, Le testament, Umdichtung, 1928. Hrsg.: Die Einsiedelei, ein Stundenbl., Nr. 1-32, o. J.;
    Epikur, Fragmente z. Lebenskunst, 1947.

  • Literatur

    E. Wolfram, in: Nat. sozialist. Mhh. 79, 1936;
    R. Flinker, J. H., e. psychopathol. Unters. üb. d. Lyrik, in: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 107, 1937;
    N. O. Scarpi, in: Die Tat, Zürich, v. 9.4.1948;
    P. Heinzelmann, J. H. in memoriam, 1955, ²1963;
    P. Hühnerfeld, Zu Unrecht vergessen, 1957;
    H. Kreuzer, Die Geburtsjahre v. Alfred Wolfenstein u. J. H., in: Mhh., Bascom Hall, Madison, Wis., Febr. 1962;
    P. Härtung, J. H., Hinweis auf e. Vergessenen, in: Der Monat, H. 162, März 1962;
    Th. W. Adorno, H. u. Schönberg, ebd., H. 163, April 1962;
    W. Amstad, J. H., Leben u. Werk, Diss. Freiburg/Ue. (in Vorbereitung);
    Rhdb. (P);
    Kunisch (biogr. Angaben überholt).

  • Autor/in

    Peter Härtling
  • Zitierweise

    Härtling, Peter, "Haringer, Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 673-674 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118720392.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA