Wittmann, Heinz-Günter

Lebensdaten
1927 – 1990
Geburtsort
Groß-Stürlack bei Lötzen (Ostpreußen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Agrarwissenschaftler ; Biologe
Konfession
-
Namensvarianten

  • Wittmann, Heinz-Günter
  • Wittmann, Heinz-Günther

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Zitierweise

Wittmann, Heinz-Günter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142923.html [01.02.2026].

CC0

  • Wittmann, Heinz-Günter

    | Agrarwissenschaftler, Biologe, * 16.1.1927 Groß-Stürlack bei Lötzen (Ostpreußen), † 31.3.1990 Berlin, ⚰ Berlin, Waldfriedhof Dahlem.

  • Genealogie

    V N. N. ( 1945), Landwirt, Bes. d. Gutes Marienhof (Kr. Sensburg);
    M N. N., aus hugenott. Fam.;
    | 1961 Brigitte Liebold (* 1931), aus Gotha, Dr. rer. nat., Chemikerin, Biochemikerin, Untern., Geschäftsführerin d. Wita GmbH, Hon.prof. an d. FU Berlin, Mitarb. am MPI f. Molekulare Genetik u. d. Max-Delbrück-Centrums f. Molekulare Med., 1997 Karl Heinz Beckurts-Preis u. Innovationspreis Berlin/Brandenburg (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2003);
    1 S Carsten (* 1967), Betriebswirt, 1 T Beate (* 1961).

  • Biographie

    W., der auf dem Gut seines Vaters aufwuchs und das Gymnasium in Groß-Stürlack besuchte, wurde 1943 nach dem sog. Notabitur zur Kriegsmarine eingezogen. 1945 aus brit. Kriegsgefangenschaft entlassen, holte er 1946 das Abitur am humanistischen Gymnasium in Warburg (Westfalen) nach und studierte mit einem Stipendium der Studienstiftung des Dt. Volkes seit 1949 an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim bei Stuttgart. Nach dem Diplom 1951 bestand keine Aussicht mehr, das väterliche Gut im nun poln. Teil Ostpreußens zu übernehmen.

    So setzte er seine Ausbildung mit einem vertiefenden Studium der Biologie und Physiologischen Chemie an der TH Stuttgart und anschließend an der Univ. Tübingen fort, wo er 1956 mit einer Arbeit über die Mutabilität von Bakteriophagen bei Wolfhard Weidel (1916–1964) zum Dr. rer. nat. promoviert wurde, der im selben Jahr zum Direktor am MPI für Biologie ernannt worden war.

    Nach einem Jahr als Postdoktorand bei Arthur C. Knight (1914–83) am Virus Laboratory in Berkeley (Kalifornien, USA) arbeitete W. als wissenschaftlicher Assistent und Forschungsgruppenleiter in der Abteilung von Georg Melchers (1906–1997) am MPI für Biologie in Tübingen, seit 1961 mit seiner Ehefrau, an der Aufklärung des genetischen Codes durch die Erzeugung von chemisch induzierten Mutationen in der Ribonukleinsäure des Tabakmosaikvirus (TMV) und deren Auswirkungen auf die Aminosäure-Zusammensetzung des Virus-Hüllproteins. Dabei schloß er an die Arbeiten seiner Tübinger Kollegen an den dortigen Max-Planck-Instituten für Virusforschung und für Biologie Alfred Gierer (* 1929), Karl-Wolfgang Mundry (1927–2009), Gerhard Schramm (1910–1969) und Heinz Schuster (1927–1997) an. Die auf dem V. Internationalen Biochemie-Kongreß in Moskau 1961 vorgetragenen Ergebnisse stimmten mit den von J. Heinrich Matthaei (* 1929) und Marshall W. Nirenberg (1927–2010) in einem zellfreien System der Proteinsynthese auf der Basis von Escherichia coli-Extrakten erhobenen Befunden überein. Die Arbeit am TMV erforderte jedoch sehr viel mehr Aufwand als das In vitro-System, das fortan ins Zentrum der Entschlüsselung des genetischen Codes rückte.

    Nach seiner Habilitation für Genetik an der Univ. Tübingen 1962 wurde W. zu einem der Gründungsdirektoren des MPI für Molekulare Genetik in Berlin berufen, wo er seit 1964 mit der Struktur- und Funktionsaufklärung der Ribosomen, der zellulären Organellen, an denen sich die Proteinsynthese vollzieht, ein neues Arbeitsgebiet erschloß, das als aussichtslos komplex galt. Doch trug er mit seiner großen Abteilung in den 1970er und 1980er Jahren entscheidend zur Analyse der Primärstruktur der ribosomalen Proteinkomponenten sowie zur Darstellung der Morphologie der Ribosomen und ihrer Funktion als molekularer Synthesemaschinen bei. Durch W.s Arbeiten wurde das MPI für molekulare Genetik in Berlin zu einem internationalen Zentrum der Ribosomenforschung. W. veröffentlichte etwa 300 Publikationen als Autor oder Mitautor in international anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften; aus seiner Abteilung gingen bis 1991 etwa 800 Arbeiten hervor. Mit der Strukturbiologin Ada Yonath (* 1939) vom Weizmann-Institut in Rehovot widmete W. sich seit 1980 zunehmend der Kristallisierung des Bakterienribosoms und seiner hochauflösenden Röntgenstrukturanalyse. Mitten in dieser Arbeit, die Yonath 2009 den Nobelpreis für Chemie eintragen sollte, verstarb W. nach kurzer, schwerer Krankheit.

    Zu W.s Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählten u. a. seine Frau Brigitte Wittmann-Liebold, Georg Stöffler (1934–2015), Volker Erdmann (1941–2015) und Knud Nierhaus (1941–2016).

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Leopoldina (1964), d. European Molecular Biology Organization (1966), d. Ges. f. Biol. Chemie (1968, Präs. 1979–81) u. d. American Soc. of Biological Chemistry (1977);
    Hon.prof. (1968) u. Dr. med. h. c. (FU Berlin 1978);
    Robert-Koch-Preis (1975);
    Sir-Hans-Krebs-Medal (1975);
    Wilhelm-Feldberg-Award (1975);
    Otto-Warburg-Medaille (1976);
    Gregor-Mendel-Medaille (1977);
    Dr. phil. h. c. (Salzburg 1978);
    Ehrenmitgl. d. American Ac. of Arts and Sciences (1979) u. d. American Ac. of Sciences (1982);
    Senator d. DFG (seit 1979) u. d. MPG (1983–86);
    Vizepräs. d. Internat. Federation for Cell Biology (seit 1980);
    Chairman d. Internat. Union of Biochemistry (seit 1982);
    Albrecht-v.-Graefe-Medaille (1984).

  • Werke

    |Übertr. d. genet. Information, in: Die Naturwiss. 50, 1963, S. 76–88;
    Ribosomal Proteins XII, Number of Proteins in Small and Large Ribosomal Subunits of Escherichia coli as Determined by Two-Dimensional Gel Electrophoresis, in: Proceedings of the Nat. Ac. of Sciences USA 67, 1970, S. 1276–82 (mit E. Kaltschmidt);
    Purification and Identification of Escherichia coli Ribosomal Proteins, in: M. Nomura, A. Tissières u. P. Lengyel (Hg.), Ribosomes, 1974, S. 93–114;
    Structure of Ribosomal Proteins, in: G. Chambliss u. a. (Hg.), Ribosomes, Structure, Function, and Genetics, 1980,|S. 51–88 (mit J. A. Littlechild u. B. Wittmann-Liebold);
    A Tunnel in the Large Ribosomal Subunit Revealed by the Three-Dimensional Image Reconstruction, in: Science 236, 1987, S. 813–16 (mit A. Yonath u. K. R. Leonard);
    Crystallography and Image Reconstruction of Ribosomes, in: W. E. Hill u. a. (Hg.), The Ribosome, Structure, Function and Evolution, in: American Soc. for Microbiology, 1990, S. 598–616 (mit A. Yonath, W. Bennett u. S. Weinstein);
    Nachlaß: Archiv d. MPG, Berlin-Dahlem.

  • Literatur

    |C. Brandt, Metapher u. Experiment, Von d. Virusforsch. z. genet. Code, 2004, bes. Kap. 6;
    H.-J. Rheinberger, A Hist. of Protein Biosynthesis and Ribosome Research, in: K. H. Nierhaus u. D. N. Wilson (Hg.), Protein Synthesis and Ribosome Structure, Translating the Genome, 2004, S. 1–51;
    ders., H.-G. W., e. Pionier d. genet. Codes, in: Biospektrum 24, 2018, S. 754 f.;
    K. H. Nierhaus, Nobel Prize for the Elucidation of Ribosome Structure and Insight into the Translation Mechanism, in: Angew. Chemie Internat. Ed. English 48, 2009, S. 9225–28;
    ders., Ribosomenforsch. am MPI f. molekulare Genetik in Berlin-Dahlem, d. Ära W., in: M. Vingron (Hg.), Gene u. Menschen, 50 J. Forsch. am MPI f. molekulare Genetik, 2014, S. 50–59.

  • Porträts

    |Photogr., Abb. in: Wiss. Mitgl. d. MPG z. Förderung d. Wiss. im Bild, zus.gestellt v. E. Henning u. D. Ullmann unter Mitarb. v. M. Kazemi, 1998, S. 314;
    Photogr. (Archiv d. Leopoldina, Halle).

  • Autor/in

    Hans-Jörg Rheinberger
  • Zitierweise

    Rheinberger, Hans-Jörg, "Wittmann, Heinz-Günter" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 352-354 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142923.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA