Lebensdaten
1830 bis 1909
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Sozialpolitikerin ; Gründerin der Berliner Volksküchen
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 119452480 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Morgenstern, Lina

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Zitierweise

Morgenstern, Lina, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119452480.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Albert Bauer (1800–75), Möbel- u. Antiquitätenhändler in Breslau u. Berlin (s. L), S d. Wolfrath Hieronymus Wilhelm (1763–1822), Bes. d. Rittergutes Altwasser (Schlesien), u. d. Bella Betty GoldschmidtSchmidt (1771–1851) aus Potsdam;
    M Fanny (1805–74), T d. Jacob Adler (1772–1850), Senator in Krakau, u. d. Anna Heumann;
    Schw Cäcilie (* 1828, Konstantin Adler, * 1828, aus Krakau, Om), Philanthropin, gründete d. Volksküche u. d. isr. Blindeninst. in Wien (s. L), Jenny (1832–1907, Siegismund Asch, 1825–1901, Dr. med., Geh. Sanitätsrat, Stadtverordneter, d. Ehepaar gründete in Breslau Volksküchen, s. NDB X*), Malerin, Mitbegründerin u. Vors. d. Breslauer Kindergarten-Ver. (s. L);
    Breslau 1854 Theodor Morgenstern (1827–1910), Kaufm., pol. Flüchtling aus Wilna (Rußland), Inh. e. Commissions- u. Agentur-Geschäfts f. Lebensmittel in Berlin, 1872 Mitgründer d. „Vereinigten Oder-Werke f. Baubedarf u. Braunkohlen b. Schwedt/Oder, vorm. Frhr. v. Werthern“, d. Fa. ging 1874 in Konkurs, 1878 Bevollmächtigter d. Berliner Hausfrauenver., Mitinh. d. Fa. Theodor Morgenstern & Co., Verlag d. Dt. Hausfrauen-Ztg. Berlin), S e. Kreisarztes in Kalisch;
    2 S, 3 T, u. a. Clara (* 1855, Philipp Roth, Cellist), Übersetzerin u. Kunstgewerblerin, Olga (Ps. Rosa Morgan, 1859–1902, ev., Otto Arendt, 1854–1936, Politiker u. Nat.ökonom, s. NDB I), Rezitatorin, dramat. Lehrerin, lyr. Dichterin (s. W, L), Alfred (* 1865, ev.), Eisenbahn-Baurat, leitete d. Bau d. Harzbahn v. Wernigerode auf d. Brocken, d. Albula-Viadukts (Schweiz) u. d. Otavibahn in Dt.-Südwest-Afrika (s. Wi. 1905);
    N Robert Asch (1859–1929, Kaethe, T d. Adolph L'Arronge, 1838–1908, Bühnenschriftst., s. NDB I), Dr. med., Chefarzt e. Breslauer Krankenhauses (s. Fischer); Betty ( Karl Jaenicke, 1849–1903, 2. Bgm. v. Breslau, s. NDB X*);
    E Katharina (1894–1976, Bernhard Kühl, 1886–1946, Gen. d. Flieger);
    Gr-N Wolfgang Jaenicke (1881–1968, Botschafter, s. NDB X), Kaete Jaenicke (1889–1967, Edmund Nick, 1891–1974, Prof., Komp. u. Musikkritiker, s. Riemann), Konzertsängerin;
    Ur-Gr-N Dagmar Nick-Braun (* 1926), Schriftst. (s. Kürschner, Lit.kal. 1988), Fritz Stern (* 1926), Prof., Historiker (s. BHdE II).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Wernerschen höheren Töchterschule in Breslau erhielt M. weiteren Unterricht in Sprachen, Musik und Gesang und bildete sich durch Selbststudium in Literatur und Kunstgeschichte fort. Im Kreise ihrer Freundinnen gründete sie 1848 den Breslauer „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“, der Schulbücher und Schreibmaterial beschaffte. Nach ihrer Heirat siedelte sie nach Berlin über. Hier entfaltete sie bald eine vielseitige Tätigkeit. Schon früh beschäftigte sie sich mit literarischen Versuchen. Im Geiste Fröbels schuf sie den ersten Berliner Kindergarten, 1859 war sie Mitbegründerin des Berliner Kindergartenvereins, 1862 des Kinderpflegerinnen-Instituts und Autorin des ersten deutschen Handbuches für Kindergärtnerinnen („Paradies der Kindheit“, 1861, 71905), das in viele Sprachen übersetzt wurde. Um nach dem Ausbruch des Krieges gegen Österreich den Versorgungsnotstand zu lindern, eröffnete sie am 9.6. 1866 die erste Berliner Volksküche. Der Erfolg war so groß, dafl diese Notküchen auch nach Beendigung des Krieges beibehalten und richtungsweisend für ähnliche Einrichtungen im In- und Ausland wurden (u. a. in Breslau, Warschau, Posen, Lemberg, Hamburg, Hannover, Wien, Pest und Stockholm). Kaiserin Augusta übernahm 1868 das Protektorat über die Berliner Volksküchen, im Volksmund erhielt M. den Ehrenspitznamen „Suppenlina“. 1869 wurden aus den zehn über das Stadtgebiet verteilten Volksküchen täglich bis zu 10 000 Personen verpflegt. Die Volksküchen befanden sich durchweg in Kellern, Speisezeit war 11-13.30 Uhr. In der Regel gab es zwei Gerichte, eine leichte und eine schwerere Speise. Es entfaltete sich eine Diskussion, ob die Portionen zum Einstandspreis oder, wie es augenscheinlich der Fall war, mit Gewinn ausgegeben werden sollten. M. wurde deswegen zeitweilig angefeindet, umstritten waren die Volksküchen auch im Gaststättengewerbe, das M. unlauteren Wettbewerb vorwarf. Um 1900 gab es in Berlin 15 Volksküchen, in denen man für 10 Pfg. Milchreis mit Zucker und Zimt oder für 20 Pfg. einen Napf Löffelerbsen bekam. In den Kriegsjahren 1870/71 war M. Vorsitzende des Komitees zur Verpflegung der Truppen, Verwundeten und Gefangenen, für Massenspeisungen ließ sie auf den Berliner Bahnhöfen große Speisebaracken errichten.

    Aus Vorträgen im Volksküchenverein über Themen wie „Was vermögen die vereinigten Hausfrauen gegen die willkürliche Vertheuerung der Lebensmittel?“ entstand der Impuls zur Gründung des Berliner Hausfrauenvereins (1873), dessen Leitung M. übernahm und dessen Organ, die „Deutsche Hausfrauen-Zeitung“, sie seit 1874 zusammen mit Maria Gubitz herausgab. Viele Artikel in dieser damals weitverbreiteten Frauenzeitschrift, die bis 1907 erschien, schrieb sie selbst, 1883 übernahm ihr Mann den Verlag. Dem Hausfrauenverein angegliedert waren u. a. eine permanente Lebensmittelausstellung, ein Laboratorium zur Untersuchung von Lebensmitteln, eine Kochschule, ein Stellennachweis, eine Unterstützungskasse für Dienstmädchen sowie eine Verkaufsstelle auf konsumgenossenschaftlicher Grundlage. Beim Konkurs dieses Konsumvereins 1883 verloren M. und ihr Mann fast ihr gesamtes Vermögen. Im selben Jahr wurde in New York eine „Lina Morgenstern-Loge“ zur Unterstützung für Arme und Kranke gegründet, die noch über M.s Tod hinaus bestand. Bei der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine 1894 kämpfte M. zusammen mit Lily Braun|und Minna Cauer für die Aufnahme von Arbeiterinnenvereinen. 1895 wurde sie zum Vorstandsmitglied der deutschen Friedensgesellschaft gewählt, der sich auch Frauengruppen aus England und Frankreich angeschlossen hatten. Zusammen mit Minna Cauer organisierte sie 1896 den ersten internationalen Frauenkongreß in Berlin; vor 1800 Delegierten aus allen Teilen der Erde trat sie für die sozialen Belange der Frau ein.

    M. arbeitete ohne Vorbilder, manche ihrer zahlreichen Gründungen hielten mit dem sozialökonomischen Strukturwandel nicht Schritt und wurden von anderen, denen sie ein Beispiel gegeben hatte, überflügelt. M. stand dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung nahe. Ihre Bedeutung liegt in der Vielfalt ihrer Anregungen auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege und Frauenarbeit in der ersten Welle der Frauenbewegung vor der Jahrhundertwende.|

  • Auszeichnungen

    Vorstandsmitgl. d. dt. Friedensges.

  • Werke

    u. a. Bienenkätchen, 1859, 21867;
    Die Storchenstraße, Hundert Geschichten aus d. Kinderwelt, 1861, 51918;
    Das Paradies d. Kindheit durch Spiel, Gesang u. Beschäftigung, Friedrich Fröbel's Spielbeschäftigungen … nebst Erzählungen u. Liedern z. Spielanwendung, 1861, 71905;
    Die Volksküchen, 1868, 41882;
    Prakt. Stud. üb. Hauswirtsch. f. Frauen u. Jungfrauen, 1875 (P);
    Universal-Kochbuch f. Gesunde, Kranke, Genesende u. erstes Lehrb. f. Kochschulen, 1881, 71898, als „Ill. Kochbuch“ erweitert u. hrsg. v. M. Richter, 101926, 111930;
    Die menschl. Ernährung u. d. culturhist. Entwicklung d. Kochkunst, 1882, 21886;
    Friedrich Fröbel, sein Leben u. seine Werke, 1882;
    Ernährungslehre, Grundlage z. häusl. Gesundheitspflege, 1882, 51903;
    Kochrezepte d. Berliner Volksküche, 41883;
    Victoria, Kaiserin, Kgn. v. Preußen, Ein Lb., 1888;
    Die Berliner Volksküche, in: LIZ v. 26.9.1888, S. 211 f. (P);
    Die Frauen d. 19. Jh., 3 Bde., 1888-91;
    Der häusl. Beruf u. wirtsch. Erfahrungen …, Hdb. f. Haushaltungs- u. Frauenberufsschulen, 31889;
    FS 25j. Jubiläum d. Ver. d. Berliner Volksküchen 1866, 1891;
    Zuverlässiges Hilfsbuch z. Gründung, Leitung u. Controlle v. Volksküchen u. a. gemeinnützigen Massen-Speiseanstalten, mit 15 Formeln z. Buchhalterei u. 66 Kochrezepten, 1892, 31900;
    Der Schlüssel z. häusl. Glück, Tage-, Kassa- u. Haushaltungsbuch d. Hausfrau, 1892, 21906;
    Frauenarbeit in Dtld., 1893 (autobiogr.). – Hrsg.: Allg. Frauenkal., 1885-1909;
    Für junge Mädchen, 1889–1909. – Zu Olga Arendt-Morgenstern: Gedichte, hrsg. v. L. M., 1902.

  • Literatur

    M. Keyserling, Die jüd. Frauen in d. Gesch., Lit. u. Kunst, 1879, 31991;
    G. Dahms (Hrsg.), Das Litterar. Berlin, 1895 (P);
    A. Kohut, Zum 70. Geb.tag v. L. M., in: LIZ v. 22.11.1900, S. 788 f. (P);
    O. Arendt-Morgenstern, Eine Sprechstunde b. L. M., Erinnerungsbl. an ihren 70. Geb.tag am 25. Nov. 1900 (Handdr.);
    E. Vely, L. M. u. d. Berliner Volksküchen, in: Die Frau, 8, 1900/01, S. 103-06 (P);
    H. Lange u. G. Bäumer (Hrsg.), Hdb. d. Frauenbewegung, 1901-06;
    E. Ichenhaeuser, Bilder v. internat. Frauenkongreß, 1904, S. 33 (P);
    A. Plothow, Die Begründerinnen d. dt. Frauenbewegung, 1907 (P);
    Voss. Ztg. v. 17.12.1909;
    Berliner Morgenpost v. 18.12.1909;
    Köln. Volksztg. v. 20.12.1909;
    LIZ v. 23.12.1909 (P);
    Allg. Ztg. d. Judentums 1909, S. 631 f. (P);
    Die 25j. Gesch. d. Berliner Hausfrauenver. 1873–99, o. J.;
    E. Haberland (Hrsg.), Biogrr. bedeutender Frauen, 21912;
    Dt. Lyceums Klub (Hrsg.), Bahnbrechende Frauen, 1912 (P);
    C. Roth, in: Schles. Lb. I, 1922, S. 81-84;
    H. Lange, Kampfzeiten II, 1928;
    A. Heppner, Jüd. Persönlichkeiten in u. aus Breslau, 1931 (P) (auch zu Albert Bauer, Cäcilie Adler u. Jenny Asch);
    M. Twellmann, Die dt. Frauenbewegung, Qu. 1843-1889, 1972 (P);
    E. G. Lowenthal, Juden in Preußen, 1981 (P);
    D. Weiland, Gesch. d. Frauenemanzipation in Dtld. u. Österreich, 1983 (P);
    M. I. Fassmann, Die Mutter d. Volksküchen, in: Ch. Eiffert u. S. Rouette (Hrsg.), Unter allen Umständen, Frauengeschichte(n) in Berlin, 1986, S. 34-59 (P);
    W. Lohmeyer, Das Glück d. L. M., 1987 (Roman);
    I. Hildebrand, Zwischen Suppenküche u. Salon – 18 Berlinerinnen, 1987, S. 41-46 (P);
    BJ 14, Tl.;
    Brümmer;
    Jüd. Lex. (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Enc. Jud. 1971 (P);
    Wininger IV, 1979 (P).|

  • Quellen

    Qu.: Bundesarchiv, Abteilungen Potsdam (Nachlaß); Berliner Landesarchiv (Briefe); Leo Baeck Inst., New York (Slg. L. M.). – Zu Olga Arendt-Morgenstern: S. Pataky, Lex. dt. Frauen d. Feder, 1898; Kürschner, Lit.-Kal.; Brümmer; Wininger; The Universal Jewish Encyclopedia VII, 1948 (P); Lex. d. Frau II, 1953; L. M., Notizen zu Olga Arendt-Morgenstern, in: Staatsbibl. Stiftung Preuß. Kulturbes., Hss.-Abt. (Nachlaß Brümmer).

  • Portraits

    Dt. Staatsbibl., Berlin, Porträtslg.;
    Bildarchiv Preuß. Kulturbes. (Hrsg.), Juden in Preußen, 1981.

  • Autor/in

    Hans-Henning Zabel
  • Empfohlene Zitierweise

    Zabel, Hans-Henning, "Morgenstern, Lina" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 109-111 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119452480.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA