Lebensdaten
1863 bis 1915
Geburtsort
Danzig
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Zeichner
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118606816 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scheerbart, Paul Carl Wilhelm
  • Küfer, Kuno (Pseudonym)
  • Scheerbart, Paul
  • mehr

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Zitierweise

Scheerbart, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606816.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl Eduard (1816–73), Zimmermeister in D.;
    M Catharina Friederike Hering (1818–67), aus Altona b. Hamburg;
    Stief-M (seit 1869) Emilie Möller (* 1818);
    Berlin 1900 Anna Scherler, geb. Sommer (1858–1936), aus Osterburg (Altmark); kinderlos.

  • Leben

    Der früh verwaiste, von der Stiefmutter aufgezogene S. verließ das Gymnasium in Danzig ohne Abschluß. Seit 1885 arbeitete er als Journalist, u. a. für den Berliner „Börsen-Courier“, den „Danziger Courier“ und das „Berliner Tageblatt“, wobei er sich auf Kunst- und Architekturkritik spezialisierte. Eine kleine Erbschaft ermöglichte die Niederschrift des ersten Romans (Das Paradies, die Heimat d. Kunst, 1889). Seit 1889 lebte S. in Berlin.

    Sein vielfältiges Schaffen zeichnet sich durch Eigenwilligkeit und Experimentierfreude aus. In der Blütezeit des Naturalismus propagierte S. die Phantastik, der er 1892 mit der Gründung des „Verlags dt. Phantasten“ zum Durchbruch zu verhelfen suchte. Da Mitstreiter ausblieben, mußte er sein künstlerisches Programm allein verwirklichen. In Romanen, Erzählungen und Theaterstücken wählte S. meist zeitlich und räumlich entfernte Schauplätze: etwa den mittelalterlichen Orient (Tarub, Bagdads berühmte Köchin, 1897) oder in die Zukunft verlegte Weltausstellungen (Münchhausen u. Clarissa, 1906). Am liebsten begab er sich in die Weiten des Weltalls, die er mit höher entwickelten Lebewesen bevölkerte (Astrale Novelletten, 1912; Lesabéndio, 1913). In kurzen Prosastücken nahm er auch die Realität ins Visier und gab ihr oft groteske Züge. Sprachwitz, Lust am Nonsens und ein zum Absurden tendierender Humor prägen diese Texte. Die separat publizierte kleine Prosa verknüpfte S. später mittels Rahmenerzählungen zu „Romanen“ (Ich liebe Dich!, 1897; Immer mutig!, 1902). Humorvoll sind auch S.s Gedichte, mit denen er die größte Popularität erlangte (Kater-Poesie, 1909); seine Lautgedichte beeindruckten Christian Morgenstern und die Dadaisten. Inspiriert von den Buchkunst-Bestrebungen des Jugendstils, versah S. seine Bücher zeitweise mit eigenen Illustrationen. Die phantastisch-figurativen Zeichnungen wurden in Ausstellungen gezeigt und als Mappenwerk veröffentlicht (Jenseitsgal., 1907). Für das Kabarett schrieb er zahlreiche kurze Stücke, von denen aber nur wenige aufgeführt wurden (Revolutionäre Theaterbibl., 6 Bde., 1904).

    Zukunfts- und Jenseitsentwürfe dominierten S.s architektonische Konzepte, die frühzeitig in der Idee einer gläsernen Umwelt gipfelten. Das Bruno Taut gewidmete Baumanifest „Glasarchitektur“ (1914, Neuausgg. 1971, 2000) fand ein starkes Echo unter progressiven Architekten. Im Kreis der Expressionisten und Dadaisten wurde auch S.s übriges Werk geschätzt. Wohl sein größter Bewunderer war Walter Benjamin, der S. in dem Essay „Erfahrung und Armut“ (1933) ein Denkmal setzte. S.s Person war von Legenden umwoben; seine exzentrische Persönlichkeit und eremitische Lebensweise leisteten dieser Tendenz Vorschub. Entgegen dem Gerücht, der erklärte Pazifist habe sich aus Protest gegen den 1. Weltkrieg zu Tode gehungert, starb S. an einem Schlaganfall.

  • Werke

    Weitere W Rakkóx d. Billionär, Ein Protzenroman/Die wilde Jagd, Ein Entwicklungsroman, Mit e. Zeichnung v. F. Valloton u. Buchschmuck v. H. Jossot, 1900;
    Liwûna u. Kaidôh, Ein Seelenroman, 1902;
    Kometentanz, Astrale Pantomime, Mit Buchschmuck v. P. S., 1903;
    Die Entwicklung d. Luftmilitarismus u. d. Auflösung d. europ. Land-Heere, Festungen u. Seeflotten, Eine Flugschr., 1909, Neudr. 1982;
    Das Perpetuum mobile, 1910, Nachdr. 1977;
    Das gr. Licht, Ein Münchhausen-Brevier, 1912;
    Das graue Tuch u. zehn Prozent Weiß, 1914, korrigierte Neuaufl., hg. v. M. Rausch, 1986;
    Der alte Orient, Kulturnovelletten aus Assyrien, Palmyra u. Babylon, hg. mit Nachwort u. W-Verz. v. M. Rausch, 1999;
    Briefe:
    Von Zimmer zu Zimmer, 70 Schmoll- u. Liebesbriefe d. Dichters an seine Frau, 1977;
    70 Trillionen Weltgrüße, Eine Biogr. in Briefen, hg. v. M. Rausch, 1991;
    P. S., Briefwechsel mit Max Bruns 1898-1902 u. andere Dok., hg. v. L. Ikelaar, 1990;
    W-Ausgg.:
    Dichter. Hauptwerke, hg. v. E. Harke, 1962;
    Ges. Arbb. für d. Theater, hg. u. mit Nachwort v. M. Rausch, 2 Bde., 1977;
    Ges. Werke in 10 Bdn., hg. v. T. Bürk u. a., 1986-96;
    – P. S. Bibliogr., hg. v. U. Kohnle, 1994.

  • Literatur

    O. J. Bierbaum, Der weise Clown, in: Die Zeit 3, 1896/97, S. 9 f., 24-26;
    F. Servaes, in: Präludien, 1899, S. 164-93;
    P. Wiegler, Verlästerte Dichter, in: Das lit. Echo 4, 1902, Sp. 1093-98;
    E. Buchner, P. S. als Dramatiker, in: Die Schaubühne 5, 1909, S. 704-12;
    S. Friedländer (Mynona), in: Die neue Kunst 1, 1912, S. 203-11;
    E. Mühsam, in: Die Friedenswarte 15, 1913, S. 57 f.;
    W. Pehnt, P. S. e. Dichter der Architekten, in: P. S., Glasarchitektur, 1971, S. 141-61 (L);
    M. Rausch, Von Danzig ins Weltall, P. S.s Anfangsjahre (1863–1895), mit e. Ausw. v. Lokalreportagen aus d. „Danziger Courier“, 1997;
    R. Musielski, Bau-Gespräche, Architekturvisionen v. P. S., Bruno Taut u. d. „Gläsernen Kette“, 2003;
    DBJ I, Tl.;
    Altpreuß. Biogr. II;
    Killy;
    Kosch, Theaterlex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Dict. of Art;
    Metzler Kabarett Lex.

  • Portraits

    Zeichnungen v. O. Kokoschka, 1910, u. B. Paul, 1900;
    Farbholzschnitt v. Ch. Schad, 1964 (alle Marbach/Neckar, Schiller Nat.mus.).

  • Autor/in

    Mechthild Rausch
  • Empfohlene Zitierweise

    Rausch, Mechthild, "Scheerbart, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 608 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606816.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA