Lebensdaten
1793 bis 1865
Geburtsort
Kopenhagen
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Rabbiner ; jüdischer Theologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 126905142 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mannheimer, Isak Noa
  • Mannheimer, Isaak Noah
  • Mannheimer, Isak Noa
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Zitierweise

Mannheimer, Isaak Noah, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd126905142.html [21.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Kaufm., Vorbeter in K., über Mannheim aus Ungarn eingewandert;
    M N. N.;
    Hamburg 1824 Lisette Damier.

  • Leben

    M., der in seiner Jugend die Emanzipation der Juden in Dänemark miterlebte, besuchte eine jüd. Schule und das Gymnasium in Kopenhagen. Seit 1814 studierte er hier Philosophie und Philologie, ohne das Studium des Talmud zu vernachlässigen. Seit 1816 erteilte er jüd. Religionsunterricht, ein Jahr später begann er eine wöchentliche Vortragsreihe vor Anhängern des Reformjudentums. Da die Differenzen mit der orthodoxen Mehrheit der Gemeinde zunahmen, bemühte sich M. 1821 in Deutschland um ein neues Betätigungsfeld. In Berlin, wo er mit Leopold Zunz (1794–1886) Freundschaft schloß, lernte er den Kreis um die „Wissenschaft des Judentums“ kennen, in Hamburg die dortige Reformbewegung, die sich nicht scheute, prot. Kultformen zu übernehmen. Zeitlebens blieb er mit den Trägern der Reformbewegung – neben Leopold Zunz auch Ed. Gans (1796–1839), Moses Moser (1796–1838), Ed. Kley (1789–1867), später Mich. Sachs (1808–64) – in freundschaftlichem Kontakt.

    Ende 1824 wurde M. auf Vermittlung des Juweliers Michael Lazar Biedermann (1769–1843), des Seidenhändlers Isaak Löw Hofmann (seit 1835 Edler v. Hofmannsthal, 1849) und Salomon Rothschilds Direktor der israelit. Religionsschule in Wien. In Wirklichkeit versah er das Amt eines Rabbiners und Predigers, ein Amt, das es nach dem geltenden Toleranzpatent vom 2.1.1782 in Wien offiziell nicht gab. Als Kantor wurde Salomon Sulzer (1804–90), ein Freund Schuberts, angestellt. M.s Amtsantritt fiel zusammen mit dem Beginn der Neuorganisation der damals ca. 600 Mitglieder zählenden Wiener Kultusgemeinde (offiziell konnte sie jedoch erst 1852 gegründet werden); äußeres Zeichen war die Einweihung des Stadttempels an der Seitenstettengasse am 9.4.1826. M. führte in Österreich die deutsche Predigt in der Synagoge ein, während Hebräisch weiterhin die Kultsprache blieb. Seine rhetorische Begabung machte ihn bald zu einem der berühmtesten jüd. Kanzelredner seiner Zeit. Vielen Rabbinern dienten seine – zum Großteil im Druck erschienenen – Predigten, die sich durch eine verständliche Sprache und eine gemütvolle Darstellung auszeichnen, als Vorbild, so auch Adolf Jellinek (1820–93), seit 1856 zweiter Prediger der Wiener Gemeinde und seit 1865 M.s Nachfolger. M. verfolgte einen gemäßigten Reformkurs: Der Verzicht auf überholt erscheinende Kultformen sollte die wesentlichen Glaubensinhalte nur noch deutlicher werden lassen. Die Beschneidung wurde nicht in Frage gestellt. Seine Gottesdienstordnung, die nach M. benannt oder als „Wiener Ritus“ bzw. „Wiener Minhag“ bezeichnet wurde, fand Nachahmung in der ganzen Donaumonarchie. Die konservativen Gemeindemitglieder mieden allerdings den Stadttempel und besuchten lieber die „Schul“ im Lazenhof, wo Lazar Horwitz (1803–68) als Rabbiner wirkte. M. führte das Geburts-, Heirats- und Sterberegister in der Gemeinde ein und setzte sich für eine Reform der religiösen Erziehung ein. Unter seiner Ägide entstand eine Reihe von karitativen und kulturellen Einrichtungen und Vereinen: 1839 der Waisenhausverein, 1843 die Kinderbewahranstalt, 1846 der Krankenunterstützungsverein. Große Verdienste erwarb sich M. durch seinen Einsatz für die Rechte der Juden. Zusammen mit 24 österr. Rabbinern erreichte er die Abschaffung des diskriminierenden Judeneids. 1842 vereitelte er den Plan von Prof. Anton v. Rosas, die Zahl der jüd. Medizinstudenten zu begrenzen. Am 31.3.1848 veröffentlichte er eine Deklaration zur Judenfrage und legte der Regierung einen entspr. Gesetzentwurf vor. Im selben Jahr entsandte ihn die Stadt Brody in den Reichstag. Hier erreichte er zusammen mit Adolf Fischhof (1816–93) und dem Rabbiner Dov Ber Meisels (1798–1870) die Abschaffung der Judensteuer.

    Aufsehen erregte die ökumenische Beisetzung von fünf Opfern der Revolution – darunter zwei Juden – im März 1848 auf dem Schmelzer Friedhof. M., der die Einsegnung der Toten zusammen mit dem kath. Universitätsgeistlichen Anton Füster und dem prot. Superintendenten Josef Pauer vornahm, forderte in seiner Ansprache zum überkonfessionellen Brückenschlag auf, zum Zusammenleben von Christen und Juden „frei und ohne Unterschied“.

  • Werke

    u. a. Gottesdienstl. Vorträge, gehalten im Monat Tischri 5594, 1834;
    Gottesdienstl. Vorträge üb. d. Wochenabschnitte d. Jahres, 1834 (üb. Genesis u. Exodus, hebräisch v. E. Kuttner, 1865);
    Gottesdienstl. Vorträge, aus d. Nachlaß hrsg. v. B. Hammerschlag, 1876;
    Gutachten f. d. Gebetbuch d. Hamburger Tempels, 1841;
    Gutachten gegen d. Reformpartei in Frankfurt am Main in Angelegenheit d. Beschneidungsfrage, 1843;
    Grabrede v. 17.3.1848 (Flugbl., abgedr. in: 1000 J. österr. Judentum, hrsg. v. K. Lohrmann, 1982, S. 349 f.).

  • Literatur

    ADB 20;
    A. Jellinek, Ich schlafe, mein Herz aber ist wach, Festrede z. Erinnerung an d. verewigten Prediger I. N. M., 1865;
    Gerson Wolf, I. N. M., 1863;
    ders., Gesch. d. Juden in Wien (1156–1876), 1876;
    L. Geiger, in: Allg. Ztg. d. Judentums 59, 1895, S. 271-73;
    M. Rosenmann, ebd. 86, 1922, S. 30 f.;
    ders., I. N. M., Sein Leben u. Wirken, 1910 u. 1922 (P);
    I. Gastfreund, Die Wiener Rabbiner seit d. ältesten Zeiten bis auf d. Gegenwart, 1879;
    M. Steiner, Sal. Sulzer u. d. Wiener Judengemeinde, 1904;
    S. Husserl, Gründungsgesch. d. Stadt-Tempels, 1906;
    M. Grunwald, Gesch. d. Wiener Juden bis zum J. 1914, 1926;
    ders., Vienna, 1936;
    M. Wiener, Jüd. Religion im Za. d. Emanzipation, 1933;
    G. Weil, in: Journal of Jewish Studies 8, 1957, S. 91-101;
    H. Gold, Gesch. d. Juden in Wien, 1966 (P);
    A. Willman, Famous Rabbis of Vienna, in: J. Fraenkel, The Jews of Austria, 1967, S. 319-26;
    Der Wiener Stadttempel 1826-1976, hrsg. v. Kurt Schubert, 1978 (mit Btrr. v. J. Allerhand, W. Häusler u. a., P);
    1000 J. österr. Judentum, hrsg. f. K. Lohrmann, 1982 (mit Btrr. v. N. Vielmetti, Anton Pick u. a., P);
    Wurzbach 16;
    Enc. Jud. XI, 1971 (P).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Mannheimer, Isaak Noah" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 70-71 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd126905142.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mannheimer: Isak Noa M., jüdischer Theologe und Kanzelredner, geb. am 17. October 1793 in Kopenhagen, am 18. März 1865 in Wien. M., Sohn eines jüdischen Vorbeters, erhielt bereits in seinem vierten Lebensjahre Elementarunterricht. Sein Talent entwickelte sich frühzeitig, so daß er, noch im Knabenalter stehend, schon in das Studium des Talmud's eingeführt werden konnte. Nachdem er in einem Lehrinstitute eine umfassende Vorbildung erlangt hatte, besuchte er seit 1808 das Gymnasium (Kathederschule) und von 1814 an die Universität zu Kopenhagen, an der er mit besonderer Vorliebe das Studium der altklassischen Litteratur und der theologischen Schriftexegese betrieb, währenddem er gleichzeitig mit der rabbinischen Wissenschaft sich bekannt machte. Als mit der Emancipation der Juden in Dänemark (1814) es ihnen zur Pflicht gemacht wurde, für einen katechetischen Religionsunterricht der Jugend zu sorgen, wurde (1816) M. die Leitung und Ertheilung desselben übertragen. Eine Rede, die er bei der ersten öffentlichen Confirmation (1817) hielt, machte einen mächtigen Eindruck und er hielt von nun an in den allwöchentlich am Mittwoch stattfindenden Andachtsstunden religiöse Vorträge in dänischer Sprache, von welchen ein Theil veröffentlicht wurde (1819). Die zerrütteten Verhältnisse der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen machten jedoch M. seine Stellung unbehaglich, so daß er sich genöthigt sah, nach einem anderen Wirkungskreise auszuschauen. Einen mehrmonatlichen Urlaub, den er erhalten, benutzte er zu einer Reise nach Deutschland und zwar zunächst nach Berlin (1821), wo er in kurzer Zeit die Kenntniß der deutschen Sprache sich aneignete und in derselben Predigten hielt, die ihm begeisterte Verehrer gewannen. In demselben Jahre predigte er in dem jüdischen Bethause in Wien mit außerordentlichem Erfolge und betheiligte sich während seiner mehrwöchentlichen Anwesenheit daselbst an den Vorarbeiten für die Organisation der noch im Werden begriffen gewesenen dortigen jüdischen Kultusgemeinde. Inzwischen war seine Urlaubszeit abgelaufen und er kehrte wieder nach Kopenhagen zurück, um aber nicht lange hernach die durch Zunz's Rücktritt vacant gewordene Predigerstelle in Berlin anzunehmen. Da wurde (1823) von der preußischen Regierung den Juden die Abhaltung deutscher Andachtsübungen und Predigten untersagt und M. wurde stellenlos. Er hielt sich nun einige Zeit in Hamburg und nachher in Leipzig auf und hielt in letzterer Stadt während der Meßzeit Predigten, durch die er sich einen klangvollen Namen erwarb. Im J. 1824 erfolgte, zunächst unter dem Titel und in der officiellen Function eines Religionslehrers, seine Berufung als Prediger der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode verblieb, M. wurde die Seele seiner Gemeinde, der Schöpfer ihrer gottesdienstlichen Institutionen und inneren Einrichtungen, der Begründer und Leiter vieler wohlthätiger Anstalten und verband mit seiner pflichtvollen und vielumsassenden beruflichen Thätigkeit die ausgedehnteste Fürsorge für Nothleidende aller Art, denen er mit fast väterlicher Theilnahme und durch unermüdliche persönliche Verwendung Hilfe zu verschassen suchte. Seine Wirksamkeit als Kanzelredner ist für das Judenthum geradezu als eine epochale zu bezeichnen. Er führte in Oesterreich zuerst das deutsche Wort in die Synagoge ein, das zur Zeit, als M. nach Wien kam, überhaupt noch selten in einem jüdischen Gotteshause gehört worden war, und entwickelte schon in den ersten Reden, in denen er erst selbst seine Fähigkeit erproben mußte, eine Meisterschaft, die dieselben noch heute als classische Muster auf dem Gebiete der synagogalen Homiletik erscheinen lassen. In dem überströmenden und doch ruhig dahinfließenden Wortreichthum seiner gemüthvollen Predigten vernimmt man das Rauschen mächtig gehobener Begeisterung, die aus dem Quell einer von gewaltiger Empfindung ergriffenen Seele in das Herz seiner Zuhörer sich ergießen will. Sie sind planvoll durchdacht, sorgfältig ausgearbeitet und zugleich auch lebendig durchfühlt, wie aus der prophetischen Eingebung des Moments hervorgegangen. Das Geheimniß ihres Zaubers lag nicht zum geringsten Theile in Mannheimer's Persönlichkeit, sowol in seinem geadelten geistigen Wesen, das man selbst aus dem gelesenen Worte noch herausfühlt, als in seiner würdevollen, seelisch umhauchten Erscheinung. M. war eine edle Natur und ein purer Charakter, ein geradsinniger, offenherziger Mensch, eine festgefügte Persönlichkeit mit männlich starkem Geiste und kindlich lauterem Herzen. Er war durch sein ganzes imponirendes und dabei äußerst sympathisches Wesen, in welchem mit einem glühenden unbeugsamen Wahrheitssinne eine tiefempfundene, seelenvolle Glaubensinnigkeit und mit einem von heiligem Eifer für die innere Läuterung und Kräftigung der Religion getragenen|Freimuthe eine dem tiefsten Zartgefühl und der feinsten poetischen Anempfindung entstammende Pietät für das Sinnige des ererbten Herkommens harmonisch sich vereinten, zum Volkserzieher wie geschaffen. Diese seine hervorragenden persönlichen Eigenschaften, verbunden mit einer natürlichen oratorischen Begabung und mit geschmackvoller Auffassung des Schriftwortes und der religiösen Moral, machten ihn zu einem Prediger, der in seiner Art unerreicht dasteht. Seine Predigten, die zumeist das Gebiet der praktischen Moral und die verschiedenen Charaktere und Anschauungen der Menschen behandeln, die M. mit eindringendem psychologischem Scharfblick zu erfassen weiß, zeichnen sich formell durch ungesuchte und doch gewählte, volksthümlich klare und dabei doch schwungvoll gehobene Sprache, durch Reichthum, Kraft und lieblichen Wohlklang des Ausdrucks, durch künstlerisch vollendeten Aufbau und anziehenden Bilderschmuck aus. Seiner idealen Anschauung gemäß plaidirte M. als Mitglied des im J. 1848 constituirten österreichischen Reichstags in energischer Weise für die Abschaffung der Todesstrafe. In den die Neugestaltung des synagogalen Kultus betreffenden Fragen, die seit der Emancipationsperiode an der Tagesordnung waren, nahm M., der eine Spaltung befürchtete und sich von einer solchen nichts Gutes versprach, einen vermittelnden, der oft zu weit vordringenden Reformbewegung gegenüber, deren Ziele damals auch ihren kundigsten Führern nicht klar vor Augen lagen, sogar einen theoretisch conservativen Standpunkt ein, ohne aber eine Richtung letzterer Art selbst vertreten zu wollen. Von Mannheimer's litterarischen Leistungen sind besonders die größeren Predigtsammlungen hervorzuheben: „Gottesdienstliche Vorträge, gehalten im Monat Tischri“ (Wien 1834); „Gottesdienstliche Vorträge für die Wochenabschnitte des Jahres“, 1. (einz.) Band (Wien 1835). Zwei Hefte unter diesem Titel wurden aus Mannheimer's litterarischem Nachlasse von S. Hammerschlag veröffentlicht (Wien 1877).

    • Literatur

      G. Wolf, Isak Noa Mannheimer, Wien 1863; Ders., Gesch. d. Juden in Wien. 1876, S. 131 ff.; Ders., Zwei interessante Briefe Mannheimer's in Grätz's Monatsschrift f. Geschichte u. Wissenschaft d. Judenthums, 1871, S. 276 ff.; Kayserling, Bibliothek jüdischer Kanzelredner, Berlin 1870, I. S. 285—328; Wurzbach, Biographisches Lexikon, Thl. 16, S. 386—391.

  • Autor/in

    Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Mannheimer, Isaak Noah" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 205-207 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd126905142.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA