Lebensdaten
1895 bis 1968
Geburtsort
Bad Berka (Thüringen)
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Arbeitsrechtler ; Professor für Arbeits- und Zivilrecht in Köln ; Präsident der Bundesarbeitsgerichts
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118735519 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nipperdey, Hans Carl
  • Nipperdey, Hans
  • Nipperdey, Hans Carl
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Zitierweise

Nipperdey, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735519.html [19.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ludwig (1865–1926), aus Jena, Dr. med., prakt. Arzt u. Sanitätsrat in Bad B., S d. Carl (s. 1);
    M Marie (1873–1944), aus Sansibar (Ostafrika), T d. österr. Konsuls in Aden u. Afrikaforschers Richard Brenner (1833–74, s. ADB 47);
    Gr-Om Rudolf Brenner (1821–84), Elektrotherapeut (s. NDB II);
    Darmstadt 1922 Hildegard (1903–90), T d. Hermann Eißer (1864–1920), aus Herbstein (Wetterau), Landger.rat in Straßburg, u. d. Mathilde Gerland (1872–1956), aus Halle/Saale; Gvm d. Ehefrau Georg Gerland (1833–1919), Geograph (s. NDB VI); Urur-Gvm d. Ehefrau Heinrich Philipp Henke (1752–1809), ev. Kirchenhistoriker (s. NDB VIII), Jakob Fries (1773–1843), Philosoph (s. NDB V);
    3 S Carl (1923–45), klass. Philol., Otto (* 1924), Dr. phil., Neuphilol., 1958-89 im Auswärt. Dienst, Botschaftsrat I. Kl. in London, Thomas (s. 3), 2 T Dorothee (* 1929, 1] [ Dietrich Sölle, * 1922, Kunstmaler in K., 2] Fulbert Steffensky, Dr. theol., Benediktiner in Maria Laach, später ev., seit 1975 Prof. f. allg. Erziehungswiss. in Hamburg), Dr. phil., theol. Schriftst., Prof., Sabine (* 1932, Reinhold Braun, * 1928, Dr., Bereichsvorstand d. Siemens AG), Dipl.-Volkswirtin, Gde.rätin in Gräfelfing.

  • Leben

    N. zählt zu den bedeutendsten deutschen Juristen des 20. Jh. Nach Schulbesuch in Bad Berka und Jena und Abitur in Weimar Ostern 1913 studierte er Jura in Heidelberg, Leipzig und bes. Jena (unterbrochen von freiwilliger Kriegsteilnahme bis Dezember 1914). Im Juni 1916 legte er glanzvoll das 1. Examen und gleich danach das Rigorosum ab. Den Referendardienst beendete er 1919 ohne Assessorexamen, um sich bei Heinrich Lehmann und J. Wilhelm Hedemann in Jena dem neuen Wirtschafts- und Arbeitsrecht zuzuwenden. Mit der Jenaer Habilitation für Bürgerliches und Handelsrecht im Okt. 1920, der Ernennung zum ao. Professor 1924 und der Berufung nach Köln für Heinrich Mitteis 1925 begann N. eine frühe Karriere (Juristentagsbtrr. 1926 u. 1928), nicht zuletzt auf dem Fundament einer besonders guten Ehe. Die Univ. Köln, der er trotz mehrerer Rufe bis zur Emeritierung 1963 treu blieb, förderte er u. a. als Dekan (dreimal, vor 1933 u. nach 1945), durch den Ausbau des Juristischen Seminars und die Mitgründung der Institute für Arbeits-, Wirtschafts- und Auslandsrecht (1929) und für Sozialrecht (gegr. 1963). Im Okt. 1946 entließ ihn die brit. Militärregierung, nicht wegen Parteimitgliedschaft oder besonderer Funktionen, sondern wegen seiner Aktivität in der „Akademie für Deutsches Recht“ (AkfDtR) als erfolgreicher Vorsitzender zweier Ausschüsse zum geplanten „Volksgesetzbuch“ und wegen deutlich NS-konformer Passagen einiger Schriften zum bürgerlichen Recht (bes. 1938/39). Die Protokolle (s. Schubert) und vergleichende Lektüre erweisen N. keineswegs als nationalsozialistischen Vordenker oder Aktivisten, zeigen aber wie bei vielen besonders Begabten|seiner Generation doch eine hohe Bereitschaft, auf Mitwirkung nicht zu verzichten. Seine persönliche Distanz besonders zur Rassen- und Kriegspolitik zeigt sich in seinem in den Entnazifizierungsakten bezeugten Engagement gegen die Entlassung und Vertreibung von Kollegen (H. Kelsen 1933, F. Haymann 1935/39) und Verfolgung der Familien F. K. Manns (1937) und H. Betzlers (1944). Vor 1933 hatte N. der rechtsliberalen DVP angehört, unmittelbar nach 1945 der Kölner SPD als ernannter Stadtverordneter. Mitte der 50er Jahre verließ er die Partei.

    Nach seiner Wiedereinsetzung im Mai 1947 erwarb er sich hohes Ansehen und einen erstaunlichen Mitarbeiter- und Schülerkreis (u. a. Rudolf Reinhardt, Rolf Dietz, Günther Wiese, Gerhard Schnorr, Gustav Adolf Bulla, Wolfgang Hefermehl, Hermann Stumpf, Eugen Stahlhacke, Dirk Neumann, Franz-J. Säcker). Geschickt organisierte er u. a. Gründung und Vorsitz des Dt. Arbeitsgerichtsverbands 1949, die Zeitschrift „Recht der Arbeit“ 1947, die maßgebende Gesetzessammlung „Arbeitsrecht“ seit 1949, das BGB-Jubiläum 1950, das „Handbuch der Grundrechte“ (1954, mit F. L. Neumann u. U. Scheuner, später auch K. A. Bettermann), das Karlsruher Forum für Versicherungsrecht 1959, die Tagungen des Instituts für Filmrecht seit 1959. Als Höhepunkt empfand er seine Tätigkeit als erster Präsident des neuen Bundesarbeitsgerichts (BAG) (1954–63). Die Professur behielt er bei. Er hatte damit die ihm immer zentrale Verbindung von Rechtswissenschaft und konkreter Entscheidungskompetenz an einflußreichster Stelle in einem nur wenig durch Gesetze normierten Justizbereich erreicht.

    N.s Werk ragt heraus durch Umfang und Spannweite, durch die Bewältigung großer Materialien nach Prinzipien und Detail, den steten Blick auf die realen Ergebnisse und vor allem durch ein großes Interesse an der Mitprägung der Entwicklungen. Seine besondere Offenheit belegen ca. 30 rechtspolitisch geprägte Titel ebenso wie eine Reihe wichtiger Berichte zum ausländischen Recht. Inhaltlich bildet das Arbeitsrecht den Schwerpunkt, es folgen das Wirtschaftsrecht, das allgemeine Zivilrecht und das Urheber- und Filmrecht. Geschichte machte N. mit seinem Engagement über alle Fachgrenzen hinweg für die Verfassungsgrundlagen dieser Rechtsgebiete. Zum Arbeitsrecht schrieb er vor allem den 2. Band des lange führenden „Lehrbuch des Arbeitsrechts“ (1929/30, zuletzt 71963/70, 1795 S.; Bd. 1 schrieb A. Hueck), einen „Grundriß des Arbeitsrechts“ (mit A. Hueck, 1960, 41968), sowie die frühen „Beiträge zum Tarifrecht“ (1924), die nüchterne Kommentierung zum „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ (mit Dietz u. Hueck) Teil 3: Betriebs- und Tarifordnung (1934, 41943), und zuvor den Abschnitt zum Dienstvertragsrecht des BGB (in Staudingers Groß-Kommentar, ab 91928); später z. B. das aufsehenerregende Gutachten zu den Schäden beim Zeitungsstreik 1952. Dem Wirtschaftsrecht widmete N. sich auch nach der Habilitationsschrift über „Kontrahierungszwang und diktierter Vertrag“ (1920) immer wieder (1929/30/52). Zum Zivilrecht baute er das große „Lehrbuch des Bürgerlichen Rechts, Bd. 1, Einleitung, Allgemeiner Teil“ von L. Enneccerus zum maßgebenden Werk aus (131931, 151959/60) und förderte immer wieder das Haftungs- und Schadensrecht (1931, 1937 ff., 1967). Die Verfassungsfragen fundierte er in den großangelegten Kommentierungen zum „Koalitionsrecht“ (Art. 159 Weimarer Reichsvfg.), in dem von ihm herausgegebenen Sammelwerk „Die Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen“ (Bd. 3, 1930, S. 385-434) und zu „Menschenwürde“ und „Freiheit“ im Grundgesetz (Art. 1 u. 2), in dem von ihm mit herausgegebenen Sammelwerk „Die Grundrechte“ (Bd. 2, 1954, S. 1-50 u. Bd. 4, 1962, S. 741-909), sowie in dem dezidiert freiheitlichen Aufsatz „Die Grundprinzipien des Wirtschaftsverfassungsrechts“ (Dt. RechtsZs. 1950, S. 193-98), dem damals herausfordernden Gutachten „Gleicher Lohn der Frau für gleiche Leistung“ (1951; auch in Recht d. Arbeit, 1950, S. 121-28) und dem vielbeachteten Vortrag „Die soziale Marktwirtschaft in der Verfassung der Bundesrepublik“ (1954). Rechtsphilosophie und Ethik berührte N., als er Mitte 1933 für „angeborene natürliche Rechte“ eintrat (gegen E. R. Huber, Jur. Wschr. 1933, S. 1191 f.) oder 1956 für ein Widerstandsrecht und die nachträgliche Schadensersatz-“Haftung für politische Denunziation in der Nazi-Zeit“ (in FS für H. Lehmann, Bd. 1, S. 286-307).

    Mit N.s. Namen fest verknüpft sind kardinale Rechtsthemen und -figuren der frühen Bundesrepublik: Er behauptete eine sogenannte „Drittwirkung“ der Grundrechte zwischen Privatleuten und sah die „soziale Marktwirtschaft“ im Grundgesetz fixiert. N. trat energisch für mehr Schutz der Persönlichkeits- und Urheberrechte ein (mit Erfolg bei der GEMA-Gründung) und überhaupt für eine richterliche Erweiterung der Deliktshaftung. Im „sozialadäquaten“ Streik sah er – mit dem BAG – keinen Vertragsbruch mehr, sondern|bloße Suspension; andererseits betonte er die tarifliche „Friedenspflicht“ und das Verbot „wilder“ Streiks. Im Arbeitsschutzrecht fand er auch klagbare Individualrechte, Tariflohn war für ihn nicht verzichtbar. Gegen die Eingliederungslehren vor 1945 hielt er am Arbeitsvertrag fest und lehnte auch die Schwächung des Vertragsbegriffs durch sog. faktische Verträge ab (1957). Methodisch tendierte N. trotz aller liberalen Gesetzes- und Begriffsschärfe sehr zu „sozial“ regelnder Fall- und „Lebens“-Nähe. Das entsprach dem Zeitgeist vor 1945. Später setzte er etwas grundsätzlicher auf die Freiheit der Einzelperson.|

  • Auszeichnungen

    Dr. iur. h. c. (Madrid 1958, Sao Paolo 1960, frühere WiHo Mannheim); Gr. BVK mit Schulterband u. Stern (1963); Richard-Strauß-Medaille d. GEMA (1963).

  • Werke

    Weitere W (über 400 Titel, ca. 50 Rez., ca. 30 Gutachten, ca. 800 Urteilsanmerkungen seit 1921) Die privatrechtl. Bedeutung d. Arbeiterschutzrechts, in: Die Reichsger.praxis im dt. Rechtsleben, IV, 1929, S. 203-30;
    Die Reform d. Kartellrechts, 1929 (mit R. Isay);
    Stromsperre, Zulassungszwang u. Monopolmißbrauch, 1929;
    Wettbewerb u. Existenzvernichtung, 1930;
    Europ. Arbeitsvertragsrecht, Teil 3, 1930;
    Die Frage d. Schutzes d. Unternehmens nach § 823 Abs. 1 BGB, in: Btrr. z. Wirtsch.recht II, 1931;
    Zur Neugestaltung d. Rechts d. ungerechtfertigten Bereicherung, in: Jb. der AkfDtR 4, 1937, S. 19-31;
    Das System d. Bürgerl. Rechts, in: Zur Erneuerung d. Bürgerl. Rechts, 1938, S. 95-114;
    Gesetzgeberische Vereinheitlichung d. Rechts d. Schuldverhältnisse, Arb.gemeinschaft für die Dt.-Ital. Rechtsbeziehungen, 1939, S. 141-46;
    Die Gen.klausel im künftigen Recht d. unerlaubten Handlungen, in: Grundfragen d. Reform d. Schadensersatzrechts, Arb.berr. d. AkfDtR 14, 1940, S. 36-49;
    Haben d. Kläger d. sog. Volkswagensparerprozesses Ansprüche gegen d. Volkswagenwerk GmbH? Rechtsgutachten, 1952;
    Die hohen Aufgaben d. Bundesarbeitsger., in: Bundesarb.bl. 1954, Sonderbeil. S. XIII-XVI;
    Rechtswidrigkeit, Sozialadäquanz, Fahrlässigkeit, Schuld im Zivilrecht, in: Neue Jur. Wschr. 1957, S. 1777-82;
    Tatbestandsaufbau u. Systematik d. delikt. Grundtatbestände, ebd. 1967, S. 1985-94;
    Die Rolle d. Staates bei d. Regelung d. Arbeitsverhältnisses – internat. Rechtsvergleich, in: Recht d. Arb. 1958, S. 321-30;
    Zur Methode d. Bestimmung d. Koalitionsbegriffs, ebd. 1964, S. 361 f.;
    Grundrechte u. Privatrecht, 1961;
    Die Neuregelung d. Rechts d. privaten Tonbandaufnahme, 1964. – W-Verz. K. Reichenberger, in: FS für N. z. 70. Geb.tag, 1965, S. 937-57 (P);
    Nachtrag 1964-1968 in: Vers.recht 1969, S. 101.

  • Literatur

    G.-A. Bulla, in: Recht d. Arb. 1965, S. 41-44; Nachrufe:
    G. Roeber, in: Film u. Recht, 1968, S. 335 f.;
    H. Krüger, in: Die öff. Verw., 1968, S. 370;
    D. Neumann, in: Arb. u. Recht, 1969, S. 15;
    G. Wiese, in: Juristenztg. 1969, S. 84;
    Ph. Möhring, in: Neue Jur. Wschr., 1969, S. 25 f.;
    E. Klingmüller, in: Vers.recht, 1969, S. 99 f.;
    G. Roeber, in: UFITA 1969, S. 1 f.;
    Th. Mayer-Maly, Gedenkrede auf H. C. N., Krefeld 1970;
    A. Hueck, Vorwort z. Lehrb. d. Arb.rechts, II/2, 71970; außerdem
    Th. Ramm, Das Recht d. Arb.kampfs nach d. Rechtsprechung d. BAG, in: Juristenztg. 1961, S. 273-79;
    ders., Die Rechtsprechung d. BAG, ebd., 1964, S. 494-501, 546-55, 582-87;
    R. Wahsner, Das Arb.rechtskartell, in: Krit. Justiz, 1974, S. 369-86;
    H. Stumpf, in: Juristen im Portrait, FS z. 225j. Jubiläum d. Verlags C. H. Beck, 1988, S. 608-16;
    G. Kegel, Humor u. Rumor, Erinnerungen, 1997, S. 124, 130 f., 151;
    K. Adomeit, in: DBE VII, 1998; zur NS-Zeit
    W. Schubert, W. Schmid u. J. Regge (Hg.), AkfDtR 1933-1945, Protokolle d. Ausschüsse, Bd. 1 ff., 1986 ff., bes. Bde. III/1, III/5 u. V;
    H.-J. Becker, 600 J. Rechtswiss. in Köln, in: FS d. Rechtswiss. Fak. z. 600-J.-Feier d. Univ. zu Köln, 1988, S. 21 ff. (zu Kelsen);
    F. Golczewski, Kölner Univ.lehrer u. d. NS, 1988; zur Privatrechtsidee
    K. W. Nörr, Die Leiden d. Privatrechts, 1994, S. 67-75;
    ders., Im Wechselbad d. Interpretationen, Der Begriff d. Wirtsch.vfg. im ersten Jahrzwölft d. Bonner Rep., in: Erkenntnisgewinne, Erkenntnisverluste, hg. v. K. Acham, K. W. Nörr u. B. Schefold, 1998, S. 356-80; ebd. z. „Enneccerus-Nipperdey“
    J. Rückert, Zu Kontinuitäten u. Diskontinuitäten in d. jur. Methodendiskussion nach 1945, S. 113-65 (122-26);
    – eigene Archivstud. (Qu
    HStA Düsseldorf;
    Univ.archiv Köln;
    Mitt. d. Fam.).

  • Autor/in

    Joachim Rückert
  • Empfohlene Zitierweise

    Rückert, Joachim, "Nipperdey, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 280-282 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735519.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA