Lebensdaten
erwähnt 1496 oder 1497
Beruf/Funktion
Mediziner ; Verfasser eines Kräuterbuchs
Konfession
-
Normdaten
GND: 104176970 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tallat, Johannes
  • Tollat, Johannes
  • Dalat, Johannes
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Zitierweise

Tallat von Vochenberg, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd104176970.html [18.11.2018].

CC0

  • Leben

    T. stammte aus dem alemann. Sprachraum und war mit der Allgäuer sowie der Thüringer Flora „vmb Erdfordt“ vertraut. Die regionalen Schwerpunkte seines pharmakobotanischen Wissens machen es wahrscheinlich, daß er an der Univ. Erfurt studiert hat. Als Lehrer an der Lateinschule des Benediktinerstifts Kempten tätig, führte er den Titel eines Baccalaureus artium. Hier trug er 1496/97 über den „Physiologus Theobaldi“ vor, was zoolog. Kenntnisse wahrscheinlich macht, und las gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Johann Birk (um 1449–um 1500) 1497 über den I. Text (de sensu et sensato) der „Parva naturalia“ des Aristoteles. In seinen Vorlesungen „pueriliter dicens“ bemühte er sich um gute Verständlichkeit bei Hörern, die unzureichende Kenntnisse der lat. Sprache und Fachliteratur besaßen. Vermutlich wählte T. für seine Vorlesungen eine dt.-lat. Sprachmischung.

    An landessprachige Leser wandte sich T. auch mit seinem „Ain meisterlichs büchlin der artzney für manigerley kranckheit vn[d] siechtagen d[es] menschen“ (gedr. bei Albrecht Kunne in Memmingen, 1497), das sich an den Hausvater als Arzt wendet und sich in seiner sozialmedizinischen Ausrichtung an Michael Puff (um 1400–73) anlehnt. Dieser hatte um 1463 ein kleines Rezeptar (medicamenta praescripta ad usum pauperum, ne semper ad apothecam recurrere necesse habeant) zusammengestellt, das die pharmazeut. Grundversorgung städtischer wie ländlicher Unterschichten sichern sollte. Johann Birk, der 1459–68 bei Puff in Wien studiert hatte, brachte wahrscheinlich diesen kaum bekannten Text nach Kempten mit, was T. zu seinem eigenen Werk veranlaßt haben dürfte. Das Herbar bietet zur jeweiligen Heilpflanze lediglich den Namen und die Heilanzeigen, wobei die Indikationen in Form kurzer Rezepte mitgeteilt werden. Als Vorlage benutzte T. den „Gart der Gesundheit“ (Mainz 1485) des Johann Wonnecke (um 1430–1503/04), wobei er den Text auf etwa ein Fünftel des ursprünglichen Umfangs kürzte und auf die Abbildungen verzichtete. T. schloß die animalischen und mineralischen Arzneistoffe aus, erweiterte aber den Anteil der Heilpflanzen, behielt die Kapitelfolge unverändert bei und senkte lediglich die Zahl der Kapitel von 435 auf 425. Abgesehen von vereinzelt eingestreuten Standortangaben und gelegentlich aus den Puffschen „medicamenta“ entlehnten Rezepten, mit denen er die Heilanzeigen ergänzt, behielt er den restlichen, durch Wonnecke vorgegebenen Wortlaut unverändert bei und begnügte sich mit Satzumstellungen sowie gelegentlichen Paraphrasen.

    In der Forschungsliteratur wurde das „Meisterliche büchlin“ wegen seiner „inhaltlichen Dürftigkeit“ gerügt und wegen seines reduzierten Umfangs als „unbebilderter Schrumpf-Gart“ bezeichnet. Beide Charakterisierungen sind zutreffend, lassen jedoch die eigentliche Leistung T.s und seinen sozialmedizinischen Ansatz außer Acht. T. betitelt sein Werk zwar als Kräuterbuch, legt aber tatsächlich einen Hausarzneischatz vor, der als Rezeptar konzipiert ist und die Folge von Drogenmonographien nur als Gliederungsprinzip wählt. Angesprochen werden die „pauperes“, die städtischen und besonders die ländlichen Unterschichten, die Heilkräuter selber zogen und in Einzelfällen über ausgezeichnete pharmakobotanische Kenntnisse verfügten. Auf dieses Heilkräuter-Wissen nimmt T. Bezug, indem er dem „gemeinen Mann“ zu den gängigen Heilpflanzen Standorte mitteilt und erprobte Materia medica bereitstellt. Die von ihm ausgewählten Indikationstexte gehen über Wonneckes „Gart“ teilweise auf den hochmittelalterlichen „deutschen Macer“ sowie auf Hildegard von Bingen (1098–1179) zurück.

    T.s „Meisterlichs büchlin“ stellt sich mit seinen Rezepten neben das gleichalte „Arzneibuch“ Anton Trutmanns (erw. um 1497), das wegen struktureller Schwächen aber hinter dem pharmakobotanischen Rezeptar aus Kempten zurückbleibt. T.s Kräuterbüchlein prägte über vier Jahrzehnte die ober- und mitteldt. Materia medica und trug wesentlich zur Wirkung von Wonneckes „Gart der Gesundheit“ bei. Ab dem zweiten Nachdruck u. d. T. „Margarita medicinae“ erschienen, erlebte das Werk 1497–1532 mehr als 20 Auflagen, wobei insbesondere die Druckorte Straßburg (Hans Knobloch) und Erfurt (Melchior Sachse) eine Rolle spielen. Neben den Drucken lief eine handschriftliche Überlieferung, die die Sprachgrenze überwand und den Text bis ins Niederdeutsche trug; sie beeinflußte auch den „Medicus Silesiacus“ Martin Pansas (1580–1626).

  • Literatur

    K. Sudhoff, Dt. med. Inkunabeln, 1908, S. 15, 34–38;
    M. v. Hase, Bibliogr. d. Erfurter Drucke 1501–1550, in: Börsenbl. f. d. dt. Buchhandel 22, 1966, S. 2586–2794, bes. S. 2709–12;
    H. Walther, J. T. v. V., Zu seiner Biogr. u. seinem Arzneibuch, in: Sudhoffs Archiv 54, 1970, S. 277–93;
    J. Schenda, Der „gemeine Mann“ u. sein medikales Verhalten im 16. u. 17. Jh., in: J. Telle (Hg.), Pharmazie u. d. gemeine Mann, Hausarznei u. Apotheke in d. frühen Neuzeit, 21988, S. 10;
    C. Teuber, „Medicus Silesiacus“ Martin Pansa (1580–1626), Soz.mediziner u. Volksaufklärer Ostdtlds., 1991, S. 207–09;
    B. D. Haage, W. Wegner, G. Keil u. H. Haage-Naber, Dt. Fachlit. d. Artes in MA u. Früher Neuzeit, 2007, S. 214 u. 216;
    G. Keil, „. . . daz crütlin, daz man mir zů Kammerach zůg“, Anton Trutmann als spätma. Phytotherapeut zw. Dtld., Frankr. u. d. Schweiz, in: I. Kästner u. J. Kiefer (Hg.), Botan. Gärten u. botan. Forsch.reisen, 2011, S. 3–34, bes. S. 26 ff.;
    Vf.-Lex. MA2 II, Sp. 1089, V, Sp. 907, IX, Sp. 596 f. u. 1107–09.

  • Autor/in

    Gundolf Keil
  • Empfohlene Zitierweise

    Keil, Gundolf, "Tallat von Vochenberg, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 771-772 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104176970.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA