Lebensdaten
1939 – 1998
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Namensvarianten
  • Wagner, Falk Oskar Paul Alfred
  • Wagner, Falk
  • Wagner, Falk Oskar Paul Alfred

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Zitierweise

Wagner, Falk, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz138219.html [01.03.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Robert (1908–72), kaufmänn. Geschäftsführer;
    M Friedel Gerke (1905–99);
    1) 1968 Inamaria Winnefeld (* 1941), 2) 1998 Dagmar Rauca (* 1962);
    2 T aus 1) Christiane (* 1975), Katharina (* 1978).

  • Biographie

    W. stammte aus einem nationalsozialistisch geprägten bürgerlichen Elternhaus und war in seiner Jugend führendes Mitglied der antiliberalen, biblizistisch-wertkonservativen, politisch radikal nationalistischen „Heliand“-Pfadfinderschaft. Nach dem Abitur an der Oranienschule in Wiesbaden studierte er seit 1960 / 61 und 1964–68 Philosophie und Soziologie in Frankfurt/M. bei Wolfgang Cramer (1901–74), Bruno Liebrucks (1911–86) und Theodor W. Adorno (1903–69). 1961–64 absolvierte er ein Studium der Ev. Theologie in|Mainz, v. a. bei dem Alttestamentler Hans Walter Wolff (1911–93), dem Neutestamentler Herbert Braun (1903–91) und dem Systematischen Theologen Wolfhart Pannenberg (1928–2014). Mit seinem Freund Peter Reisinger (1936–2018) erarbeitete er sich die zentralen Texte der ev. Theologie und der klassischen dt. Philosophie von Kant bis Bruno Bauer, Feuerbach, Marx und Nietzsche. W. war 1968 / 69 wiss. Mitarbeiter in der Studienstelle der Ev. Wirtschaftsgilde, Karlsruhe, 1969–72 am Dt. Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/M. 1969 wurde er mit „Der Gedanke der Persönlichkeit Gottes bei Fichte und Hegel“ (gedr. 1971) bei Pannenberg in München zum Dr. theol. promoviert. 1971/72 habilitierte er sich hier mit einer „kritischen Interpretation“ von „Schleiermachers Dialektik“ (gedr. 1974). In seiner Münchner Zeit als Privatdozent, Wiss. Rat und später Professor für Systematische Theologie (Dekan 1982/83 u. 1987/88) wurde er zu einem gesuchten Gesprächspartner für jüngere Systematiker wie Jan Rohls (* 1949), Gunther Wenz (* 1949), Manuel Zelger (* 1954) und den Theologen, Schleiermacherforscher und Künstler Thomas Lehnerer (1955–95). Seit 1988 lehrte W. an der Univ. Wien (Inst.vorstand u. Dekan 1994–96).

    Mit dem im Vergleich zu ihm theologiepolitisch behutsameren Trutz Rendtorff (1931–2016) entwickelte W. eine grundsätzliche Kritik der Theologie Karl Barths (1886–1968), dessen „Kirchliche Dogmatik“ er von totalitären Denkformen geprägt sah. Sein oft aggressiver Kampf gegen alle bloß „positionelle Theologie“, d. h. eine Theologie, die nur die religiöse oder politisch-moralische Subjektivität ihres Autors widerspiegele, provozierte viel Gegnerschaft. Mit seinen intensiven Versuchen, in Orientierung an Hegels „Wissenschaft der Logik“ eine Theorie des „an sich selbst gedachten“, also begrifflich voraussetzungslosen und in reiner kategorialer Prozeduralität sich manifestierenden „Absoluten“ zu entfalten, blieb er im Fach ein oft nicht verstandener, aber respektierter Außenseiter. Doch mit der gedanklichen Figur eines Absoluten, das sich in seiner trinitarischen Selbstunterscheidung nicht nur als jener „Geist“ erweist, der im „Anderen seiner selbst“ expliziert wird, sondern sich in radikaler Selbstnegation in das Andere seiner selbst entäußert, gelang es W., ungleich prägnanter als jedem anderen Theologen des 20. Jh., Grundeinsichten Hegels in der prot. Theologie geltend zu machen. Im Rahmen der Auseinandersetzungen über ein mögliches „Eigenrecht des Individuums“, das in einer spekulativen Theorie des Absoluten zu verschwinden drohe, nahm W. in den letzten Münchner Monaten seine kritische Deutung des religiösen Bewußtseins als eines nur vorstellenden, darin das Absolute immer schon verfehlenden Bewußtseins zurück und sah in „gelebter Religion“ einen Vollzugsort begrifflich nicht einholbarer exemplarischer Individualität. Beeindruckt von Niklas Luhmanns (1927–98) These von der Privatisierung religiösen Entscheidens in der Moderne und Günther Dux‘ (* 1933) „historisch-genetischer Theorie“ erkundete er die sozialstrukturellen Bedingungen religiöser Kommunikation. Dies führte zur Radikalisierung seiner Kritik einer „Theologentheologie“, die in vermeintlich dogmatischen Sprachspielen weder einer gottbezogen frommen Individualität noch der faktischen Pluralität im kirchlichen Protestantismus gerecht werden könne. W. setzte dem eine Theologie der Anerkennungsverhältnisse entgegen, in der Gott, das zu begreifende Absolute, nur mehr prädikativ, als Vollzug wechselseitiger kommunikativer Bereicherung gedacht wurde.

    Schwer erkrankt, schied W., der für das grundlegende Freiheitsrecht auch des Christen auf selbstbestimmten Tod eingetreten war, durch Suizid aus dem Leben. Eine „Schule“ im engeren Sinne begründete er, auch wegen seiner Kritik „positioneller Theologie“, bewußt nicht. Aber wo immer die unhintergehbare Bezogenheit der zeitgenössischen prot. Theologie auf modernitätsspezifische philosophische Theorien von Autonomie und freier Subjektivität erkannt wird, ist W. als junger Klassiker der Analyse dieser Problem- und Vermittlungszusammenhänge diskursiv präsent, besonders in Halle/Saale, München und Wien.

  • Auszeichnungen

    |Vorstandsmitgl. d. Ges. f. Christl.-Jüd. Zus.arb. München (1979–88).

  • Werke

    |u. a. Die Flucht in d. Begriff, Materialien zu Hegels Rel.philos., 1982 (Mithg.);
    Geld oder Gott? Zur Geldbestimmtheit d. kulturellen u. rel. Lebenswelt, 1985;
    Was ist Rel.? Stud. zu ihrem Begriff u. Thema in Gesch. u. Gegenwart, 1986, ²1991;
    Zur gegenwärtigen Lage d. Protestantismus, 1995, ²1995;
    Rel. u. Gottesgedanke, Phil.-theol. Btrr. z. Kritik u. Begründung d. Rel., 1996;
    Selbstzeugnis, in: Ch. Henning u. K. Lehmkühler (Hg.), Systemat. Theol. d. Gegenwart in Selbstdarst., 1998, S. 276–99;
    Christentum in der Moderne, Ausgew. Aufss., hg. v. J. Dierken u. Ch. Polke, 2014;
    Zur Revolutionierung d. Gottesgedankens, Texte zu e. modernen phil. Theol., Aus d. Nachlass ed. v. Ch. Danz u. M. Murrmann-Kahl, 2014;
    Bibliogr.: M. Murrmann-Kahl, in: Ch. Danz u. a. (Hg.), Rel. zw. Rechtfertigung u. Kritik, 2005, S. 203–23.

  • Literatur

    |U. Barth, Von d. spekulativen Theol. z. soziol. Rel.begriff, Versuch e. Annäherung an d. Denken F.|W.s, in: Wiener Jb. f. Theol. 3, 2000, S. 233–68;
    K. Drilo, Kritik d. rel. Bewusstseins, F. W.s theol. Interpretation v. Hegels „Wiss. d. Logik“, in: Ch. Asmuth u. ders. (Hg.), Der Eine oder der Andere, „Gott“ in d. klass. dt. Philos. u. im Denken d. Gegenwart, 2010, S. 141–55;
    K. Mette, Selbstbestimmung u. Abhängigkeit, Stud. zu Genese, Gehalt u. Systematik d. bewusstseins- u. kulturtheoret. Dimensionen v. F. W.s Rel.theorie im Frühwerk, 2013 (W, S. 258–96);
    Ch. Danz u. M. Murrmann-Kahl (Hg.), Spekulative Theol. u. gelebte Rel., F. W. u. d. Diskurse d. Moderne, 2015;
    Kosch, Lit.-Lex.³;
    RGG⁴;
    BBKL 22 (W, L).

  • Autor/in

    Friedrich Wilhelm Graf
  • Zitierweise

    Graf, Friedrich Wilhelm, "Wagner, Falk" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 229-231 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz138219.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA