Lebensdaten
1922 – 2011
Geburtsort
Wanne-Eickel
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118626930 | OGND | VIAF: 108501262
Namensvarianten
  • Vierhaus, August Wilhelm Rudolf
  • Vierhaus, Rudolf
  • Vierhaus, August Wilhelm Rudolf
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Zitierweise

Vierhaus, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118626930.html [11.08.2022].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich August (1891–1966), Elektrosteiger (Elektromeister im Zechenbetrieb) in W., S d. Friedrich Wilhelm (1864–1932), Briefträger, Oberpostschaffner, u. d. Anna Maria Ida Gehring (1866–1933);
    M Else (1896–1925), T d. Florenz Wilhelm Brockhoff (1868–1913), Oberstadtsekr., u. d. Karoline Sophie Achilles (1871–1952);
    1 B;
    – ⚭ Margarete Hohmuth (* 1927), aus W., Volksschullehrerin;
    1 S Hans-Peter (* 1964), Dr. iur., RA in B.;
    1 T Susanne V.-Weinhold (* 1959), Innenarchitektin in B. |

  • Biographie

    V. besuchte die Städtische Oberschule für Jungen Wanne-Eickel und wurde nach dem Abitur 1941 zum Kriegsdienst eingezogen. Schwer verwundet, verbrachte er die letzte Kriegs- und die Nachkriegszeit in Lazaretten, Krankenhaus und Sanatorium. Mit dem Ziel, Lehrer zu werden, nahm er 1949 das Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Univ. Münster auf. Hier prägten ihn Kurt v. Raumer (1900–82), Herbert Grundmann (1902–70), Joachim Ritter (1903–74) und Werner Conze (1910–86). Obwohl v. a. an Themen der jüngsten Geschichte interessiert, behandelte er in seiner von Raumer betreuten Dissertation, mit der er 1955 zum Dr. phil. promoviert wurde, ein klassisches historiographisches Thema (Ranke u. d. soz. Welt, 1957). In seiner nicht als Monographie veröffentlichten Habilitationsschrift „Deutschland vor der Franz. Revolution, Untersuchungen zur dt. Sozialgeschichte im Zeitalter der Aufklärung“ fand V. sein Lebensthema: die Aufklärung. Diese betrachtete V. nicht als Gegenstand einer reinen Geistesgeschichte, sondern von Wissenschaft und Bildung, von politischer Verfassung und sozialen Bewegungen. Das immense Wissen, das er sich für sein Habilitationsprojekt angeeignet hatte, ging in die Bücher der folgenden Jahre ein.

    1961 in Münster habilitiert, nahm V. 1964 als erster Historiker einen Ruf an die neugegründete Ruhr-Univ. Bochum an und gestaltete den Aufbau des dortigen Historischen Seminars nach seinen Vorstellungen mit. Nach einer Gastprofessur am St. Antony’s College in Oxford 1966/67 holte ihn Hermann Heimpel (1901–88) 1968 an das MPI für Geschichte nach Göttingen, wo V., zunächst noch im Nebenamt, die von Dietrich Gerhard aufgebaute Neuere Abteilung betreute. 1969 lehnte er einen Ruf an die Univ. Münster ab und wechselte 1971 ganz als Direktor an das Göttinger Institut, blieb als Honorarprofessor aber noch bis 1984 in Bochum tätig.

    Als Direktor des MPI für Geschichte gelang es V., die dt. Geschichtswissenschaft international einzubinden und die negativen Auswirkungen zu überwinden, die die einseitige nationale Orientierung der älteren dt. Geschichtswissenschaft hervorgerufen hatte. So war er in den 1970er Jahren bzw. 1980er Jahren maßgeblich an der Gründung eines DHI in London bzw. in Washington beteiligt. Innerhalb der MPG regte er die Gründung eines Instituts für Wissenschaftsgeschichte (1994) mit internationalem Zuschnitt an. Bei den Bemühungen der MPG um eine Verbesserung der Wissenschaftsbeziehungen mit Israel im Rahmen des „Minerva-Programms“ wirkte er an führender Stelle mit. Auf V.s Initiative geht auch die Einrichtung einer Mission Historique Française (1977) am MPI für Geschichte in Göttingen zurück. Unter seiner Ägide wurde das Institut zu einem internationalen Zentrum für innovative Projekte in der Geschichtswissenschaft. Nach seiner Emeritierung 1990 war V. engagiert bei der Evaluierung der Geschichtswissenschaft der ehemaligen DDR; er übernahm bis 1997 den Vorsitz in der Dt.-Tschechoslowak. (später Dt.Tschech. u. Dt.-Slowak.) Historikerkommission und stellte sich der Aufgabe, die höchst kontroversen Ansichten beider Seiten kritisch zu überprüfen.

    V.s kenntnisreiche, klug argumentierende Darstellungen zur dt. Geschichte des 18. Jh. haben als große Werke der Geschichtsschreibung bleibenden Rang. Auch seine Bemühungen um die internationale Einbindung der dt. Geschichtswissenschaft wirken nachhaltig. Zu V.s Schülern zählen Reinhard Blänkner, Hans Erich Bödeker, Bernd Faulenbach, Martin Gierl, Michaela Hohkamp und Jürgen Schlumbohm.

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    A BVK 1. Kl. (1986);
    Prix Alexander v. Humboldt pour la coopération scientifique franco-allemande (1986);
    Verdienstkreuz d. Niedersächs. Verdienstordens 1. Kl. (1988);
    Honorable Fellow d. Hebr. Univ. Jerusalem (1990);
    Primer socio de Honor d. Univ. Pontificia Comillas de Madrid (1991);
    Dr. h. c. u. Prof. h. c. d. Loránd-Eötvös-Univ. Budapest (1992);
    Verdienstmedaille 1. Kl. d. Tschech. Rep. (1998);
    Gr. BVK (1998);
    Mitgl. d. Göttinger Ak. d. Wiss. (seit 1985), d. Hist. Komm. f. Westfalen (seit 1964), d. Hist. Komm. f. Niedersachsen u. Bremen (seit 1964), d. Wiss.rats (1972–76), d. Lessing-Ak. Wolfenbüttel (1980–94, Präs.) u. d. Göttinger Gesch.ver. (Vors.);
    Hon.prof. d. Univ. Bochum (1972–84) u. d. Univ. Göttingen (seit 1972);
    wiss. Beirat d. Georg Eckert Inst. f. Internat. Schulbuchforsch., Braunschweig (Vors.), d. DHI London, d. DHI Washington (Vors.) u. d. Richard-Koebner-Lehrstuhls f. Dt. Gesch. an d. Hebr. Univ. Jerusalem (Vors.).

  • Werke

    W u. a. Das Tagebuch d. Baronin Spitzemberg, geb. Freiin v. Varnbüler, Aufzz. aus d. Hofges. d. Hohenzollernreiches, 1960, ⁵1989 (Hg.);
    Bürger u. Bürgerlichkeit im Za. d. Aufklärung, 1981 (Hg.);
    Aspekte d. hist. Forsch. in Frankreich u. Dtld., 1981 (Hg. mit G. A. Ritter);
    Dtld. im Za. d. Absolutismus (1648–1763), 1978, ²1984, engl. 1988;
    Staaten u. Stände, Vom Westfäl. Frieden bis z. Hubertusburger Frieden, 1648–1763, 1984;
    Wissenschaften im Za. d. Aufklärung, 1985 (Hg.);
    Dtld. im 18. Jh., Pol. Vfg., soz. Gefüge, geistige Bewegungen, 1987;
    Aufklärung als Prozeß, 1988 (Hg.);
    Forsch. im Spannungsfeld v. Pol. u. Ges., Gesch. u. Struktur d. Ks.-Wilhelm-/Max-Planck-Ges. aus Anlaß d. 75j. Bestehens, 1990 (Hg. mit B. vom Brocke);
    Frühe Neuzeit, frühe Moderne?, Forsch. z. Vielschichtigkeit v. Übergangsprozessen, 1992 (Hg.);
    Das Volk als Objekt obrigkeitl. Handelns, 1992 (Hg.);
    Was war Aufklärung, 1995;
    Wege zu e. neuen Kulturgesch., 1995; DBE, 1995–2003, ²2005–08, engl. 2001–06 (Hg. mit W. Killy); Biogr. Enz. d. dt. Aufklärung, 2002 (Hg. mit H. E. Bödeker); Etappen d. Göttinger Ak.gesch., 2003; Vergangenheit als Gesch., Stud. z. 19. u. 20. Jh., hg. v. H. E. Bödeker u. a., 2003; – Interview: R. Hohls u. K. Jarausch (Hg.), Versäumte Fragen, Dt. Historiker im Schatten d. NS, 2000, S. 75–88; – Bibliogr.: B. v. Krusenstjern (Hg.), Schrr.verz. R. V., 1992; – Nachlaß: Archiv d. MPG, Berlin.

  • Literatur

    L Mentalitäten u. Lebensverhältnisse, Bsp. aus d. Soz.gesch., R. V. z. 60. Geb.tag, hg. v. Mitarbeitern u. Schülern, 1982;
    Denkhorizonte u. Handlungsspielräume, Hist. Stud. f. R. V. z. 70. Geb.tag, hg. v. K. A. Vogel, 1992;
    H. Lehmann u. O. G. Oexle (Hg.), Erinnerungsstücke, Wege in d. Vergangenheit, R. V. z. 75. Geb.tag, 1997;
    H. Lemberg u. a. (Hg.), Im geteilten Europa, Tschechen, Slowaken u. Dt. in ihren Staaten, R. V. z. 75. Geb.tag gewidmet, 1997;
    É. François, R. V. zu Ehren, in: Wolfenbütteler Bibl.-Inf. 27/28, 2002/03, S. 49 f.;
    H. Lehmann (Hg.), Die Verantwortung d. Historikers, R. V. z. 80. Geb.tag, 2003;
    H. E. Bödeker u. M. Gierl (Hg.), Jenseits d. Diskurse, Aufklärungspraxis u. Institutionenwelt in europ. komparativer Perspektive, 2007;
    P. Bahners, in FAZ v. 18. 11. 2011;
    J. Schlumbohm, in: SZ v. 18. 11. 2011;
    H.-Ch. Kraus, in: HZ 294, 2012, S. 577–84;
    H. E. Bödeker, in: Jber. 2011 d. MPG, S. 33 f.;
    Biogr. Lex. Gesch.wiss.; Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L).

  • Porträts

    P Photogrr. (Privatbes. Margarete Vierhaus).

  • Autor/in

    Hartmut Lehmann
  • Zitierweise

    Lehmann, Hartmut, "Vierhaus, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 794-796 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118626930.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA