Lebensdaten
1880 – 1943
Geburtsort
Prag
Sterbeort
New Rochelle, New York (USA)
Beruf/Funktion
Psychologe ; Philosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118806769 | OGND | VIAF: 76399418
Namensvarianten
  • Wertheimer, Maximilian
  • Wertheimer, Max
  • Wertheimer, Maximilian
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Wertheimer, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118806769.html [24.05.2024].

CC0

  • Genealogie

    Aus dt.-jüd. Prager Fam.;
    V Wilhelm (1853–1930), Handelsschullehrer in P.;
    M Rosa Zwicker (1855–1919);
    Berlin 1923 Anna (1901–87), aus Landsberg/ Warthe, T d. Rudolf Caro (1862–1915), aus Vandsburg (Kujawien, Pommern), u. d. Margarethe Pick (1874–1930);
    3 S (1 früh †) Valentin (1925–78, Barbara Mayer, 1926–83, Hist., Gewerkschafterin), Gewerkschafter, Vizepräs. d. Amalgamated Clothing Workers of America (ACWA), Michael (* 1927, 1] Nancy Mackaye, * 1927, Ph. D., 2] Marilyn Schuman, * 1928), Gestaltpsychol., Prof. f. Psychol. an d. Univ. of Colorado, Boulder (s. BHdE II; L), 1 T Lisbeth Rosa (Lise) (* 1928, Michael A. Wallach, * 1933, Prof. f. Psychol. an d. Duke Univ., Durham), Prof. f. Psychol. an d. Duke Univ., Durham.

  • Biographie

    W. besuchte 1890–98 das Neustädter Gymnasium in Prag. Nach der Reifeprüfung studierte er Jura, Psychologie und Philosophie in Prag bei Christian v. Ehrenfels (1859–1932) und seit 1900 in Berlin bei Carl Stumpf (1848–1936), bevor er 1904 in Würzburg bei Oswald Külpe (1862–1915) mit einer Arbeit über Tatbestandsdiagnostik zum Dr. phil. promoviert wurde. Nach seiner Habilitationszeit in Frankfurt/M. 1910–12 arbeitete W. bis 1914 dort weiter an Wahrnehmungs- und Kognitionsfragen, um dann in Berlin – seit 1918 als Privatdozent, seit 1922 als ao. Professor – seine Wissenschaftskarriere fortzusetzen. In Berlin begann W.s lebenslange Freundschaft mit Albert Einstein (1879–1955). 1929 wurde W. als o. Professor an die Univ. Frankfurt/M. berufen. Nach der Emigration über die Tschechoslowakei im Frühjahr 1933 setzte er seine Arbeit an der „New School for Social Research“ (University in Exile) in New York City fort (US-Staatsbürger 1939). In dieser Zeit arbeitete er sein epochales Werk über produktives Denken aus, das postum in den USA erschien (Productive Thinking, 1945, ²1959, dt. 1957, ²1964, ital. 1965). W. beteiligte sich im Exil an der Rettung gefährdeter Wissenschaftler aus NS-Deutschland und wurde 1938 Mitglied des „Committee on Displaced Foreign Psychologists“ der „American Psychological Association“.

    W. ging in seinem Werk von den gestaltpsychologischen Grundgedanken seines Prager Lehrers v. Ehrenfels aus und grenzte sich von den assoziationstheoretischen und experimentellen Arbeiten Wilhelm Wundts (1832–1920) ab. Er gilt neben seinen Mitstreitern und Freunden Wolfgang Köhler (1887–1967) und Kurt Koffka (1886–1941) als Begründer der Gestaltpsychologie. Diese basiert auf W.s bahnbrechender Frankfurter Habilitationsschrift „Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegungen“ (1912), in der er nachwies, daß die Wahrnehmung nicht durch Wundts Assoziationstheorie erklärt werden kann, sondern ganzheitlich (gestalttheoretisch) verstanden werden muß, und zwar auf der Basis der bis dahin bekannten Fakten der Hirnphysiologie und Klinischen Psychologie. In seinen ebenfalls in Frankfurt/M. (1911–14) konzipierten, weltkriegsbedingt erst 1922 / 23 publizierten „Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt“ (I., in: Psychol. Forsch., 1, 1922, S. 47–58, II., ebd. 4, 1923, S. 301–50) konnte er aufzeigen, daß die Wahrnehmung durch eine Mehrzahl von Organisationsprinzipien strukturiert wird (Gestaltgesetze der Nähe, Ähnlichkeit, Geschlossenheit u. a.). Darüber hinaus demonstrierte er die Geltung dieser Gestaltprinzipien auch in anderen Bereichen der Kognitionspsychologie wie etwa in der Denk- und Musikpsychologie, Sozialpsychologie und Ethik (so auch in „Productive Thinking“, 1945). Die eigentliche experimentelle Ausarbeitung von W.s Forschungsarbeit – auch mithilfe psychophysikalischer und hirnphysiologischer Methoden – erfolgte erst mit der sog. kognitiven Wende der Psychologie seit den 1960er bzw. 1970er Jahren und dem Niedergang der bis dahin dominierenden Schule des Behaviorismus. Zu W.s Schülern zählen in Deutschland u. a. Rudolf Arnheim (1904–2007), Wolfgang Metzger (1899–79) und Erika Fromm, geb. Oppenheimer (1910–2003), in den USA u. a. Solomon E. Asch (1907–96) und Abraham S. Luchins (1914–2005). In Anerkennung seiner besonderen Leistungen ehrte die Dt. Gesellschaft für Psychologie W. 1988 postum mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Wilhelm-Wundt-Medaille.

  • Werke

    Weitere W Experimentelle Unterss. z. Tatbestandsdiagnostik, in: Archiv f. d. ges. Psychol. 6, 1905, S. 59–131 (Diss.);
    Über d. Denken d. Naturvölker, in: Zs. f. Psychol. 60, 1912, S. 321–78;
    Über d. Wahrnehmung d. Schallrichtung, in: SB d. preuß.|Ak. d. Wiss. 20, 1920, S. 388–96 (mit E. M. v. Hornbostel);
    Über Schlußprozesse im produktiven Denken, 1920;
    Drei Abhh. z. Gestalttheorie, 1925, Nachdr. 1967;
    On Truth, in: Social Research 1, 1934, S. 135–46;
    A Story in Three Days, in: R. N. Anshen (Hg.), Freedom, Its Meaning, 1942, S. 555–69;
    On Discrimination Experiments, II. A Critique of Spence’s Approach, in: Psychological Review 66, 1959, S. 252–66;
    vollst. W-Verz.: Spillmann, 2012 (s. L), S. 271–74, – Nachlaß: New York City, Public Library;
    Univ. of Colorado, Colorado (USA).

  • Literatur

    |M. G. Ash, Gestalt Psychology in German Culture, 1890–1967, 1995 (P);
    V. Sarris, M. W. in Frankfurt, 1995 (P);
    ders., Reflexionen über d. Gestaltpsychologen M. W., Vergessenes u. wieder Erinnertes, in: M. Hassler u. J. Wertheimer (Hg.), Der Exodus aus Nazi-Dtld. u. d. Folgen, Jüd. Wissenschaftler im Exil, 1997, S. 177–90 (P);
    ders., Gestaltpsychol. in Frankfurt, in: H. E. Lück u. R. Miller (Hg.), Ill. Gesch. d. Psychol., ²1999, S. 76–79 (P);
    ders., M. W. in Frankfurt and thereafter, in: L. Spillmann (Hg.), M. W. on Perceived Motion and Figural Organization, 2012, S. 253–65;
    ders., Wolfgang Köhler (1887–1967), in: J. D. Wright (Hg.), Internat. Enc. of the Social & Behavioral Sciences, ²2015, Bd. 13, S. 123–26;
    ders., Genie u. Psychopathol., gestern u. heute, Robert Schumann, Vincent van Gogh, Virginia Woolf, 2016;
    ders. u. Michael Wertheimer, M. W., Productive Thinking, in: H. E. Lück u. a. (Hg.), Klassiker d. Psychol., ²2017, S. 158–64;
    W. Ehrenstein u. a., Gestalt Issues in Modern Neuroscience, in: Axiomathes 13, 2003, S. 433–58;
    D. B. King u. Michael Wertheimer, M. W. & Gestalt Theory, 2005 (P);
    S. Gepshstein u. a., Perceptual Organization and Neural Computation, in: Journ. of Vision 8, 2008, S. 1–4;
    T. Oyama u. H. Miyano, Quantification of Gestalt Laws and Proposal of a Perceptual State-Space Model, in: Gestalt Theory 30, 2008, S. 29–38;
    J. Wagemans u. a., A Century of Gestalt Psychology in Visual Perception, I. Perceptual Grouping and Figure-Ground Organization, in: Psychological Bull. 138, 2012, S. 1172–217;
    A. Stock, Schumann’s Wheel Tachistoscope, Its Reconstruction and its Operation, in: Hist. of Psychology 17, 2014, 149–58;
    Michael Wertheimer, M. W.s Centennial Celebration in Germany, ebd., S. 129 f.;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    BHdE II;
    Film: M. W., Leben u. Werk, Das Ganze ist mehr als d. Summe seiner Teile, hg. v. V. Sarris, 2012 (Internet-Progr. d. 49. Kongresses d. Dt. Ges. f. Psychol., Bielefeld 2012).

  • Autor/in

    Viktor Sarris
  • Zitierweise

    Sarris, Viktor, "Wertheimer, Max" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 867-868 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118806769.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA