Lebensdaten
erwähnt 14. – 18. Jahrhundert
Beruf/Funktion
schwäbische Patrizier ; Kaufmannsfamilie
Konfession
-
Namensvarianten
  • Vöhlin von Ungerhausen
  • Vöhlin von Frickenhausen
  • Vöhlin
  • mehr

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Zitierweise

Vöhlin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz136948.html [25.07.2024].

CC0

  • Biographie

    Die möglicherweise aus St. Gallen stammenden und seit 1340 in Memmingen nachweisbaren V. stiegen im 15. Jh. zu einer der wirtschaftlich und politisch führenden Familien der schwäb. Reichsstadt auf. Bereits Ende des 14. Jh. wird eine Teilung in zwei Familienzweige faßbar, die allerdings weiterhin geschäftlich zusammenarbeiteten. Durch ein über Generationen hinweg gesponnenes Heiratsnetz waren die V. mit prominenten oberschwäb. Patrizier- und Kaufmannsfamilien (Imhof, Haintzel, Honold, Schad, Besserer, Lauginger) verbunden.

    Während aus dem späten 14. Jh. nur vereinzelte Nachrichten über Handelsaktivitäten vorliegen, verdichten sich für Hans (I.) ( 1463) die Belege für Fernhandel: 1417 / 18 kaufte er Baumwolle in Venedig , und seit den 1420er Jahren besuchte er regelmäßig die Frankfurter Messen. Spätestens 1440 stand er an der Spitze einer eigenen Handelsgesellschaft, die Mitte der 1450er Jahre enge Geschäftskontakte nach Wien hatte. Nach Hans’ Tod ging die Firmenleitung an dessen Vetter Erhard (I.) ( 1484) über; dieser vergab Kredite an schwäb. Adelige und pflegte enge Beziehungen zu kirchlichen Institutionen und Klerikern wie dem Präzeptor der Memminger Antoniter, Petrus Mitte (um 1416–79). Unter Erhard intensivierten sich in den 1460er Jahren auch die Geschäfte mit Tirol, wo die Gesellschaft Silber bezog. Spätestens nach seinem Tod übernahm Hans (II.) (1423–96), ein Sohn Hans’ (I.), die alleinige Firmenleitung.

    Bis Mitte der 1490er Jahre baute die Firma ein große Teile Europas umspannendes Handelsnetzwerk auf, über das ein breites Spektrum an Waren – Gewürze, Textilien, Metalle, | Felle, Lederwaren – vertrieben sowie Wechsel- und Kreditgeschäfte getätigt wurden. Feste Niederlassungen bestanden in Ulm , Nürnberg , Köln , Antwerpen und Venedig . Die Vöhlin-Gesellschaft überwies Gelder an die Kurie in Rom , belieferte die Münzen von Mailand und Bern mit Tiroler Silber und übernahm 1491 den Vertrieb der Tuchproduktion der Stadt Freiburg (Uechtland) . Über Nürnberg wurden Beziehungen nach Böhmen und Sachsen, über die Schweiz Verbindungen nach Lyon aufgebaut.

    In Memmingen gaben die V. bis 1490 mindestens 8000 fl. für religiöse und karitative Stiftungen aus: Bedeutsam waren das Sakramentshäuschen für die Frauenkirche (1463), die Prädikaturstiftung auf den Altar der sog. Vöhlinkapelle in der Pfarrkirche St. Martin (1479), Orgelstiftungen für die beiden Pfarrkirchen sowie ein Haus für fünf bis sechs Schwestern, das sog. „Vöhlinklösterle“ (1496).

    Sowohl Hans (I.) als auch seine Söhne Hans (II.) und Erhard (II.) ( 1484 / 85) bekleideten hohe städtische Ämter; 1442–98 amtierten Familienmitglieder 21mal als Bürgermeister und zehnmal als Stadtammann von Memmingen . Darüber hinaus übernahm Hans (II.) diverse städtische Gesandtschften.

    Die Heirat 1479 zwischen Hans’ Tochter Katharina und dem Augsburger Patrizier Anton Welser (1451–1518) markiert eine Zäsur in der Geschichte der Handelsgesellschaft: Welser zog nach Memmingen und trat in das Unternehmen seines Schwiegervaters ein, wo er in der Folgezeit Leitungsaufgaben übernahm. Daß die beiden Familien eine längerfristige strategische Kooperation verfolgten, zeigen die Eheschließung zwischen Hans’ Sohn Konrad ( 1511) und Anton Welsers SchwesterBarbara 1487 / 88 sowie der Eintritt weiterer Personen aus der Welser-Familie und deren Umfeld in die Vöhlin-Gesellschaft. Bei Hans’ Tod waren somit die Weichen für eine Formalisierung dieser Kooperation gestellt: Das seit Sept. 1496 belegte Handelshaus „Anton Welser, Konrad Vöhlin und Mitverwandte“ stand in einer personellen und organisatorischen Kontinuität zur Memminger Vöhlin-Gesellschaft.

    Kurz nach der Gründung dieses Unternehmens zog Anton Welser in seine Geburtsstadt Augsburg zurück. Obwohl Memmingen zunächst als zweite Firmenzentrale beibehalten wurde, verlagerte sich der geschäftliche Schwerpunkt damit in die Lechmetropole, wo die Mehrzahl der Teilhaber ansässig war. Unterdessen konzentrierte sich Konrad stärker auf seine politischen Ämter: Er gehörte seit 1497 dem Memminger Rat an und wurde seit 1502 fünfmal zum Bürgermeister gewählt. Nach seinem Tod 1511 hieß die Gesellschaft nur noch „Anton Welser und Mitverwandte“.

    Dennoch spielten die Nachkommen Konrads, die sich nach einem 1503 von diesem erworbenen Landgut „V. v. Ungerhausen “ nannten, in der Welser-Gesellschaft weiterhin eine Rolle. Hans (III.) (1488–1556) ist 1505 in deren Diensten in Lyon belegt und leitete 1507 / 08 mit dem Florentiner Domenico Naldini eine Einkaufsgesellschaft für Safran und Pastell in Toulouse , die maßgeblich von Florentiner Kaufmannsbankiers (Salviati, Lanfredini) und der Welser-Gesellschaft finanziert wurde. 1510 war er für die Welser in Saragossa tätig. Er gehörte seit 1517 dem Memminger Rat an, siedelte jedoch 1526 nach Augsburg über, wo er 1538 ins Patriziat aufgenommen wurde. Seit 1530 ist er als Teilhaber der mittlerweile von seinem Vetter geleiteten Gesellschaft „Bartholomäus Welser & Mitverwandte“ belegt. Sein gleichnamiger Sohn Hans (IV.) ( 1562) arbeitete für die Welser in Spanien und gehörte später ebenfalls zum Kreis der Teilhaber. Ende der 1540er Jahre traten die beiden Hans aus der Welser-Gesellschaft aus: 1549 sind erstmals „Hans Vöhlin d. Ä. und Mitverwandte“ belegt. 1552-56 tätigten sie Wechsel- und Kreditgeschäfte auf dem Augsburger Kapitalmarkt.

    Um 1570 führten zwei jüngere Söhne Hans’ (III.), Konrad ( 1595) und Paul ( 1579), eine Handelsgesellschaft, die mit engl. Kaufleuten in Hamburg Geschäfte machte und Kontakte nach Danzig und Venedig unterhielt. Konrad gehörte seit 1558 dem Kleinen Rat der Reichsstadt Augsburg an und wurde 1561 zu einem der sechs Bürgermeister gewählt, legte aber bereits zwei Jahre später sein Amt nieder und zog auf das Gut Ungerhausen . Die folgende Generation spielte im politischen und wirtschaftlichen Leben Augsburgs keine Rolle mehr und mußte ihren Grundbesitz veräußern: Nachdem das 1546 erworbene Gottenau bereits 1584 an die Fugger gegangen war, wurde Ungerhausen 1594 an das Kloster Ottobeuren verkauft.

    Während die V. v. Ungerhausen ihren Lebensmittelpunkt vorwiegend im städtischen Raum hatten, vollzogen die Nachkommen Erhards (I.) den Übergang in den Landadel. Den Grundstein dafür legte Erhard mit dem Erwerb der Dörfer Frickenhausen (1460) – nach dem sich dieser Familienzweig „V. v. Frickenhausen“ nannte – und Vöhringen (1462).

    Während letzteres 1484 von den Grafen v.|Kirchberg zurückgekauft wurde, erfolgte eine planmäßige Arrondierung der Besitzungen um Frickenhausen . Erhard (III.) (1487–1557) erlangte 1512 für ein Darlehen an Pfalzgf. Friedrich von Neuburg pfandweise die Pflege Gundelfingen (bis 1536) und erwarb 1517 die Blutgerichtsbarkeit zu Frickenhausen . Zwar verkaufte er den Ort drei Jahre später an die Stadt Memmingen , erwarb jedoch im selben Jahr die reichsfreie Herrschaft Illertissen , wo er 1526–29 ein neues Schloß errichten ließ. Der Kauf der Herrschaft Neuburg an der Kammel (1524) und die Aufgabe des Memminger Bürgerrechts bilden weitere Schritte im Übergang dieses Familienzweigs in den schwäb. Landadel. Einige Mitglieder der in der Reformation altgläubig gebliebenen Familie wurden später Domherren oder bekleideten hohe Ämter in kath. Fürstendiensten, z. B. Christoph Adam V. v. Frickenhausen (1668–1730) als kurpfälz. Geheimer Rat und Oberstallmeister. Im 18. Jh. setzte eine Verarmung der Familie ein; noch bevor sie 1785 in männlicher Linie ausstarb, mußte sie 1756 Illertissen an Kurbayern veräußern.

  • Literatur

    |L. Brunner, Die V. v. Frickenhausen u. Neuburg a. d. Kammel, in: Zs. d. Hist. Ver. f. Schwaben u. Neuburg 2, 1875, S. 259–375;
    A. Westermann, Die V. zu Memmingen, in: Memminger Gesch.bll. 9, 1923, S. 33–44;
    R. Eirich, Die V. in Memmingen u. ihre Handelsges., ebd., 2009, S. 7–172;
    ders., Memmingens Wirtsch. u. Patriziat v. 1347–1551, 1971;
    R. Kießling, Die Stadt u. ihr Land, Umlandpol., Bürgerbes. u. Wirtsch.gefüge in Ostschwaben v. 14. bis ins 16. Jh., 1989, bes. S. 295 f., 298, 336, 338, 387–91 u. 519;
    F. Blendinger (Hg.), Zwei Augsburger Unterkaufbücher aus d. J. 1551 bis 1558, 1994;
    W. Reinhard (Hg.), Augsburger Eliten d. 16. Jh., bearb. v. M. Häberlein u. a., 1996, S. 858–62;
    M. Häberlein, Die Welser-V.-Ges., Fernhandel, Fam.beziehungen u. soz. Status an d. Wende v. MA z. Neuzeit, in: Geld u. Glaube, Leben in ev. Reichsstädten, hg. v. W. Jahn u. a., 1998, S. 17–37;
    P. Geffcken, Die Welser u. ihr Handel 1246–1496, in: Die Welser, Neue Forschungen z. Gesch. u. Kultur d. oberdt. Handelshauses, hg. v. M. Häberlein u. J. Burkhardt, 2002, S. 27–167;
    R. Kießling, Wirtschaftl. Strukturwandel in d. Region, Die Welser-V.-Ges. im Kontext d. Memminger Wirtsch.- u. Soz.gesch. d. 15. u. frühen 16. Jh., ebd., S. 184–212;
    B. Scheller, Damit dannocht etwas umb das gelt und des stifters willen beschech …, Der Streit um d. Stiftungsvollzug d. V.schen Prädikatur b. St. Martin in Memmingen n. d. Ref. (1526–1543), in: Stiftungen u. Stiftungswirklichkeit, Vom MA bis z. Gegenwart, hg. v. M. Borgolte, 2000, S. 257–78;
    H. Lang, Fremdsprachenkompetenz zw. Handelsverbindungen u. Fam.netzwerken, Augsburger Kaufm.söhne aus d. Welser-Umfeld in d. Ausbildung b. Florentiner Bankiers um 1500, in: Fremde Sprachen in frühneuzeitl. Städten, Lernende, Lehrende u. Lehrwerke, hg. v. M. Häberlein u. C. Kuhn, 2010, bes. S. 79 f. u. 87–89;
    G.-R. Tewes, Kampf um Florenz, Die Medici im Exil (1494–1512), 2011, S. 660–66;
    W. Pfeifer, Die V.sche Fam.chronik v. 1661, in: Zs. d. Hist. Ver. f. Schwaben 103, 2011, S. 141–55;
    Rechnungsfragmente d. Augsburger Welser-Ges. 1496–1551, Oberdt. Fernhandel am Beginn d. neuzeitl. Weltwirtsch., hg. v. P. Geffcken u. M. Häberlein, 2014;
    Adelslex. XV, GHdA 134, 2004.

  • Porträts

    |Stifterbild Hans V.s d. Ä., 1463 / 64 (Memmingen, Frauenkirche), Abb. in: Eirich, 2009 (s. L), S. 157;
    Porträt d. Margarethe Rot, geb. V., v. B. Strigel, 1527 (Washington D. C., Nat. Gallery of Art), Abb. ebd., S. 170;
    Porträt d. Erhard V. v. Frickenhausen v. L. Sustris, 1552 (Köln, Wallraff-Richartz-Mus.), Abb. ebd., S. 167.

  • Autor/in

    Mark Häberlein
  • Zitierweise

    Häberlein, Mark, "Vöhlin" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 8-10 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz136948.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA