Wittmayer, Leo
- Lebensdaten
- 1876 – 1936
- Geburtsort
- Wien
- Sterbeort
- Wien
- Beruf/Funktion
- Jurist
- Konfession
- mehrkonfessionell
- Namensvarianten
-
- Wittmayer, Leo Guido
- Witt, Leo( Pseudonym)
- Wittmayer, Leo
- Wittmayer, Leo Guido
- Witt, Leo( Pseudonym)
- witt, leo
Vernetzte Angebote
Verknüpfungen
Personen in der NDB Genealogie
Personen im NDB Artikel
Orte
Symbole auf der Karte
Geburtsort
Wirkungsort
Sterbeort
Begräbnisort
Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.
-
Wittmayer, Leo Guido (Pseudonym Leo Witt)
| Jurist, * 25.8.1876 Wien, † 15.7.1936 Wien, ⚰ Wien, Friedhof Döbling. (bis 1894 jüdisch, ab 1895 katholisch)
-
Genealogie
Aus weitverzweigter →jüd. Fam. (auch Wittmair, Wittmeyer) aus Ostgalizien;
V →Adolf (Ditdolf) (1838 – v. 1895), aus Kałusz (Kalusch, Galizien, heute Ukraine), Dr. iur., 1867–85 RA in W., Hof- u. Ger.advokat, 1887 geisteskrank, S d. Leon, aus Kałusz, u. d. Rebeka Byk, aus Tarnopol;
M →Pauline Rappaport (1854–1908);
B →Otto Vinzenz (1880–1933), Dr. rer. pol., 1922 Geschäftsführer d. Verbandes d. österr. Papier-, Zellulose- u. Pappenindustrie u. d. Arbeitgeberverbandes dieser Industrien;
– ledig. -
Biographie
W. absolvierte 1895 am Schottengymnasium in Wien die Matura und studierte 1895–1900 Rechtswissenschaften an der Univ. Wien. Als Student veröffentlichte er 1897 in der „Wiener Rundschau“ unter Pseudonym Gedichte. 1900 mit einer Arbeit über das österr. Wahlrecht bei →Edmund Bernatzik (1854–1919) zum Dr. iur. promoviert, wurde er 1911 nach seiner Habilitation mit der Schrift „Eigenwirtschaft der Gemeinden und Individualrechte der Steuerzahler, Studien zum franz. Gemeinderechte“ (1910) bei Bernatzik und →Adolf Menzel (1857–1938) zum Privatdozenten für Verwaltungslehre und österr. Verwaltungsrecht ernannt; 1915 wurde er ao., 1929 aufgrund seiner „ungewöhnlichen literarischen Produktion“ o. Professor in Wien. Ein Dienstverhältnis zur Univ. Wien bestand nie; W. war kurz Richter und ab 1907 Beamter in der k. k. Staatsverwaltung im Handelsministerium (Ministerialkonzipist, später Ministerialvizesekretär), 1917 als Ministerialsekretär im Ministerium für Soziale Fürsorge, wo er die österr. Kriegsopferfürsorge mitgestaltete, später in der Ersten Republik als Sektionsrat (1922 Ministerialrat) im Ministerium für soziale Verwaltung; bei seiner Versetzung in den Ruhestand aus gesundheitlichen Gründen 1932 war er Ministerialrat und Abteilungsleiter.
W. war einer der produktivsten österr. Autoren des Staats- und Verfassungsrechts. Dabei stand er auf dem dogmatischen Fundament des Rechtspositivismus Wiener Provenienz mit besonderer Nähe zum Verwaltungsrecht von →Otto Mayer (1846–1924). Anders als →Hans Kelsen (1881–1973) strebte W. eine Verbindung von juristischer und politischer Methode, also von Rechtswissenschaft und Politik an. Seine Monographie zur Weimarer Reichsverfassung (1922, Nachdr. 1995) spielte in der staatsrechtlichen Diskussion der Weimarer Republik eine wichtige Rolle und war, ursprünglich als Kommentar geplant, die damals einzige systematische Darstellung dieser Verfassung. W.s Ansehen in der dt. Rechtswissenschaft verdeutlichen sein Referat zum Enteignungsrecht auf dem 36. Dt. Juristentag 1931 in Lübeck, der Band „Österreichisches Verfassungsrecht“ (1923, Nachtrag 1926) in der „Enzyklopädie der Rechtsund Staatswissenschaft“ und ein Beitrag für das „Handbuch des Deutschen Staatsrechts“.
W., Anhänger des kathedersozialistischen Finanzministers →Emil Steinbach (1846–1907), war parteilos, stand auf dem Boden der repräsentativen Parteiendemokratie und gilt als Vertreter des Pluralismus; Ständestaat und politischem Katholizismus stand er distanziert gegenüber. 1924–26 kam es zu einem „regelrechten Rezensionsaustausch“ (→R. Mehring) zwischen W. und →Carl Schmitt (1888–1985), der W. gegenüber →Rudolf Smend (1882–1975) 1925 als „Juden“ denunzierte.
Bewerbungen auf Lehrstühle, etwa 1921 nach Königsberg, scheiterten, u. a. wegen Vorbehalten gegen eine vermeintliche „österr. Staatsrechtsschule“; auch Schüler konnte W. nicht gewinnen. Bleibende Bedeutung hat er als Theoretiker der repräsentativen Parteiendemokratie und in der Ablehnung eines „demokratischen Relativismus“.
-
Auszeichnungen
|k. k. Jub.kreuz f. Zivil-Staatsbedienstete (1916);
Kriegskreuz f. Zivilbedienstete II. Kl. (1916);
Ehrenzeichen II. Kl. v. Roten Kreuz (1917);
Mitgl. d. Vereinigung Dt. Staatsrechtslehrer (1922). -
Werke
|Unser Reichsrathswahlrecht u. d. Taaffe’sche Wahlvorlage, Eine pol. Abh., Diss. Wien 1901;
Die organisierende Kraft d. Wahlsystems, 1903;
Richter als Gesetzgeber, 1913;
Dt. RT u. Reichsreg., Eine pol. Unters., 1918;
Herrschaftl. u. genossenschaftl. Elemente im dt. u. österr. Min.system, in: Schmollers Jb. 1918, S. 1–52;
Kriegsbeschädigten-Fürsorge, 1918;
Österr. Vfg.recht, 1923;
Reichsvfg. u. Pol., 1923;
Oesterr. Vfg.sentwicklung, Ein Btr. z. Anschlussfrage, in: Zs. f. d. gesamte Staatswiss. 1927, S. 449–73;
Demokratie u. Parlamentarismus, 1928;
Die österr. Vfg.ref. v. 1929, in: Zs. f. d. gesamte Staatswiss. 88, 1930, S. 449–97;
Reg. u. Verw., Grundsätze u. Übersicht, in: Hdb. d. Dt. Staatsrechts, Bd. 2, hg. v. G. Anschütz u. a., 1932, S. 330–41. -
Quellen
Qu–Nachlaß: verschollen; einzelne Korr. im Univ.archiv Göttingen (Nachlaß Rudolf Smend) u. in d. Staatsbibl. Berlin (Verlagskorr.); Univ.archiv Wien; Österr. StA Wien (P).
-
Literatur
|A. J. Merkl, in: ders., Ges. Schrr., III/2, 2009, S. 397–99;
M. Stolleis, Gesch. d. öff. Rechts in Dtld., III, 1999, S. 143 f., 188 u. 292;
S. Knappenberger-Jans, Verlagspol. u. Wiss., Der Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) im frühen 20. Jh., 2001, S. 273–75;
R. Mehring, Carl Schmitt, Aufstieg u. Fall, 2009, S. 154 u. 187 f.;
K. Groh, Demokrat. Staatsrechtslehrer in d. Weimarer Rep., 2010, S. 241 f., 397 u. 535;
T. Olechowski u. a., Die Wiener Rechts- u. Staatswiss. Fak. 1918–1938, 2014, S. 77, 472 f. u. 519;
V. Pawlowsky u. H. Wendelin, Die Wunde d. Staates, Kriegsopfer u. Soz.staat in Österr. 1918–1938, 2015, S. 192 u. 418;
D. Lehnert, L. W., Das Politische in d. obrigkeitsstaatl. u. demokrat. Vfg.ordnungen, in: ders. (Hg.), Vfg.denker, Dtld. u. Österr. 1870–1970, 2017, S. 139–68;
ders., L. W., Ein Wiener Parteien- u. Pluralismustheoretiker in d. „Weimarer“ pol. Vfg.debatten, in: Recht u. Pol. 54, 2018, S. 159–71;
Kürschner, Gel.-Kal. 1935. -
Porträts
|Photogrr. in Personalakte (Österr. StA Wien).
-
Autor/in
Martin Otto -
Zitierweise
Otto, Martin, "Wittmayer, Leo Guido (Pseudonym Leo Witt)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 354-355 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142924.html#ndbcontent