Wolfthorn, Julie

Lebensdaten
1864 – 1944
Geburtsort
Thorn (Toruń, Westpreußen)
Beruf/Funktion
Malerin ; Graphikerin
Konfession
jüdisch
Namensvarianten

  • Wolf-Thorn, Julie
  • Wolf, Julie( geborene)
  • Klein, Julie( verheiratete)
  • Wolfthorn, Julie
  • Wolf-Thorn, Julie
  • Wolf, Julie( geborene)
  • wolf, julie
  • Klein, Julie( verheiratete)
  • klein, julie

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Zitierweise

Wolfthorn, Julie, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142961.html [04.02.2026].

CC0

  • Wolfthorn (auch Wolf-Thorn, eigentlich Wolf), Julie, verheiratete Klein

    | Malerin, Graphikerin, * 8.1.1864 Thorn (Toruń, Westpreußen), † 29.12.1944 Ghetto Theresienstadt. (jüdisch)

  • Genealogie

    V Julius Wolf ( 1863, Suizid), aus Podgórz b. Thorn (Kujawien, Pommern, Geschäftsmann in Thorn u. San Francisco;
    M Mathilde (1838–70), aus Thorn, T d. Nehemias Neumann ( 1882/83), Landwirt, Kaufm., u. d. Johanna Kühlbrand (1816–1899), Dichterin (s. Brümmer; Lex. dt. Frauen d. Feder, hg. v. S. Pataky, II, 1898, S. 85 f.; Posener Biogrr., 2003);
    Ur-Gvm Gottlieb Kühlbrand (Juda Beinisch) (1782–1853), Arzt, Chirurg in Fordon/Weichsel b. Bromberg (Bydgoszcz);
    2 B u. a. Georg Wolf (1858–1926), aus San Francisco, Bildhauer in Charlottenburg b. Berlin (s. ThB; AKL), 2 Schw u. a. Luise Wolf (1860–1942), Übers. in Berlin, lebte etwa 1900–42 mit W. zusammen, 1942 ebenfalls in d. Ghetto Theresienstadt deportiert;
    Berlin 1904 Rudolf Klein (-v. Diepold) (1871–1925), aus Köln, Kunsthist.,|Publ. (s. Kürschner, Lit.-Kal. 1917), S d. Friedrich Emil Klein (1841–1921), aus Elberfeld, Historienmaler in Dortmund, Köln, Kassel u. Düsseldorf, Zeichner (s. ThB; AKL), u. d. Friederika Wilhelmina Ada v. Diepold (* 1844), Dichterin;
    Gvm d. Ehefrau Carl Theodor v. Diepold (1810–62), Bes. e. Kupfergrube;
    Schwager Julian Klein v. Diepold (1868–1947), Maler (s. ThB; Biogr. Lex. Ostfriesland).

  • Biographie

    W., deren Eltern früh starben, wuchs mit ihren Schwestern bei den Großeltern mütterlicherseits in Thorn auf. Nach dem Tod des Großvaters zog die Großmutter 1883 mit den Enkelinnen nach Berlin, wo W. möglicherweise die Luisenschule besuchte. Ende der 1880er Jahre erhielt sie ersten Zeichen- und Malunterricht bei dem Porträtmaler Ernst Nelson (1858–1911), der zur weiteren Familie gehörte. Anfang der 1890er Jahre besuchte W. Paris und studierte dort an der privaten Académie Colarossi bei Gustave Courtois und Edmond Aman-Jean. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin begann sie ab Mitte der 1890er Jahre erste von Impressionismus und Jugendstil beeinflußte Werke auszustellen. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr 1896 mit dem lebensgroßen Pastellporträt der Frau Konsul Auerbach, spätere Ida Dehmel (1870–1942) (Staats- u. Univ.bibl. Hamburg); viele weitere Ausstellungsbeteiligungen folgten. Auch als Graphikerin machte sie sich einen Namen; ihre Entwürfe wurden insbesondere in der Zeitschrift „Jugend“ publiziert.

    W. hatte ihre Zeit in Frankreich zu Aufenthalten in der Künstlerkolonie Grez-sur-Loing bei Paris genutzt. Von Berlin aus unternahm sie ebenfalls zahlreiche Arbeitsreisen, besuchte München, Worpswede (1896) und Ascona (1928) sowie in Italien Florenz, Siena und Rom (1900 u. 1902), wo sie sich mehrere Monate aufhielt. In den Niederlanden malte sie auf der Insel Walcheren (1899), in Ferch in der Havelländ. Malerkolonie (1910er J.) und später häufig auf der Ostseeinsel Hiddensee (1920er u. 1930er J.). Für ihre Landschaftsstücke nutzte sie eine frischere und helle Farbpalette. Berühmt wurden v. a. ihre Frauenbildnisse. Sie porträtierte insbesondere selbstbewußte, berufstätige und engagierte Frauen wie die Schauspielerinnen Maria Orska (1893–1930) und Carola Neher (1900–1942), die Schriftstellerinnen Hedwig Lachmann, verh. Landauer (1865–1918) und Gabriele Reuter (1859–1941), die Opernsängerin Irmgard Scheffner und die Verlagsbuchhändlerin Marta Baedecker (1889–1973). Auch die Architektenehefrauen Anna Muthesius (1870–1961) und Lilli Behrens (1869–1959) hielt sie in Pastell fest. Mit ihnen wie auch mit Ida Dehmel war sie zeitlebens befreundet. Ihr Doppelporträt des Schriftstellers Gerhart Hauptmann (1862–1946) und seiner Frau Margarete (1875–1957), gemalt 1931 auf Hiddensee, ist ebenso wie viele andere ihrer Werke verschollen. Bisher nicht identifiziert sind die Modelle für die drei nahezu ikonischen Frauenporträts „Mädchen mit Hut vor offenen Fenster“ (um 1910), „Hexchen“ (um 1899) und „Bildnisstudie blauer Hut“. Hier gelangen W. überzeugende Charakterstudien in feinen Farbnuancierungen.

    W. engagierte sich in verschiedenen Vereinigungen, verkehrte im „Friedrichshagener Dichterkreis“ und besuchte die Veranstaltungen der „Kommenden“. Ab 1898 stellte sie im „Verein der Berliner Künstlerinnen“ aus. 1899 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der „Berliner Secession“. Anfang des 20. Jh. setzte sie sich ein für den Zugang von Frauen zum Kunststudium an der Hochschule der bildenden Künste in Berlin und unterschrieb 1904, 1905 sowie 1915 mit 91 bzw. 203 weiteren Kunstschaffenden entsprechende Petitionen. W. war Vorstandsmitglied im „Frauenkunstverband“ und in dem 1905 nach engl. Vorbild gegründeten „Dt. Lyceum Club“ in Berlin, in dessen Räumlichkeiten sie ausstellte. 1906 gründete sie mit weiteren Berliner und Münchner Künstlerinnen die Ausstellungsgemeinschaft „Verbindung Bildender Künstlerinnen“, die bis 1909 in den beiden Städten Ausstellungen organisierte. In den 1920er Jahren gehörte W. dem „Hiddensoer Künstlerinnenbund“ an.

    Nach dem Bruch ihrer Ehe im Laufe des 1. Weltkriegs lebte W. wieder mit ihrer Schwester Luise zusammen, die als Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und den skandinav. Sprachen tätig war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich für W., die jüd. Herkunft war, das Leben radikal. Da sie 1933 nicht in die Reichskulturkammer aufgenommen wurde, war sie faktisch mit Berufs-, Ausstellungs- und Verkaufsverbot belegt. Lediglich im Rahmen des 1933 gegründeten „Kulturbunds Deutscher Juden“, des „Jüdischen Frauenbunds“ und der „Künstlerhilfe“ der jüd. Gemeinde durfte sie noch ausstellen. Am 28.10.1942 wurde sie mit ihrer Schwester nach Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Jahre später starb.

    W. war nach dem 2. Weltkrieg vergessen. Erst mit der Kunstgeschichtsforschung der 1970er Jahre wurde von ihrem Leben und Werk Kenntnis genommen, seit den 1980er Jahren werden ihre Arbeiten wieder in Ausstellungen präsentiert. Es gibt Hinweise, daß W. ihre Bilder vor der Deportation verteilt hat, so daß viele in öffentlichen und privaten Sammlungen überdauert haben. Kontinuierlich tau|chen v. a. in Privatbesitz befindliche Werke insbesondere im Kunsthandel wieder auf.

  • Werke

    W-Verz. in: H. Carstensen, 2011 (s. L).

  • Literatur

    |H. Kurtzig, Ostdt. Judentum, 1927;
    G. H., Im Atelier b. J. W., in: Central-Ver.-Ztg., 4. Beibl., Das Bl. d. dt. Jüdin, Nr. 46 v. 15.11.1934;
    M. Osborn, Jüd. Künstlerinnen in ihrer Werkstatt, in: Gde.bl. d. Jüd. Gde. zu Berlin v. 13.10.1935, S. 18;
    P. Edel, Wenn es ans Leben geht, Meine Gesch., 1979;
    Profession ohne Tradition, 125 J. Ver. d. Berliner Künstlerinnen, Forsch.- u. Ausst.projekt d. Berlin. Gal. in Zus.arb. mit d. Ver. d. Berliner Künstlerinnen, Ausst.kat. Berlin 1992;
    C. Muysers (Hg.), Die bildende Künstlerin, Wertung u. Wandel in dt. Qu.texten 1855–1945, 1999;
    M. Kárny u. M. Frankl (Hg.), Theresienstädter Gedenkb., Die Opfer d. Judentransporte aus Dtld. 1942–1945, 2000;
    C. Matz, Die Organisationsgesch. d. Künstlerinnen in Dtld. v. 1867 bis 1933, 2001;
    B. Spitzmüller, in: B. Jürgs (Hg.), Denn da ist nichts mehr, wie es d. Natur gewollt, Portraits v. Künstlerinnen u. Schriftstellerinnen um 1900, 2001;
    I. G. Gill u. E. R. Wiehn (Hg.), Olga Hempel, Immer e. bisschen revolutionär, Lebenserinnerungen einer d. ersten Ärztinnen in Dtld. 1869–1954, 2005, S. 49 ff.;
    H. Carstensen, Leben u. Werk d. Malerin u. Graphikerin J. W. (1864–1944), 2011 (W-Verz., P);
    dies., „Ich glaube sicher, daß Liebermann u. Leistikow mein Bild nicht zurückweisen würden“, J. W., in: U. Wolff-Thomsen u. J. Paczkowski (Hg.), Käthe Kollwitz u. ihre Kolleginnen in d. Berliner Secession (1898–1913), 2012, S. 64–81 (P);
    dies., J. W., Der Mythos v. Ferch, das Paradies auf Erden, hg. v. Mus. d. Havelländ. Malerkolonie, 2016;
    dies., J. W., Mit Pinsel u. Palette bewaffnet will ich mir d. Welt erobern, 2020 (P).

  • Autor/in

    Heike Carstensen
  • Zitierweise

    Carstensen, Heike, "Wolfthorn (auch Wolf-Thorn, eigentlich Wolf), Julie, verheiratete Klein" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 476-478 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142961.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA