Lebensdaten
1890 bis 1918
Geburtsort
Tulln (Niederösterreich)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Maler ; Graphiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118607499 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schiele, Egon Leo Adolf
  • Schiele, Egon
  • Schiele, Egon Leo Adolf
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Zitierweise

Schiele, Egon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607499.html [20.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf Eugen (1850–1905), aus W., 1879 Bahnbetriebsamtsvorstand d. k. k. Staatsbahn in Launsdorf (Kärnten), 1883 in W., 1886 in Steyr (Oberösterr.), 1890 in T., S d. Ludwig (1817–62), aus Ballenstedt (Anhalt), Architekt u. Ing., 1844 Erbauer d. k. k. Ks.-Ferdinand-Nordbahn in Mähren u. d. k. k. privilegierten böhm. Westbahn;
    M Maria (1862–1935), aus Krumau/Moldau (Südböhmen), T d. Johann Franz Soukop, Wirtsch.bes. in Krumau. dann Bauuntern. u. Realitätenbes. in W.; Vormund (seit 1905) Leopold Czihaczek ( 1918, Marie Schiele, Tante-v), Eisenbahnbeamter, Ing. in W.;
    3 B (tot geboren), 3 Schw (1 früh †), Melanie (1886–1973, Gustav Schuster, 1884-v. 1950, Eisenbahnbeamter), Gertrude (1894–1981, Anton Peschka, 1885–1940, Maler in W., s. Vollmer; Hist. Lex. Wien);
    Wien 1915 Edith (1893–1918), T d. Johann Harms (1843–1917), aus Hannover, Schlossermeister u. Hausbes. in W., u. d. Josefa Bürzner.

  • Leben

    Nach der in Tulln verbrachten Kindheit besuchte S. zunächst das Realgymnasium in Krems, dann in Klosterneuburg. Im Okt. 1906 bestand S. die Aufnahmeprüfung an der „Akademie der bildenden Künste“ und kam in die Malklasse von Christian Griepenkerl (1839–1916). Bereits 1907 suchte S. die persönliche Bekanntschaft mit Gustav Klimt (1862–1918), dem damals führenden modernen Maler Österreichs. S. bezog ein eigenes Atelier in Wien und beteiligte sich 1908 mit zehn Arbeiten erstmals an einer öffentlichen Ausstellung.

    Nach zunehmenden Meinungsverschiedenheiten mit Griepenkerl trat S. im April 1909 mit zahlreichen Kollegen, u. a. Anton Peschka, Anton Faistauer, Rudolf Kalvach und Franz Wiegele, aus der Akademie aus und gründete mit ihnen die „Neukunstgruppe“. Etwas später schlossen sich dieser auch Albert Paris Gütersloh und Hans Böhler an. In die „Internationale Kunstschau Wien, 1909“, deren Ausstellungskommitee Gustav Klimt vorstand, wurden bereits vier Werke S.s aufgenommen. Durch den Architekten Josef Hoffmann (1870–1956) fand S. Kontakt zu der „Wiener Werkstätte“.

    S. arbeitete zu dieser Zeit mit eher düsteren, subtil nuancierten Farbtönen – ebenso wie Oskar Kokoschka –, dessen vergleichsweise malerischer Sicht er besonders in Aktdarstellungen und Bildnissen eine entschieden strukturierende Formauffassung entgegensetzte. Um 1911/12 nahm das „Malerische“ stark zu, was in vielen Aquarellen, aber auch in Gemälden wie etwa der „Toten Stadt“ oder dem „Rathaus von Krumau“ deutlich wird. Die Motive in diesen Bildern sind dem mittelalterlichen Krumau entnommen, wurden von S. jedoch zu einer neuen Einheit zusammengefaßt und zu phantastischen Visionen gesteigert. Allgemein menschliche Symbole gestaltet S. auch in seinen drei Sonnenblumenbildern von 1909, 1911 und 1914. Auch Landschaften mit Bäumen wie der „Kleine Herbstbaum“ und die „Rabenlandschaft“ (beide 1911), der „Herbstbaum in bewegter Luft“ (1912) oder die Bilder nach der Stadt Stein an der Donau (alle 1913) erscheinen ausdrucksvoll beseelt. Im Herbst 1913 begann S., sich mit dem Kubismus auseinanderzusetzen. Davon zeugen Bilder wie „Krumau an der Moldau“, „Häuser am Meer“, „Blinde Mutter“ und „Junge Mutter“ (alle 1914) und aus der ersten Hälfte des folgenden Jahres der „Häuserbogen“, das „Haus mit Schindeldach“ und das Bild der Fassade der „St. Jost-Kirche am linken Moldauufer“ sowie die figuralen Darstellungen „Entschwebung“ und „Tod und Mädchen“ und zahlreiche kolorierte Zeichnungen.

    Im Frühjahr 1911 war S. zusammen mit seiner Freundin Wally (Valerie) Neuzil (1894–1917), zugleich Modell vieler seiner Arbeiten, nach Krumau gezogen. Diese nichteheliche Lebensgemeinschaft, wie auch die Heranziehung sehr junger Krumauer Mädchen zu Aktstudien, führte zu offenen Konflikten mit der örtlichen Einwohnerschaft; im Juli/Aug. 1911 mußte S. Krumau verlassen und übersiedelte nach Neulengbach, einer Kleinstadt nahe bei Wien. Hier entstanden im Herbst 1911 und im ersten Viertel des folgenden Jahres bahnbrechende Arbeiten wie die bereits erwähnte „Rabenlandschaft“, die „Eremiten“, die „Trauernde Frau“, „Kardinal und Nonne“ sowie der „Herbstbaum in bewegter Luft“.

    Am 13.4.1912 wurde S. in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen. Zwar erwies sich die Hauptbeschuldigung, eine Minderjährige verführt zu haben, als haltlos, doch wurde S. wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ zu Arrest verurteilt, und eine seiner Aktzeichnungen zu Ende des Prozesses im Gerichtssaal öffentlich verbrannt. Nach 24 Tagen Haft und kurzen Reisen nach Triest, Bregenz und Knappenberg/Rax fand S. im November ein Atelier in Wien-Hietzing, das er bis zu seinem Tode behielt. 1913 wurde S. in den „Bund Österreichischer Künstler“ aufgenommen. Im selben Jahr erschienen in der von Franz Pfemfert (1879–1954) herausgegebenen Berliner Zeitschrift „Aktion“ sowohl Zeichnungen als auch Prosagedichte. 1916 veröffentlichte „Die Aktion“ ein „Egon-Schiele-Heft“, das außer Reproduktionen nach Zeichnungen auch seinen Holzschnitt „Badende Männer“ enthielt. Im Sommer 1914 beschäftigte sich S. auch mit der Herstellung von Radierungen; außerdem entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Anton Joseph Trćka (1893-|1940) eine Serie von interessanten Selbstporträts.

    Nach der Trennung von Wally Neuzil Ende Mai 1915 heiratete S. Mitte Juni 1915 Edith Harms. Wenige Tage später zum Militär eingezogen, kam er zunächst nach Prag, Ende Juli jedoch wieder nach Wien, wo er neben dem Militärdienst seine künstlerische Tätigkeit wieder aufnahm. Seine Frau stand ihm Modell für das große „Bildnis Edith Schiele in gestreiftem Rock“. Im Jan./Febr. 1916 nahm S. an der großen Ausstellung der „Wiener Secession“ in der „Berliner Secession“ teil: Sein Bild „Entschwebung“ wurde dort in der Eingangshalle Klimts „Tod und Leben“ gegenübergestellt. Am 1. Mai wurde S. nach Mühling bei Wieselburg in ein Lager für kriegsgefangene russ. Offiziere abkommandiert. 1917 konnte er wieder nach Wien zurückkehren, und wurde hier in der „K. u. k. Konsumanstalt für die Gagisten der Armee im Felde“ beschäftigt. Noch im selben Jahr beteiligte er sich an einer Kriegsausstellung im Kaisergarten in Wien und an der Ausstellung der Münchner Secession im Glaspalast; eine geplante Arbeitsgemeinschaft „Kunsthalle“ mit Arnold Schönberg, Peter Altenberg und anderen Künstlern kam nicht zustande.

    Seit etwa Mitte 1916 wandte sich S. einer neuen, eher naturalistischen Darstellungsweise zu – wobei Manierismen häufig überhandnahmen. Anfang 1918 jedoch gelang ihm ein neuer Durchbruch; zunächst mehr im Formalen – mit der „Familie“ und dem „Hockenden Frauenpaar“, dann aber auch im Malerischen – mit den „Drei stehenden Frauen“ und dem letzten „Liebespaar“.

    Nach dem Tod Klimts im Febr. 1918 und dem Fortgang Kokoschkas aus Wien war S. der wichtigste Vertreter der fortschrittlichen Kunst in Österreich. Für die 49. Ausstellung der Wiener Secession im März 1918 wurde ihm der Hauptsaal zur Verfügung gestellt. Dort konnte er 19 großformatige Bilder und 29 zum Teil kolorierte Zeichnungen zeigen. Künstlerisch und materiell brachte ihm diese Ausstellung den ersten wirklichen Erfolg, bevor er im Oktober – wenige Tage nach seiner im sechsten Monat schwangeren Frau – an der „span. Grippe“ verstarb.

    S. hatte schon als 20jähriger 1910 die künstlerische Selbständigkeit erlangt. Mit seiner schonungslosen Darstellung der Schattenseiten und Abgründe menschlicher Existenz widersprach er dem bis dahin unangefochtenen ästhetisierenden Jugendstil. Von den Zeitgenossen vielfach mißverstanden und in den 20er/30er Jahren fast in Vergesssenheit geraten, gilt er heute als einer der entscheidenden Neuerer der Kunst und zugleich als der herausragende Zeichner des Expressionismus.

  • Werke

    Weitere Ausst. Kollektivausst. in d. Gal. Miethke, Wien, 1910;
    im „Hagenbund“, Wien, im Mus. Folkwang Hagen sowie Beteiligung an d. Internat. Sonderbund-Ausst., 1912;
    Frühjahrsausst. d. Münchner Secession, d. Gr. Dt. Kunstausst. in Düsseldorf u. d. Internat. Schwarzweißausst. d. Wiener Secession, 1913;
    in Dresden, Hamburg, München u. in d. Kölner Werkbundausst., ferner u. a. in Rom, Brüssel u. Paris, 1914;
    Gemeinschaftsausst. in d. Wiener Gal. Guido Arnot u. im Kunsthaus Zürich, 1915;
    in München u. Dresden, 1916;
    in Amsterdam, Stockholm u. Kopenhagen, Ende 1917/Anfang 1918;
    in d. Ausst. „Ein Jh. Wiener Malerei“ im Kunsthaus Zürich u. im Künstlerhaus Rudolfinum Prag, 1918.

  • Werke

    ca. 2500 teils kolorierte Zeichnungen, etwa 18 Skizzenbücher, 20 druckgraf. Arbb. u. 4 Skulpturen, über 300 Ölgem. (auf Lwd., Holz u. Karton), u. a. Bildnis Gertrude Schiele, 1909;
    Sitzender Männerakt, Tote Mutter, Bildnisse Karl Zakovsek, Poldi Lodzinsky, Arthur Roessler, Eduard Kosmack, alle 1910;
    Lyriker, Tote Stadt II, Krumauer Rathaus, Tote Stadt III, Schwangere u. Tod, Offenbarung, alle 1911;
    Eremiten, Trauernde, Kalvarienberg, alle 1912;
    Auferstehung, Begegnung (beide Bilder wahrscheinlich im 2. Weltkrieg zerstört), Versinkende Sonne, alle 1913;
    Häuser mit bunter Wäsche, Fenster, S.s Schreibtisch, alle 1914;
    Mutter mit zwei Kindern, 1915;
    Zerfallende Mühle, Bildnis Johann Harms, beide 1916;
    Liebespaar, Liegende Frau, Mädchen, alle 1917;
    Bildnis Edith Schiele, Bildnis Alhert Paris Gütersloh, 1918;
    Mappen:
    Sema Mappe, mit 15 Lithos v. Mitgll. d. Künstlervereinigung Sema, u. a. e. Selbstakt, 1912;
    Mappe mit zwölf originalgroßen Lichtdrucken nach Zeichnungen u. Aquarellen im Verlag d. Buchhandlung Richard Lanyi, 1918;
    E. S., Aquarelle u. Zeichnungen, hg. v. W. Koschatzky, ausgew. u. bearb. v. E. Mitsch, 1968;
    R. Leopold, E. S., Gem., Aquarelle, Zeichnungen, 1972;
    E. S., Bll. aus Privatbes., 2 T., mit Einl. v. R. Leopold, 1985-86;
    W-Verz.:
    O. Nirenstein (später Kallir), E. S., Persönlichkeit u. Werk, 1930, 2. Aufl. u. d. T. Otto Kallir, E. S., Œuvre Kat. d. Gem., 1966;
    J. Kallir, E. S., The Complete Works, including a Biogr., Cat. Raisonné, incorporating The Fischer Schiele Archiv London, 1990, 21998;
    dies., E. S., Drawings and watercolours, 2003, dt. u. d. T. Aquarelle u. Zeichnungen, 2003.

  • Literatur

    O. Benesch, E. S. u. d. Graphik d. Expressionismus, 1958;
    E. Mitsch, E. S., Zeichnungen u. Aquarelle, 1961;
    W. Hofmann, E. S., Die Fam., 1968;
    J. Dobai, E. S., Jüngling vor Gott Vater kniend, in: Jb. d. Schweizer. Inst. f. Kunstwiss., 1968/69;
    A. Comini, E. S.'s Portraits, Berkely, Univ. of California, 1974;
    Ch. Nebehay, E. S. 1890 bis 1918, Leben, Briefe, Gedichte, 1979;
    R. Leopold, E. S., Die Slg. Leopold, 1995;
    ders. (Hg.), Leopold-Meisterwerke aus d. Leopold Mus. Wien, 2001;
    Menschenbilder, E. S. u. seine Zeit, Meisterwerke aus d. Slg. Leopold, Ausst.kat. Innsbruck 1999;
    K. A. Smith, E. S.'s Treescapes, work and world, unframing the autonomous landscape, in: Art history 23, 2000, S. 233-61;
    E. S., Ausst.kat. Mailand u. a. 2003;
    J. Kallir, E. S., Life and Work, 2003;
    E. S. u. Arthur Roessler, Der Künstler u. sein Förderer, Kunst u. Networking im frühen 20. Jh., hg. v. T. G. Natter u. U. Storch, Ausst.kat. Wien Mus., 2004;
    KML;
    ThB;
    ÖBL;
    Dict. of Art.

  • Portraits

    Selbstseher I, 1910 (verschollen);
    Selbstseher II, 1911;
    Selbstbildnis mit gesenktem Kopf, Selbstbildnis mit nackter Schulter, Selbstbildnis mit Lampionfrüchten, alle 1912 (alle Wien, Leopold Mus.).

  • Autor/in

    Rudolf Leopold
  • Empfohlene Zitierweise

    Leopold, Rudolf, "Schiele, Egon" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 738-741 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607499.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA