Lebensdaten
1910 bis 1983
Geburtsort
Pulkau (Niederösterreich)
Sterbeort
Cambridge (England)
Beruf/Funktion
Historiker ; Mediävist ; Rechtshistoriker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118803115 | OGND | VIAF: 98272062
Namensvarianten
  • Ullmann, Walter
  • Ullmann, W.
  • Ullmann, Walther

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Zitierweise

Ullmann, Walter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118803115.html [20.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    Mütterlicherseits aus seit d. 17. Jh. in P. ansässiger Fam.;
    V Rudolf ( 1932, jüd.), Dr. med., Landarzt in P.;
    M Leopoldine Apfelthaler ( 1949), zuletzt in P.;
    Om Friedrich (Fritz) Apfelthaler (1889–1946), Amateurfilmer, Mitgl. im „Klub der Kinoamateure Österreich“, Nachlaß im Österr. Filmmus., Wien;
    B Fritz (* 1941);
    1940 Elizabeth Finnemore (1916–92), Anglistin (s. L), T d. Harold John Knapp, Bankdir.;
    2 S Ralph (1945–2010), Mitgl. d. Council of the Association of School and College Leaders (ACSL) u. d. General Teaching Council (GTC), Carl Nicholas Tancred (Nick) (* 1951).

  • Leben

    U., technisch und philologisch hochbegabt, maturierte 1929 am altsprachlichen Gymnasium in Horn. Als Student der Rechtswissenschaft zunächst in Wien 1929–31 erhielt er seine entscheidende wissenschaftliche Prägung in Innsbruck 1931–33 durch den Strafrechtler Theodor Rittler (1876–1967) und den Privatrechtler Franz Gschnitzer (1899–1968). Nach der Promotion zum Dr. iur. im Dez. 1933 trat er als Zivilangestellter in den staatl. Justizdienst ein (an Gerichten in Innsbruck, Retz, Korneuburg; ab Febr. 1938 in Wien), wo er viele politisch brisante Strafsachen zu bearbeiten hatte. Auf Rat des Wiener Strafrechtlers Ferdinand Kadecka (1874–1964) wandte U. sich im Rahmen einer geplanten Habilitationsschrift den historischen Wurzeln der Lehre vom strafbaren Versuch zu, die bei den mittelalterlichen Kommentatoren des röm. Rechts (13.–15. Jh.) ansetzte. Seit dieser Zeit gehörten die mittelalterliche Jurisprudenz und das Recht im Wandel der Geschichte zu seinen besonderen Arbeitsschwerpunkten.

    Die U. als konservativ-kath. Gegner des neuen Regimes seit März 1938 versperrte akademische Laufbahn und seine Suspension vom Justizdienst als „Nichtarier“ zwangen ihn, Österreich zu verlassen. Aus einem zum Studium mittelalterlicher juristischer Handschriften geplanten Urlaub in Cambridge wurde infolge der „Sudetenkrise“ (Sept. 1938) ein dauerhafter Aufenthalt und Großbritannien die neue Heimat.

    Während seiner von Armut und sozialer Unsicherheit geprägten ersten Zeit in Cambridge und der – vom Militärdienst 1940–42 unterbrochenen – Lehrtätigkeit am Ratcliffe College in Leicestershire 1939–47 setzte U. seine (rechts)historischen Forschungen unbeirrt fort. Den hieraus erwachsenden Publikationen (u. a. The Medieval Idea of Law as represented by Lucas de Penna, A Study in fourteenth-century legal sholarship, 1946; Nachdrr. 1960, 1968) und der Fürsprache einflußreicher Cambridger Gelehrter, v. a. Harold Dexter Hazeltine (1871–1960), verdankte U. die Einladung zur „Maitland Memorial Lecture“ an der Univ. Cambridge im Febr./März 1948.

    Diese bedeutende Auszeichnung und seine erfolgreiche Lehre an der Univ. Leeds 1947–49 ebneten U. den Weg für eine akademische Karriere an der Univ. Cambridge: Er wurde an das Trinity College (Mai 1949) sowie auf Professuren für mittelalterliche Kirchengeschichte (1965–72) und für mittelalterliche Geschichte (1972–78) berufen; mehrere Rufe in die USA lehnte er ab.

    Das für die Maitland-Vorlesung gewählte Thema des mittelalterlichen Papsttums, das er aus der Perspektive der mittelalterlichen Kanonisten und ihrer polit. Theorien (Medieval papalism, The political theories of the medieval canonists, 1949), zu ergründen suchte, entfaltete sich zu einem zweiten Forschungsfeld „Entwicklung der politischen Ideen und Theorien“, dem er insgesamt sechs Bücher widmete (u. a. The Origins of the Great Schism, A study in fourteenth-century ecclesiastical history, 1948, Nachdrr. 1967, 1972; A History of Political Thought, The Middle Ages, 1965, 5 1979). In Cambridge betrat U. mit der Geschichte des Papsttums und der mittelalterlichen Kanonistik Neuland und wurde zum Brückenbauer, der hier vierhundert Jahre nach Heinrichs VIII. Verbot als erster das mittelalterliche ius commune und Kirchenrecht erforschte und lehrte.

    U.s Forschungen zeichnen sich durch ein hohes theoretisches Reflexionsniveau, eine große synthetische Kraft und stupende Kenntnis rechtlicher und historischer Quellen aus. Mit seiner konsequenten Verbindung von juristischer und historischer Analyse, der „integrativen Methode“, förderte er ein differenzierteres Verständnis mittelalterlicher Verfassungsstrukturen und Staatslehre.|

    Die Geschichte des monarchischen Papsttums deutete U. als Prozeß der Entfaltung und des Erstarkens der über Jahrhunderte nahezu konstanten hierokratischen Idee, auf die sich die päpstliche Universalherrschaft und der alleinige Führungsanspruch in der Ecclesia gründeten. Diese zentrale These seines erfolgreichsten Buches (The Growth of Papal Government in the Middle Ages, A Study in the Ideological Relation of Clerical to Lay Power, 1955, ³1970, dt. 1960) löste eine heftige Kontroverse mit Papsthistorikern wie Friedrich Kempf SJ (1908–2002) aus. Die theoretischen Grundlagen und Prinzipien mittelalterlichen Herrschertums analysierte U. in einer brillanten, in mehrere Sprachen übersetzten vergleichenden Studie (Principles of Government and Politics in the Middle Ages, 1961, 4 1978, span. 1971, ital. 1972). Hierin erkannte er mit einem aufsteigenden (mittels Repräsentation) und einem absteigenden Prinzip (per Delegation) zwei einander diametral entgegengesetzte Modelle von Regierungsgewalt.

    U. zählte zu den international einflußreichsten, vielfach geehrten Mediävisten seiner Zeit. In Cambridge wirkte er schulbildend; bedeutende Mediävisten und Kanonisten wie Brian Tierney, Charles Duggan, Janet Nelson, Michael Wilks, Peter Linehan und John Gilchrist zählen zu seinen Schülern.

  • Auszeichnungen

    A (Ehren-)Mitgl. u. a. d. Trinity College, Cambridge (1959), d. Royal Historical Soc., d. British Ac. (1968), d. St Edmund’s House, Cambridge (1976), d. Bayer. Ak. d. Wiss. (korr. 1977) u. d. Öster. Ak. d. Wiss. (korr. 1977); Dr. rer. pol. h. c. (Innsbruck 1973); Jubiläumsmedaille (Univ. Innsbruck 1970).

  • Werke

    Weitere W Liber regie capelle;
    1961;
    The Individual and Soc. in the Middle Ages, 1966, dt. 1974, japan. 1971, ²1974, ital. 1974;
    Papst u. Kg. im MA, Grundlagen d. Papsttums u. d. engl. Vfg., 1966;
    The Carolingian Renaissance and the Idea of Kingship, 1969;
    A Short Hist. of the Papacy in the Middle Ages, 1972, ³1977, ital. 1975, dt. 1978;
    The church and the law in the Earlier Middle Ages, Selected essays, 1975;
    Law and Politics in the Middle Ages, Introduction to the Sources of Medieval Political Ideas, 1975;
    The papacy and political ideas in the Middle Ages, 1976;
    Medieval Foundation of Renaissance Humanism, 1977;
    Scholarship and politics in the Middle Ages, Collected studies, 1978;
    Jurisprudence in the Middle Ages, Collected studies, 1980;
    Law and jurisdiction in the Middle Ages, hg. v. G. Garnett, 1988 (Bibliogr., P); W. U. (autobiogr. Darst.), mit e. Nachw. v. N. Grass, in: Recht u. Gesch. […], Zwölf Historiker u. Juristen berichten aus ihrem Leben, hg. v. H. Baltl, N. Grass u. H. C. Faussner, 1990, S. 273–90, engl. u. d. T.: A tale of two cultures, in: Out of the Third Reich, Refugee Historians in PostWar Britain, hg. v. P. Alter, 1998, S. 247–60; – Hg.: Ephemerides Iuris Canonici, 1951–64; Journal of Ecclesiastical Hist., seit 1966; Cambridge Studies in Medieval Life and Thought, Third Series, seit 1969; Päpste u. Papsttum, seit 1971.

  • Literatur

    L Authority and Power, Studies on Medieval Law and Government, presented to W. U. on his Seventieth Birthday, hg. v. B. Tierney u. P. Linehan, 1980 (Bibliogr., P);
    H. Fuhrmann, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss., 1983, S. 198–201 (P);
    H. v. Fichtenau, in: Alm. d. Öster. Ak. d. Wiss. 133, 1983, S. 399–403;
    J. Gilchrist, in: ZSRG K 70, 1984, S. 465–468;
    S. Kuttner, in: The Journ. of Ecclesiastical Hist. 35, 1984, S. 105–11;
    N. Grass, in: HJb. 105, 1985, S. 343–47;
    J. A. Watt, in: Proceedings of the British Ac. 74, 1988, S. 483–509;
    G. Garnett, in: Law and jurisdiction in the Middle Ages, 1988, S. IX-XIII;
    Elizabeth Ullmann, W. U., A Tale of Two Cultures, 1990 (P);
    BHdE II;
    J. Feichtinger, Wiss. zw. d. Kulturen, Österr. Hochschullehrer in d. Emigration 1933–1945, 2001, S. 268–71;
    R. C. Van Caenegem, Legal historians I have known, A personal memoir, in: Rechtsgesch., Zs. d. Max-Planck-Inst. f. europ. Rechtsgesch., 17, 2010, S. 253–99 (P);
    G. Garnett, in: Oxford DNB;
    Österr. Gesch.wiss. 20. Jh.; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft

  • Autor/in

    Hubertus Seibert
  • Empfohlene Zitierweise

    Seibert, Hubertus, "Ullmann, Walter" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 571-572 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118803115.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA