Lebensdaten
1843 bis 1927
Geburtsort
Gut Bisdamitz (Jasmund)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Ärztin
Konfession
-
Normdaten
GND: 118977970 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tiburtius, Carolina Charlotta Franziska
  • Tiburtius, Franziska
  • Tiburtius, Carolina Charlotta Franziska
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Zitierweise

Tiburtius, Franziska, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118977970.html [11.07.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. 17. Jh. nachweisbarer meckl.-vorpomm. Pastoren- u. Gutsbesitzerfam.;
    V Carl Gustav (1786–1855), Pächter d. Klosterguts Bisdamitz (s. Gen. 1 u. 3), S d. Franz Christian (1736–1822), Mil.prediger d. schwed. Husarenrgt. in Putbus, 1766 Pastor in Vilmnitz (Rügen), 1786 in Kasvenitz (Rügen) (s. Gen. 3), u. d. Dorothea Ulf (1754–1821), aus Wolgast, Brauers-T;
    M Auguste (* 1803), T d. Heinrich Christian Göbel, Pastor in Gingst u. Groß Zicker (Rügen);
    8 ältere Geschw; Schwägerin Henriette (s. 1); Verwandter Joachim (s. 3).

  • Leben

    Kindheit und Jugend verlebte Henriette Pagelsen auf Sylt und seit ihrem sechsten Lebensjahr in dem kleinen holstein. Ort Hörnerkirchen. Zusammen mit ihren Geschwistern erhielt sie häuslichen Unterricht durch den Vater. Die früh eingegangene Ehe scheiterte an den Alkoholproblemen ihres Mannes. 1866 ging Henriette nach Berlin, um als „Gesellschafterin“ ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hier und in anderen Beschäftigungsverhältnissen sammelte sie jedoch unbefriedigende Erfahrungen; zunehmend erkannte sie die mangelnde Berufsausbildung bürgerlicher Mädchen als eines der zentralen Probleme der Zeit. Die Gründe für ihren ungewöhnlichen Wunsch, Zahnmedizin zu studieren, sind bis heute nicht ganz geklärt. Jedenfalls zeigte sie große Zielstrebigkeit und ließ sich vor Beginn ihres Studiums in den USA von der preuß. Behörde für Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten eine Erlaubnis ausstellen, nach erfolgreichem Studium in Amerika eine Praxis in Berlin als Zahnärztin eröffnen zu dürfen.

    Ende Okt. 1867 in New York angekommen, versuchte Henriette zunächst erfolglos, am renommierten „Pennsylvania College of Dental Surgery“ in Philadelphia zugelassen zu werden. Entscheidend war letztlich die Fürsprache von James Truman, Zahnarzt und Mitglied des Lehrkörpers am College, der der Frauenbewegung nahestand und sich vehement für Henriettes Aufnahme als Studentin einsetzte – auch in den USA war eine Zahnmedizin studierende Frau eine Sensation. Ende Febr. 1869 schloß Henriette ihr Studium mit dem Titel „Doctor of Dental Surgery“ ab, kehrte im Frühjahr 1869 nach Berlin zurück und eröffnete in der Behrenstraße ihre eigene Zahnarztpraxis. Vor allem für Frauen und Kinder tätig und von Anfang an sehr erfolgreich, avancierte sie bereits im ersten Jahr sogar zur Hofzahnärztin. Nach 30jähriger Tätigkeit übergab sie die Praxis 1899 ihrer Nichte Elisabeth v. Widekind.

    1872 hatte Henriette in zweiter Ehe den Militärarzt Karl Tiburtius geheiratet und bekam mit ihm zwei Söhne; seit 1876 lebte in dem gemeinsamen Hausstand auch die ledige Schwester ihres Mannes, Franziska Tiburtius. Diese hatte nach dem Besuch einer privaten Mädchenschule in Stralsund mehrere Jahre als Gouvernante und Erzieherin und 1870 als Lehrerin in London und Walton Rectory (Gfsch. Surrey) gearbeitet. Durch ihren Bruder (und dessen künftige Frau Henriette) wurde sie für den ärztlichen Beruf gewonnen und immatrikulierte sich 1871 an der Univ. Zürich; hier lernte sie auch ihre spätere Kollegin Emilie Lehmus (1841–1932) kennen. Nach neun Semestern wurde Franziska 1876 promoviert und kehrte nach Deutschland zurück. Nach kurzem Aufenthalt auf Rügen arbeitete sie in Dresden für ein halbes Jahr als Volontärärztin. Im Juni 1877 eröffneten Franziska und Lehmus in der Alten Schönhauserstraße in den Räumen des Brauereibesitzers Bötzow die „Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder“; Henriette hatte die Räumlichkeiten organisiert sowie Geld für eine erste Ausstattung und die Betriebskosten der ersten Jahre gesammelt. 1897 wurde die Poliklinik von dem Berliner Frauenpflegeverein übernommen, der fortan die Kosten für bedürftige Patientinnen übernahm. Auf Initiative der drei Frauen konnte zudem 1881 eine kleine Pflegestation für Frauen in einer Mansardenwohnung eröffnet werden, die 1894 ebenfalls durch den Frauenpflegeverein weitergeführt wurde. Henriette leitete die vom Verein gegründete Kommission zur Verwaltung der Pflegestation und sicherte so deren Fortbestand, Franziska übernahm die ärztliche Leitung. 1899 löste sich der gemeinsame Haushalt auf, Henriette zog mit ihrem Mann aufs Land und Franziska in das Haus, in dem auch die Pflegestation untergebracht war. 1907 legte sie die ärztliche Leitung nieder; in ihrer Autobiographie sicherte sie auch ihrer Schwägerin ein ehrendes Andenken. Franziska selbst wurde in zahlreichen Nachrufen als erfolgreiche Vorreiterin der Frauenbewegung gewürdigt.

    Henriette setzte sich spätestens seit 1880 auch innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung für Frauenbelange ein. Gemeinsam mit Lina Morgenstern (1830–1909) gründete sie 1880 den „Verein zur Rettung und Erziehung minorenner entlassener weiblicher Sträflinge“ und übernahm den zweiten Vorsitz. Dieser Verein versuchte, möglicher Straffälligkeit junger Frauen durch Vermittlung einer Ausbildung vorzubeugen und straffällig gewordene Frauen durch Arbeit zu resozialisieren. Demselben Ziel sollten auch die Gründung des „Deutschen Vereins zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit“ 1884 und die Eröffnung eines Versorgungshauses dienen, in dem junge uneheliche Mütter mit ihren Kindern Aufnahme fanden. Spätestens dieses Engagement machte Henriette mit ihren Mitstreiterinnen auch außerhalb von Frauenkreisen bekannt; Hedwig Dohm, Fanny Lewald, Lina Duncker, Helene Lange und Gertrud Guillaume-Schack zählten zu ihren Bekannten. 1893 erhielt Henriette eine Berufung in das Hauptkomitee der dt. Frauenabteilung zur Weltausstellung in Chicago. Hier berichtete sie als Repräsentantin der dt. Frauenvereine über die Krankenpflege und das Diakonissenwesen in Deutschland. In Vorbereitung legte sie ein zweisprachiges Buch vor, eine Zusammenstellung der Bestrebungen der dt. Frauenvereine „zur Linderung der Noth“. In Chicago wurde Henriette auch als eine von 41 Zahnärztinnen in das Frauenkomitee des großen Zahnärztekongresses berufen. Anläßlich ihres Todes erschienen zahlreiche Würdigungen in dt. Zeitschriften der bürgerlichen Frauenbewegung, aber auch in US-amerik. Fachpublikationen zur Zahnheilkunde.

  • Auszeichnungen

    A zu Henriette: Gedenktafel am Haus Behrenstr. 9, Berlin-Mitte (1998); Henriettenweg in Westerland auf Sylt (2008); – zu Franziska: Gedenktafel am Haus Alte Schönhauser Str. 23/24, Berlin-Pankow; Tiburtiusstr. in Treptow-Köpenick u. in Stralsund; Pflegeheim Franziska Tiburtius in Stralsund.

  • Werke

    W zu Henriette: Frauen als Zahnärzte, in: Der Frauen-Anwalt, Organ d. Verbandes dt. Frauenbildung u. Erwerbsvereine, 1, 1870/1871, S. 143 f.;
    Die Frauenfrage in Amerika u. Dtld., ebd., S. 345 ff.;
    Die Pflege d. Zähne u. d. Mundes, ebd. 2, 1871/1872, S. 419–22;
    Frauenvereine Dtld.s z. Linderung d. Noth, Berlin o. J. [nach 1893];
    zu Karl: Bemm. e. Mil.arztes über d. Invalidengesetz v. Juli 1865 (anonym), 1871;
    Leitfaden zu Fam.krankenpflege, 1880;
    Pro sanitate, 1881 (Ps. Dr. Desiderius);
    Für u. Wider die Samariter, 1882;
    Kandidat Bangbüx, 1884;
    Luxus u. Modeherrschaft, gedr. Vortr. v. 24. 10. 1889 in d. J.verslg. d. akad. Vereinigung Berlin, 1900;
    Lustspiel in fünf Akten, Kandidat Bangbüx, 1904;
    zu Franziska: Hysterie u. Erziehung, in: Die Frau, 2, 1894/95, S. 194–202;
    Frauenuniversitäten oder gemeinsames Studium?, ebd., 5, 1897/98, S. 577–85;
    Aus d. Jugendtagen d. Frauenstudiums, ebd., 14, 1906/07, S. 513–23;
    Lebenserinnerungen e. Achtzigjährigen, 1923, 21925 (P).

  • Literatur

    L zu Henriette: M. Muchall, in: Die Frau, 2, 1894/95, S. 82–85 (P);
    A. Plothow, Begründerinnen d. dt. Frauenbewegung, 1907, S. 154 f. (P);
    A. Jacobi, in: Archiv f. Zahnheilkde. 12, 1911, S. 11 f.;
    Franziska Tiburtius, in: Dt. Lyzeumsclub (Hg.), Bahnbrechende Frauen, hg. aus Anlass d. Ausst.: Die Frau in Haus u. Beruf, 1912, S. 185–96;
    E. Balschbach, Frauen in d. Zahnheilkde. Dtld.s mit bes. Berücksichtigung d. Standes- u. bildungspol. Situation z. Zeit ihrer Zulassung z. Hochschulstudium um 1900, 1990; K. Hoesch, Franziska T., Emilie Lehmus u. Agnes Hacker, in: Berlin. Lb. IX, 1997, S. 205–31; C. Mack, H. Hirschfeld-T. (1834–1911), Das Leben d. ersten selbst. Zahnärztin Dtld.s, 1999 (P); E. Dohlus, Praxis Mensch, H. Hirschfeld-T., in: Dentista, 1, 2007, S. 18; K. Voigt, Für den Kindheitstraum gekämpft, H. Hirschfeld-T. war Dtld.s erste Zahnärztin, in: Bayer. Zahnärztebl., Juli/Aug. 2009, S. 74 f.;
    BJ 16, Tl.;
    BLÄ; – zu Karl: O. Walter, in: Unser Pommerland, Mschr. f. d. Kulturleben d. Heimat, 9, 1924, S. 395–99 (P);
    L. Schröder, in: De Eekboom, H. 12, 1904, S. 98–100;
    BJ 15, S. 69 u. Tl.;
    Lex. Wissenschaftlerinnen; – zu Franziska: A. Bluhm, in: Jb. d. Frauenbewegung 1914, 1914, S. 170–74 (P);
    I. Szagunn, in: Die Studentin, 3, 1927, Nr. 12, S. 173 f.;
    H. Lange, in: Die Frau, 34, 1926/27, S. 528 f.;
    L. Knop-Kath, „Grüezi, Jungfer Doktor!“, Aus d. Leben d. ersten Berliner Ärztin Dr. med. F. T., in: Kurz u. Gut, H. 1, 1974, 8. Jg., S. 22 f.; Ch. Lange-Mehnert, Marie Heim-Vögtlin u. F. T., erste Ärztinnen im Za. d. naturwiss. Med., Diss. Münster 1989;
    R. Bornemann, Erste weibl. Ärzte, in: E. Brinkschulte, Weibl. Ärzte, Die Durchsetzung d. Berufsbildes in Dtld., 1993, S. 24–32 (P); K. Hoesch, F. T., Emilie Lehmus u. Agnes Hacker, in: Berlin. Lb. 9, 1997, S. 205–31 (P);
    R. Tobies (Hg.), „Aller Männer-Kultur zum Trotz“, Frauen in Math., Naturwiss. u. Technik, 2008, S. 30;
    H. Averbeck, Von d. Kaltwasserkur bis z. physikal. Therapie, 2012, S. 692 f.;
    Lex. Grewolls, Mecklenburg-Vorpommern (P);
    Ärztelex.;
    Fischer;
    Berliner Biogr. Lex.;
    Grewolls, Meckl.-Vorpommern (P);
    Wegbereiter Heilkunde (P);
    Wedel, Autobiogrr. Frauen; – zur Fam.: H. Herrmann, Gr.| dt. Familien XIV, Die Schlatter – Zahn – T., in: Neue Dt. Hh., 2, 1955/56, S. 606–17; W. Gormann, T., Gesch. e. dt. Fam.namens, 1984 (P)

  • Autor/in

    Kerstin Wolff
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolff, Kerstin, "Tiburtius, Franziska" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 248-250 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118977970.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA