Wilhelm, Theodor
- Lebensdaten
- 1906 – 2005
- Geburtsort
- Neckartenzlingen (Württemberg)
- Beruf/Funktion
- Pädagoge ; Erziehungswissenschaftler ; Kulturreferent
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
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- Oetinger, Friedrich (Pseudonym)
- Wilhelm, Theodor
- Oetinger, Friedrich (Pseudonym)
- oetinger, friedrich
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Wilhelm, Theodor (Pseudonym Friedrich Oetinger)
| Pädagoge, Erziehungswissenschaftler, Kulturreferent, * 16.5.1906 Neckartenzlingen (Württemberg), † 11.11.2005 Kiel. (evangelisch)
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Genealogie
V →Otto (1870–1954), aus Stuttgart, ev. Pfarrer in N., Päd., 1913 Prof. am Lehrerseminar in Esslingen, 1919 Mitgründer d. Volkshochschule ebd., S e. Buchbinders;
M Hanna (1875–1952), T d. →Emmerich Johannes Friedrich Härlin (1843–1935), ev. Pfarrer, Missionar in Indien, u. d. Anna Nast (1845–1935);
⚭ 1936 Liselotte Traun-Strecker (* 1909), T d. →Friedrich (Fritz) Traun (1876–1908), Leichtathlet, Tennisspieler (s. Tennis in Dtld., 2002), u. d. Friedel Preetorius (1884–1938, ⚭ 2] →Ludwig Strecker, 1883–1978, Dr. iur., Musikverl., Mitinh. d. Verl. B. Schott’s Söhne, Librettist, Dr. phil. h. c., Freiburg, Br. 1957, Gr. BVK mit Stern, s. Rhdb.), u. Adoptiv-T d. →Heinrich Traun (1838–1909), Fabr., Inh. d. Harburger Gummi-Kamm-Compagnie, Soz.pol., 1901–08 Senator in Hamburg (s. Hamburg. Biogr. VI);
1 S Rüdiger (* 1941), 2 T Julika (* 1938), Philine (* 1944);
Schwägerinnen →Käte (Katharina Maria) (1877–1973, ⚭ →Hans Otto Schaller, 1883–1917, Dr. phil., Kunsthist., Kunsthändler in Stuttgart), Malerin (s. ThB; Baden-Württ. Biogrr. V, 2013), Anna Elisabeth Härlin (* 1876, ⚭ →Eugen Wilhelm, 1874–1939, Reichsbankdir. in Frankfurt/M.), →Dorkas (Dorothea) (1885–1968, ⚭ →Eduard Reinacher, Ps. Alsaticus, Ludwig Gärtner, 1892–1968, Hörspielautor, Dichter, s. Killy; Baden-Württ. Biogrr. II, 1999), Keramikerin. -
Biographie
W. besuchte die ev.-theol. Seminare in Schöntal und Urach. Nach dem Abitur 1924 studierte er Deutsch, Geschichte und Englisch, u. a. in Tübingen, Heidelberg, München und Berlin, und engagierte sich in der Bündischen Jugend der Weimarer Republik („Reichsstand“ u. Dt. Freischar). 1927 wurde W. mit der geschichtswissenschaftlichen Arbeit „Die englische Verfassung und der vormärzliche deutsche Liberalismus“ (gedr. 1928) in Tübingen zum Dr. phil. promoviert. Die 1. Dienstprüfung für das Höhere Lehramt Württemberg legte er 1930 in Tübingen ab, die 2. 1931 in Stuttgart (Oberschule Cannstatt). Nun Studienassessor, ließ sich W. sofort ohne Gehalt beurlauben, um ein juristisches Zweitstudium aufzunehmen. Seine Promotion zum Dr. iur. aufgrund der Dissertation „Die Idee des Berufsbeamtentums, Ein Beitrag zur Staatslehre des deutschen Frühkonstitutionalismus“ (Tübingen, Juli 1933) öffnete ihm den Berufsweg in die internationale kulturpolitische Verständigungsarbeit, der bereits durch einen Aufenthalt an der Univ. Liverpool (England), ermöglicht durch ein Stipendium des DAAD 1928/29, angeregt worden war. W. wurde Referent und Leiter der Pädagogischen Abteilung beim DAAD in Berlin (Mitgl. d. SA 1934 u. d. NSDAP 1937, Mitgl.nr. 4833253).
Mit dieser Tätigkeit war seit 1935 die Schriftleitung der einflußreichen, von →Alfred Baeumler (1887–1968) herausgegebenen „Internationalen Zeitschrift für Erziehung“ (IZfE) verbunden.
In eigenen Artikeln für die IZfE und die Zeitschrift „Auswärtige Politik“ des Dt. Instituts für außenpolitische Forschung, Berlin, wirkte W. bis 1944 an der Propagierung völkisch-na|tionalsozialistischer Erziehungsvorstellungen mit. Er begrüßte die „antijüdische Säuberungspolitik“ als Erleichterung von der „Last der Verjudung“ und wertete sie als „bevölkerungspolitische Gesundungsmaßnahme ersten Ranges“. Nach eigenen Angaben Ende 1936 auf Verlangen der Auslandsorganisation der NSDAP entlassen, erhielt W. 1937 eine Dozentur an der Hochschule für Lehrerbildung in Oldenburg. Wenige Wochen nach dem Münchner Abkommen (29.9.1938) hielt W. einen Vortrag vor der Education Study Society der Univ. Nottingham (England). Bereits über die Amerikakunde →Eduard Baumgartens (1898–1982) sowie die Amerikaerfahrung seiner Frau hatte W. die pragmatische angloamerik. Philosophie und Lebensweise kennengelernt. 1939–45 leistete W. Kriegsdienst. 1946 wurde er Studienrat am Staatlichen Gymnasium Oldenburg und veröffentlichte eine sozialkundliche Quellensammlung für den schulischen Englischunterricht (Things one hears, 1949). 1951 wechselte er als Professor für Erziehungswissenschaft an die Pädagogische Hochschule Flensburg, habilitierte sich 1957 mit der Arbeit „Die Pädagogik Kerschensteiners, Vermächtnis und Verhängnis“ (gedr. 1957) an der Univ. Kiel und erhielt hier 1959 als Nachfolger von →Fritz Blättner (1891–1981) das Ordinariat für Pädagogik (em. 1972).
W.s Werke wurden zu prägenden Standardwerken der bundesdt. Erziehungswissenschaft. Unter Pseudonym veröffentlichte er 1951 die Streitschrift „Wendepunkt der politischen Erziehung“ (²1953 unter richtigem Namen, und u. d. T. „Partnerschaft“), in dessen Vorwort er fragte, was „wir von der Erziehung her tun“ können, „um uns vor neuen politischen Irrwegen zu bewahren?“. W. erfuhr für sein Konzept, das eine originäre, an den amerik. Pragmatismus anschließende Demokratiepädagogik enthält und den Versuch eines Neuanfangs in der politischen Bildung markiert, nicht nur Kritik aus der DDR, wo man ihm Anfang der 1960er Jahre seine „braune Vergangenheit“ vorwarf und in seinem Partnerschafts-Prinzip den Versuch sah, mit alten ideologischen Weggefährten weiterzuarbeiten und die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus zu entschuldigen.
Anschaulich und mitreißend formuliert sowie mit praktischen Anregungen für die pädagogische Tätigkeit gespickt (z. B. Zehn Gebote der Diskussionsführung), wurde das Buch in der Bundesrepublik dennoch ein Bestseller. Ein vielbeachtetes Kapitel zur Erziehung im Nationalsozialismus enthält auch W.s Lehrbuch „Pädagogik der Gegenwart“ (1959, ⁵1977), das er als seine „Beichte“ bezeichnete. Die „Theorie der Schule“ (1967, ²1969) entfaltet nach der politischen Bildung W.s zweites Lebensthema: eine Theorie des Lehrplans und der modernen Allgemeinbildung für eine wissenschaftliche Zivilisation. Nach seiner Emeritierung entstanden mit „Traktat über den Kompromiß“ (1973) und „Jenseits der Emanzipation“ (1975) Streitschriften zur Pädagogik der Neuen Linken, in deren dogmatischem Marxismus W. alte idealistische Abstraktionen wiedererkannte.
W. war von den großen Widersprüchen des 20. Jh. geprägt. Mit seiner über sein gesamtes Œuvre durchgehaltenen Entschleierung eines dt. Staatsidealismus und Kritik einer geisteswissenschaftlichen Bildungsmetaphysik forderte er sein Fach immer wieder produktiv heraus. Die ihm anläßlich des 9. Kongresses der Dt. Gesellschaft für Erziehungswissenschaft 1984 in Kiel angetragene Ehrenmitgliedschaft führte zu Diskussionen, so daß die Auszeichnung unter nicht vollständig geklärten Umständen nicht zugesprochen wurde und W. 1985 aus der Fachgesellschaft austrat. Zu seinen Schülern zählt u. a. →Hermann Giesecke (1932–2021).
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Auszeichnungen
|Mitgl. d. Reichsgruppe bünd. Jugend in d. Dt. Staatspartei (1930) u. d. Dt. Ges. f. Erziehungswiss. (1964–85).
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Werke
Weitere W German Education Today, 1936, chines. 1938;
Scholars or Soldiers? Aims and Results of „Nazi“ Education, in: Internat. Zs. f. Erziehung 8, 1939, S. 81–102;
Die kulturelle Kraft Europas im Kriege, ebd. 13, 1944, S. 1–14;
Wir sollen umerzogen werden, ebd., S. 135–37;
Kultur u. Kulturpol. 1941, in: Jb. f. Ausw. Pol. 8, 1941, S. 145–63;
Things One Hears, World News and Social Topics for Discussion in the Classroom, 1949;
Freiheit, d. ich meine, 1955;
Pol. Elementarlehre, in: Hdb. f. Lehrer, hg. v. A. Blumenthal u. a., Bd. 2, 1961, S. 376–96;
Der geschichtl. Ort d. dt. Jugendbewegung, in: W. Kindt (Hg.), Grundschrr. d. dt. Jugendbewegung, Bd. 1, 1963, S. 7–29;
Demokratie in d. Schule, 1970 (Hg.);
Pragmat. Päd., in: Th. Ellwein u. H. Groothoff u. a. (Hg.), Erziehungswiss. Hdb., Bd. 4, 1975, S. 147–204;
Staatsschulen, Staatsbeamte, Erlaubt d. System päd. Freiheit?, 1979;
Sittl. Erziehung durch pol. Bildung, über d. Lernbarkeit v. Moral, 1979;
Die Rede vom Partner, 1980;
Funktionswandel d. Schule, Das Fundament schul. Lernens im Za. wachsender Informationsdichte, 1984;
Aufbruch ins europ. Za., 1990;
– Autobiogr.: Selbstdarst., in: L. Pongratz (Hg.), Päd. in Selbstdarst., Bd. 2, 1976, S. 315–47 (P);
Verwandlungen im NS, Anmm. e. Betroffenen, in: Neue Slg. 29, 1989, S. 498–506;
Über meine Schuld, Interview, in: M. Kipp u. G. Miller-Kipp (Hg.), Erkundungen im Halbdunkel, 1995, S. 449–72;
– Nachlaß: DLA Marbach;
Landesbibl. Kiel;
HStA Stuttgart;
Niedersächs. Staats- u. Univ.bibl. Göttingen;
– Qu Archive d. Univ. Kiel u. Päd. Hochschule Flensburg (Personalakten, P). -
Literatur
|G. Hohendorf, Th. W. alias Friedrich Oetinger u. d. Restauration d. faschist. Päd. in Westdtld., in: Päd. (DDR), 1960, S. 1140–52;
V. Laitenberger, Akad. Austausch u. ausw. Kulturpol. 1923–1945, 1976;
Horizonte d. Erziehung, FS Th. W., hg. v. G. Groth, 1981;
ders., in: Päd. Rdsch. 2006, S. 223–33;
W. Keim, Pädagogen u. Päd. im NS, 1988;
T. Grammes, Auf d. Suche n. d. Fachdidaktik „Pol.“, Community, Gemeinschaft u. d. Rede vom Partner, in: R. Dithmar (Hg.), Schule u. Unterr.fächer im Dritten Reich, 1989, S. 259–74;
ders., Kooperation, Demokr. leben im soz. Nahraum b. Friedrich Oetinger, in: M. May u. J. Schattschneider (Hg.), Klassiker d. Pol.didaktik neu gelesen, 2011, S. 39–65;
ders., in: W. Sander u. P. Steinbach (Hg.), Pol. Bildung in Dtld., Profile, Personen, Institutionen, 2014, S. 60 f.;
E. Weiß, Päd. u. NS, Das Bsp. Kiel, 1997;
G. Hentges, Debatten um d. pol. Päd. bzw. Bildung vor u. n. 1945, Theodor Litt u. Th. W. (Ps. Friedrich Oetinger) als Beispiele, in: C. Butterwegge u. G. Hentges (Hg.), Alte u. Neue Rechte an d. Hochschulen, 1999, S. 159–76;
C. Berg, Kl. Gesch. d. Dt. Ges. f. Erziehungswiss., 2004, S. 27–35;
H. Giesecke, Demokr. als Denk- u. Lebensform, Ein Nachruf auf Th. W. (1906–2005), in: Das Gespräch aus d. Ferne 375, 2005, H. 4, S. 37 f.;
H.-E. Tenorth, in: B. Stambolis (Hg.), Jugendbewegt bewegt, 2013, S. 753–64;
K. Prange, in: Klinkhardt Lex. Erziehungswiss., hg. v. K.-P. Horn u. a., Bd. 3, 2012, S. 415;
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L). -
Autor/in
Tilman Grammes -
Zitierweise
Grammes, Tilman, "Wilhelm, Theodor (Pseudonym Friedrich Oetinger)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 168-170 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142874.html#ndbcontent