Lebensdaten
1885 bis 1974
Geburtsort
Halle/Saale
Sterbeort
Ebenhausen bei München
Beruf/Funktion
Schriftstellerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118760629 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seidel, Johanna Mathilde (geborene)
  • Seidel, Ina
  • Seidel, Johanna Mathilde (geborene)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Seidel, Ina, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118760629.html [17.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann (1855–95 Freitod), aus sächs. Pfarrerfam., Dr. med., 1886–95 Inh. e. chirurg. Privatklinik in Braunschweig, seit 1892 Leiter d. hzgl. Krankenhauses ebd., 1894 Prof. (s. Pagel; Braunschweig. Biogr. Lex.), S d. Heinrich Alexander (1811–61), aus Goldberg (Meckl.-Schwerin), 1839 Pfarrer in Perlin b. Wittenburg (Meckl.-Vorpommern), 1851–59 in Schwerin, geistl. Schriftst. (s. Brümmer), u. d. Johanne Römer (1823–96);
    M Emmy (1861–1945), aus holstein. u. pomm. Fam., T d. Wilhelm Loesevitz (1828–61), Kaufm. in Riga, u. d. Antonie Beck (1838–1913, 2] Georg Ebers, 1837–98, Prof. d. Ägyptol. in Leipzig, s. NDB IV);
    1 B Willy (1887–1934, 1] Sylvia Möller-Garcia della Huerta, 2] Luise Kleen), Dr. phil., Schriftst. (s. Killy; Braunschweig. Biogr. Lex.; W), 1 Schw Annemarie (1895–1959, 1] Antony van Hoboken, 1887–1983, aus Rotterdam, Musikaliensammler u. Musikbibliograph, 1927 Gründer d. Archivs f. Photogramme musikal. Meister-Hss. b. d. Österr. Nat.bibl., seit 1938 in d. Schweiz, s. Schweizer Lex.; Hist. Lex. Wien, 2] Peter Suhrkamp, 1891–1959, aus Kirchhatten b. Oldenburg, Verl., 1937–50 Leiter u. Inh. d. S. Fischer Verlags, Gründer d. Suhrkamp-Verlags, Dr. h. c., Ehrenmitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung in Darmstadt, 1957, s. Munzinger), Schausp. (s. W, L);
    Berlin 1907 Heinrich Wolfgang (1876–1945), Pfarrer 1907–14 u. 1923–34 in Berlin, 1914–23 in Eberswalde, Schriftst., Vt v. S. (s. W, L), S d. Heinrich Seidel (1842–1906), aus Perlin, Ing. u. Schriftst., Vf. d. Romans „Leberecht Hühnchen“, 1882 (s. L) u. d. Agnes Becker (1856–1917);
    1 S Georg (1919–90) (Ps. Christian Ferber, Simon Glas), Reporter, Kritiker, Essayist, 1 T Heilwig (1908–94, Ernst Schulte-Strathaus, 1881–1968, Schriftst. in M., Lit.hist., s. Personenlex. Drittes Reich; Biogr. Lex. NS-Wiss.pol.).

  • Leben

    S. wuchs in Braunschweig auf. Nach dem Freitod des Vaters übersiedelte die Familie 1895 nach Marburg, 1897 nach München, wo S. um die Jahrhundertwende das Leben der Schwabinger Künstlerkreise kennenlernte. Nach dem Besuch einer höheren Mädchenschule legte sie 1904 ein Lehrerexamen für engl. Sprache ab. 1907 heiratete sie ihren Cousin Heinrich Wolfgang Seidel, der in Berlin ein Pfarramt übernahm. Das ev. Pfarrhaus wurde für viele Jahre ihr Lebensmittelpunkt und geistiger Bezugspunkt ihrer künstlerischen Arbeit. 1908 erkrankte S. nach der Geburt ihres ersten Kindes an einer Kindbettinfektion und blieb nach langer Krankheit in der Folge gehbehindert. Sie schrieb Gedichte und trat in Kontakt zu dem Kreis um Börries v. Münchhausen (1874–1945) und dem Göttinger Musenalmanach, zu dem Lulu v. Strauß und Torney (1873–1956) sowie Agnes Miegel (1879–1964) gehörten. 1914 übersiedelte S. nach Eberswalde.|Während des 1. Weltkriegs, den S. zunächst begrüßte, erschienen erste Lyriksammlungen (Gedichte, 1914; Neben der Trommel her, 1915) und ein Roman (Das Haus zum Monde, 1916); weitere Prosawerke folgten in der Nachkriegszeit (u. a. Hochwasser, Novellen, 1920; Sterne der Heimkehr, Roman, 1923). In „Das Labyrinth“ (1922), der Lebensgeschichte Georg Forsters, löste sie den Konflikt zwischen den unerfüllten Lebenswünschen der Hauptfigur und einer unbeherrschbaren Außenwelt durch einen Rekurs auf das christliche Selbstopfer. In der Weimarer Republik engagierte sich S. in der bürgerlichen Frauenbewegung.

    1923 kehrte S. mit ihrem Mann, der eine Pfarrstelle an der Neuen Kirche am Gendarmenmarkt übernahm, nach Berlin zurück. Die Arbeiten dieser zweiten Berliner Periode stehen im Kontext der experimentierfreudigen 20er Jahre. In der historischen Novelle „Die Fürstin reitet“ (1926), in welcher sie die Machtübernahme der russ. Zarin Katharina II. nachzeichnet, zeigt sich S. als moderne Erzählerin, die den schmalen Grenzbereich zwischen historischer Kontingenz, festgelegter Rollenverteilung und persönlichem Handlungsspielraum ausmißt und eine patriarchale Gesellschaft ohne Männer darstellt, wie sie der Lebenswirklichkeit der Kriegs- und Nachkriegszeit entsprach. Kontrastierend dazu zeigt der Bauernroman „Brömseshof“ (1927), wie stark sich S. auch zu dieser Zeit an traditionellen Gesellschaftsvorstellungen orientierte. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit dem Roman „Das Wunschkind“ (1930), der seine Leserschaft in der gebildeten bürgerlichen Mittelschicht und hier v. a. unter den Frauen fand. S. erzählt in dem Roman, der in der Zeit der Napoleonischen Kriege spielt, die Geschichte einer Mutter, deren individuelles Schicksal sich mit dem nationalen derart verknüpft, daß sie am Ende ihren Sohn für die Nation opfert. Seit 1934 lebte S. in Starnberg. In „Lennacker“ (1938), ihrem zweiten Erfolgsroman, träumt ein Kriegsheimkehrer in einem Fieberschlaf zwischen Weihnachten und den Hll. Drei Königen die Entwicklungsgeschichte seiner prot. Vorfahren. Das implizite Bekenntnis zu christlichen Werten und Traditionen wurde von vielen Lesern in der NS-Zeit als die Botschaft des Romans verstanden.

    Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten begrüßte S., die besonders auf die Person Hitlers vertraute. Sie unterzeichnete im Okt. 1933 ein „Treuegelöbnis“ und beteiligte sich 1939 mit einem Huldigungsgedicht und einem Telegramm an den Glückwünschen zu Hitlers 50. Geburtstag. 1940 erschien die romantisch geprägte Erzählung „Unser Freund Peregrin“. 1942 gab S. mit Hans Grosser einen Band „Dienende Herzen, Kriegsbriefe von Nachrichtenhelferinnen des Heeres“ heraus, der den Kriegseinsatz dt. Frauen glorifizierte. Während des Kriegs arbeitete sie u. a. an biographischen Essays über die Geschwister Brentano und Achim v. Arnim (1944).

    In der Nachkriegszeit wurde S. aufgrund ihrer politischen Haltung während der NS-Zeit öffentlich stark angegriffen. Ihre Bücher wurden jedoch bald wieder zugelassen und erlebten bis Mitte der 1960er Jahre hohe Auflagen. In den 1950er Jahren versuchte S. mit zwei großen Romanen, ihre alten Positionen zu überprüfen: In „Das unverwesliche Erbe“ (1954) entwickelte sie die christliche Linie ihres Werks weiter, in dem Roman „Michaela“ (1959) setzte sich S. mit dem Anteil des Bildungsbürgertums am Nationalsozialismus und mit ihrer eigenen Verantwortung auseinander. Trotz heftiger Ablehnung durch maßgebliche Literaturkritiker wurde ihr letzter Roman ein Publikumserfolg. Als sie 1974 starb, war ihr in zahlreiche Sprachen übersetztes Werk jedoch aus dem Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit verschwunden.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Künste, Berlin (seit 1932, 1945 freiwillig ausgeschieden, 1955 wiedergewählt), im Schutzverband dt. Schriftst. (seit etwa 1922), im P.E.N.-Club (seit etwa 1927), im Verband dt. Dichter (seit etwa 1927) u. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste München (1948); Goethe-Medaille (1932); Grillparzerpreis d. Stadt Wien (1941); Wilhelm-Raabe-Preis d. Stadt Braunschweig (1948); BVK (1954); Bayer. Verdienstorden (1964); Gr. Kunstpreis d. Landes NRW (1958); Gr. BVK (1966); Ehrenbürgerin v. Starnberg (1970).

  • Werke

    Weitere W u .a. Weltinnigkeit, Gedichte, 1919;
    Das wunderbare Geißleinbuch, 1925;
    Neue Gedichte 1927;
    Renée u. Rainer, 1928;
    Der Weg ohne Wahl, 1933;
    Die tröstl. Begegnung, Gedichte, 1933;
    Dichter, Volkstum u. Sprache, 1934;
    Meine Kindheit u. Jugend, 1935 (Autobiogr.);
    Osel, Urd u. Schummei, 1950;
    Die Fahrt in d. Abend, 1954;
    Drei Städte meiner Jugend, 1960 (Autobiogr.);
    Berlin, ich vergesse dich nicht, 1962;
    Frau u. Wort, 1965;
    Lebensbericht, 1885–1923, 1970 (Autobiogr.);
    Aus d. schwarzen Wachstuchheften, hg. v. Ch. Ferber, 1980;
    Hg.:
    Herz zum Hafen, Frauengedichte d. Gegenwart, 1933 (mit E. Langgässer);
    Willy Seidel, Der Tod d. Achilleus u. andere Erzz., 1936;
    Dt. Frauen, Bildnisse u. Lebensbeschreibungen, 1939;
    Heinrich Wolfgang Seidel, Aus d. Tagebuch d. Gedanken u. Träume, 1946;
    ders., Drei Stunden hinter Berlin, Briefe aus d. Vikariat 1902, 1951;
    ders., Briefe 1934–1944, 1964;
    Thomas Wolfe, Briefe an d. Mutter, übersetzt u. hg. v. I. S., 1949;
    Bibliogr.:
    E. Metelmann, in: Die neue Lit. 32, 1931, H. 8,|S. 366 f. (P);
    G. Schäfer, in: K. A. Horst, I. S., Wesen u. Werk, 1956;
    Nachlaß:
    DLA, Marbach;
    zu Annemarie:
    „Persönlich wär so unendlich viel zu sagen“, Der Briefwechsel zw. Carl Zuckmayer u. A. S., hg. v. G. Nickel, 1999, 22003;
    J.-P. Barbian, „Lange halte ich es ja nicht aus ohne Dtld.“, Die Korr. zw. Annemarie u. I. S. in d. J. 1933 bis 1947, in: Buchkulturen, Btrr. z. Gesch. d. Lit.vermittlung, FS Reinhard Wittmann, hg. v. M. Estermann u. a., 2005, S. 355–80.

  • Literatur

    K. A. Horst, I. S., Wesen u. Werk, 1956;
    E. Klee, I. S., Theol. d. Mutterschaft, in: ders., Wege u. Holzwege, Ev. Dichtung d. Zwanzigsten Jh., 1969, S. 24–40;
    H. v. Arnim, Christl. Gestalten neuerer dt. Dichtung, [1972];
    Ch. Ferber, Die Seidels, Gesch. e. bürgerl. Fam., 1979;
    G. Thöns, Aufklärungskritik u. Weiblichkeitsmythos, Die Krise d. Rationalität im Werk I. S.s, Diss. Düsseldorf 1984;
    B. Hey'l, Geschichtsdenken u. lit. Moderne, 1994;
    H. Sarkowicz u. A. Mentzer, Lit. in Nazi-Dtld., 2002, S. 365–68;
    D. Krusche, „. . . keine üble Person, aber ich mag nicht mehr“, Die Beziehung zw. Gottfried Benn u. I. S., in: J. Dyck u. a. (Hg.), BennJb. 1, 2003, S. 61–87;
    T. Schneider, Bestseller im Dritten Reich, in: VfZ 52, 2004, S. 77–97;
    G. Bauer, in: Frauen-Profile d. Luthertums, 2005, S. 252–73 (P);
    J.-P. Barbian, Innenansichten aus d. Dritten Reich, I. S.s Roman „Michaela. Aufzeichnungen d. Jürgen Brook“ (1959), in: Aus d. Antiquariat, 2006, Nr. 1, S. 15–38;
    ders., „Ich gehörte zu diesen Idioten“, I. S. im Dritten Reich, in: ders., Die vollendete Ohnmacht, Schriftst., Verl. u. Buchhändler im NS-Staat, 2008;
    Gedenktage d. mitteldt. Raumes 1985, S. 147–50 (P);
    Ostdt. Gedenktage 1985 (P);
    Braunschweig. Biogr. Lex. (P);
    Hildesheimer Lit.lex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Killy;
    Metzler Autorenlex. (P);
    BBKL IX (W, L);
    RGG3+4;
    LThK3;
    Munzinger;
    zu Heinrich:
    BJ XI, S. 123–27 u. Tl.;
    Gedenktage d. mitteldt. Raumes 1992;
    Killy;
    Grewolls, Meckl.Vorpommern;
    zu Heinrich Wolfgang:
    A. Herse, in: Die Neue Lit. 37, 1936, S. 262–67;
    Killy;
    BBKL IX;
    Grewolls, Meckl.-Vorpommern.

  • Portraits

    Bronzebüste v. H. Schrott-Fiechtl, 1942;
    Bleistiftzeichnung v. B. F. Dolbin;
    Kreidezeichnung v. E. Büttner, 1932;
    Lith. v. H. Wolff, 1931;
    ca. 50 Fotos aus verschiedenen Lebensphasen u. a. v. H. Holdt, E. Lendvai-Dircksen, H. Fietz, U. Lietzmann, E. Retzlaff u. P. Swiridoff (alle DLA, Marbach).

  • Autor/in

    Dorit Krusche
  • Empfohlene Zitierweise

    Krusche, Dorit, "Seidel, Ina" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 172-174 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118760629.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA