Lebensdaten
1908 bis 2004
Geburtsort
Heidelberg
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Mediziner ; Psychosomatiker ; Medizinphilosoph
Konfession
-
Normdaten
GND: 119151464 | OGND | VIAF: 110451150
Namensvarianten
  • Uexküll, Thure Baron von
  • Uexküll, Carl Kuno Thure von
  • Uexküll, Thure von
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Zitierweise

Uexküll, Thure von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119151464.html [24.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (s. 1);
    M Gudrun Gfn. v. Schwerin;
    1) München 1949 1956 Mechthild (FriederikeMechthilde) (1914–2011, 1] Jürgen Schlubach, 1907–53, Kaufm., 3] Humphry Marshall Evans jr., 1914–82, Schriftst., 4] William J. Gill, Journ.), T d. Erdmann Gf. Podewils (1877–1950), Gesandter, letzter dt. Gen.konsul in Kalkutta (Indien), u. d. Gertrud Smalian (1888–1963), 2) Freiburg 1969 Marina (* 1938), T d. Alexander Krafft (1907–84), Kaufm., u. d. Eva Bassermann (1907–98);
    2 S aus 1), 1 T aus 1) Cornelia (* 1951, ⚭ Jan Hasek, 1946–2012);
    Gvv d. 1. Ehefrau Clemens Gf. v. PodewilsDürniz (1850–1922, bayer. Gf. 1911), Dipl., bayer. Staatsmin. d. Innern f. Kirchen- u. Schulangelegenheiten, später d. kgl. Hauses u. d. Äußern, Vors. im Min.rat (s. NDB 20).

  • Leben

    Nach dem Schulbesuch in Gießen, Anklam und Hamburg (Abitur am dortigen Johanneum) studierte U. 1928–34 Medizin an den Universitäten Hamburg, München, Innsbruck und Rostock. In Hamburg legte er das Staatsexamen ab und wurde promoviert. Seit 1935 war er als Assistenzarzt an der Berliner Charité tätig und leistete 1943–45 als Arzt Kriegsdienst. Seine ärztliche Aus- und Weiterbildung brachte ihn mit bedeutenden medizinischen Lehrern in Berührung. So beeindruckte ihn als Volontärarzt in Hamburg der Neurologe Max Nonne (1861–1959). Am stärksten wurde er wohl von dem Internisten Gustav v. Bergmann (1878–1955) beeinflußt, einem guten Bekannten seiner Eltern, der mit seiner „Funktionellen Pathologie“ (1932) eine Grundlage für die Psychosomatik geschaffen hatte. 1939 wurde U. dessen Assistenzarzt an der Charité. Da er sich weigerte, der NSDAP beizutreten, konnte er sich erst nach dem Krieg 1948 bei dem an die Univ. München gewechselten v. Bergmann mit einer Arbeit über das Eßverhalten von Patienten mit chronischem Magenleiden habilitieren. Anschließend war er dort als Privatdozent tätig. Angeregt durch den Philosophen Ernesto Grassi, setzte er sich intensiv mit philosophischen Grundfragen der Biologie und Physiologie auseinander. Als Stipendiat der Rockefeller Foundation lernte U. 1952/53 in den USA innovative Konzepte der Krankenversorgung und der medizinischen Didaktik kennen. 1955 wurde er als Ordinarius an die Univ. Gießen berufen und übernahm die Leitung der dortigen Medizinischen Poliklinik. 1966 wechselte er an die Univ. Ulm, wo er den Lehrstuhl für Innere Medizin und Psychosomatik bis zu seiner Emeritierung 1976 innehatte.

    U.s Denken war stark von seinem Vater geprägt, der als philosophisch reflektierender|Lebenswissenschaftler den Begriff der Umwelt in die Biologie einführte und heute als ein Wegbereiter der Ökologie, Kybernetik und Semiotik gilt. In Anlehnung an dessen biologischen „Funktionskreis“ skizzierte U. 1986 zusammen mit dem Internisten und Psychoanalytiker Wolfgang Wesiack (1924– 2013) den „Situationskreis“ (Psychosomat. Med., ³1986, S. 18 ff.), der in einem umfassenden kybernetischen Modell das Zusammenspiel des menschlichen Organismus bzw. Subjekts mit seiner Umwelt beschreibt. Mit diesem „bio-psycho-sozialen Modell“ sollte die Medizin und insbesondere das Arzt-Patienten-Verhältnis neu begründet werden. U.s Gedankenaustausch mit dem US-amerik. Linguisten Thomas A. Sebeok (1920–2001) führte Anfang der 1990er Jahre zum Begriff der „Biosemiotik“ als Zeichenlehre der belebten Natur, womit U. wiederum an die biologische Bedeutungslehre seines Vaters anknüpfte.

    Das von U. herausgegebene „Lehrbuch der psychosomatischen Medizin“ (1979, seit 3 1986 u. d. T. „Psychosomat. Med.“), das in immer neuen Bearbeitungen aufgelegt wird (72011), trug maßgeblich zur Etablierung der Psychosomatik als Universitätsdisziplin in Deutschland bei. U. hatte eine Reihe von namhaften Schülern mit eigenständigem wissenschaftlichen Profil, darunter die Psychosomatiker Karl Köhle (* 1938) und Wolfram Schüffel (* 1938) sowie den Epidemiologen und Sozialmediziner Manfred Pflanz (1923–80).

    U., auf hochschul-, forschungs- und fachpolitischer Ebene aktiv, beteiligte sich maßgeblich an den Reformbestrebungen in der westdt. Hochschulmedizin der 1960er Jahre. Dabei ging es v. a. um die Einbeziehung psychischer und sozialer Aspekte in die Krankenversorgung und die ärztliche Ausbildung. Seine Stärke lag in der kommunikativen Vernetzung von klinischer Medizin, Grundlagenforschung, Wissenschafts- und Hochschulpolitik sowie einer kritischen Öffentlichkeit. Naturphilosophische und wissenschaftstheoretische Überlegungen begleiteten ständig seine Arbeit, die in der Zusammenführung der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften auf dem Felde der Psychosomatik so etwas wie eine konkrete Utopie eines wissenschaftlichen Brückenschlags vor Augen hatte.

    Um 1970 trug U. als Mitglied der Vorbereitungskommission für die Approbationsordnung zur Einführung der sog. Psych-Fächer in die ärztliche Ausbildung bei. Dementsprechend setzte er sich bei der DFG für die Förderung neuer Forschungsansätze sowie die psychoanalytische Ausbildung von wissenschaftlich interessierten Medizinern ein. 1973 gründete er das Dt. Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) als wissenschaftliche medizinische Fachgesellschaft und 1992 die nach ihm benannte Akademie für Integrierte Medizin (AIM). Diese tritt angesichts der vorherrschenden naturwissenschaftlichen und der einseitig verengten psychologischen Medizin für einen Paradigmenwechsel ein, um „den heutigen Dualismus einer Medizin für seelenlose Körper und einer Medizin für körperlose Seelen“ zu überwinden (U., Was ist u. was will „Integrierte Psychosomat. Med.“?, in: Integrierte Psychosamt. Med., hg. v. T. U. u. R. Adler, 3 1994, S. 1).

  • Auszeichnungen

    A Ehrensenator d. Univ. Gießen; Ehrenbürger d. Univ. Ulm; Dr. h. c. (Tartu, Estland 1994); T.-v.-U.Klinik am Lorettoberg in Freiburg (Br.).

  • Werke

    Weitere W Wirklichkeit als Geheimnis u. Auftrag, Die Exaktheit d. Naturwiss. u. d. phil. Erfahrung, 1945 (mit E. Grassi, Lizenzausgg. 1949 u. 1950);
    Probleme u. Möglichkeiten e. Psychosomatik unter d. Gesichtspunkt e. funktionellen Biol. mit experimentellen Unterss. z. Ulcusfrage, in: Zs. f. Klin. Med. 145, 1949, S. 117–85 (Habil.schr.);
    Die Einheit unseres Wirklichkeitsbildes u. d. Grenzen d. Einzelwiss., 1951 (Hg. mit E. Grassi);
    Der Mensch u. d. Natur, Grundzüge e. Naturphilos., 1953;
    El hombre y la naturaleza, Fundamentos de una filosofía de la naturaleza, Versión castellana de Manuel Entanza, 1960;
    Grundfragen d. psychosomat. Med., 1964, 31968, 41970, 5 1976, franz. u. d. T. La médecine psychosomatique, 1966;
    Probleme d. Med.unterr., Ber. über d. Arb.gruppe Hochschuldidaktik, Untergruppe Med. am 20. 10. 1967 in Ulm, 1968;
    Integrierte psychosomat. Med., Modelle in Praxis u. Klinik, 1981, 2 1992, 31994 (Hg. mit R. Adler);
    Theorie d. Humanmed., Grundlagen ärztl. Denkens u. Handelns, 1988 (mit W. Wesiack, 2 1991, 31998);
    Subjektive Anatomie, Theorie u. Praxis körperbezogener Psychotherapie, 1994 (Hg.);
    Gedanken über Geschichten u. Zeichen, 1997;
    Integrierte Med., Modell u. klin. Praxis, 2002 (Hg. unter Mitarb. v. A. v. Arnim); Nachlaß: Privatbes.

  • Literatur

    L W. Schüffel (Hg.), Sich gesund fühlen im J. 2000, Der Arzt, sein Patient u. d. Krankheit, Die Technol., d. Team u. d. System, T. v. U. z. 80. Geb.tag, 1988;
    W. Wesiack (Hg.) Entwicklungstendenzen in d. psychosomat. Med., Eine Ringvorl., T. v. U. z. seinem 80. Geb.tag, 1988;
    O. Buschek (Hg.), T. v. U. z. 80. Geb.tag, 1988 (W-verz.);
    R. Otte, T. v. U., Von d. Psychosomatik z. Integrierten Med., 2001 (P);
    B. Hontschik, in: Dr. med. Mabuse, Jan./Febr. 2005, H. 153, S. 1–4;
    M. Sauer (Hg.), Themenschwerpunkt integrierte Med., Zum Gedächtnis an T. v. U., 2006;
    G. Goldbach, Der ganze Mensch im Blickfeld, Aus d. Gesch. d. psychosomat. Med. in Dtld., 2006;
    W. Bartens, Der Menschenarzt, Zum 100. Geb.tag v. T. v. U., in: SZ v. 15. 3. 2008; Schrr.reihe d. T. v. U.Ak. f. Integrierte Med., z. B.: B. Hontschik, W. Bertram u. W. Geigges (Hg.), Auf d. Suche nach d. verlorenen Kunst d. Heilens, Bausteine d. Integrierten Med., 2012

  • Autor/in

    Heinz Schott
  • Empfohlene Zitierweise

    Schott, Heinz, "Uexküll, Thure von" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 525-527 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119151464.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA