Wolf, Ror
- Lebensdaten
- 1932 – 2020
- Geburtsort
- Saalfeld/Saale
- Sterbeort
- Mainz
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Bildender Künstler
- Konfession
- -
- Namensvarianten
-
- Wolf, Richard( eigentlich)
- Wolf, Richard Guido Georg
- Tranchirer, Raoul( Pseudonym)
- Wolf, Ror
- Wolf, Richard( eigentlich)
- wolf, richard
- Wolf, Richard Guido Georg
- Tranchirer, Raoul( Pseudonym)
- tranchirer, raoul
Vernetzte Angebote
Verknüpfungen
Orte
Symbole auf der Karte
Geburtsort
Wirkungsort
Sterbeort
Begräbnisort
Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.
-
Wolf, Ror (eigentlich Richard Guido Georg W., Pseudonym Raoul Tranchirer)
| Schriftsteller, bildender Künstler, * 29.6.1932 Saalfeld/Saale, † 17.2.2020 Mainz, ⚰ Mainz, Hauptfriedhof.
-
Genealogie
V Walter, Schuhhändler in S.;
M Martha Büchel (1899–1975);
⚭ Hamburg 1959 Erika Mathilde Greißelmeyer (* 1930);
kinderlos. -
Biographie
W. besuchte die Heimschule Wickersdorf in Saalfeld/Saale und seit 1946 die dortige Oberschule (Abitur 1951). Die sowjet. Kriegsgefangenschaft des Vaters und eine einjährige Inhaftierung der Mutter wegen Schwarzhandels 1946 prägten den Jugendlichen. Nachdem seine Bewerbungen um einen Studienplatz aus politischen Gründen abgelehnt worden waren, arbeitete W. als Betonbauer, verließ die DDR nach dem 17. Juni 1953 und übte verschiedene Tätigkeiten in Stuttgart aus. 1954–61 studierte er – unterbrochen von einem Studienjahr in Hamburg 1958/59–Literatur, Soziologie und Philosophie in Frankfurt/M., u. a. bei →Theodor W. Adorno (1903–69), →Max Horkheimer (1895–1973) und →Walter Höllerer (1922–2003), ohne einen Abschluß zu erlangen. Es folgten häufige Wohnortwechsel in der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz. Seit 1990 lebte W. dauerhaft in Mainz. 1957–66 veröffentlichte W. regelmäßig Prosa, Lyrik und Bildcollagen – letztere unter Pseudonym – in der Studentenzeitschrift „Diskus“, deren Feuilletonredakteur er 1959–63 war. Seit 1961 arbeitete er zudem als Literaturredakteur beim Hess. Rundfunk, bevor er 1963 freier Schriftsteller wurde. Sein Romandebüt gab er 1964 mit „Fortsetzung des Berichts“, in dem er Strategien des nouveau roman aufgriff (z. B.: P. Weiss, der schatten d. körpers d. kutschers, 1960) und zu einem grotesken Anti-Heimatroman verdichtete. 1967 folgte die in beliebiger Reihenfolge lesbare „Abenteuerserie“ „Pilzer und Pelzer“, 1968 „mein famili“ mit Moritaten und Bildcollagen, 1969 die Kurzprosasammlung „Danke schön, Nichts zu danken“ mit der autobiographischen Erzählung „Mitteilungen aus dem Leben des Vaters“, 1987 schließlich ein Band mit Kürzestprosa (Mehrere Männer). Als ein Hauptwerk gilt W.s „Enzyklopädie für unerschrockene Leser“, deren erster Band „Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt“ 1983 erschien und die bis 2014 auf sieben Bände anwuchs. W. parodierte darin Benimmratgeber (u. a. K. Adelfels, Das Lex. d. feinen Sitte, 1888) sowie Konversationslexika der Gründerzeit und ergänzte sie mit surrealistischen Collagen. 1969 nahm W. auf Anregung von →Günter Eich (1907–1972) die Hörspielarbeit auf (Der Chinese am Fenster, WDR/HR 1971). Seine biographisch grundierte „Radio-Ballade“ „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika“ (SWF/HR/NDR/WDR 1987) erwies sich als großer Erfolg. Bekannt wurde W. auch durch seine sprachkritischen Fußballbücher, die auf der verblüffenden Rekombination vorgefundenen Materials beruhen und seit 1970 erschienen (ges. u. d. T. Das nächste Spiel ist immer d. schwerste, 1982), sowie seit 1972 seinen Originalton-Hörspielen rund um den Fußball für den Hess. Rundfunk (Der Ball ist rund, 1978; Schwierigkeiten b. Umschalten, 1979; Cordoba Juni 13 Uhr 45, 1979).
In W.s sprachspielerischer und größtenteils gereimter Lyrik entwickelte sich seit 1985 Hans Waldmann zu einer wiederkehrenden Figur (Gesamtausg. Hans Waldmanns Aben|teuer, 2018). Spätere Bände entwickelten die etablierten Prinzipien weiter, ergänzten sie aber um einen generell verdüsterten Tonfall (Pfeifers Reisen, 2007; Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember, 2015). Parallel zu seinem literarischen Schaffen schuf W. ein mehr als 5000 Stücke umfassendes, in der Tradition von →Max Ernst (1891–1976) stehendes, mehrfach ausgestelltes Collagenwerk.
W.s Literatur ist eine spielerisch-abgründige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die bei ihm als frei verfügbarer Sprachraum jenseits kausaler Anforderungen existiert.
Durch Montage werden vorgefundene und archivierte Realitätspartikel akustischer, textlicher und (im Fall der Collagen) bildlicher Art in neue subjektive Zusammenhänge gebracht und mit abenteuerlichen Elementen in handwerklich virtuose Strukturen eingebunden.
Dabei verhalf gerade die verrätselnde Transformation seinen Stoffen zur größten Wirksamkeit, was mitunter als „l’art pour l’art“ mißverstanden wurde. In seinem autopoietischen Aufsatz „Meine Voraussetzungen“ (1966, erg. 1991) betonte W. die Rolle der Sprache und seine Ablehnung jeder ideologischen, moralisierenden oder psychologischen Literatur. Angestrebt werde ein „Komplott“ aus „Leichtigkeit, Schwermut, Spiel, Ernst, Skurrilität, Lust, Spaß und Entsetzen“. Wichtige Wegbegleiter W.s waren u. a. →Robert Gernhardt (1937–2006), →Eckhart Henscheid (* 1941), →Franz Mon (1926–2022) und →Klaus Ramm (* 1939).
-
Auszeichnungen
|Niedersächs. Förderpreis f. junge Künstler (1965);
Hess. Kulturpreis, Förderpreis (1983);
Hörspielpreis d. Kriegsblinden (1988);
Marburger Lit.preis (1988);
„Schwarzer Peter“, Preis f. Groteske Lit. (1991);
Bremer Lit.preis (1992);
Frankfurter Hörspielpreis (1992);
Heimito-v.-Doderer-Preis (1996);
Staatspreis d. Landes Rheinland-Pfalz (1997);
Gr. Lit.preis d. Bayer. Ak. d. schönen Künste (2003);
Eugen-Viehof-Ehrengabe d. dt. Schillerstiftung v. 1859, Weimar (2003);
Kasseler Lit.preis f. grotesken Humor (2004);
Friedrich-Hölderlin-Preis (2008);
Georg-K.-Glaser-Preis (2014);
Günter-Eich-Preis (2015);
Schiller-Gedächtnispreis d. Landes Baden-Württ. (2016);
Rainer-Malkowski-Preis (2018);
– Stipendiat d. Senats v. Berlin (1971) u. d. Dt. Lit.fonds (1983, 1990);
Writer in Residence an der Univ. of Warwick, England (1976);
Amsterdam-Stipendium (1998);
– Mitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1989);
– R.-W.-Fond (seit 2007). -
Werke
Weitere W–Prosa: Die Gefährlichkeit d. gr. Ebene, 1976;
Nachrr. aus d. bewohnten Welt, 1991;
Zwei oder drei J. später, 2003, erw. 2007;
Die Vorzüge d. Dunkelheit, 2012;
Die unterschiedl. Folgen d. Phantasie, Tageb. 1966–1994, hg. v. K. Schöffling, 2022;
– Hörspiele: Die überzeugenden Vorteile d. Abends, WDR/BR 1973;
Reise in d. Luft in 67 Minuten u. 15 Sekunden, HR/WDR 1976;
– Ausgg.: Werkausg., 6 Bde. u. Begleitbd., 1991–96;
Werke, seit 2009, 12 Bde. u. Suppl.bd. geplant, 7 ersch.;
– Bibliogr.: J. Wilm, 2019 (s. L), S. 226–30;
– Nachlaß: DLA Marbach/Neckar. -
Literatur
|L. Baier (Hg.), Über R. W., 1972;
T. Bündgen, Sinnlichkeit u. Konstruktion, Die Struktur moderner Prosa im Werk v. R. W., 1985;
R. Schütte, Material Konstitution Variabilität, Sprachbewegungen im lit. Werk v. R. W., 1987;
N. N. (Hg.), Anfang &
vorläufiges Ende, 91 Ansichten über d. Schriftst. R. W., 1992 (P);
K. U. Jürgens, Zw. Suppe u. Mund, Realitätskonzeption in R. W.s „Forts. d. Ber.“, 2000;
I. Appel, Von Lust u. Schrecken im Spiel ästhet. Subjektivität, Über d. Zus.hang v. Subjekt, Sprache u. Existenz in d. Prosa v. Brigitte Kronauer u. R. W., 2000;
O. Jahn u. K. U. Jürgens (Hg.), Ähnliches ist nicht dasselbe, Eine rasante Revue f. R. W., 2002 (P);
M. Schmitt, Unterwegssein, Präsenz u. Absenz in R. W.s Kürzestprosa, 2004;
C. Gruber, Ereignisse in aller Kürze, Narratolog. Unterss. z. Ereignishaftigkeit in Kürzestprosa v. Thomas Bernhard, R. W. u. Helmut Heißenbüttel, 2014;
T. van Hoorn, Naturgesch. in d. ästhet. Moderne, Max Ernst, Ernst Jünger, R. W., W. G. Sebald, 2016;
J. Wilm (Hg.), Alles andere später, Über R. W. II, 2019 (P);
ders., Ror. Wolf.Lesen, 2022;
KLG;
KLL;
Metzler Autorenlex. (P);
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
Killy1+2;
Munzinger. -
Porträts
|Druckgraphik v. R. Quadflieg, 1998, Abb. in: Jahn u. Jürgens, 2002 (s. L), S. 326.
-
Autor/in
Kai U. Jürgens -
Zitierweise
Jürgens, Kai U., "Wolf, Ror (eigentlich Richard Guido Georg Wolf, Pseudonym Raoul Tranchirer)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 418-419 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142942.html#ndbcontent