Zuntz, Nathan

Lebensdaten
1847 – 1920
Geburtsort
Bonn
Sterbeort
Berlin-Charlottenburg
Beruf/Funktion
Luftfahrtmediziner ; Physiologe
Konfession
mehrkonfessionell
Namensvarianten

  • Zuntz, Nathan

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Zitierweise

Zuntz, Nathan, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143073.html [19.02.2026].

CC0

  • Zuntz, Nathan

    | Luftfahrtmediziner, Physiologe, * 7.10.1847 Bonn, † 22./23.3.1920 Berlin-Charlottenburg, ⚰ Stahnsdorf bei Potsdam, Südwestkirchhof. (jüdisch, seit 1889 evangelisch)

  • Genealogie

    Aus seit 1488 mit Pesach in Zons b. Dormagen/Rhein nachweisbarer Fam. (s. Rhein. Gesch.);
    V Leopold (Lion) (1813/14–74), aus Frankfurt/M., gründete 1837 mit seiner M d. Kaffeerösterei A. Zuntz sel. Wwe. in Bonn, später Berlin, S d. Amschel (Ascher) Herz (1778–1814), in Frankfurt/M., u. d. Rachel (Rechel) Hess (* 1887), gründete mit S Leopold e. Kaffeerösterei;
    M Julie Katzenstein (1822–1872), aus Kassel;
    Ur-Gvm Nathan David Hess (1756–1837), aus Mannheim, Kaffee- u. Kolonialwarenhändler in Bonn;
    10 jüngere Geschw, u. a. B Albert (1849–81), führte d. väterl. Kaffeerösterei weiter, eröffnete 1879 e. Niederlassung in Berlin, Josef (1858–1901), führte d. väterl. Kaffeerösterei 1881 weiter, erwarb 1887 e. Patent f. d. Herstellung v. Kaffeekonzenterat, eröffnete 1889 e. Niederlassung in Hamburg, um 1893 hzgl. sächs., sachsen-meining. u. ksl. Hoflieferant, griech. Konsul, David (1861–1913), Richard (1863–1910), beide beteiligt an d. Kaffeerösterei;
    1874 Friederike (1851–1921), aus Köln, T d. Moritz Bing u. d. Clara Kurzinger;
    3 K u. a. S Leo (1875–1937), T Emma (Emmy) (1880–1955, Johann Georg Sütterlin, 1873–1946, Obering.);
    N Albert (1889–1954), führte d. Kaffeerösterei in Bonn weiter, August ( 1967), führte d. Kaffeerösterei in Berlin weiter;
    E Günther (s. 2).

  • Biographie

    Nach dem Abitur 1864 in Bonn studierte Z. hier Medizin und besuchte Lehrveranstaltungen des Chemikers August Kekulé (1829–1896). 1868 wurde er bei dem Physiologen Eduard Pflüger (1829–1910) mit „Beiträgen zur Physiologie des Bluts“ zum Dr. med. promoviert.

    In seiner Dissertation wies er nach, daß die Erythrozyten an der Bindung von CO₂ im Blut beteiligt sind, eine Erkenntnis, die in die Lehrbücher der medizinischen Physiologie einging. Nach kurzer Tätigkeit als Landarzt in Oberpleiß und einem Aufenthalt an der Univ. Berlin, wo er Rudolf Virchow (1821–1902) und Ludwig Traube (1818–1876) hörte, wurde Z. 1870 Assistent bei Pflüger und habilitierte sich 1871 für Physiologie. 1874 zum ao. Professor und Prosektor an der Bonner Anatomie ernannt, forschte er v. a. zu Blut-, Herz-Kreislauf- und Atmungsphysiologie. 1881 erhielt Z. den Lehrstuhl für Tierphysiologie an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin (em. 1916). Bis 1918 führte er hier Laboruntersuchungen zu Veränderungen des Stoffwechsels von Menschen und Nutztieren unter Ruhe und Arbeitsbedingungen durch.

    Zu diesem Zweck entwickelte er 1885 mit August Julius Geppert (1856–1937) den Z.-Geppert-Respirationsapparat und erfand 1889 das Laufband. Diesem Versuchsaufbau fügte Z. später ein Röntgengerät hinzu, um die Ver|änderungen des Herzvolumens bei verschiedenen physischen Belastungen zu ermitteln.

    Darüber hinaus baute er eine Klimakammer, um Untersuchungen in extremen Klimazonen zu simulieren. In den frühen 1890er Jahren erweiterte Z. seine Forschung auf das Gebiet der Höhenphysiologie und untersuchte die Auswirkungen von erniedrigtem Sauerstoffpartialdruck auf den menschlichen Körper in einer hypobaren Kammer. 1893 wurde die neu fertiggestellte Capanna Regina Margherita, eine internationale Forschungsstation am Gipfel des Monte Rosa in Italien auf 4500 m Höhe, Z.s Forschungslabor, wo er mit Angelo Mosso (1846–1910), Arnold Durig (1872–1961) und seinem Mitarbeiter Adolf Loewy (1862–1936) arbeitete. Für ihre Untersuchungen des menschlichen Stoffwechsels erfand Z. eine transportable Gasuhr. 1902 unternahmen Z. und der Physiologe Hermann v. Schroetter (1870–1928) in Berlin zwei Ballonfahrten bis zu 5000 m Höhe, wofür sie ein Sauerstoffversorgungssystem bauten und eine Druckkabine für extreme Höhen über 10 000 m planten, einen Vorläufer moderner Systeme in der Luftfahrt und Astronautik.

    Die beiden Fahrten markieren den Schritt von der terrestrischen Physiologie zur Luftfahrtmedizin. Eine Zusammenfassung dieser Studien veröffentlichte Z. 1906 unter dem Titel „Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen“, einem Standardwerk der Höhenphysiologie. Später, 1910, unternahm Z. weitere Expeditionen auf den Kanarischen Inseln (Pico de Teide) und führte physiologische Studien im Zeppelin-Luftschiff „Schwaben“ (1911) und in Flugzeugen (1912) durch.

    Z.s langjährige wissenschaftliche Tätigkeit deckt ein breites Spektrum ab, das Arbeiten zu Thermoregulation, Stoffwechsel, Ernährung über Atmung und Blutgase bis hin zur Leistungsphysiologie umfaßt. Sein empirischer Ansatz wird als Gegenstück zum etablierten formalen mathematisch-physikalischen Reduktionismus der Dt. Physiologischen Gesellschaft im 20. Jh. angesehen. Ein wichtiges Ergebnis seiner Höhenstudien war, daß die barometrische Formel im Feld nicht anwendbar ist. Z. wurde 1910, 1919 und 1920 für den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin nominiert. Neben Loewy und Durig zählen Franz Müller (1871–1945) sowie Wilhelm Caspari (1872–1944) zu Z.s engsten Schülern.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Leopoldina (1884);
    Dr. h. c. (Hochschule f. Bodenkultur Wien 1913);
    Geh. Reg.rat (1913);
    Dr. h. c. (Tierärztl. Hochschule Hannover 1918);
    Dr. phil. h. c. (Univ. Bonn 1919);
    Vorschlagsrecht f. d. Nobelpreis f. Physiol. oder Med. (1919).

  • Werke

    |Studien z. Physiol. d. Marsches, 1901 (mit W. Schumburg);
    Höhenklima u. Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen, 1906 (mit A. Loewy, F. Müller u. W. Caspari);
    Zur Physiol. u. Hygiene d. Luftfahrt, 1912;
    Nachlaß: Staatsbibl. Preuß. Kulturbes., Berlin.

  • Literatur

    |A. Loewy, Dem Andenken an N. Z., in: Pflügers Archiv 194, 1922, S. 1–19;
    R. M. Forbes, in: Journ. of Nutrition 57, 1955, S. 3–15;
    H. C. Gunga, Leben u. Werk d. Berliner Physiologen N. Z. (1847–1920), in: Abhh. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwiss. 58, 1989, S. 1–343;
    ders., N. Z., His Life and Work in the Fields of High Altitude Physiology and Aviation Medicine, 2009 (W-Verz., P);
    ders., Human Physiology in Extreme Environments, 2014 (W-Verz., P);
    zur Fam.: Jehuda Zuntz, Der Stammbaum d. Fam. Z., 1988;
    ders., Die Gesch. d. Fam. Z. 1488–1998, ²1998;
    G. Wasser, Die „Selige Witwe“, Gesch. e. Kaffeerösterei u. d. Familien Hess u. Z., 2009;
    Rhein. Gesch.

  • Porträts

    |Büste v. H. Lederer, 1918 (Landwirtsch. Hochschule Berlin, verschollen).

  • Autor/in

    Hanns-Christian Gunga
  • Zitierweise

    Gunga, Hanns-Christian, "Zuntz, Nathan" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 782-783 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143073.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA