Lebensdaten
1927 bis 1992
Geburtsort
Köln
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Historiker ; Professor für Geschichte
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 11910444X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nipperdey, Thomas
  • Nippādai, Tōmasu
  • トーマス・ニッパーダイ
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Zitierweise

Nipperdey, Thomas, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11910444X.html [02.06.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Hans Carl (s. 2);
    M Hildegard Eißer; Vorfahre-m Gregor Brück (1485–1557), kursächs. Kanzler (s. NDB II);
    Ur-Gvv Carl (s. 1);
    Berlin-Zehlendorf 1969 Vigdis (* 1944), T d. Rudolf Henze (1902–85), aus Lachta b. St. Petersburg, Dipl.-Ing. in Heidelberg, u. d. Nora Arntzen (* 1917) aus Spandau b. Berlin;
    2 S, 2 T.

  • Leben

    N. war bei aller Modernität im Aufgreifen neuer Ideen und der bewußten Auseinandersetzung mit den Tendenzen seiner Gegenwart tief im traditionellen Bildungsbürgertum des 19. Jh. verankert. Diese Welt des „bürgerlichen Zeitalters“ lebendig zu machen, den „Großvätern und Urgroßvätern“ gerecht zu werden, war dann auch eines der zentralen Anliegen seiner Geschichtsschreibung. Nach dem Schulbesuch in Köln und dem Studium der Philosophie und Geschichte wurde er 1953 in Köln bei Bruno Liebrucks mit einer Arbeit über „Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften“ promoviert, ehe er durch den Einfluß Theodor Schieders, mit dem der begeisterte Pianist und Cellist gemeinsam musizierte, zur Geschichte kam. Die Herkunft aus der Philosophie und der durch sie vermittelten Schulung im systematischen Denken hat er nie verleugnet. Als Stipendiat der Kommission für Geschichte des|Parlamentarismus und der politischen Parteien (1954–57) und als Forschungsassistent am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen (1957–63), wo der Mediävist Hermann Heimpel zu seinem nach Schieder wichtigsten akademischen Lehrer wurde, beschäftigte sich N. zunächst vor allem mit der Geschichte politischer Parteien und Interessenverbände. Seine Göttinger Habilitationsschrift über „Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918“ (1961) behandelte ein in der Geschichtsschreibung bisher völlig vernachlässigtes Thema, erhielt den Rang eines Standardwerkes und ermöglichte mit einer Reihe wichtiger Aufsätze zur Geschichte des 16. und 19. Jh. eine glanzvolle akademische Karriere als Professor für Geschichte. Er lehrte an der TU Karlsruhe (1963–67), der FU Berlin (1967–71) und der Univ. München (1971–92); hinzu traten mehrfache Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte an führenden Universitäten der Vereinigten Staaten und Englands (Princeton 1970/71, 1978/79 u. 1984/85, Oxford 1974/75, Stanford 1988/89). Sein Ansehen im Fach beruhte neben seinen Studien über Parteien zunächst auf einer Reihe höchst origineller Aufsätze u. a. über „Die anthropologische Dimension der Geschichtswissenschaft“, „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jh.“ und „Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jh.“, die den Menschen als zentralen Gegenstand der Geschichtswissenschaft gleichsam wiederentdeckten, für eine Symbiose von Sozial-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte eintraten und der Erforschung von Gestalt und Erbe der bürgerlichen Gesellschaft entscheidende Impulse gaben.

    Die Aufsätze waren jedoch nur Vorstudien für seine große dreibändige Synthese der deutschen Geschichte des 19. Jh. (Dt. Gesch. 1800-1866, Bürgerwelt u. starker Staat, 1983; Dt. Gesch. 1866-1918, Bd. 1: Arbeitswelt u. Bürgertum, 1990, Bd. 2: Machtstaat vor d. Demokratie, 1992), deren Vollendung er einer schweren und fortschreitenden Krankheit mit bewundernswerter Arbeitsdisziplin abtrotzen mußte. In diesem monumentalen Werk versucht N., die vergangenen Lebenswelten möglichst umfassend zu vergegenwärtigen und neben der Politik auch die Wirtschaft, die Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit sowie den Gesamtbereich der Kultur in ihrer jeweiligen Eigenart, aber auch in ihren Verknüpfungen und Wechselwirkungen zu erfassen.

    N. hat sich immer wieder zu Theorie und Methoden der Geschichtswissenschaft sowie zum Sinn der Geschichte für die Gegenwart geäußert. Er vertrat einen an der Objektivität als regulativer Idee der Geschichtsschreibung orientierten, aufgeklärten und reflektierten Historismus. Er wandte sich gegen oberflächliche Besserwisserei und gegen eine Instrumentalisierung der Geschichte für die jeweils aktuellen politischen Auseinandersetzungen, denen er sich als zutiefst politischer Mensch jedoch stets stellte: Als Dekan der Philosophischen Fakultät der FU Berlin (1968/69), als Mitglied der „Notgemeinschaft für die Freie Universität“ und als einer der drei Vorsitzenden des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ (1973-80) setzte N. sich in der „Studentenrevolte“ um 1968 für die Selbstbehauptung der Universität gegenüber dem Druck revolutionärer studentischer Gruppen und des Staates ein. Die hess. Rahmenrichtlinien zum Fach „Gesellschaftslehre“ unterzog er 1974 einer beißenden, wirkungsvollen Kritik. Die deutsche Vereinigung hat er als „unverhofftes Glück“ wenige Monate vor seinem Tod sehr bewußt erlebt.

    N., dessen Arbeiten große internationale Anerkennung erfahren haben und der 1992 mit dem postum verliehenen Preis des Historischen Kollegs die höchste Auszeichnung erhielt, die die deutsche Geschichtswissenschaft zu vergeben hat, war einer der großen Historiker des 20. Jh. Er hat neue Forschungsfelder eröffnet und insbesondere der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik entscheidende Anstöße gegeben.|

  • Auszeichnungen

    Theodor-Heuss-Plakette d. Friedrich-Naumann-Stiftung (1969);
    Historikerpreis d. Stadt Münster (1984);
    ausw. Mitgl. d. American Academy of Arts and Sciences (1985);
    stellv. Vors. d. Wiss. Beirats d. Inst. f. Zeitgesch.;
    Mitgl. d. Hist. Komm. b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1969), d. Komm. f. Gesch. d. Parlamentarismus u. d. Pol. Parteien, d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1990) u. d. Wiss. Beirats d. Gerda Henkel Stiftung;
    BVK 1. Kl. (1989);
    Bayer. Verdienstorden (1992).

  • Werke

    Weitere W Ref., Rev. u. Utopie, Stud. z. 16. Jh., 1975;
    Gesch., Kultur, Theorie, Ges., Aufss. z. neueren Gesch., 1976;
    1933 u. d. Kontinuität d. dt. Gesch., in: HZ 227, 1978, S. 86-111;
    Nachdenken üb. d. dt. Gesch., Essays, 1986, 21986;
    Rel. im Umbruch, 1988;
    W-Verz.:
    Th. N., Bibliogr. seiner Veröff. 1953-1992, Vorw. v. L. Gall, hg. v. H. Holzbauer, 1993;
    Autobiogr.:
    Eine bürgerl. Jugend (1927–1945), in: Der Aquädukt 1763-1988, Ein Alm. aus d. Verlag C. H. Beck im 225. J. seines Bestehens, 1988, S. 126-43.

  • Literatur

    G. A. Ritter, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1992, S. 243-47 (P);
    H. Möller, Bewahrung u. Modernität, Zum historiograph. Werk v. Th. N., in: VfZ 40, H. 4,|1992, S. 469-82;
    W. J. Mommsen, Die vielen Gesichter d. Clio, Zum Tode Th. N.s, in: Gesch. u. Ges. 19, H. 3, 1993, S. 408-23;
    Dtld.s Weg in d. Moderne, hg. v. W. Hardtwig u. H.-H. Brandt, 1993;
    In Memoriam Th. N., 1994 (enth. Reden v. W. Steinmann, H. G. Hockerts, W. Hardtwig, St. Nadolny u. H. Lübbe); - zur Fam.:
    A. u. E. Fabian, Nachkommen d. Kanzlers Dr. Gregor Brück (1485–1557) I. T., in: Dt. Fam.archiv 5, 1956, S. 1-48;
    E. Fabian, Zur Brück-Nachkommenforschung I, ebd., 1956, S. 242.

  • Autor/in

    Gerhard A. Ritter
  • Empfohlene Zitierweise

    Ritter, Gerhard A., "Nipperdey, Thomas" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 282-284 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11910444X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA