Lebensdaten
1666 bis 1714
Geburtsort
Annaberg (Erzgebirge)
Sterbeort
Perleberg
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe ; Kirchenhistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118650386 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Arnold, Gottfried
  • A., G.
  • Arnold, G.
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Zitierweise

Arnold, Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118650386.html [16.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Gottfried Arnold ( 1695), Präzeptor in Annaberg;
    M Marie Lahling, verwitwete Meyer;
    Gvv Caspar Arnold, Diakon in Schlettau;
    Werben 1701 Anna Maria, T des Johann Heinrich Sprögel, Superintendent in Werben, und der Susanna Margarete, Herausgeberin der Consilia et Responsa.

  • Leben

    A.s Lebensgang drückt seine geistige Entwicklung aus. Nach der in Wittenberg, der Hochburg der lutherischen Orthodoxie, verbrachten Studienzeit kam A. unter den Einfluß Philipp Jacob Speners. Dieser zog ihn nach Dresden (1689), bewirkte seine „Bekehrung“ und vermittelte ihm später eine Hauslehrerstelle in Quedlinburg, wo A. mit radikalen pietistischen Kreisen in Berührung kam. Den neuen, erlebten Gedanken gab er in einem historischen Werk 1696 durchgearbeitete Gestalt. Es trug ihm 1697 die Berufung auf die Geschichtsprofessur an der Universität Gießen ein. Früh wirkten auf A. neben Christian Thomasius und seinem rational gefärbten Humanismus auch Jakob Böhme und dessen deutsche wie englische Schüler ein. Durch ihre Vermittlung ist er in den radikalen Spiritualismus hineingewachsen. Nach kurzer Lehrtätigkeit legte er die Professur in Gießen nieder, was großes Aufsehen erregte. Die Lebensgestaltung sollte der radikalen Wendung der Gedanken entsprechen. Die Bekleidung des Amtes, das ein Stück „Welt“ ist, ist dem Christen unmöglich, der auf jede weltliche Stellung verzichten muß. In diesem zweiten Lebensabschnitt A.s erschienen seine mystisch-spiritualistischen Gedichte sowie die berühmte „Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“ (4 Bände, Frankfurt 1699/1700 u. ö.), ein mit höchster Gelehrsamkeit gearbeitetes Werk. Aber er ist bei dem radikalen Spiritualismus nicht stehengeblieben. Von Gießen nach Quedlinburg 1698 zurückgekehrt, erlebte er daselbst seine zweite „Bekehrung“, die ihren Ausdruck in einem neuen Verhältnis zu Kirche und Welt fand. Nach seiner Verehelichung wurde A. 1702 Schloßpfarrer in Allstädt. Am Ende seiner Entwicklung steht die Rückkehr in die Kirche und die Zuwendung zu dem gemäßigten Pietismus nach der Art Speners. Wegen Verweigerung des Eides auf die Konkordienformel wurde er vom Landesfürsten in Allstädt nicht geduldet Er trat unter den Schutz des preußischen Königs, wurde 1704 Pfarrer in Werben (Altmark) und kam 1707 als Superintendent und geistlicher Inspektor nach Perleberg. Von dieser Stellung aus verteidigte A. seine Entwicklung und seine im Alter gemilderten Anschaungen gegen die Angriffe der alten radikalen Freunde und der orthodoxen Theologen. Seine Stellung in der Geistes- und Frömmigkeitsgeschichte wird durch die in der „Kirchen- und Ketzerhistorie“ durchgeführte, radikale Auffassung von der Geschichte des Christentums begründet. Diese ruht auf der Voraussetzung, daß Frömmigkeit und Kirche, Religion und Recht, Erlebnis und Dogma unvereinbar sind, so daß alle Objektivationen des Religiösen als Verfallserscheinungen gewertet werden. Infolgedessen hat A. die große von ihm der Kirchengeschichtsschreibung gestellte Aufgabe, Geschichte der Frömmigkeit zu sein, selbst nicht lösen können. Für die Entstehung moderner historischer Prinzipien nimmt er eine Schlüsselstellung ein. Seine Nachwirkungen sind außer bei G. Tersteegen, J. L. Mosheim, J. Ch. Edelmann und J. S. Semler, auch bei Lessing, Friedrich dem Großen, Rousseau und Goethe festzustellen und setzen sich im 19. Jahrhundert in der radikalen Kritik an Christentum und Kirche fort.

  • Werke

    u. a. Die erste Liebe d. Gemeinden Jesu Christi, d. i. wahre Abbildung d. ersten Christen nach ihrem lebendigen Glauben u. hl. Leben, Frankfurt a. M. 1696;
    Göttl. Liebesfunken aus d. großen Feuer d. Liebe Gottes …, Gedichte, T. 1, ebenda 1698, T. 2, 1701;

    Das Geheimnis d. göttl. Sophia, Leipzig 1700;

    Theologia experimentalis, 2 T., Frankfurt a. M. 1714;

    Sämtl. geistl. Lieder, hrsg. v. C. C. E. Ehmann, 1856;
    E. Seeberg, G. A., = Mystiker d. Abendlandes, hrsg. v. R. F. Merkel, Bd. 3, 1934 (mit Vorrede).

  • Literatur

    ADB I; F. Dibelius, G. A., 1873;
    W. v. Schröder, Stud. z. d. dt. Mystikern d. 17. Jh.s I, 1917;

    E. Seeberg, G. A., Die Wiss. u. Mystik seiner Zeit, 1923;

    F. Meinecke, Die Entstehung d. Historismus, 21946, S. 46-53;
    H. v. Srbik, Geist u. Gesch. v. dt. Humanismus bis z. Gegenwart I, 1950, S. 95 (L).

  • Portraits

    3 Kupf. v. G. P. Busch nach Schwartz (Dresden, Staatl. Kupf.kab., u. München, Graph. Slg.).

  • Autor/in

    Peter Meinhold
  • Empfohlene Zitierweise

    Meinhold, Peter, "Arnold, Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 385-386 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118650386.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Arnold: Gottfried A., epochemachender Kirchenhistoriker, geb. 1666 zu Annaberg, 30. Mai 1714, studirte in Wittenberg die gemeine Schulgelehrsamkeit, ging als Hauslehrer nach Dresden, wo Spener ihm die Augen über das Verderben der Kirche öffnete, sodann nach Quedlinburg, wo er durch Böhme's, Gichtel's und Pordage's Schriften gründlich erweckt wurde. Von Uebernahme eines geistlichen Amtes schreckte der tiefe Verfall der sogenannten Christenheit ihn ab. Nachdem er sein berühmtes Buch: „Die erste Liebe d. i. wahre Abbildung der ersten Christen“ (1696), das Modejournal aller Schwärmer und Separatisten, geschrieben hatte, erhielt er 1697 einen Ruf als Professor der Geschichte nach Gießen, den er annahm in der Meinung, daß das Schulwesen vor dem Kirchenstaate einem erleuchteten Gemüthe noch etwas erträglicher und zur Erbauung dienlicher sei. Aber noch in dem Jahre seiner Berufung entsagte er dem Lehramte freiwillig, weil seine pietistische Frömmigkeit nicht in Einklang kommen wollte mit der Zerstreuung der weltlichen Erudition und dem Greuel des Universitätswesens. Ihn beschämte das Leben der alten Asketen, er wurde Separatist und vertiefte sich, in Quedlinburg privatisirend, in die göttliche Sophia, mit welcher er wie in eheliche Gemeinschaft tritt. Seine wirkliche Verheirathung rettete ihn aus diesem Separatismus und gab ihn der Welt wieder. Er nahm 1700 die Hofpredigerstelle bei der verwittweten Herzogin von Sachsen-Eisenach in Allstedt an, wurde aber trotz der Einsprache des Königs von Preußen, der in A. seinen Reichshistoriographen schützte, zwei Jahre daraus aus bedenklichen Ursachen seines Amtes enthoben und 1705 aus den sächsischen Ländern ausgewiesen. Durch Friedrich I. wurde er Pastor zu Werben in der Altmark, dann zu Perleburg, wo er mit der unter der gegenwärtigen Oekonomie annoch nöthigen Conscendenz zu retten suchte, was sich aus dem Feuer des allgemeinen Verderbens herausrücken lassen wollte. Die Perle unter seinen Schriften war seine „Unpartheyische Kirchen- und Ketzerhistorie“ (1699), das beste und nützlichste Buch nach der Bibel, wie Thomasius meinte. Die bis dahin erschienenen „Kirchengeschichten“ waren alle geschrieben im Interesse und Sinne der herrschenden Orthodoxie. A. verkehrte diese Betrachtung in das Gegentheil. Der Anfang der Kirche war ihr Idealzustand. Seit dem dritten Jahrhunderte drangen die weltlichen Dinge mit Macht in sie ein und so in fortschreitender antichristlicher Steigerung. Die Reformation machte einen Anfang zum Besseren. Aber schon Melanchthon's spitzige Vernunft hat nach des Salbaders Petri Lombardi Exempel die Schultheologie wiedereingeführt und damit den Abfall von der apostolischen Lehrart. Indem er so den Orthodoxen, Lutheranern wie Reformirten, bei denen der alte Adam so gerne bleibet, den Schwären aufgestochen, mußte seine Kirchengeschichte nothwendig zur Schutzschrift werden für die von der Klerisei verstoßenen Häretiker. Eine solche Geschichtschreibung war die bittere Frucht, welche dem verfolgten Pietismus entwachsen konnte. Principiell wollte A. durchaus unparteiisch zu Werke gehen, aber, der von der Orthodoxie verunglimpften Partei angehörig, ist er zum patronus haereticorum geworden. Er|hat einen großen litterarischen Sturm gegen sich heraufbeschworen. Seine Kirchengeschichte wurde eine gewissenlose Ketzerchronik, ein Lügenbrief, er selbst ein Falsarius und infamatus historicaster gescholten. Am richtigsten hat wol Spener geurtheilt, wenn er sagt: Arnold's Kirchenhistorie sei ein großes Netz, darin gute und faule Fische gefangen worden, die nochmals auseinander gelesen zu werden bedürfen. Von seinen übrigen Schriften verdient Erwähnung: „Das Leben der Gläubigen“ (Halle 1701). Seine geistlichen Lieder sind gesammelt und bearbeitet worden von A. Knapp (Stuttg. 1845).

    • Literatur

      L. F. Köhler in der „Zeitschrift für die histor. Theologie“ Jahrg. 1871, S. 3 ff. F. Dibelius, G. Arnold. Brl. 1873. Alle frühere Litteratur ist angeführt in Frank: Geschichte der protestantischen Theologie, B. II. S. 303.

  • Autor/in

    Frank.
  • Empfohlene Zitierweise

    Frank, "Arnold, Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 587-588 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118650386.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA