Lebensdaten
1904 bis 1941
Geburtsort
Baden bei Wien
Sterbeort
Toulouse
Beruf/Funktion
Historikerin ; Journalistin
Konfession
jüdisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 119011042 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Borkenau-Pollak, Lucie (verheirate)
  • Morin, Lucie (verheiratete)
  • Stern, Lucie (geborene)
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Zitierweise

Varga, Lucie (verheiratete), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119011042.html [10.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus jüd. österr.-ungar. Fam.;
    V Julius (Gyula) Stern (* 1862);
    M Malvine Tafler (1874–1944, in Budapest ermordet);
    1 B Wilhelm Stern (1893–1944, verschollen), 1 Schw Blanka (Blanche) Stern (1897-um 1970, 1] Imre Ferenczi, 1884–1945, Soziol., Demograph, Mitarb. d. Zs. „Huszadik század“, Berater d. Stadtverw. v. Budapest f. Soz.pol., 1921 Beamter d. Völkerbunds im Internat. Arbeitsamt, später in d. USA, Prof. 2] N. N. Velics);
    1) Baden b. Wien 1924 1932 Josef Varga (1892–1944, ermordet), Dr. med., Arzt in W., 2) Wien 1933 Franz Borkenau (1900–57) aus W., Dr. phil., Hist., emigrierte 1933 über W. u. Frankr. n. Großbritannien, 1943/44 Mitarb. d. BBC, zuletzt in Zürich (s. BHdE I; Dt. Kommunisten; L), S d. Rudolf Pollak (1864–1939), o. Prof. f. österr. Zivilprozeßrecht an d. Univ. Wien u. Prof. f. kaufmänn. Recht an d. Hochschule f. Welthandel in W., HR (s. NDB 20), u. d. Melanie Fürth, 3) Paris 1938 N. N. Morin;
    1 T aus 1) Berta Varga (1925–2013), Dr. med., Ärztin in Budapest.

  • Leben

    V. wuchs in Wien bei ihrer sehr wohlhabenden Mutter auf, während ihr Vater in Budapest lebte, und besuchte die Privatschule der Eugenie Schwarzwald (1872–1940). 1923 legte sie die Reifeprüfung ab. Nach der Heirat 1924 und Geburt ihrer Tochter 1925 studierte V. 1926–31 Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an der Univ. Wien. 1931 wurde sie bei Alphons Dopsch (1868–1953) und Hans Hirsch (1878–1940) mit der Arbeit „Das Schlagwort vom ‚finsteren Mittelalter‘“ (1932, Nachdr. 1978) zum Dr. phil. promoviert. In den folgenden Jahren lehrte sie u. a. an der Wiener „Urania“ und engagierte sich in der Frauenbewegung. 1931 verließ sie die jüd. Kultusgemeinde. Im Dez. 1933 übersiedelte V. mit ihrem zweiten Ehemann Franz Borkenau und ihrer Tochter nach Paris. Auf Empfehlung von Dopsch wurde sie Mitarbeiterin Lucien Febvres (1878–1956), der seit 1929 zusammen mit Marc Bloch (1886–1944, ermordet) die Zeitschrift „Annales d’histoire économique et sociale“ herausgab. V. verfaßte für Febvre Exzerpte dt. und engl. Bücher, skizzierte Vorlesungen und arbeitete – als erste Frau – kontinuierlich an den „Annales“ mit (eigene Aufss. u. Rez., Vermittlung dt. u. österr. Autoren). Nach der Scheidung von Borkenau, der nach Großbritannien weiteremigrierte, und dem „Anschluß“ Österreichs ging V. im Juli 1938 eine Scheinehe ein, um die franz. Staatsbürgerschaft zu erwerben. Dank ihres österr. Passes wirkte sie bis zum Ausbruch des Kriegs auch als Kurierin für die sozialistische Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“. Als dt. Truppen 1940 in Paris einmarschierten, flüchtete V., die zuletzt für die halbstaatliche Nachrichtenagentur „Havas“ gearbeitet hatte, mit ihrer Tochter nach Südfrankreich und starb 1941 in Toulouse im diabetischen Koma.

    Aufgrund ihres frühen Todes hinterließ V. kein umfangreiches Werk. Während sich ihre Dissertation noch im traditionellen Rahmen der Geistesgeschichte bewegte, entwickelte sie im Kontakt mit den „Annales“ einen Ansatz, der „dt.-österr.“ und „franz.“ Forschungsansätze, v. a. historische Volkskunde und Mentalitätengeschichte, zusammenführte. Im Mittelpunkt ihrer Aufsätze aus der Emigrationszeit, die sie alle auf Französisch verfaßte, stehen eine neuartige „Anthropologie“ des Nationalsozialismus, den sie bereits 1937 als „politische Religion“ beschrieb, und eine Kulturgeschichte mittelalterlicher Häresien, v. a. des Katharismus. Außerdem veröffentlichte V. Beiträge über den Einzug der Moderne in den Alpen (Vorarlberg, Südtirol) und 1938 einen Fortsetzungsroman in der Tageszeitung „L’Œuvre“, der sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte (Comment on fabrique l’hitlérien 100 %). Seit ihrer Wiederentdeckung 1991 wird V. als frühe Vertreterin einer historisch-anthropologischen Geschichtswissenschaft gewürdigt.

  • Werke

    W Zeitenwende, Mentalitätshist. Stud. 1936–1939, hg. v. P. Schöttler, 1991 (Aufss., Zeittafel, W-Verz., P);
    Nachlaß: wiss. Nachlaß 1941 verschollen;
    Teilnachlaß im Bes. v. P. Schöttler, Berlin.

  • Literatur

    L P. Schöttler, L. V., Eine österr. Hist. im Umkreis d. „Annales“ (1904–1941), in: Zeitenwende, s. W, S. 13–110;
    ders., L. V.s Bücher, Erfahrungen mit e. unabgeschlossenen Biogr., in: WerkstattGeschichte 7, 1994, S. 63–66;
    ders., Das Konzept d. pol. Religionen b. L. V. u. Franz Borkenau, in: M. Ley u. J. H. Schoeps (Hg.), Der NS als pol. Rel., 1997, S. 186–205;
    ders., L. V. (1904–1941), l’„entraineuse“ des „Annales“, in: A. Burguière u. B. Vincent (Hg.), Un siècle d’historiennes, 2014, S. 313–30;
    N. Z. Davis, Women and the World of the „Annales“, in: Hist. Workshop Journ. 33, 1992, S. 121–37;
    H. Loewy u. G. Milchram (Hg.), Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüd. Beziehungsgesch., 2009, S. 218–39 (P);
    J. Dick u. M. Sassenberg, Jüd. Frauen im 19. u. 20. Jh., 1993, S. 384–86 (P);
    Historikerinnen (W, L);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Kosch, Lit.Lex.3; Wissenschafterinnen Österr. (P).

  • Autor/in

    Peter Schöttler
  • Empfohlene Zitierweise

    Schöttler, Peter, "Varga, Lucie" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 712-713 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119011042.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA