Lebensdaten
1890 bis 1945 oder 1949
Geburtsort
Frankfurt (Oder)
Sterbeort
für tot erklärt)
Beruf/Funktion
Sprachwissenschaftler
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117511226 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmidt, Georg Albert Johannes (bis 1937/38)
  • Stein, Fritz (Pseudonym)
  • Quassel, Jürgen (Pseudonym)
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Zitierweise

Schmidt-Rohr, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117511226.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Richard S. (1863-1927), Lehrer in F., S d. Johann (1827–92), aus Stuttgart (Neumark), Vorschnitter in Gerlachsthal, u. d. Luise Pfennig (1829–1914), aus Cocceji-Neudorf;
    M Ida (1867–1943), T d. Karl Michaelis (* 1834), Fischermeister, Seepächter in Müllrose, u. d. Karoline Zochert (* 1843);
    B Willy S. (1889-1981), Vors. d. Ver. u. Hg. d. Zs. d. Wandervogel „Hl. Ostmark“;
    Frankfurt/Oder 1919 Ruth (1898–1986), aus Fürstenwalde/Spree, T d. Carl Rohr (1866–1946), aus Beeskow, Gen.dir. d. Koehlmann-Werke in F., dessen Bes. S.-R. zeitweise verwaltete, u. d. Margarethe Fähndrich (1876–1916);
    2 S Heinz-Georg (* 1922), Dr. med., Kinderarzt, Kommunalpol., Gründer d. Lebenshilfezentrums in Wiesloch, Ehrenbürger d. Stadt Wiesloch, Ulrich (* 1926), 1962-65 Dir. d. Inst. f. Kernphysik d. Kernforsch.anlage Jülich, 1966-94 Dir. am MPI f. Kernphysik in Heidelberg, Hon.prof. f. Physik an d. Univ. Heidelberg (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2005), 1 T Christine Totten (* 1920), Germanistin, Chairperson of the modern language dept. d. Clarion Univ. Pennsylvania (USA);
    N Hartmut S. (* 1934), Lexikograph u. Sprachwiss.hist., 1958-69 wiss. Mitarb. d. Dt. Ak. d. Wiss. in Berlin (Ost), 1969-91 (seit 1980 Leiter) d. Bereichs Sprachgesch., 1987 Prof., seit 1992 wiss. Mitarb. am Inst. f. dt. Sprache in Mannheim, Leiter d. Abt. Hist. Lexikogr. (s. Linguisten-Hdb., hg. v. W. Kürschner, 1994).

  • Leben

    Nach dem Abitur am Realgymnasium in Frankfurt/O. studierte S. Germanistik und Neuere Sprachen 1910/11 in Berlin, seit 1911 in Jena, u. a. bei Viktor Michels und Levin Ludwig Schücking (Staatsexamen 1913). 1914-18 nahm er freiwillig am 1. Weltkrieg teil (zuletzt Hptm. d. Res.). 1916 wurde er bei Wilhelm Rein (1847–1929) in Jena mit einer Arbeit über „Die Aufgaben der militärischen Jugendpflege in pädagogischer Beleuchtung“ (gedr. 1917) zum Dr. phil. promoviert. Seit 1920 war S., abgesehen von zahlreichen, z. T. längeren Studienreisen und Forschungsstipendien, als Studienrat an der Städtischen Oberschule, später am Staatl. Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt/O. tätig.

    Seit frühester Jugend war S. mit seinem Freund Friedrich-Wilhelm Fulda (1885–1945) führend in der Wandervogelbewegung tätig (Randbemerkungen zu Zeit- u. Streitfragen d. Wandervogelbewegung, 1916, 21917). Bekanntheit darüber hinaus erlangte er 1917 durch sein sprachpolitisches Pionierwerk „Unsere Muttersprache als Waffe und Werkzeug des dt. Gedankens“. In der Weimarer Republik ein Vertreter des von ihm 1920 mitgegründeten „Kronacher Bundes alter Wandervögel“ im Reichsausschuß der dt. Jugendverbände, beteiligte er sich an den Planungen des preuß. Kultusministers Carl Heinrich Becker (1876–1933) für die 1926 erfolgte Gründung Pädagogischer Akademien. 1932 publizierte er mit Unterstützung der „Dt. Akademie“ in München sein Hauptwerk „Die Sprache als Bildnerin der Völker“ (21933 u. d. T. Mutter Sprache, Vom Amt d.|Sprache bei d. Volkwerdung), dessen Kritik am Rassegedanken zu breiten öffentlichen Diskussionen führte. Ein Ausschlußverfahren aus der NSDAP, der er seit 1933 angehörte, wurde noch im selben Jahr gegen ihn angestrengt, aufgrund der Unterstützung S.s durch die Dt. Akademie sowie durch Karl Haushofer (1869–1946) und Hugo Bruckmann (1863–1941) jedoch eingestellt. Seit 1934 engagierte sich S. in mehreren NS-Organisationen (Lehrerbund, Volkswohlfahrt, Kraftfahrerkorps, Bund dt. Osten), wurde aber weiterhin als politisch unzuverlässig eingestuft. Erst nach mehreren Gesprächen mit dem Rassepolitischen Amt der NSDAP wurde er 1939 öffentlich rehabilitiert. Rückendeckung fand er fortan bei Heinrich Himmler, für dessen Sicherheitsdienst er seit 1940 tätig war. 1943 wurde eigens für S. im Forschungsamt A (= Ahnenerbe) der SS eine „Sprachsoziologische Abteilung“ eingerichtet, von der sich Himmler Impulse für ein „Geheimes sprachpolitisches Amt“ versprach, das v. a. in den besetzten Ländern „kulturzersetzend“ wirken sollte. S.s nicht veröffentlichte Habilitationsschrift, die er 1945 in Wien bei Friedrich Kainz (1897–1977) einreichte, enthielt einen reflektierten Beitrag zur Rechtschreibreform; den Abschluß des Habilitationsverfahrens verhinderte S.s Tod als Leiter einer Volkssturm-Einheit.

    S. war Pionier einer nicht auf rassetheoretischen Fundamenten, sondern einer auf der Sprache gegründeten faschistischen Theorie, wie sie auch Leo Weisgerber (1899–1985) vertrat. Nachdem er in den 1950er und 1960er Jahren nahezu vergessen war, brachte ihn Weisgerber Anfang der 1970er Jahre als vermeintlichen NS-Gegner wieder ins Gespräch. Als aber S.s Pläne für ein „geheimes sprachpolitisches Amt“ bekannt wurden, geriet die Sprachinhaltsforschung in die Kritik. Heute würdigt man sein Werk angesichts von S.s Verstrickungen in den Nationalsozialismus mit kritischer Distanz.

  • Literatur

    R. M. Richter, Macht d. Sprache, in: Muttersprache 59, 1949, S. 342-44;
    L. Weisgerber, ebd. 81, 1971, H. 2, S. 105 f.;
    H. Ahrens, Die Wandervogelbünde v. d. Gründung bis z. 1. Weltkrieg, in: Chronik d. freien dt. Jugendbewegung, hg. v. S. Copalle u. H. Ahrens, 1954, S. 26-85;
    R. Römer, Mit Mutter Sprache gegen d. Nazis?, in: Linguist. Berr. 14, 1971, S. 68 f.;
    G. Simon, Material über d. Widerstand in d. dt. Sprachwiss. d. Dritten Reiches, in: ders. (Hg.), Sprachwiss. u. pol. Engagement, 1979, S. 153-206 (darin: Denkschrr. u. a. Dok. v. u. über S.);
    ders., Die sprachsoziolog. Abt. d. SS, in: Sprachtheorie, Pragmatik, Interdisziplinäres, Akten d. 19. Linguist. Kolloquium Vechta 1984, hg. v. W. Kürschner u. a. 1985. S. 375-96;
    ders., Wiss. u. Wende 1933, Zum Verhältnis v. Wiss. u. Pol. am Bsp. d. Sprachwissenschaftlers G. S.-R., in: Das Argument 158, 1986, S. 527-42;
    ders., Der Wandervogel als „Volk im Kleinen“ u. Volk als Sprachgemeinschaft heim frühen S., in: Sprachwiss. u. Volkskunde, hg. v. H. E. Brekle, 1986, S. 155-83;
    ders., Kontinuitäten u. Brüche in d. dt. linguist. Bedeutungsforsch. 1933 u. 1945, in: G. Bollenbeck u. C. Knobloch (Hg.), Semant. Umbau d. Geisteswiss. nach 1933 u. 1945, 2001, S. 175-81;
    D. Schölten, Sprachverbreitungspol. d. nat.soz. Dtld., 2000; Internat. Germanistenlex. (W, L);|

  • Quellen

    Qu Personalakte im Berlin Document Center (P); BA Koblenz (v. a. im Bestand NS 21); Univ.archiv Wien; Archiv d. IDS Mannheim (Nachlaß Basler); Archiv d. Jugendbewegung Burg Ludwigstein (Witzenhausen); Archiv d. Ges. f. interdisziplinäre Forsch., Tübingen; – Teilnachlaß: Privatbes. Ulrich Schmidt-Rohr.

  • Autor/in

    Gerd Simon
  • Empfohlene Zitierweise

    Simon, Gerd, "Schmidt-Rohr, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 224-225 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117511226.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA