Lebensdaten
1800 – 1887
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Gemeindefunktionär ; Philanthrop
Konfession
jüdisch
Namensvarianten
  • Wertheimer, Joseph Ritter von
  • Wertheimer, Joseph
  • Wertheimer, Josef von (seit 1868)
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Zitierweise

Wertheimer, Josef von (seit 1868), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz140795.html [22.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Salomon W. (1758–1834), Bankier seit 1780 in W., S d. Joseph Wolf (1720–69), aus Hamburg, zuletzt in Mannheim (beide s. Einl.), u. d. Caroline (Schönle) Ul(l)mann;
    M Marianne (Mirjam) (1758–1836, 1] Moses Daniel, 1753–83, S d. Daniel Itzig, 1723–99, Bankier in Berlin, preuß. Hoffaktor, s. NDB X), aus Mannheim, T d. Süskind Oppenheim(er) (um 1732–1809), aus Hamburg, Kaufm., Geldeinnehmer, Gde.vorsteher in Königsberg (Preußen), u. d. Rahel N. N. (um 1734–90, 1] Mendel Joseph, um 1720–58, 2] Isaac David);
    Augsburg 1829 Henriette (1804–83), aus Augsburg, T d. Henle Ephraim Ullmann (Elchanan ben Ephraim Ulmo) (1750–1807), Bankier, Financier d. Reichsstadt Augsburg, u. d. Hanna (Hauna, Chana) Wertheimer ( 1811), aus München;
    kinderlos.

  • Biographie

    W. erhielt eine umfassende religiöse und säkulare Bildung durch Privatlehrer sowie die prot. orientierte Erziehungsanstalt von Friedrich August Wilhelm Krause in Wien-Leopoldstadt. Er war als Großhändler in Wien tätig. Seine Ehe blieb kinderlos, dennoch wurden die neuen Ansätze zur Pädagogik und Kindererziehung, die er auf Reisen nach Deutschland, Frankreich und v. a. Großbritannien kennenlernte, zu seinen Hauptinteressen.

    W. gründete 1830 die erste Kinderbewahranstalt in Wien, die zum Vorbild für weitere Gründungen wurde, u. a. für die erste isr. Kinderbewahranstalt (1843). Außerdem engagierte er sich für die Ideen der Verbürgerlichung und „Gesundung“ der Juden durch manuelle Arbeit und Landwirtschaft. Hierfür gründete er 1840 den „Verein zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten“. Seine Arbeit war aber v. a. auf die vollständige Emanzipation der Juden in Österreich ausgerichtet, die 1867 erreicht wurde. 1854–65 gab er das Organ „Kalender und Jahrbuch für Israeliten“ heraus und warb so publizistisch für seine Ideen. Als Präsident (1864–67) der 1852 offiziell anerkannten Kultusgemeinde zu Wien (IKG), in der er 1834–38 bereits Sekretär gewesen war, setzte er sich mit Isaak Noa Mannheimer (1793–1865) und Adolf (Aron) Jellinek (1821–93) für deren Modernisierung ein. Als ihr Vertreter reiste er 1869 auf die erste Synode zu Leipzig und 1871 auf die zweite Synode zu Augsburg, wo er mit führenden Rabbinern seiner Zeit über die Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten einer Reform des Judentums diskutierte, z. B. über die Einführung dt. Predigten, Synagogal-Musik (Chor u. Orgel) oder die Neufestlegung von Gebeten und ihren Inhalten. W. lehnte eine radikale Reform ab, blieb aber auch auf Distanz zur jüd. Orthodoxie. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst in der IKG Wien intensivierte er seine philanthropischen Aktivitäten. So nahm er 1872 als Vertreter der Juden Österreichs an der Konferenz von Brüssel teil und wurde dort zum Vorsitzenden des Exekutiv-Komitees für die mißhandelten Juden in Rumänien gewählt. Als Gründungsmitglied wirkte W. bis zu seinem Tod auch als Vorsitzender der 1873 gegründeten Israelitischen Allianz zu Wien (IAzW), die nach dem Modell der Pariser Alliance Israélite Universelle für den Schutz jüd. Rechte kämpfte. Internationale Vernetzung der jüd. Vereine hielt er für ebenso wichtig wie die Gewinnung der europ. Öffentlichkeit und warb intensiv für seine Vorstellung von Modernisierung, Integration und Emanzipation, was er als Beitrag zur Modernisierung Europas verstand.

    Mit Jellinek und Moritz Friedländer (1844–1919) konnte er Baron Maurice de Hirsch (1831–96) für die Gründung der „Baron Hirsch Stiftung“ (1888 / 1891) gewinnen, die die Errichtung eines Schul- und Ausbildungsnetzwerks in den östlichen Kronländern der k. u. k. Monarchie, Galizien und der Bukowina zum Ziel hatte. Damit wurde er bzw. die IAzW auch zu einem wichtigen Organisator der jüd. Massenemigration aus Osteuropa.

  • Auszeichnungen

    |Rr. d. Franz-Joseph-Ordens (1860).

  • Werke

    |Therese, Ein prakt. Hdb. f. d. Erziehung d. ersten Kindesalters, 1832;
    Die Juden in Oesterr., Vom Standpunkt d. Gesch., d. Rechts u. d. Staatsvortheils, 3 Bde., 1842;
    Die Stellung d. Juden in Österr., 1853;
    J. W.s Abschied, Bei d. Zurücklegung seines Ehrenamtes als Vertreter d. isr. Cultus-Gde. Wien’s u. als Präses d. Vorstandes ders., 1868;
    Eudocia, Hist. Drama in fünf Acten, 1879;
    Zur Emanzipation unserer Glaubensgenossen, 1882;
    Jüd. Lehre u. jüd. Leben mit bes. Beziehung auf d. Juden in Oesterr. u. auf d. Pflichten gegen Vaterland u. Mitmenschen, 1883;
    Gesinnungstüchtigkeit d. jüd. Stammes in humaner u. staatl. Beziehung u. dessen Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten d. menschl. Wissens u. Könnens, 1886.

  • Literatur

    |G. Wolf, J. W., Ein Lebens- u. Zeitbild, Btrr. z. Gesch. d. Juden Oesterr. in neuester Zeit, Mit Benützung archival. Qu., 1868;
    A. Jellinek, Rede z. Feier d. Goldenen Hochzeit d. Herrn u. d. Frau J. Rr. v. W., Samstag, d. 7. Juni 1879, 1879;
    ders., Gedenkrede auf Herrn J. Rr. v. W. am 25. März 1887 im isr. Bethause d. inneren Stadt Wien, 1887;
    A. S. Fischer, J. Rr. v. W., Begründer d. österr. Kinderbewahranstalt, Eine biogr. Skizze, 1879;
    M. Güdemann, Ansprache im Auftrage d. Vorstandes d. isr. Allianz zu Wien gehalten an d. Bahre d. sel. Herrn Präs. J. Rr. v. W. am 18. März 1887, 1887;
    Ben Asai, Das Vermächtnis e. ehem. Präs. d. Wiener isr. Kultusgde., 2 T., in: Wiener Jüd. Volksstimme v. 1. 8. 1912, S. 1 f. u. 8. 8. 1912, S. 2 f.;
    ÖBL;
    Qu Central Archive for the Hist. of the Jewish People, A/ W Vienna Community 3129,1 J. Rr. v. W.

  • Porträts

    |Lith., Abb. in: Menora 1926, H. 3.

  • Autor/in

    Björn Siegel
  • Zitierweise

    Siegel, Björn, "Wertheimer, Josef von" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 861-862 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz140795.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA