Lebensdaten
1889 bis 1967
Geburtsort
Liegnitz (Niederschlesien)
Sterbeort
(West-) Berlin
Beruf/Funktion
Wirtschaftswissenschaftler ; Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117374938 | OGND | VIAF: 54924241
Namensvarianten
  • Tiburtius, Joachim Friedrich Ferdinand
  • Tiburtius, Joachim
  • Tiburtius, Joachim Friedrich Ferdinand

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Zitierweise

Tiburtius, Joachim, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117374938.html [31.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (Fritz) (1854–1912), aus Neuendorf (Rügen), Landesbaurat d. Prov. Westpreußen in Danzig, Geh. Baurat, S d. Friedrich (* um 1820), aus Cowall (Rügen), Gutsbes. in Neuendorf, u. d. Friederike Stuth;
    M Cleophea Mühlmann (1861–1941); UrurGvv Franz Christian (1736–1822), schwed. Mil.prediger d. schwed. Husarenrgt., Pastor in Vilmnitz u. Kasvenitz (s. Gen. 2);
    Ur-Gvv Friedrich (Fritz) Christian August (1784–1844), aus Vilmnitz (Rügen), Gutsbes.;
    Ur-Gr-Ov Carl Gustav (1786–1855), Pächter d. Klosterguts Bisdamitz (s. Gen. 1 u. 2);
    1914 LouiseCharlotte Wolff (1889–1971), aus Oppeln, T e. Landger.präs.;
    1 S Wolf-Joachim (* 1915, als Soldat im 2. Weltkrieg vermißt), 1942 Dr. rer. pol., Univ. Freiburg (Br.), b. Walter Eucken.

  • Leben

    Nach dem Abitur am kgl. Gymnasium in Danzig studierte T. 1907–11 Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie in Lausanne, Breslau, Königsberg und v. a. Berlin, dort u. a. bei Gustav v. Schmoller (1838–1917), Max Sering (1857– 1939), Franz Oppenheimer (1864–1943) und Otto Hintze (1861–1940). Nach dem ersten iur. Staatsexamen 1911 und Militärdienst 1911/12 wurde er 1914 an der Univ. Berlin mit einer wirtschaftswissenschaftlichen, von Sering und Adolph Wagner (1835–1917) begutachteten Dissertation zum Dr. phil. promoviert. Im 1. Weltkrieg war er zeitweise Soldat und 1915–17 im preuß. Kriegsministerium Referent für das Tarif- und Schlichtungswesen. Nebenamtlich assistierte er bis 1926 Sering am Staatswissenschaftlichen Seminar der Univ. Berlin.

    Nach 1918 arbeitete T. im Reichsarbeitsministerium als Referent u. a. für Volkswirtschafts- und Arbeiterfragen und gehörte 1923–30 der DVP an. Anfang 1925 im Rang eines Oberregierungsrats aus dem öffentlichen Dienst ausgeschieden, wurde er Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der 1919 gegründeten „Hauptgemeinschaft des Dt. Einzelhandels e. V.“ mit Sitz und Stimme im Reichswirtschaftsrat und im Verwaltungsrat der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. In seiner Verbandsfunktion, die er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im April 1933 verlor, formte er maßgeblich die Interessenvertretung der Handelsbranche und gründete 1929 gemeinsam u. a. mit Julius Hirsch (1882–1961) die „Forschungsstelle für den Handel e. V.“ (FfH). Von 1933 bis zu seiner Entlassung im Sept. 1935 „aus politischen Gründen“ war er Mitarbeiter der neu gebildeten „Wirtschaftsgruppe Einzelhandel“. Aus diesen Tätigkeiten ergaben sich seit 1929 Lehraufträge an der Handels- bzw. Wirtschaftshochschule Berlin, seit 1943 als Honorarprofessor. Die 1933 dem „Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit“ eingegliederte „Forschungsstelle“ leitete T. von 1935 bis zu seinem Lebensende. 1940 habilitierte er sich an der Univ. Köln für das Fach Volkswirtschaftslehre, jedoch ohne dort zu lehren. Seit 1943 vertrat er vakante Lehrstühle für Warenhandel an der Handelshochschule Leipzig. Seine Berufung dorthin scheiterte, weil er kein NSDAP-Mitglied war und als politisch unzuverlässig eingeschätzt wurde. T., zeitlebens gläubiger Christ, gehörte dem Bruderrat (Berlin-)Lichterfelde der Bekennenden Kirche an. Seit 1942 diente er zeitweise als Offizier (zuletzt Hptm.) beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin.

    Nach kurzer sowjet. Kriegsgefangenschaft bis Aug. 1945 kehrte er zum Wintersemester 1945/46 an die Wirtschaftshochschule Berlin zurück und arbeitete zugleich als Referent in der Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie der Sowjet. Besatzungszone. Einem Ruf an die Univ. Leipzig 1946 auf einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, den er im Wintersemester 1947/48 vertrat, folgte er wegen der sich anbahnenden Teilung Deutschlands nicht. Er beteiligte sich am Aufbau der FU Berlin, an der er als o. Professor für Volkswirtschaftslehre seit 1948 über seine Emeritierung 1957 hinaus wirkte und v. a. die Fächer Handels- und Sozialpolitik vertrat. Zugleich leitete er die Abteilung „Handel, Handwerk und Verbrauch“ des Dt. Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

    Bereits seit 1946 als CDU-Stadtverordneter politisch aktiv, amtierte T. 1951–63 als Senator für Volksbildung des Landes Berlin, zuständig für Kultur, Schulen und Wissenschaft. In seine Amtszeit fielen u. a. der Auf- und Ausbau von Lehr- und Forschungsstätten, von Bibliotheken, Museen, Konzerthäusern und Theatern, der Wiederaufbau der Dt. Oper, die Einrichtung jährlicher Festwochen und Filmfestspiele („Berlinale“) sowie die Neugründung der Akademie der Künste. T. war in hohem Maß verantwortlich für den kulturellen Aufschwung West-Berlins in den Jahren des „Kalten Krieges“.

    Als Betriebswirt pflegte und förderte T. v. a. eine praxisorientierte Handelsforschung in|Deutschland, die er selbst mit vielen Publikationen bereicherte. Als Volkswirt zielten seine sozialökonomischen Vorstellungen (Wirtsch.-lenkung, Marktwirtsch. u. Einzelwirtschaften, 1948) darauf ab, die Starken in der Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen und die sozial Schwachen zu unterstützen (Christl. Wirtsch.ordnung, 1947). T. orientierte sich in Lehre und Forschung u. a. an liberal- bzw. religiös-sozialistischen Konzeptionen Oppenheimers bzw. Eduard Heimanns (1869–1967), am sozialpolitischen Programm der jüngeren Historisch-ethischen Schule sowie an dem ordoliberalen Prinzip einer funktionsfähigen und zugleich menschenwürdigen Wettbewerbsordnung.

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Ges. f. Wirtsch.- u. Soz.wiss. (Ver. f. Soc. pol.); Ev. Vors. d. Ges. f. Christl.-Jüd. Zus.arb. in Berlin e. V. (1951–67); Ehrenmitgl. d. Ak. d. Künste Berlin, Sektion Baukunst (1958) u. d. Westberliner Bühnen; Gr. BVK mit Stern u. Schulterband (1959); Ernst-Reuter-Medaille in Silber d. Senats v. Berlin (1959); Ehrenbürger d. FU Berlin (1959); Gr. Goldenes Ehrenzeichen mit Stern d. Rep. Österr. (1962); Gedenktafel am Wohnhaus in Berlin-Lichterfelde, Hortensienstr. 12; J.-T.-Brücke, Berlin-Steglitz (1992/93); J.-T.-Preis d. Landes Berlin (1992–2001) bzw. d. Landeskonf. d. Rektoren u. Präs. d. Berliner Hochschulen (seit 2003) f. hervorragende Diss. u. FH-Dipl.arbb.

  • Werke

    Weitere W Der Begriff d. Bedürfnisses, seine psychol. Grundlage u. seine Bedeutung f. d. Wirtsch. wiss., in: Jbb. f. Nat.ök. u. Statistik 103, 1914, S. 721–90 (Diss.);
    Gemeinwirtschaftl. Gegensätze, 1919;
    Wirtsch.pol. Probleme d. Einzelhandels, in: R. Seyffert (Hg.), Hdb. d. Einzelhandels, 1932, S. 795–811;
    Der dt. Einzelhandel im Wirtsch.verlauf u. in d. Wirtsch.pol. v. 1925–35, in: Jbb. f. Nat. ök. u. Statistik 142, 1935, S. 562–96 u. 693–719;
    Der Betriebsvergleich im Großhandel, in: Wirtsch. dienst 22, 1937, S. 228–30 u. 549–51;
    Die Einwirkung d. Wirtsch.ordnung auf d. Untern.leistung (erweiterter Habil.vortr.), in: Schmollers Jb. 65, 1941, S. 15–45, 189–220 u. 339–56;
    Zur Systematik d. „Absatzwirtsch.“, ebd. 68, 1944, S. 125–39;
    Der Binnenhandel in d. wirtsch.wiss. Theorie, ebd. 82, 1962, S. 385–406;
    Zum Gedenken Werner Sombarts, ebd. 84, 1964, S. 257–99;
    Otto Hintzes Btr. z. Volkswirtsch.lehre, ebd. 86, 1966, S. 513–59;
    Der Stand d. Handelsforsch. in d. Gegenwart, in: Btrr. z. empir. Konjunkturforsch., FS z. 25j. Bestehen d. Dt. Inst. f. Wirtsch.forsch., 1950, S. 337–67;
    Kulturpol. diesseits u. jenseits d. Brandenburger Tores, in: Otto-Suhr-Inst. an d. FU Berlin (Hg.), Berlin, Brennpunkt dt. Schicksals, 1960, S. 87–95;
    Von d. heilsamen Erschütterungen durch d. Kunst, Vortrag, Mitgl.verslg. d. Ges. f. Christl.-Jüd. Zus.arb., 1963;
    Zum 100. Geb.tag v. Franz Oppenheimer (Festvortr.), in: Mitt. d. Ver. Berliner Kaufleute u. Industr. 88, 1964, S. 12–24;
    Soz. Theorie d. Wirtsch.systeme, in: Vj.hh. z. Wirtsch.forsch., 1965, S. 250–84;
    Nachlässe: Landesarchiv Berlin.

  • Literatur

    L Die wirtsch.wiss. Hochschullehrer an d. reichsdt. Hochschulen u. an d. TH Danzig, 1938, S. 249 f.;
    W. Fleck, in: Verband Dt. Dipl.-Kaufleute Berlin (Hg.), Ein Halbjh. betriebswirtsch. Hochschulstudium, FS z. 50. Gründungstag d. Handels-Hochschule Berlin, 1956, S. 180 f. (P);
    O. Triebenstein (Hg.), Soz.ökonomie in pol. Verantwortung, FS f. J. T., 1964 (P);
    Die Hochschullehrer d. Wirtsch.wiss., 1966, S. 746–48;
    Forsch.stelle f. d. Handel, Berlin (Hg.), FfH Mitt., NF, Sonderausg., Zum Gedenken an J. T., Aug. 1967 (Bibliogr.);
    Handelsforsch. heute, FS z. 50j. Bestehen d. Forsch.stelle f. d. Handel, 1979;
    G. Kotowski, in: Berlin. Lb. III, S. 337–54 (P);
    C. Werckshagen, J. T., Bll. d. Erinnerung aus Anlaß seines 100. Geb.tags am 11. Aug. 1989, 1990 (P);
    G. Schwan, Demokrat. Ethos u. Weltoffenheit, Die Berliner Kulturpol. Redslob, T. u. Arndt, in: G. u. W. Braun (Hg.), Zu Kunst u. Kunstpol., ²1996, S. 35–58 (P);
    U. W. Grimm, Die Berliner Ges. f. Christl.-Jüd. Zus.arb., Geschichte(n) im Spiegel ihrer Qu., in: 50 J. im Gespräch, 1999, S. 44–176 (P);
    P. Mantel, Betriebswirtsch.lehre u. NS, 2009, S. 220 f., 239 ff., 315 ff., 516 ff. u. 849 f.;
    ders., Schicksale betriebswirtsch. Hochschullehrer im Dritten Reich, 2009, S. 77 f.;
    H. Rieter, Die Anfänge d. Wirtsch.wiss. an d. FU Berlin, in: C. Scheer (Hg.), Stud. z. Entwicklung d. ökonom. Theorie 25, 2010, S. 37–40, 106–22 u. passim;
    zur Fam.: H. Herrmann, Gr. dt. Familien XIV, Die Schlatter – Zahn – T., in: Neue Dt. Hh., 2, 1955/56, S. 606–17; W. Gormann, T., Gesch. e. dt. Fam.namens, 1984.

  • Portraits

    P Porträtserie, fotografiert v. F. Eschen, 1957 (Dt. Fotothek)

  • Autor/in

    Heinz Rieter
  • Empfohlene Zitierweise

    Rieter, Heinz, "Tiburtius, Joachim" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 250-251 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117374938.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA