Lebensdaten
1924 – 1982
Geburtsort
Dessau
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Photograph ; Schauspieler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118823027 | OGND | VIAF: 72190974
Namensvarianten
  • Tobias, Herbert

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Zitierweise

Tobias, Herbert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118823027.html [21.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Paul ( 1936), Büchsenmacher, Inh. e. Waffen- u. Munitionshandlung in D., 1931 Meister in d. Metallwerkstätte an d. Kunst-Werkschule d. Bauhauses;
    M Helene Örtel;
    B Wolfgang (1927–vermißt 1945); – ledig.

  • Biographie

    T. besuchte zunächst das Gymnasium in Höxter, mußte jedoch nach einem tödlichen Unfall des Vaters auf die Volksschule zurückkehren, die er 1938 abschloß. Es folgte eine Lehre als Landvermesser beim Katasteramt in Höxter. 1942 wurde T., der sich das Photographieren und Vergrößern autodidaktisch angeeignet hatte, zum Kriegsdienst eingezogen. An der Ostfront entstanden erste bedeutende Aufnahmen, die sich in ihrer Motivwahl und Sensibilität von der üblichen dokumentarischen Kriegsphotographie unterscheiden. 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, war T. erneut im Katasteramt Höxter tätig. Nach einigen Monaten Schauspielunterricht in Siegburg tourte er 1947–49 als Schauspieler mit kleinen Theatergruppen durch Deutschland. 1950 erfolgte ein Umzug nach Paris, da T. und sein US-amerik. Freund in Deutschland wegen ihrer Homosexualität angezeigt worden waren und das Land verlassen mußten.

    Anfang der 1950er Jahre begann T.s eigentliche Karriere als Photograph; neben stimmungsvollen Stadtansichten entstanden existentialistisch geprägte Porträts sowie – vermutlich auf Anregung des in Paris lebenden dt. Photographen Willy Maywald (1907–85), für den T. kurzzeitig als Retuscheur arbeitete – erste Modeaufnahmen. Sie wurden seit 1953 in Magazinen wie „Vogue“ und „L’Offizielle de Couture“ veröffentlicht. Im selben Jahr wegen eines Handgemenges mit der Polizei aus Frankreich ausgewiesen, lebte T. erst in Frankfurt/M. und 1954–69 in Berlin. Hier etablierte er sich als gefragter Modephotograph, arbeitete für renommierte Modehäuser (Horn, Staebe-Seger, Oestergaard, Rudow-Brosda) und belieferte Zeitschriften, wie „Madame“, „Elegante Welt“ und „Film und Frau“. Seine Homosexualität offen lebend, galt er als das enfant terrible der Photographen-Szene. Seine Arbeitsweise – meist in der Privatwohnung ohne professionelles Studio – war so unkonventionell wie seine Bilder, in denen er den Modellen glamouröse Auftritte verschaffte (Abendkleid v. Horn auf d. Kurfürstendamm, 1958) oder mit einfachsten, z. T. selbst erstellten Requisiten traumhafte Szenarien kreierte (Nico in e. Ballkleid v. Sinaida Rudow-Brosda, 1958). Parallel zu den Modeaufnahmen entstanden Bilder des zerstörten Berlins (Eisenacher Str., 1954). Einen dritten Werkkomplex stellen die meist auftragsunabhängig entstandenen Porträts prominenter Zeitgenossen (Klaus Kinski, 1952; Hildegard Knef, 1958; Andreas Baader, 1965) dar. Das zentrale Thema des Gesamtschaffens aber war die Männerphotographie. Mit seinen erotischen Männerbildern bezog T. während der Adenauer-Ära, als Homosexualität noch unter Strafe stand, bewußt politisch Position.

    Mitte der 1960er Jahre kehrte T. der Disziplin und Zuverlässigkeit fordernden Modephotographie den Rücken. Er wandte sich sporadisch erneut der Schauspielerei zu und gestaltete Plattencover für die „Deutsche Grammophon“. Zur Sicherung des Lebensunterhalts war er auf Unterstützung von Freunden angewiesen. Seit 1970 in Hamburg lebend, widmete er sich ausschließlich der Männerphotographie. Seine Aufnahmen, jetzt meist in Farbe, wurden vornehmlich in der Homosexuellen-Zeitschrift „him applaus“ veröffentlicht. In ihrer ästhetischen Dichte reichen diese Arbeiten nicht mehr an die melancholisch-träumerischen oder die fulminant inszenierten Bildwelten des Schwarz-Weiß-Werks der 1950er und 1960er Jahre heran. T., der an den Folgen von AIDS starb, gilt heute als einer der bedeutendsten Photographen der dt. Nachkriegszeit.

  • Werke

    W Auf d. Fahrt an d. Front, 1943;
    … und neues Leben protzt aus d. Ruinen, 1954;
    Mrs. Melvin J. Lasky, um 1958;
    In memoriam an e. wunderbaren, unvergessl. Menschen, Peter, 1957;
    Nachhilfe-Unterr., 1960;
    The Berlin Party is over, 1961;
    Un chant d’amour, 1979;
    Ausst.: Fotos v. H. T., Quartier Bohème, Berlin 1954;
    Ruinen-Aufbau-Business, Fotos aus e. Zeit, als wir anfingen, unsere Hoffnungen z. verraten, Gal. Nagel, Berlin 1981;
    H. T., Gal. Jurka, Amsterdam;
    H. T. Photogrr., Frankfurter Kunstver., Frankfurt/M., Sprengel Mus., Hannover 1986; H. T. Fotoausst. z. 10. Todestag, Foto-Gal. Volker Jensen, Berlin 1992; H. T. Photogrr. 1951–60, Berlinische Gal., Landesmus. f. Moderne Kunst, Fotogr. u. Architektur, Berlin 1995; Blicke u. Begehren, Der Fotograf H. T., ebd. 2008, Haus d. Photogr., Deichtorhallen Hamburg 2009 u. Rudolfinum Prag 2010; – Nachlaß: Berlinische Gal., Landesmus. f. Moderne Kunst, Fotogr. u. Architektur, Berlin.

  • Literatur

    L U. Domröse (Hg.), Blicke u. Begehren, Der Fotograf H. T., Ausst.kat. Berlinische Gal., Landesmus. f. Moderne Kunst, Fotogr. u. Architektur, 2008 (P, ausführl. Bibliogr.);
    Hamburg. Biogr. V.

  • Porträts

    P moi-même, devant les grilles du Luxembourg, 1951; Notre-Dame des fleurs, Self-Portrait, 1953; Selbstporträt, 1953; Selbstporträt, um 1970 (Berlinische Gal., Landesmus. f. Moderne Kunst, Fotogr. u. Architektur, Berlin)

  • Autor/in

    Anna-Carola Krausse
  • Zitierweise

    Krausse, Anna-Carola, "Tobias, Herbert" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 310-311 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118823027.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA