Wolf, Rudolf
- Lebensdaten
- 1816 – 1893
- Geburtsort
- Fällanden (Kanton Zürich)
- Sterbeort
- Zürich
- Beruf/Funktion
- Astronom ; Wissenschaftshistoriker ; Mathematiker ; Historiker ; Hochschullehrer
- Konfession
- reformiert
- Normdaten
- GND: 119160358 | OGND | VIAF: 59191595
- Namensvarianten
-
- Wolf, Johann Rudolf
- Wolf, Johannes Rudolf
- Wolf, Julius Rudolf (falsche Namensansetzung in ADB)
- Wolf, Rudolf
- Wolf, Johann Rudolf
- Wolf, Johannes Rudolf
- Wolf, Julius Rudolf (falsche Namensansetzung in ADB)
- wolf, julius rudolf
- Wolf, Johann R.
- Wolf, Rudolph
- Wolphius, Joannes R.
- Wolphius, Johannes R.
- Wolphius, Johann R.
- Wolf, Johann Rudolph
- Wolf, Joh. Rudolf
- Wolf, Johannes Rudolph
- wolf, julius rudolph
- Wolf, Joh. Rudolph
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- Hansen, Peter Andreas
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- Raabe, Josef Ludwig
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Wolf, Johann(es) Rudolf
| Astronom, Wissenschaftshistoriker, * 7.7.1816 Fällanden (Kanton Zürich), † 6.12.1893 Zürich, ⚰ Zürich, Friedhof Oberstrass (aufgehoben um 1927). (reformiert)
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Genealogie
Aus seit 1351 mit Wernli W. aus Honrain (heute Wollishofen/Zürich) nachweisbarer →Fam., ursprüngl. Fischer, d. seit d. 16. Jh. auch ref. Theol., Med., Gel., Apotheker, Goldschmiede, Zuckerbäcker, Kaufleute, Offz. sowie ca. 40 Gross- u. 17 Kleinräte u. 16 Landvögte stellte, seit 1773 Mitbes. d. Ger.herrschaft Turbenthal (s. HLS);
V →Johannes (1768–1827), ref. Pfarrer in F.Kt., S d. →Hans Jakob (1734–1791), ref. Pfarrer in F.Kt. u. Langnau (Kt. Zürich), u. d. Anna Dorothea Heidegger (1727–1777);
M Regula (1780–1867), aus seit 1451 in F.Kt. nachweisbarer Fam., ursprüngl. Gürtler, d. seit 1587 im Gr. Rat d Stadt Zürich saß, später Seidenindustr. (s. L), T d. →Heinrich Gossweiler (1751–1794, ⚭ 2] Esther Wolf, 1749–1829), ref. Pfarrer in Hinwil (Kt. Zürich), u. d. Elisabetha v. Meiss (1758–90);
1 B →Johannes (Jean) (1813–39), cand. theol. (s. L), 2 Schw Elisabetha (Lisette) (1804–81), Anna Regula (Reni, Renette) (1811–1829);
– ledig;
Verwandte →Johann(es) (1521–72), Pfarrer 1544 an d. Predigerkirche u. 1551 am Fraumünster in F.Kt., 1563 Prof. f. AT an d. Hohen Schule ebd., Hg. v. Bibelkommentaren u. Werken Petrus Martyr Vermiglis, Übers. (s. ADB 43; HLS), dessen B →Kaspar (1532–1601), Dr. med., Stadtarzt v. F.Kt., Prof. f. Naturlehre u. d. griech. Sprache, Astronom, med. Fachautor, Kal.macher (s. ADB 43; BLÄ; HLS), →Hans Ulrich (1559–1637), Apotheker, erwarb 1593 d. Bergwerk Gonzen, Zunftmeister zu Safran, 1601–07 Vogt v. Kyburg, 1612 Statthalter in F.Kt., 1618 Seckelmeister, Gesandter in Savoyen, Österr. u. Mailand|(s. Schweizer Apotheker-Biogr.; HLS), →Johannes (1564–1627), Buchdrucker in F.Kt. (s. HLS), dessen S →Hans Heinrich (1590–1629), Erbe d. Bergwerks Gonzen, Stadtrichter in F.Kt., Mitgründer d. Musikges. ebd., →Salomon Wolf (1752–1810), ref. Theol., Dekan in Wangen b. Z. (s. L), →Hans Ulrich (1592–1658), Apotheker in F.Kt., →Erhard Wolff (1853–1915), Fabr. in Bukarest u. in d. Moldau, Kupferbergwerksbes. in d. Dobrudscha, niederl. Gen.konsul in Bukarest (s. HLS), →Adrian Gossweiler (1574–1625), →Hans Jakob Gossweiler (1577–1640), beide Textilfabr. in F.Kt. -
Biographie
Nach erstem Unterricht im Elternhaus besuchte W. in Zürich seit 1828 die Kunstschule und seit 1831 das Technische Institut, wo er v. a. von →Karl Heinrich Gräffe (1799–1873) und →Joseph Ludwig Raabe (1801–1859) beeinflußt wurde. 1833 wechselte er an die neugegründete Univ. Zürich und studierte Mathematik, Physik und Astronomie, ohne dies abzuschließen. Im April 1834 nahm er an der eidgenössischen Basismessung im Sihlfeld teil, half →Johannes Eschmann (1808–1852) bei der primären Triangulation der Ost- und Zentralschweiz sowie 1839 bei der nachfolgenden sekundären trigonometrischen Vermessung. W. wechselte 1836 mit →Johannes Wild (1814–1894), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, an die Univ. Wien, wo er →Joseph Johann Littrows (1781–1840) Privatsekretär wurde.
Mit einem Empfehlungsschreiben Littrows reiste er 1838 ein knappes Jahr durch Mitteleuropa, besuchte Sternwarten und deren Leiter in Prag, Dresden und Berlin und traf →Johann Franz Encke (1791–1865), →Jakob Steiner (1796–1863) sowie →Peter Gustav Dirichlet (1805–1859). Anschließend besuchte er Göttingen (→Carl Friedrich Gauß, 1777–1855), Gotha (→Peter Andreas Hansen, 1795–1874), Bonn (→Friedrich Wilhelm August Argelander, 1799–1875), Köln, Brüssel, Paris, wo er →Alexis Bouvard kennenlernte und Vorlesungen besuchte, und Genf (→Jean Alfred Gautier, →Auguste Arthur de la Rive). 1839–55 wirkte W. als Lehrer für Mathematik und Physik an der Realschule der Stadt Bern, war 1841–54 Sekretär der Naturforschenden Gesellschaft in Bern sowie 1843–55 erster Herausgeber von deren Mitteilungen. 1844 bekam er die venia legendi direkt von der Erziehungsdirektion unter Umgehung der Fakultät, wurde 1847 Direktor der Berner Sternwarte und 1853 ao. Professor an der Univ. Bern.
Nach der Eröffnung des Eidgenössischen Polytechnikums, der heutigen ETH Zürich, wechselte W. 1855 nach Zürich, wo er 1855–61 Professor für Mathematik am oberen Gymnasium Zürich, zugleich 1855–93 Professor für Astronomie am Polytechnikum und der Univ. Zürich sowie Leiter der Bibliothek des Polytechnikums war. Ihm ist es zu verdanken, daß die ETH heute eine wertvolle Sammlung von alten Drucken besitzt. 1864–93 leitete er die von ihm gegründete und von →Gottfried Semper (1803–1879) erbaute Eidgenössische Sternwarte und 1861–93 die Schweiz. Geodätische Kommission, für die er eine „Geschichte der Vermessungen in der Schweiz“ (1879) verfaßte. Außerdem war er die zentrale Figur bei der Errichtung der Schweizer. Meteorologischen Zentralanstalt (1861 Mitgl. u. 1866–81 Präs. d. Schweiz. Meteorol. Komm.).
W. gehört zu den international anerkannten Pionieren der Sonnenfleckenforschung. 1852 beschrieb er – zeitgleich mit Jean Alfred Gautier und →Edward Sabine – den Zusammenhang zwischen den Schwankungen des Magnetfelds der Erde und der Sonnenfleckenaktivität. Ihm gelang der Nachweis, daß der Sonnenfleckenzyklus gut elf Jahre dauert, und er führte die nach ihm benannte Relativzahl als Maß für die Häufigkeit von Sonnenflecken ein. Hierüber berichtete er in seiner 102 Artikel umfassenden Schriftenreihe „Nachrichten von der Sternwarte in Bern“ (1848–55), den Zürcher „Mittheilungen über die Sonnenflecken“ (1856–65) und den nachfolgenden „Astronomischen Mittheilungen“ (1866–1894), die er in den von ihm redigierten Zeitschriften publizierte. Die Zürcher Sonnenfleckenzählungen, die weltweit längste ununterbrochene Sonnenbeobachtungsreihe, wurden durch die Professoren für Astronomie an der ETH, →Alfred Wolfer (1854–1931), →William Brunner (1878–1958) und →Max Waldmeier (1912–2000), weitergeführt und werden seit 1980 durch das Observatoire royale de Belgique gesammelt.
Neben seinen astronomischen Beobachtungen beschäftigte sich W. mit der schweizer. Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Seit seiner Berner Zeit veröffentlichte er hierüber neben mehreren Handbüchern und Sammelwerken ca. 1 000 meist kleinere Artikel; zu den wichtigeren Publikationen gehören die „Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz“ (4 Bde., 1858–62, Nachdrr. 2010–20), die er 1861–93 um 475 „Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte“ in der „Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich“ ergänzte. Diese sowie seine „Geschichte der Astronomie“ (1877) und sein „Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Litteratur“ (2 Bde., 1890–93; Nachdrr. 1973 u. 2017) enthalten eine Fülle von Detailinformationen, die er von Zeitgenossen gesammelt hat. W. war wohl der prominenteste Vertreter einer Gruppe von Naturwissenschaftlern, die|sich im Rahmen ihrer administrativen Tätigkeit in den Naturforschenden Gesellschaften der schweizer. Wissenschaftsgeschichte zuwandten, und er war zugleich einer ihrer besten Kenner.
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Auszeichnungen
|Dr. phil. h. c. (Bern 1852);
Mitgl. d. Dt. Astronom. Ges. (1863), d. Royal Astronomical Soc. London (1864) u. d. Soc. degli spettroscopisti italiani (1889);
korr. Mitgl. d. Ac. des sciences Paris (1885);
Ehrenmitgl. d. Österr. Ges. f. Meteorol. (1893). -
Werke
Weitere W Die Lehre v. d. geradlinigen Gebilden in d. Ebene, 1841, ²1847;
Tb. f. Math., Physik, Geodäsie u. Astronomie, 1852, ⁶1895, Nachdrr. 2017, 2019;
Hdb. d. Math., Physik, Geodäsie u. Astronomie, 2 Bde., 1869/70–72, Nachdrr. u. a. 2016, 2017;
– Hg.: Mittheilungen d. Naturforschenden Ges. in Bern, 1843–55;
Vj.schr. d. Naturforschenden Ges. in Zürich, 1856–93;
– Nachlaß: Bibl. u. Sternwarte d. ETH. -
Literatur
|ADB 43;
J. H. Graf, in: Mittheilungen d. Naturforschenden Ges. in Bern aus d. J. 1893, 1894, S. 193–231 (W-Verz., P);
A. Weilenmann, in: Vj.schr. d. Naturforschenden Ges. in Zürich 39, 1894, S. 1–64 (W-Verz., P);
J. J. Burckhardt u. a., R. W. (1816–93), FS z. 100. Todestag, ebd. 138, 1993, H. 4 (P);
A. E. Jaeggli, Die Berufung d. Astronomen J. R. W. n. Zürich 1855, 1968 (P);
A. J. Izenman, J. R. W. and the Zürich Sunspot Relative Numbers, in: The Mathematical Intelligencer 7, 1985, H. 1, S. 27–33;
V. Larcher (Hg.), R. W.s Jugendtageb. 1835–1841, 1993;
H. T. Lutstorf, Prof. R. W. u. seine Zeit, 1816–1893, 1993 (P);
M. Gossweiler (Hg.), Regula W.-Gossweiler an Lisette W., Briefe aus d. J. 1829–1858, 1996 (P);
G. Folkers u. M. Schmid, Under the Sign of the Sun, in: dies. (Hg.), Breakthroughs, Ideas at ETH Zurich that Shaped the World, 2016, S. 103–14;
Pogg. I–IV;
HLS;
Complete DSB;
– Qu Burgerbibl. Bern;
– zur Fam.: J. Scherrer, Johannes W., e. schweizer. Studirender d. Theol. in seinem Bildungsgange, 1840;
Johannes W. u. Salomon W., Zwei Zürcher Theologen sammt ihren Familien, in: Neujahrsbl. z. Besten d. Waisenhauses in Zürich, 1874. -
Porträts
|Lith. v. J. C. Bolleter, 1837 (Bildarchiv d. ETH Zürich) u. Photogr. v. J. Ganz, 1886, (Bildarchiv d. ETH Zürich), beide Abb. in: Lutstorf, 1993 (s. L).
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Autor/in
Erwin Neuenschwander -
Zitierweise
Neuenschwander, Erwin, "Wolf, Johann(es) Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 419-421 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119160358.html#ndbcontent
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Wolf, Julius Rudolf
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Biographie
Wolf: Julius Rudolf W., Astronom, geboren am 7. Juli 1816 zu Fällanden (im Kanton Zürich), † am 6. December 1893 zu Zürich. Aus einer alten Züricher Familie stammend, der u. a. auch der Stadtarzt Kaspar Wolf, ein seinerzeit bekannter Astronom und Kalenderschreiber (1532—1601), angehört hatte, war Wolf's Vater Johannes Pfarrer an verschiedenen Züricher Orten, starb aber bereits 1827. Die Wittwe zog mit ihren drei Kindern in die Kantonshauptstadt, und hier besuchte W., der den ersten Unterricht von seinem Vater empfangen hatte, zuerst die sogenannte Kunstschule, dann aber (1831—33) das technische Institut, welches sich später zur Industrieschule umgestaltete. Hier lernte er unter der Leitung Gräffe's, dem er 1873 selbst einen pietätvollen Nekrolog widmete, zuerst die Mathematik näher kennen, und als er 1833 die junge Hochschule besuchte, blieben die mathematischen Studien im Vordergrunde. Der neue Ordinarius A. Müller zog ihn allerdings nur wenig an, aber um so mehr war bei den beiden Privatdocenten Gräffe und Raabe zu lernen; dazu wurde bei Eschmann Astronomie, bei Mousson Experimentalphysik gehört. Inzwischen hatte sich in der Schweiz, unter Eschmann's Vorsitz, eine topographische Gesellschaft gebildet, welche sich eine genauere Landesaufnahme der Schweiz zum Ziele setzte, und als deren thätiges Mitglied erwarb sich W. die ersten Sporen des astronomisch-geodätischen Beobachters. Doch erkannte er auch die Nothwendigkeit weiterer Ausbildung und wanderte deshalb 1836 nach Wien, wo er zu J. J. v. Littrow in nahe, geradezu freundschaftliche Beziehungen trat. Zwei Jahre dauerte der Wiener Aufenthalt; dann ging W. nach Berlin, wo er Encke's, Dirichlet's und des genialen Geometers Steiner, seines schweizerischen Landsmannes, Unterricht genoß. Ueber Göttingen, wo er Gauß und Stern, sowie über Bonn, wo er Argelander kennen lernte, zog W. nach Paris, dessen wissenschaftliches Leben ihn jedoch nicht in erwartetem Maße befriedigte, und gegen Ende 1838 traf er wieder in Zürich ein, wo er am Gymnasium eine Hülfslehrerstelle erhielt. Indessen war hier seines Bleibens nicht lange, denn bald darauf berief ihn die Stadt Bern an ihre neu organisirte Realschule als Lehrer der Mathematik und Physik, und hier hat er durch mehr als fünfzehn arbeitsreiche Jahre treu gewirkt.
Abgesehen von ausgiebigem Unterrichte unternahm er mit seinen Schülern weite Wanderungen durch die ganze Schweiz, hielt zahlreiche populäre Vorträge und leistete höchst Verdienstliches für die Bernische Naturforschende Gesellschaft, deren reichhaltiges Archiv er in treffliche Ordnung brachte, in deren „Mittheilungen“ er eine Fülle wissenschaftlichen Stoffes niederlegte. Auch wurde ihm eine besoldete Docentur an der Universität und (1847) die Direction der allerdings etwas vernachlässigten Sternwarte übertragen, welch letztere durch ihn zu bisher ungewohntem Leben erwachte. Er leistete dort, was mit geringen Mitteln und schwachen optischen Kräften zu leisten war, und führte manchen tüchtigen Jüngling in die praktische Astronomie ein. Im J. 1852 verlieh ihm die Berner Hochschule den Doctortitel honoris causa.
Inzwischen war das eidgenössische Polytechnikum zu Zürich begründet worden und, hauptsächlich eben auf Wolf's Anregung hin, war auch die Ausrüstung einer wesentlich Unterrichtszwecken dienenden, in organische Verbindung mit jener Anstatt tretenden Sternwarte vom Erziehungsrathe beschlossen worden. Im April 1855 berief man ihn zum Gymnasialprofessor in Zürich und legte ihm die gerne übernommene Verpflichtung auf, an der polytechnischen Schule astronomische Curse abzuhalten. Einen Neubau seines Observatoriums erreichte W. erst 1864, und nun übte er an seinem Institute eine intensive, praktische Thätigkeit aus, indem er namentlich unausgesetzt die Sonnenflecke beobachtete. Zum außerordentlichen Professor beider Züricher Hochschulen ernannt, entfaltete er auch als Züricher Hochschullehrer eine ausgebreitete didaktische Wirksamkeit, und der Naturforschenden Gesellschaft des neuen Wohnortes leistete er nicht minder ersprießliche Dienste wie derjenigen des früheren. Als Vorstand der schweizerischen meteorologischen Commission organisirte er diesen Beobachtungsdienst in größerem Stile, und in seinem bisherigen Assistenten Billwiller erhielt der neue Dienstzweig einen höchst geeigneten Leiter. Endlich war W. auch Präsident der von der Regierung der Schweiz, im Anschlüsse an das europäische Gradmessungswerk, eingesetzten geodätischen Commission und hat in dieser Eigenschaft, wie wir noch sehen werden, die Geschichte der Kartirung seines Vaterlandes mächtig gefördert. Seine Vorlesungen behandelten mit Vorliebe die Mechanik des Himmels und wissenschaftsgeschichtliche Themen.
W. ist unverehelicht geblieben, und er hätte in der That für die Anforderungen des Familienlebens keine Muße gehabt. Die geradezu verblüffende litterarische Thätigkeit, welche er entfaltete, war nur durch eine mit höchster Strenge und Selbstzucht durchgeführte Oekonomie der Zeit zu ermöglichen. Seinen zahlreichen Freunden aber — und Feinde hat er sicherlich niemals gehabt — bewährte er sich als aufopfernder, liebenswürdiger, stets hülfsbereiter und warmherziger Mensch, und wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, diesen Charakter genauer kennen zu lernen Gelegenheit hatte, wird ihm stets das ehrendste Andenken bewahren. Bei seiner exacten Lebensweise war W. kaum je in seinem Leben ernstlich krank gewesen, und allgemein hätte man ihm ein sehr hohes Alter prognosticirt. Auch überstand er noch anscheinend gut eine heftige Brustfellentzündung, aber von den Nachwirkungen dieses Anfalles vermochte er sich nicht mehr zu erholen.
Wenn wir nunmehr einen Blick auf Wolf's Stellung in der Wissenschaft werfen, so fallen uns zunächst die von ihm selbständig im Druck herausgegebenen Bücher auf. In der Jugend hatte die Geometrie große Reize für ihn, wie denn schon seine erste Arbeit (Annalen der Wiener Sternwarte, 1839) die Curven zweiter Ordnung behandelte, und als Hülfsbuch für seinen Unterricht ließ er eine neue und originelle Darstellung dieses Faches erscheinen ("Die Lehre von den gradlinigen Gebilden in der Ebene“, Bern und St. Gallen 1841, 2. Aufl. 1847), welche sich insonderheit durch ihre Auffassung des Vielecksbegriffes und die überraschend einfache Ableitung der trigonometrischen Grundformeln auszeichnete. Bald folgte ein durch Kürze und Inhaltsreichthum ausgezeichnetes, durch sieben Auegaben in seiner Nützlichkeit genugsam gekennzeichnetes Vademecum ("Taschenbuch für Mathematik, Physik, Geodäsie und Astronomie“, neueste Auflage, Zürich 1896, besorgt von Prof. Wolfer, Wolf's Nachfolger in der Direction der Sternwarte). Was das Taschenbuch auf kleinem Raum erstrebte, sucht das Handbuch ("Handbuch der Mathematik, Physik, Geodäsie und Astronomie“, 2 Bde., Zürich 1872) im Großen zu erreichen, und zwar ebenfalls mit glücklichem Erfolge. Auf eine Reihe kleinerer Veröffentlichungen über historische Dinge — über Kometen, Erfindung des Fernrohres,|Entdeckungen von W. Herschel u. A. — erfolgte dann 1877 das auf Veranlassung der historischen Commission bei der bair. Akademie der Wissenschaften abgefaßte Geschichtswerk ("Geschichte der Astronomie“, München), über welches es unter den Beurtheilern keinerlei Meinungsverschiedenheit gab und geben konnte. Es ersetzt für jeden auf diesem Gebiete Arbeitenden eine kleine Bibliothek und ist durchaus unentbehrlich. Wenn auch für minder ausgedehnte Kreise bestimmt, muß der geschichtlich-geodätischen Monographie ("Geschichte der Vermessungen in der Schweiz“, Zürich 1879) ganz das gleiche Lob gezollt werden. Schon als Greis endlich ging W. mit wahrhaft jugendlicher Schaffenskraft an die Ausarbeitung eines umfassenden, die ganze Sternkunde mit allen ihren Hülfsdisciplinen einheitlich darstellenden und mit einem colossalen wissenschaftlichen Apparate auszustattenden Compendiums, und ein wohlwollendes Geschick fügte es, daß der Siebenundsiebzigjährige dieses Lebenswerk noch abgeschlossen vor sich sehen durfte, ehe die nimmer rastende Feder seiner Hand entsank. Was, um nur einen einzigen Punkt hervorzuheben, diesen vier enggedruckten Halbbänden ("Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Litteratur“, Zürich 1890—93) einen ganz besondern Werth verleiht, ist der Umstand, daß wol von jeder einzelnen Person, die sich nur je einmal mit Astronomie beschäftigt hat, die zuverlässigsten, oft mit vieler Mühe beschafften Lebensskizzen beigebracht werden. Hiefür interessirte sich eben W. von jeher, und seine vier Bändchen (Zürich 1858—62) füllenden „Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz“ sind ein wahres Muster für wissenschaftliche Lebensbeschreibung. Die Menge des darin bis ins kleinste Detail durchgearbeiteten Materiales ist eine ungeheure.
Die einzelnen Aufsätze Wolf's zur Mathematik, Astronomie und Geschichte des gesammten Naturwissens auch nur summarisch registriren zu wollen, wäre ein ganz vergebliches Bemühen; weist doch Graf's sorgfältiges Publicationenverzeichniß im ganzen 258 (!) Nummern auf. Die große Mehrzahl derselben ist in den Vereinsorganen der Verner und Züricher Naturforschenden Gesellschaften vereinigt. Nur gedacht sei der Wolf's Riesenfleiß und Experimentirgeschicklichkeit documentirenden Untersuchungen über Erfahrungswahrscheinlichkeit: er zeigte einerseits durch Würfelversuche, daß bei sehr vielfältiger Wiederholung in der That die beobachtete Wahrscheinlichkeit der berechneten sich nähert, und fand andererseits, indem er ein gradliniges Drahtstückchen immer wieder auf eine gegitterte Tafel warf, einen von der Wahrheit nicht allzu weit abweichenden empirischen Werth für das Verhältniß des Kreisumfanges zum Durchmesser. Geradezu unermeßlich ist der Reichthum an Thatsachen, welchen W. in zwei durch viele Jahre sich hindurchziehenden Veröffentlichungen — „Notizen zur Kulturgeschichte der Schweiz“ und „Astronomische Mittheilungen“ — niederlegte. In diesen letzteren ist u. a. eine völlige Geschichte der astronomischen Instrumentenkunde enthalten, die sich großentheils auf eigene Wahrnehmungen stützt, denn W. hatte seine Sternwarte mit Opfern aller Art zu einem Museum historisch bemerkenswerther Apparate auszugestalten verstanden.
Als Astronom widmete W. seine Arbeitskraft fast ausschließlich der Sonne, und inbezug auf sie glückte ihm eine Entdeckung, welche für alle Zeiten mit seinem Namen verknüpft bleiben wird. Indem er als ein höchst bequemes Mittel zur Bestimmung und Vergleichung der Fleckenzustände unseres Centralgestirns seine allseitig adoptirten „Relativzahlen“ einführte, gelang ihm der Nachweis, daß alle 11 1/9 Jahre die Fleckenfrequenz sich wiederholt ("Neue Untersuchungen über die Sonnenfleckenperiode und ihre Bedeutung“, Bern 1852). Bald trat die correspondirende Entdeckung hinzu, daß auch in den Kraftäußerungen des Erdmagnetismus eine ganz gleiche Periode sich offenbart. Der Engländer Sabine und der Schweizer Gautier hatten selbständig die gleiche Wahrnehmung gemacht, aber W. gebührt der Ruhm der ersten Bekanntgabe im Druck, und zudem hat er dann 41 Jahre darauf verwendet, das merkwürdige Zahlenverhältniß noch genauer festzusetzen und kraft einer Belesenheit in den Quellen, die nur allein ihm eigen war, als auch für frühere geschichtliche Zeiträume zu Recht bestehend darzuthun. Und diese gigantische Aufgabe hat er in seinen „Astron. Mittheil.“ so vollständig gelöst, als sie überhaupt lösbar ist, und zu dem Zweck, daß auch künftighin die Züricher Sternwarte den Studien über Sonnenphysik eifrig obliegen könne, stiftete deren erster Director ein Legat, dessen Zinsen der Bundesrath auszubezahlen hat. Es ist mithin erfreulicherweise dafür gesorgt, daß die Stätte, welche W. bei Lebzeiten geweiht hat, dieser ihrer Bestimmung dauernd gerecht bleiben wird.
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Literatur
J. H. Graf, Professor Dr. Rudolf Wolf 1816—1893. Bern 1894. —
Riggenbach, Prof. Rudolf Wolf, Allgemeine schweizerische Zeitung (Basel), 1893, Nr. 291. —
Bion, Zum Gedächtnis an Dr. J. Rud. Wolf, Professor d. Astronomie u. Director d. Sternwarte in Zürich (Schweiz. Protestantenbl., 1893, Nr. 50). -
Autor/in
Günther. -
Zitierweise
Günther, "Wolf, Julius Rudolf" in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 785-788 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119160358.html#adbcontent