Lebensdaten
1874 bis 1954
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Rottach-Egern
Beruf/Funktion
Internist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117278149 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schittenhelm, Alfred

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Zitierweise

Schittenhelm, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117278149.html [17.08.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1838–94), aus Wildberg-Gültlingen, Oberreg.rat b. d. kgl. Zentralstelle f. d. Landwirtsch. in St.;
    M Julie Hauck, aus Heilbronner Kaufm.fam.;
    1) Heilbronn 1871 N. N., 2) 1925 Gertrud Lienau (* 1900);
    3 K (1 S früh †).

  • Leben

    Nach Abschluß der Gymnasialzeit in Heilbronn und Stuttgart studierte S. seit 1892 Medizin bei Karl v. Liebermeister (1833–1901) in Tübingen, bei Alfred Kast (1856–1903) in Breslau und bei Frédéric Reverdin (1849–1931) in Genf. In Tübingen legte S. 1898 das Staatsexamen ab und wurde im selben Jahr promoviert. Bis 1900 arbeitete er als Assistenzarzt in Stuttgart und weitere drei Jahre in gleicher Funktion an der med. Klinik in Breslau. Es folgten zwei prägende Jahre am chemischen Institut der Charité in Berlin bei Emil Fischer (1852–1919) und Emil Abderhalden (1877–1950) mit anschließender Assistententätigkeit an der med. Klinik in Göttingen bei Wilhelm Ebstein (1836–1912). 1904 habilitierte sich S. bei Friedrich Kraus (1858–1936) an der Charité, wo er bis 1907 Klinikassistent war. Nach Ernennung zum ao. Professor wurde S. Extraordinarius für klinische Propädeutik und Geschichte der Medizin an der Univ. Erlangen und leitete unter Franz Penzoldt (1849–1927) auch die dortige Poliklinik.

    1912 folgte S. einer Berufung als Ordinarius für Innere Medizin und Klinikdirektor an die Univ.klinik Königsberg, wo Ks. Wilhelm II. sein prominentester Patient war. 1915-34 war S. als Nachfolger von Hugo Lüthje (1870–1915) Ordinarius für Innere Medizin in Kiel, wo er am Bau einer modernen Klinik mit umfangreichen wissenschaftlichen Einrichtungen, einer großen radiologischen Abteilung und einer leistungsfähigen Diätküche maßgeblich beteiligt war. An die Klinik war eine bioklimatische Forschungsstelle mit Stützpunkten auf Westerland (Sylt) und Wyk (Föhr) angeschlossen. 1915-18 diente S. als Stabsarzt, Hygieniker und beratender Mediziner. Er lehnte Berufungen nach Leipzig, Berlin und Wien ab und übernahm 1934 das Ordinariat für Innere Medizin II an der medizinischen Klinik München als Nachfolger Friedrich v. Müllers (1858–1941). S. war seit 1933 NSDAP- und SS-Mitglied (1938 SS-Standartenführer) sowie Mitglied des NS-Ärzte- und Dozentenbundes (1944 Führungskreis d. NS-Dozentenbundes). 1934/35 richtete er in zwei Räumen seiner Klinik eine Abteilung für „Erbpflege und Erbforschung“ (kein Bestandteil des „SS-Ahnenerbe“) ein, die schlecht ausgestattet war, deren Arbeit bedeutungslos blieb und die vier Jahre später aufgelöst wurde. 1944 wurde die Klinik nach Rottach/Tegernsee ausgelagert. 1945 wurde S. aller Ämter enthoben und zwei Jahre lang im Lager Moosburg interniert. Als Minderbelasteter der Gruppe V wurde S. Weihnachten 1947 begnadigt. Er bemühte sich darauf intensiv um seine Rehabilitierung und ordentliche Emeritierung. 1949 wurde, S. erneut zum o. Professor ernannt und 1950 mit vollem Versorgungsanspruch emeritiert. S. verkörpert exemplarisch das Dilemma der bis zur NS-Herrschaft international führenden dt. Medizin. Er wählte anstelle des Exils die Mitläuferschaft und erreichte nach Kriegsende die Wiederherstellung seines vorigen Status.

    S. kann als einer der letzten universalen dt. Kliniker des 20. Jh. betrachtet werden, dessen Einfluß die klinische und praktische Medizin in Deutschland bis 1950 wesentlich prägte. Er überblickte noch die gesamte Innere Medizin und publizierte innerhalb von 45 Jahren zahlreiche Arbeiten zu fast allen klinisch-internistischen, aber auch experimentellen medizinischen Themengebieten (mehr als 50 Bücher, Lehr- u. Hdb.btrr. sowie mehr als 250 Originalarbb.). Seine Forschungsschwerpunkte waren die Pathologie und Physiologie des Eiweißstoffwechsels, die Entstehung der Harnsäure, der Purin-, Nuklein und Jodstoffwechsel, die Pathogenese der Gicht (Erstbeschreibung), Anaphylaxie und Allergie (extrins. Asthma bronchiale), Infektionskrankheiten (Tetanus, Dysenterie, Morbus Bang, Fleckfieber, Morbus Weil), Hämatologie und Endokrinologie (Pathophysiol. d. Schilddrüse, Pankreas, Nebenniere). S. befaßte sich auch intensiv mit klinischer sowie Röntgen- und Labordiagnostik.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Leopoldina (1919), d. Ges. d. Ärzte Wien (1937), d. Soc. Lombarda di medicina (1938) u. d. bulgar. Ges. f. Innere Med. (1938); Präs. d. dt. Ges. f. Innere Med. (1933/34); SS-Sturmbann-(1935) u. -Standartenführer (1938); Komturkreuz d. ungar. Verdienstordens (1937).

  • Werke

    Ein Fall v. vollst. Agenesie d. Vorder-, Mittel- u. Zwischenhirns, Diss. Tübingen 1898;
    Der Nucleinstoffwechsel u. seine Fermente b. Mensch u. Tier, in: Zs. f. Physiolog. Chemie 46, 1905, S. 354-70;
    Lehrb. d. klin. Unters.methoden, 1908, 61923 (mit Th. Brugsch);
    Lehrb. klin. Diagnostik u. Unters.methodik, 1908, 61922 (mit dems.);
    Der Nukleinstoffwechsel u. seine Störungen, 1910 (mit dems.);
    Die Gicht u. ihre Therapie, 1910 (mit J. Schmid);
    Der endem. Kropf, 1912 (mit W. Weichardt);
    Eiweißabbau, Anaphylaxie u. innere Sekretion, in: Dt. med. Wschr. 38, 1912, S. 489-94;
    Lehrb. d. klin. Laboratoriumstechnik, 1923 (mit Th. Brugsch);
    Lehrb. d. Röntgendiagnostik, 1924;
    Hdb. d. Krankheiten d. Blutes u. d. blutbildenden Organe, 2 Bde., 1925, 31936;
    zahlr. Btrr. in: G. v. Bergmann (Hg.), Lehrb. d. Inneren Med., 10 Bde., 1934-44;
    Hg. u. Mithg.:
    Ergebnisse d. Inneren Med., 1908-41;
    Zs. f. experimentelle Med., 1919-44;
    Münchner Med. Wschr., 1912 ff.

  • Literatur

    M. Bürger, in: Dt. Med. Wschr. 79, 1954, S. 1573 f. (P);
    ders., in: Münchner Med. Wschr. 95, 1954, S. 1237;
    G. Bodechtel, ebd. 97, 1955, S. 145 f.;
    E. Schütz, in: Klin. Wschr. 33, 1955, S. 343 f.;
    J. Bauer, in: Therapiewoche 5, 1954/55, Vorseiten (W-Verz., P);
    K. H. Hagel, Personalbibliogrr. v. Prof. u. Doz. d. Med. Klinik u. Poliklinik d. Univ. Erlangun-Nürnberg im ungefähren Zeitraum v. 1900–65, Diss. Erlangen-Nürnberg 1968, S. 149-64 (W-Verz.);
    M. P. H. Schencking, A. S. u. d. Abt. f. Erbpflege u. Erbforsch. an d. II. Med. Klinik München 1934–39, 1999 (W-Verz.);
    Fischer;
    Erlanger Professoren II (Qu, L);
    Personenlex. Drittes Reich.

  • Autor/in

    Eberhard J. Wormer
  • Empfohlene Zitierweise

    Wormer, Eberhard J., "Schittenhelm, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 15-16 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117278149.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA