Lebensdaten
1703 bis 1786
Geburtsort
Harzgerode
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
reformierter Theologe ; Hofprediger in Berlin ; Konsistorialrat
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 11674183X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sack, August Friedrich Wilhelm
  • Sack, Wilhelm
  • Sack, August Friedrich Wilhelm
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Sack, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11674183X.html [23.10.2018].

CC0

  • Leben

    Sack *)Zu Bd. XXX, S. 152.: August Friedrich Wilhelm S., berühmter protestantischer Kanzelredner, hervorragender apologetischer Schriftsteller und einflußreiches Mitglied des preußischen Kirchenregiments zur Zeit Friedrich's des Großen, wurde im J. 1703 zu Harzgerode im Fürstenthum Anhalt-Bernburg als ältester Sohn|des dortigen Bürgermeisters Daniel S. geboren. Die Mutter, eine geborene Voigt, war die Tochter eines fürstlich bernburgischen Hausbeamten. Die Familie Sack stammte aus Nordhausen, doch bekleidete bereits der Großvater unseres S. das Bürgermeisteramt in jenem anhaltinischen Städtchen. Letzterer verlebte im Hause seiner allgemein geachteten Eltern eine glückliche Kindheit, indem er seinen ersten Unterricht in der Schule zu Harzgerode empfing. Da er der Confession seines Vaters gemäß im streng reformirten Glauben erzogen wurde, so trat ihm auch die Lehre von der Prädestination und Gnadenwahl nahe, die ihn schon als zehnjährigen Knaben auf das lebhafteste beunruhigte. Von seinem 15. Jahre an besuchte er die Gymnasien zu Bernburg und Zerbst und bezog 1722 die Universität zu Frankfurt a. O., um sich dem Studium der evangelisch-reformirten Theologie zu widmen. Nach Vollendung seiner, namentlich von Clässen, Jablonski, Grillo und Hermann geleiteten Studien übernahm er als Hofmeister im Hause des Predigers der französischen Gemeinde in Stettin von Mauclerc die Erziehung eines Neffen desselben, eines jungen Herrn von Milzonneau, den er 1726 auf die Universität nach Frankfurt begleiten mußte. Hier widmete er sich in seiner freien Zeit namentlich dem Studium der Kirchengeschichte; begann auch zuerst sowol deutsch als französisch zu predigen. Nachdem er noch im selben Jahre sein Erzieheramt aufgegeben hatte, ging er zu seiner eigenen Weiterbildung nach Holland, hier einem Rufe nach Gröningen folgend, um einen jungen friesischen Edelmann, van Haaren, in Religion und Philosophie zu unterweisen. Er lebte mit ihm im Hause des gelehrten und frei denkenden Juristen Joh. Barbeyrac. Früher in die durch Einführung der helvetischen Consensusformel in der Schweiz hervorgerufenen theologischen und kirchlichen Streitigkeiten verwickelt, hatte sich Barbeyrac namentlich in seiner Stellung als Rector der Akademie von Lausanne als Gegner jener Formel wie jedes Symbolzwanges erklärt, wie er auch den Arminianismus, um dessen Berechtigung es sich bei diesem Streite handelte, in Schutz nahm. Der Einfluß dieses Mannes auf S. war für dessen weitere Entwicklung entscheidend. Letzterer wurde dadurch dem streng reformirten Confessionalismus dauernd entfremdet und zur Beschäftigung mit der remonstrantischen Theologie geführt, so daß man mit Recht auch in seinen späteren Ansichten eine Verwandtschaft mit dieser Richtung bemerkt hat. Es erschloß sich ihm auf diese Weise aber auch ein Verständmß des Lutherthums im Sinne Friedrich Wilhelm's I., der im J. 1722 durch ein denkwürdiges Schreiben an die Vororte Zürich und Bern gegen die eine papistische Intoleranz verrathende und die Eintracht unter den Evangelischen hindernde Verpflichtung auf die formula consensus protestirt halte. Auf Wunsch seiner Eltern kehrte S. in die Heimath zurück und nahm die Stellung als Erzieher des Erbprinzen von Hessen-Homburg an im Hause der trefflichen Mutter des Prinzen, der Landgräfin auf Schloß Hötersleben bei Magdeburg. Er legte sich hier eifrig auf das Studium Wolff's, Baco's, Cartesius' und Locke's. Daneben versäumte er aber nicht das Studium der heil. Schrift und fand, was ein herrschender Zug der damaligen Bildung war, auch Freude an einer genaueren wissenschaftlichen Betrachtung der Natur. Die Landgräfin, eine Frau von aufrichtiger und gesunder Frömmigkeit, gab S. nicht selten Gelegenheit zum Halten asketischer Vorträge vor kleineren Versammlungen. Als er der Landgräsin im J. 1736 einen Band gedruckter Predigten widmete, hat er sich in der Vorrede mit warmem Danke über den großen Gewinn, den seine christliche Erkenntniß und sein religiöses Gemüthsleben aus ihrem Beispiel gezogen, ausgesprochen. So sehen wir, wie sich sein Interesse mit den vielseitigen neuen Bildungselementen verknüpfte, die sich durch den Einfluß der neueren Philosophie und der Naturwissenschaften in Verbindung mit dem Eindringen englischer und französischer Cultur, nachdem die deutsche durch|den dreißigjährigen Krieg fast vernichtet war, in unserem Vaterlande seit dem Ausgange des 17. Jahrhunderts sichtlich verbreiteten. Der edlen fürstlichen Familie blieb er auch in späteren Jahren Freund, Berather und Seelsorger.

    Im J. 1731 folgte S. einer Berufung zum dritten Prediger an der deutschen reformirten Gemeinde zu Magdeburg, nachdem er ein ihm durch den preußischen Oberhofprediger Jablonski angebotenes Pfarramt im preuß. Lithauen ausgeschlagen. Friedrich Wilhelm berief den neuen Prediger auf Vorschlag des Presbyteriums der Gemeinde am 16. Juni 1731. Ehe Letzterer das Amt antrat, mußte er sich aber in Halle examiniren und ordiniren lassen. Er erwarb sich bald das volle Vertrauen seiner Gemeinde und einen höchst anregenden, liebenswürdigen Freundeskreis in gebildeten Familien, namentlich auch aus der dortigen französisch-wallonischen Colonie. Seine Predigten erzielten nicht nur große Theilnahme, sondern erregten sogar Aufsehen. So wurde er schon im J. 1735 veranlaßt, zwölf derselben drucken zu lassen, denen im J. 1736 eine zweite Sammlung folgte. In kurzer Zeit mußten mehrere Auflagen erscheinen. Es nimmt uns daher nicht Wunder, daß er 1737 zum ersten Prediger an seiner Kirche und bald darauf (1738) auch zum Consistorialrath und Inspector der reformirten Kirchen im Herzogthum Magdeburg ernannt wurde. Die einer praktischen Frömmigkeit dienenden Anregungen, welche vom Halle'schen Pietismus ausgingen, fielen auch bei S. auf fruchtbaren Boden. So setzte er in Magdeburg die Errichtung eines reformirten Armen- und Waisenhauses für die deutsche und die wallonische Gemeinde, zu welchem die Glieder beider Gemeinden reichlich beisteuerten, und das auch der König wesentlich förderte, ins Werk. Ebenso sind später in Berlin auf seine Anregung das Domhospital und das Domleibrentenhaus, welches gegen eine billige Rente Wohnungen auf Lebenszeit sichert, gegründet worden. In dieser Stadt fand er nun auch den Höhepunkt seiner Wirksamkeit. Durch seine Predigten war er in nähere Berührung mit dem sächsischen Minister Grafen Manteuffel getreten und durch diesen mit dem bei Friedrich Wilhelm I. hochangesehenen und viel vermögenden Propst Reinbeck (s. A. D. B. XXVIII, 2) bekannt geworden. Als im Beginn des Jahres 1740 der dritte Hof- und Domprediger zu Berlin, Noltenius, gestorben war, ließ der König den ihm warm empfohlenen S. nach Berlin kommen und ihm nach seiner Ankunft ein Neues Testament überreichen mit dem Befehl, aus diesem zu predigen. Zwei Sonntage hintereinander predigte demgemäß S. vor dem Könige, und zwar zu dessen vollster Zufriedenheit. S. erhielt die Stelle und ward zugleich zum Kirchen- und Consistorialrath ernannt, d. h. zum Mitgliede des reformirten Kirchendirectoriums und des Brandenburgischen Consistoriums. Auch gab der König dem neuen Hofprediger in einer merkwürdigen Audienz, die er, bereits an dem Uebel erkrankt, das seinem Leben bald ein Ziel setzen sollte, vom Bette aus ertheilte, höchst charakteristische Anweisungen und Lehren zur Führung des übertragenen Amtes. Er ermahnte ihn vor allen Dingen, christliche Erbauung und kirchlichen Frieden zu befördern; vornehmlich solle er sich an das Neue Testament halten, „und", fügte er hinzu, „ich will ihm sagen, was die Hauptsache in der Religion ist: Gott fürchten und Jesum Christum lieben, und recht thun, das Andere ist Alles —“. Sack's Sohn, der uns von dieser Audienz berichtet, bemerkt dazu: „Hier entfuhr dem Könige ein etwas starker, der theologischen Sprache ganz fremder Ausdruck, den ich hier nicht wiederholen mag.“ Friedrich der Große schlug nach des Vaters Tode durchaus nicht den Weg einer neuen Kirchenpolitik ein, sondern schützte im wesentlichen die von seinem Bater getroffenen kirchlichen Einrichtungen und deren Vertreter, wenn er sich auch für seine Person am kirchlichen Leben wenig betheiligte. Denjenigen kirchlichen Persönlichkeiten, die seine Achtung besaßen, ließ er sogar in ihrer Thätigkeit die|größte Freiheit. So trat er zwar auch zu S. in kein näheres Verhältniß; aber er bestätigte ihn nicht nur in den ihm von Friedrich Wilhelm I. übertragenen Aemtern, sondern ließ ihn zum ersten Hofprediger aufsteigen, erweiterte mehrfach seinen amtlichen Wirkungskreis und sicherte ihm den weitreichendsten Einfluß wie innerhalb der ganzen Landeskirche, so am königlichen Hofe. S. trat seine Stellung in der preußischen Hauptstadt unmittelbar nach Ostern 1740 an. Da Friedrich Wilhelm I. bereits am 31. Mai desselben Jahres starb, so fügte es sich, daß seine formelle Vocation als eine der ersten Regierungshandlungen Friedrich's II. von diesem am 1. Juni unterzeichnet wurde, wie S. denn auch in demselben Jahre mit seinem Könige die irdische Laufbahn beschloß. In Anerkennung seiner trefflichen Kenntnisse und seines wissenschaftlichen Strebens wurde S. im J. 1744 zum ordentlichen Mitgliede der physikalischen Classe der königl. Akademie der Wissenschaften erwählt und bestätigt. Sack's Zeit und Arbeitskraft war jedoch durch seine ausgedehnte kirchliche Thätigkeit und seine anderweitigen Beschäftigungen so sehr in Anspruch genommen, daß er sich nicht weiter an den Arbeiten der Akademie betheiligen konnte. Bereits im J. 1760 ließ er sich demgemäß zum Veteran derselben erklären, nahm indessen auch ferner an ihren Sitzungen regelmäßig theil und erfreute sich an allen Fortschritten der Wissenschaften. Als Friedrich II. im J. 1750 das Oberconsistorium als Centralbehörde der lutherischen Kirche Preußens einsetzte, ernannte er auch S. zum Mitgliede desselben und zum Oberconsistorialrath. Und Letzterer wurde einer der thätigsten Arbeiter dieses Collegiums. Im folgenden Jahre wurde er zum Visitator des reformirten Joachimsthal'schen Gymnasiums bestellt, für dessen Gedeihen er sich auch im Verein mit dem tüchtigen Director Heinius eifrig bemühte. Fünfzehn Jahre bekleidete er dieses Schulamt, bis er es in die Hände seines Freundes Sulzer (s. o. S. 146) legen durfte.

    Eine unmittelbare Folge seines Pfarramtes war die ausgebreitete seelsorgerische und katechetische Thätigkeit, die er am preußischen Hofe ausübte. Der trefflichen, aber, wie bekannt, ein schweres Schicksal tragenden Königin Elisabeth Christine stand er tröstend und rathend zur Seite. Sie übersetzte sechs seiner Predigten ins Französische, welche im J. 1778 zu Berlin im Druck erschienen. Als bald nach Beginn des siebenjährigen Krieges der königliche Hof zu seiner Sicherheit von Berlin nach Magdeburg übersiedelte, folgte später auch S. demselben auf Befehl des Königs dorthin, um die Unterweisung des Thronfolgers und der königlichen Jugend in der Religion fortzusetzen. Dem Confirmationsunterricht des künftigen Königs hat er sich mit großem Eifer gewidmet. Er hat später einen ausführlichen Rechenschaftsbericht über diesen Unterricht erstattet. Man darf schließen, daß er nicht ohne Besorgniß hinsichtlich des Charakters dieses Prinzen gewesen ist, obschon uns keine directe Aeußerung nach dieser Richtung hin vorliegt. Im J. 1762 wurde der Prinz, ehe er zur Armee abging, von S. auch in Magdeburg confirmirt. Zuversichtlicher widmete sich S. dem Religionsunterrichte anderer Glieder des Königshauses. Ueberhaupt genoß er am preußischen Hofe ein wohlverdientes Ansehen. Er war seinem König und dessen Hause ein treuer, uneigennütziger Diener und ein guter Preuße, welcher von der providentiellen Bestimmung des brandenburgisch-preußischen Fürstengeschlechtes zum Heile Preußens und Deutschlands und von der engen Verknüpfung der Sicherheit der evangelischen Kirche mit dem Bestehen der preußischen Monarchie auf das innigste durchdrungen war. Dafür, daß die evangelische Kirche überhaupt einen inneren lebendigen Antheil an den weltgeschichtlichen Kämpfen Friedrich's d. Gr., besonders im siebenjährigen Kriege nahm, fehlt es uns nicht an bedeutsamen Zeugnissen, unter denen die Predigten, mit denen S. die preußischen Siege, die Schlachten und Friedensschlüsse dieses großen|Krieges in das Licht des göttlichen Wortes stellte, einen hervorragenden Platz behaupten. Von diesen scheinen uns die im Druck veröffentlichten Dankpredigten nach den Schlachten bei Lobositz, Prag und Zorndorf, von welchen die letztere ins Englische übersetzt wurde, und die nach den Friedensschlüssen zu Petersburg und Hubertsburg gehaltenen am meisten beachtenswerth zu sein. Daß es sich um eine große Entscheidung für die geistige Welt in diesem Kriege handele, steht unserem Prediger lebendig vor der Seele. In der Predigt nach der Schlacht bei Prag veranschaulicht er in kurzen, klaren Zügen auch die Folgen, die eingetreten wären, wenn Gott seinen Knecht, unsern König hätte verlassen wollen. Als der Gipfel des Unheils, das uns in diesem Falle getroffen hätte, erscheint ihm die Vernichtung des Protestantismus und der geistigen Freiheit des deutschen Vaterlandes. Seine durchweg in diesem Geiste während der schweren Kriegszeit gehaltenen Predigten haben an ihrem Theile dazu mitgewirkt, den Muth und die Ausdauer des preußischen Volkes zu erhöhen.

    Als einen wichtigen Theil seiner pfarramtlichen und kirchenregimentlichen Thätigkeit erachtete es S., damit den bereits deutlich kundgegebenen Intentionen Friedrich Wilhelm's I. entsprechend, für die Zurüstung der jungen Theologen zum geistlichen Amte zu sorgen. Als Vorgesetzter aller reformirten Candidaten suchte er im persönlichen Verkehr auf ihr inneres Leben, wie auf ihre theologische und praktische Ausbildung zu wirken. Diejenigen unter ihnen, welche es wünschten, pflegte er des Sonntags nach der Nachmittagspredigt in seiner Wohnung zu versammeln, und wissenschaftliche und Pastorale Fragen mit ihnen zu besprechen. Aus der Schilderung eines Theilnehmers ersieht man, daß S. sich dabei angelegen sein ließ, die jungen Theologen zur Duldsamkeit in Rücksicht auf confessionelle Streitigkeiten zu ermahnen und sie vor der älteren Methode, eine trockene Dogmatik und gelehrte Exegese auf die Kanzel zu bringen, zu warnen, indem er ihnen den großen Unterschied, der zwischen der gelehrten Theologie und der praktischen Religion bestehe, zum Bewußtsein zu bringen suchte. Er warnte seine Schüler vor allem Gekünstelten und Auffälligen nicht allein in der Predigt, sondern auch in der Ausbildung ihrer Ueberzeugungen, in ihren Reden und Handlungen. Ueberhaupt sollten die Prediger vor allem „Aufrichtigkeit und Redlichkeit des Geistes“ beweisen. Seine Ansicht über die wünschenswerthe Pastorale Ausbildung hat er übrigens in einem Gutachten über die Errichtung eines theologischen Seminars zu Halle noch ausdrücklich ausgesprochen. Wir ersehen daraus, daß er gerade zum Zweck jener Trennung praktischer Religionserkenntniß und theoretischer Theologie „eine gründliche theologische Gelehrsamkeit“ für erforderlich hielt, ohne welche das Allgemeine und Nothwendige in der Religion von der spitzfindigen, unnützen Dogmatik oder dem sectenhaft Dunkelen nicht unterschieden werden könnte. Es ist erklärlich, daß auch lutherische Candidaten sich Sack's Unterweisungen zu Nutze zu machen suchten, und daß er bereit war, diesen in derselben Weise, wie den reformirten zu dienen. Eine weitere Gelegenheit, seine Principien der theologischen Toleranz in der preußischen Landeskirche zu verbreiten, hatte er als Mitglied der höchsten kirchlichen Behörden. Und so war er auch ein offener Vertreter der evangelischen Union, die seit dem Uebertritt Johann Sigismund's zur reformirten Confession ein Ideal der Kirchenpolitik der Hohenzollern geworden war, dessen Erreichung aber erst Friedrich Wilhelm III. erleben sollte. Aus Veranlassung des Streites, welchen der bekannte Hauptpastor Goeze zu Hamburg im J. 1764 gegen Basedow eröffnete, und worin er auch die Reformirten angriff, schrieb S. im J. 1768 eine Schrift unter dem Titel: „Ein Wort zu seiner Zeit von einem christlichen Juristen“, worin er sich gegen den protestantischen Scholasticismus, gegen die buchstäbliche Verbindlichkeit der Bekenntnißschriften und die Verkennung der|höheren Autorität der Heiligen Schrift, wie auch gegen die fanatische Verwerfung der natürlichen Religion und der berechtigten Ansprüche der Vernunft auf die Gestaltung der christlichen Lehre aussprach. Und gerade hierbei faßte er die Frage der Union der beiden evangelischen Kirchen ernstlich ins Auge. Er empfahl dieselbe im Interesse der Verbreitung wahrer christlicher Gesinnung, welche aus der ererbten streitsüchtigen confessionellen Theologie nicht hervorgegangen sei und die ebenso wenig auf dem sich daneben in der Gegenwart kundgebenden, nur einen gelegentlichen theologischen Waffenstillstand hervorrufenden religiösen Indifferentismus beruhe. Die Union ergab sich ihm aus der unumgänglichen Fortführung der reformatorischen Arbeit und hing ihm mit der Ausbildung einer besseren Theologie zusammen, welche das Wort Gottes „für die einzige Richtschnur des Glaubens" halte, welche dahin strebe, daß den Gemeinden „das Evangelium so verkündigt werde, als es Christus und seine Apostel verkündigt haben", welche sich daher bescheide, über unerforschliche Geheimnisse etwas feststellen zu wollen und so gerade den Ansprüchen der Vernunft und des Gewissens Rechnung tragen könne. Merkwürdig ist, daß er noch wenig Aussicht auf ein Zustandekommen der Union in solchem Geiste zu sehen glaubte. „Wären keine eigensinnigen und zanksüchtigen Geistlichen", sagt er, „und die brüderliche Vereinigung beider Kirchen hinge nur von den verständigen Laien ab, so wäre diese Vereinigung bald zu hoffen. Ein Werk, jetzt von ebenso großer Nothwendigkeit und von noch größerem Nutzen für das Christenthum und für die menschliche Gesellschaft, als die ganze erste Reformation war.“ Die hemmende Macht des Klerus und der orthodoxen Theologen erschien ihm jedoch als so groß, daß er meinte, es könnte vielleicht nur das Einschreiten eines frommen Fürsten Hülfe bringen. Er kann sich der Befürchtung nicht verschließen, daß, falls kein Retter erstehe, „nach der jetzigen Lage des Christenthums und der menschlichen Erkenntniß in einer Zeit von 50 Jahren die Religion des Evangelii theils dem Unglauben, theils dem Aberglauben wird weichen müssen“.

    Die vielseitige praktische Thätigkeit, die S. in Berlin ausübte, entfremdete ihn weder seinen früheren wissenschaftlichen Interessen, noch einem fortschreitenden ernsten theologischen Studium. So machte er sich allmählich heimisch in den Werken der Kirchenväter und Reformatoren; so erweiterte er seine Kenntniß der arminianischen Theologie; so widmete er eine besondere Aufmerksamkeit dem sogenannten schweizerischen Triumvirat, jenen drei reformirten Theologen Werenfels, Osterwald und Turretin, welche in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in der Schweiz und von da aus in weiteren Kreisen ihrer Kirche die Bahn für eine freiere Theologie im Streite mit der alten Orthodoxie brachen und zwischen der letzteren und dem Arminianismus vermittelten. Daneben setzte er das Studium Locke's fort und suchte auch Fühlung mit der englischen und französischen Theologie. Ihn fesselte namentlich der antideistische, doch manche Berührungen mit Locke zeigende Samuel Clarke, welchen man als den Begründer des rationalen Supranaturalismus bezeichnet hat, und dessen principieller Standpunkt einen unverkennbaren Einfluß auf ihn ausübte. Auch von Foster, einem baptistischen Prediger, der freilich dem Deismus sehr nahe stand, aber sich durch eine klare und gefällige Form der Rede auszeichnete, fühlte sich S. angezogen, so daß er zu der Uebersetzung der heiligen Reden desselben eine Vorrede schrieb, wie er auch einige andere Uebersetzungen theologischer Schriften aus englischer Feder mit Vorreden versah. Unter den reformirten Franzosen wirkten auf ihn in theoretischer Rücksicht Bayle, in homiletisch-praktischer Saurin. Daß er daneben auch von den Schriften der englischen, französischen und deutschen Deisten und Freigeister Kenntniß nahm, ist selbstverständlich. Die lebhafte Wechselwirkung, in der seine geistige Arbeit aber mit der nicht deutschen reformirten Theologie stand, documentirt sich in dem Umstande, daß verschiedene seiner Schriften und Predigten ins Englische, Französische und Holländische übersetzt wurden. Mit vielen der in Wissenschaft, Litteratur und Kirche hervorragendsten, sei es älteren, sei es jüngeren Zeitgenossen trat er in persönlichen oder brieflichen Verkehr, und wurde von ihnen geschätzt und geehrt. Auf seinen Reisen genoß er den Umgang eines Jerusalem, Semler, Gleim, Klopstock, welcher letztere sich in einem Briefe an Fanny höchst anerkennend über ihn äußerte. Mit Christian Wolff in Halle, mit Michaelis in Göttingen, mit Breitinger und Zimmermann in Zürich, mit Wieland, als sich dieser als Hauslehrer bei Bodmer ebendaselbst aufhielt, mit dem Engländer Kennicott, dem er zur Variantensammlung des Alten Testamentes Materialien lieferte, wechselte er Briefe. Der später berühmte Geschichtschreiber Johannes Müller wandte sich 1771 an ihn, um eine Anstellung in Preußen zu erlangen. Wieland widmete ihm eine Erstlingsschrift „Empfindungen eines Christen“. Sogar der Papst Clemens XIV. nannte ihn unter den deutschen Theologen, deren Schriften er aus Unkenntniß der deutschen Sprache nicht lesen zu können bedauerte. Unter den Berliner Freunden standen unserem Theologen Spalding und Sulzer besonders nahe. Des Letzteren moralische Betrachtungen über die Natur versah S. im J. 1745 mit einer Vorrede. Indem er sich für die Einwirkungen aller genannten theologischen und philosophischen Richtungen empfänglich zeigte, gestaltete er seine eigene Ansicht durch einen selbständigen Eklekticismus, der, wie wir bereits andeuteten, einerseits der in Deutschland herrschenden Geistesbildung entsprach, andererseits die Uebermacht der zerstörenden Elemente zu bekämpfen vermochte. Im Beginn seiner pastoralen Thätigkeit wurde er daher nicht selten als Arminianer, Socinianer, Deist, ja sogar als Atheist verschrieen, während er zuletzt den mit den Strome fortschwimmenden Rationalisten, wie das der bekannte Propst Teller aussprach, als ein Mann erschien, der „in seinem Fortstreben nach Erkenntniß und Wahrheit Halt machen“ wollte. Bei S. herrschte das apologetische Interesse vor dem kritischen vor, wie auch seine theologische Theorie wesentlich im Dienste des praktischen Amtes entstand. Seine theologischen Arbeiten haben sich zur Zeit ihrer Entstehung großen Beifalls erfreut und vielfachen Nutzen gestiftet. Eine bestimmende Einwirkung auf die spätere Entwicklung der Theologie vermochten sie allerdings nicht zu üben, wie auch seine praktischen Bemühungen nicht ausreichten, um dem allgemeinen Verfall des religiösen und kirchlichen Lebens einen festen Damm entgegenzustellen. Durch seine im J. 1748 in einer Folge von Aufsätzen ans Licht getretene Schrift: „Vertheidigter Glaube der Christen“, welche im J. 1773 eine zweite Auflage erlebte und ganz ins Holländische, dem ersten Theile nach ins Französische übersetzt wurde, erwarb er sich seinen Ruf als apologetischer Schriftsteller.

    Von einer Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems wird in dieser Apologetik von vornherein abgesehen. Erblickt S. doch in der herrschenden Gestalt der Orthodoxie einen wesentlichen Grund für das Umsichgreifen des Unglaubens und Naturalismus, so daß er die Vertreter des letzteren, sofern sie nicht als Spötter und lasterhafte Freigeister auftreten, für weniger gefährlich erklärt als „die Verfechter der reinen Lehre“, „die Wächter auf den Mauern Zions“, welchen er noch in der zweiten Auflage den Vorwurf macht, daß sie den fortschreitenden Verfall des geistlichen Standes nach Ansehen und Wirksamkeit verschulden. Doch erwähnt er in einem anderen Zusammenhange auch eine gemäßigte Orthodoxie, welche Bescheidenheit und Gottesfurcht zeige, und der man deshalb Duldung gewähren müsse. Er nennt als Vertreter dieser würdigeren Rechtgläubigkeit Buddeus in Jena und Pictet in Genf. Seinerseits will S. nur den ganz einfachen Glauben: „daß ein Gott, eine Vorsehung, ein Erlöser und ein ewiges Leben sei". Und bei einer Recapitulation der christlichen Grundartikel hat er deren sogar nur drei: „Es ist ein Gott. Es ist eine Vorsehung. Es ist ein ewiges Leben nach dem Tode." Die höchste Wichtigkeit der christlichen Religion liegt ihm darin, daß sie alle wahre Tugend und Glückseligkeit im irdischen Leben und die sichere Erwartung einer ewigen Seligkeit begründet. „In der Religion,“ sagt er bei anderer Gelegenheit — und darin bekundet sich das Rationalistische seiner Anschauung —, „kommt Alles auf eine richtige und überzeugende Erkenntniß des höchsten Wesens an, und daß man von desselben Vollkommenheiten die Bewegungsgründe zu seinem Thun und Lassen hernehme.“ Der Rationalismus unseres Apologeten bekundet sich nicht minder darin, daß er bei seinen Deductionen und in der Entwicklung der Schriftlehre nirgends an die kirchlichen Bekenntnisse, von denen er ganz schweigt, anknüpft, sondern an die natürliche Religion, als an eine von der denkenden Vernunft anerkannte Größe. Nicht soll diese Religion freilich den Inhalt der Bibel ausgeschöpft haben, vielmehr soll sie durch letzteren erst den rechten Halt und einen tieferen Geist empfangen. Auch da, wo er den Heilsinhalt der heil. Schrift zusammenfaßt, kommt er wieder auf die „drei Wahrheiten der natürlichen Religion"; diese sind ihm „unstreitig die unentbehrlich nöthigen und stärksten Gründe der wahren Gemüthsberuhigung vernünftiger Menschen; und hierin", fügt er hinzu, „haben, so viel ich die Welt noch kenne, alle verständigen und rechtschaffenen Leute mit mir einerlei Meinung.“ Daher enthält ihm auch der Glaube an Christum die natürliche Religion in sich, nur daß dieser Glaube die letztere „bestärkt, aufklärt und erweitert"; daher kann er sagen: „von der natürlichen Religion zur christlichen ist der Schritt überaus nahe und leicht.“ Ja er mißt wohl den ganzen Begriff der Offenbarung materiell an dem der natürlichen Religion, indem ihm das Geoffenbarte der natürlichen Vernunft genau entspricht, nur daß deren religiöse Erkenntniß ohne göttlichen Unterricht in der Menschheit nicht entstanden sein könne. So vertritt ihm die Offenbarung ihrer Natur nach das Princip dieses unumgänglichen Unterrichts. Andererseits bewährt sich ihm die Offenbarung als solche auch durch ihre göttliche Ursprünglichkeit und Selbständigkeit, die ihm aus der heil. Schrift als der Offenbarungsurkunde entgegenstrahlt, so daß er auf eine weitere Demonstration dieser höchsten Autorität verzichtet. Hier soll der unmittelbare Eindruck, den die Bibel auf unser Herz und Gemüth, auf unser Empfinden und Gewissen macht, entscheidend sein. Daher sieht S. gerade die Schrift mit der Beweisung des Geistes und der Kraft an die Seele der Menschen sich wenden. Das so erregte Gefühl faßt er auf als „das Gefühl der Wahrheit", wenn auch einer praktischen Wahrheit, „welches, in dem allgemeinen gesunden Verstande erweckt wird, sobald man ihm die Wahrheit deutlich vorstellt.“ Auch erscheint ihm dieses durch die Bibel erregte Gefühl um deswillen als keine schwärmerische Täuschung, weil es zu keinem Conflict mit der bereits erprobten Erkenntniß des natürlichen Verstandes führt, sondern die letztere nur noch mehr „aufklärt“ und bestätigt. Auf diese Weise kann er die Haltung eines ganz bibelgläubigen Theologen annehmen und den unbedingten Vorzug der Bibel vor allen Büchern, die nur menschliche abgeleitete Weisheit enthalten, als unzweifelhaft betrachten, indem er die ihm bekannten Einwürfe des menschlichen Denkens gegen die Schriftautorität als höchste Wahrheitsquelle als auf falscher Auslegung oder Unkenntniß ruhend widerlegt. Auch die biblischen Wunder und Weissagungen nimmt er in vollem Glauben an und rechtfertigt sie aus dem auch der natürlichsten Vernunft zugänglichen Vorsehungsglauben, wobei er die wirkliche Erfüllung aller alttestamentlichen Weissagungen voraussetzt und an hervorragenden Beispielen zu erhärten sucht, während er die Wunder als höchst zweckmäßige Begleiter der Offenbarung, die als solche ja|selbst ein Wunder sei, betrachtet. Unerklärliches und Geheimnißvolles habe dann freilich, wie er nicht leugnet, der Offenbarungsglaube der Christen zuzugestehen. Aber für solche Grenzen des Wissens findet er Analogien auf allen Gebieten des Erkennens, auch in dem System der natürlichen Religion: sie sind ihm also auch im Christenthum dem allgemeinen Wesen unseres Verstandes entsprechend. Die solchermaßen unleugbaren Unvollkommenheiten unseres religiösen Erkennens sind ihm aber um so weniger beunruhigend, als er, wobei er sich auf Grotius' bekannte Apologie der christlichen Religion beruft, die Offenbarung des Evangeliums nicht bloß zur Befriedigung des Verstandes, sondern auch zur Erweckung eines Glaubensgehorsams, zur Erzeugung eines sittlichen Willens in dem redlichen und verständigen Menschen bestimmt erachtet. Soll hier aber weder praktisch noch theoretisch von einem Widerspruch des Natürlichen und Uebernatürlichen die Rede sein, so gilt das auch für die Inspiration der Bibel, die so aufgefaßt wird, daß sich bei ihr die selbständige Mitwirkung der menschlichen Persönlichkeit des Schriftstellers mit der göttlichen Eingebung verknüpft. Darum könne auch, meint die Apologie, der ganze Inhalt der heil. Schrift als ein Werk des Geistes Gottes betrachtet werden, obgleich sich im einzelnen rein geschichtliche von offenbarungsmäßigen Bestandtheilen unterscheiden ließen. S. geht dann auch auf die Bestreitung der Wahrheit des Christenthums ein, welche sich auf die Spaltungen seiner Bekenner in so viele Kirchen, Secten und Parteien stützen will. Diesen Umstand weiß er gerade zum Vorteil unserer Religion zu kehren, indem er darauf hindeutet, wie sie solche aus der menschlichen Schwäche entsprungenen Hinderisse überdauert und endlich in dem zur Herrschaft kommenden toleranten Protestantismus überwunden habe. Den Gedanken der Erbsünde schwächt er pelagianisch ab. Den Ursprung der anerkannten allgemeinen Sündhaftigkeit vermögen wir uns freilich, wie er annimmt, nur nach Anleitung einer göttlichen Offenbarung vorstellbar zu machen, wie wir auch nur durch eine solche von dem Ursprung der Erlösung als einer „Veranstaltung Gottes“ etwas wissen können. So sollen aber Zulassung des Sündenfalles, der als äußere teuflische Verführung am denkbarsten sei, wie Erlösung von dem angenommenen vernünftigen Monotheismus nur als Theile eines einheitlichen göttlichen Planes gedacht werden. Beruht unserem Theologen nun die Thatsache der Erlösung auf der Sendung Christi durch Gott, so kann er selbstverständlich nicht umhin, der Gottheit Christi und seiner Gottessohnschaft zu gedenken. Es entspricht seinem ganzen Standpunkt, wenn er die dogmatischen Speculationen über die Trinität und die Person Christi dahingestellt sein läßt und die christologischen Begriffe nur soweit für verbindlich hält, als sie aus der Bibel entnommen werden. In seiner Darstellung der biblischen Trinität, welche ihm auch die Lehre von einer Gottheit Christi enthält, hat er sich namentlich von Clarke's darauf bezüglicher Abhandlung leiten lassen. Hierbei nimmt er aber Gelegenheit an die geheimnißvolle, über das menschliche Begreifen hinausgehende Seite aller Offenbarung zu erinnern. Nichtsdestoweniger soll die Vernunft einen planvollen und nothwendigen Zusammenhang auch dieser Vorstellung von Christo mit der bereits als vernunftmäßig erkannten Idee der Erlösung zu erkennen suchen. Und es erscheint ihm hier die Mittheilung und Sicherung unseres ewigen Lebens als der Grund, aus welchem jenes Geheimniß der Gottheit sei offenbart worden. Enthielt nun aber, wie bereits festgestellt war, auch die natürliche Religion die wahrscheinliche Aussicht, daß ein bußfertiger, sich vom Bösen zum Guten bekehrender Mensch eines jenseitigen Lebens theilhaft werde, so findet selbst die Dreieinigkeitslehre nach S. ihre Anknüpfung in jenem System. Nur als wahrer und vollkommener Sohn Gottes, der allerdings dem Vater sich unterordnend gedacht wird, könne uns, wird gefolgert, Christus den ganzen Rathschluß der Erlösung bekannt machen|und die Erfüllung unserer Hoffnungen auf das höhere Leben nach dem Tode in absoluter Weise gewährleisten. Den Tod Jesu faßt er als einen durchaus freiwilligen, der zunächst als Folge seines Berufes zur Bekräftigung seiner Lehre und zu unserem Vorbilde geschehen sei, auf. Allein er entnimmt doch auch der Schrift, daß der Tod des Mittlers als ein von Gott verordnetes Opfer für unsere Sünde geschehen sei. Den Kanon für das volle Verständniß der biblischen Lehre vom Tode Christi sieht er aber in bemerkenswerther Weise in dem Gedanken, daß „man ... den höchsten Grad der Gewißheit von des Menschen Begnadigung als das letzte und eigentliche Resultat aller Vorstellungen, die uns die Schrift von dem Tode Christi macht, ansehen" dürfe. Nach diesem Kanon konnte er nun auch den durch die orthodoxe Tradition wie noch durch die Arminianer verwertheten Gedanken, daß wir in dem Opfertode Christi einen Ausgleich der Gerechtigkeit oder der gesetzgeberischen Ehre Gottes mit seiner Güte sehen, als Schriftlehre vertheidigen. Höher aber gilt ihm Christi Mittlerthum an sich, als dieses Opfer der Versöhnung. Im letzten Abschnitt seines apologetischen Werkes handelt er endlich noch „von dem göttlichen Beistande der Gnade, von der Auferstehung der Todten, von der Taufe und dem Nachtmahle“. Wie unsere theoretische Erziehungsbedürftigkeit, so wird nun auch die sittliche Schwäche des Menschen als eine erfahrungsmäßige Thatsache betrachtet, woraus sich die Nothwendigkeit göttlicher Hülfe ergeben muß. Da uns eine solche aber auch in den kirchlichen Gnadenmitteln gegeben sei, so wird daraus auch unsere Verpflichtung gefolgert, dieselben zu benutzen und uns darin den Anordnungen der göttlichen Vorsehung anzuvertrauen. Für ganz besonders vernunftgemäß hält unser Apologet die Lehre von der Auferstehung der Todten, wofern diese im Sinne Pauli verstanden werde, so daß er den Unglauben hieran nur „als eine wahrhafte Krankheit der Seele“ bezeichnen kann. Die Sacramente, deren göttliche Einsetzung ihm nach der Schrift unzweifelhaft ist, faßt er als symbolische Gebräuche auf, die sich von einem praktisch-sittlichen Gesichtspunkte aus rechtfertigen lassen, von denen jedoch alle magischen und mystischen Vorstellungen möglichst fern zu halten seien. In der Auffassung des Abendmahls erklärt er sich ausdrücklich als einen Anhänger Zwingli's.

    Man muß das Werk Sack's, dessen Grundgedanken wir darlegten, als eine durchaus klare, von einer religiös praktischen Hochschätzung des Christenthums getragene Darstellung anerkennen, wenn auch diese Art der Apologetik den Ansprüchen unserer heutigen Theologie nicht genügt. Der Widerspruch zwischen einer Offenbarungsurkunde, welche die autonome Quelle rein göttlicher, übernatürlicher Erkenntniß sein soll, und ihrer lehrhaften Auslegung nach einem menschlichen Maßstab, der im Grunde ein historisches Product ist und nur als solches Jedem dargeboten werden kann, eignet dem von S. vertretenen schriftgläubigen Standpunkte nicht anders, wie der alten Orthodoxie; mag man auch zugeben, daß der religiöse Gehalt der damaligen vernünftigen Auslegung ein geringerer war, als der der ursprünglichen, noch nicht zur todten Form gewordenen bibelfesten Rechtgläubigkeit. Freilich fehlt auch bei S. nicht jenes uns heute fremdartig erscheinende Gemisch von Rationalismus und biblischem Wunder- und Offenbarungsglauben. Uebereinstimmung aber von Leben und Lehre, Einheit von Gesinnung und Ueberzeugung, wirksame Frömmigkeit scheinen ihm vom Christenthum untrennbar. Die Theilnahme am öffentlichen Gottesdienst fällt ihm ganz unter den Begriff einer pädagogisch-sittlichen Pflicht, wie solche bereits der natürlichen Religion und Vernunft vollkommen verständlich sei und den er zwar durch Lehre und Beispiel der Apostel bestätigt sieht, nicht aber durch das Christenthum innerlich verändert oder vertieft. Ein mehr positiv kirchlicher Zug zeigt sich indessen in Sack's Verlangen nach der evangelischen Union. Wie gering ihm aber die religiöse Bedeutung der Wirksamkeit der Kirche, ihrer Ueberlieferung und ihres Unterrichts ist, ersieht man aus dem Geständniß, daß nach seiner Meinung ein Mensch von gesundem Verstande und religiös-sittlichem Ernste ohne kirchliche Lehre und Lehrer, ohne Rücksicht auf kirchliche Bekenntnisse die göttliche Wahrheit aus der Heiligen Schrift viel besser erkennen würde als der, welcher vorher sich kirchlichen „Meinungen“ angeschlossen hätte.

    Zeigte sich S. auf theologischem Gebiete trotz seiner verdienstlichen Mitarbeit an den Zeitfragen als kein Bahnbrecher für neue Ideen, so nahm er doch in der Geschichte der protestantischen Kanzelberedsamkeit eine epochemachende Stellung ein. Man hat ihn mit seinem älteren Zeitgenossen Lorenz von Mosheim verglichen und ihm nicht ohne Grund für die Reform der Predigt in der deutsch-reformirten Kirche dieselbe Stellung angewiesen, welche Jener in der lutherischen einnahm. Beide hatten sich besonders unter dem Einfluß der damals maßgebenden englischen Kanzelredner gebildet. Neben Clarke, an den sich, wie wir sahen, Sack's apologetische Theologie anlehnte, wirkte auf ihn wie auf Mosheim, in homiletischer Rücksicht auch Tillotson wesentlich ein. Ueberhaupt berührte sich die Dogmatik beider deutschen Theologen vielfach mit den Anschauungen des deistischen Rationalismus. Doch stand Mosheim zur traditionellen Kirchenlehre nicht so spröde und der natürlichen Religion noch nicht so nahe wie S. So erscheint auch Ersterer weit mehr als ein kunstvoller und gelehrter Redner, wie er auch ein grundsätzlicher Vertreter der Rhetorik war. S. dagegen vertrat eine entschiedener volksmäßige und leichter verständliche Predigtweise, indem er sich, wozu ihn schon die Eigenart der reformirten Kirche veranlaßte, dem Standpunkte der Gemeinde unbefangener accommodirte. So wendete er seine grundsätzliche Trennung von Theologie und Religion gerade als Prediger in durchgreifender Weise an, und so vermochte auch das unmittelbare religiöse Gefühl noch einfacher und damit im ganzen lebhafter anzuregen als Mosheim. Sehen wir auf die Methode seiner Schriftbenutzung auf der Kanzel wie auf den Lehrgehalt seiner Predigten, so kann man die letzteren indessen nicht gerade als biblische bezeichnen. Wie er in ihnen alle gelehrte Exegese vermied, so auch die religiös-typische und allegorische Auslegung, welche durch die Coccejanische Schule verbreitet worden war. Er predigte über allgemeine, aus den Zeitumständen sich ergebende Themata, die er aber mit einem biblischen Texte in Verbindung setzte, ohne sich an bestimmte Regeln der Verknüpfung einer nothwendigen Erläuterung des Textes mit der Ausführung des Themas zu binden. Nicht selten bildet eine derartige kurze Texterklärung einen Theil der Predigt. Dessenungeachtet legen seine Predigten auf das beistimmende und die Wahrheit der vorgetragenen Gedanken bekräftigende Zeugniß der Heiligen Schrift Gewicht; daher er häufig Bibelsprüche, wenn auch ohne Rücksicht auf ihren exegetischen und geschichtlichen Zusammenhang, anführt. Das eigentliche Ziel seiner Kanzelbelehrungen lag ihm aber auch nicht in der Geltendmachung seiner rationalistisch-biblischen Dogmatik oder Apologetik an sich, sondern in der Betonung ihres ethischen Werthes und demgemäß in der unnachsichtlichen Forderung eines wahrhaft christlichen Lebens. Seiner Dogmatik entsprechend verknüpft er auch in seiner Predigt den Ausblick auf das herrliche Ziel alles menschlichen Strebens, d. i. die ewige Glückseligkeit, auf das persönliche Fortleben nach dem Tode unmittelbar mit dem Wesen der christlichen Tugendhaftigkeit. Ja, er scheut sich nicht, den Hinweis auf diesen Zweck unseres Daseins als den Hauptpunkt seiner Belehrungen und Ermahnungen hinzustellen. Aber auch darauf legt er Gewicht, daß sich Tugend wie Sittenlosigkeit bereits hier auf Erden, sei es in unserem inneren Gemüthszustande, sei es in unserem äußeren Ergehen belohnen oder bestrafen.|Also auch kein Glaube ohne Werke. Der Glaube ist ihm „nur insoweit“ „ein seligmachender“, „als er ein heiligmachender ist"; Glaube und Tugend erscheinen als Correlatbegriffe; und an Christum glauben fällt ihm ganz zusammen mit dem Gehorsam gegen dessen Gebote. Bei einer ernsten Lebensauffassung konnte sich auf diesem ethischen Fundamente wohl eine Gesetzespredigt entwickeln, die wohl vor der Gefahr des Materialismus und Eudämonismus zu warnen, nicht aber von Innen heraus eine Reform des religiösen Lebens zu begründen im Stande war. Von den kirchlichen Gnadenmitteln ist in den Predigten selten die Rede, und nur bei besonderen Veranlassungen deutet er auf den Nutzen des kirchlichen Gottesdienstes. Dagegen springt es in die Augen, daß er überall auf das subjective Gnadenmittel unseres gläubigen Gebetes zu Gott als zu dem väterlich gütigen und weisen Erhörer der Wünsche jedes Einzelnen in der bestimmtesten und lebhaftesten Weise Bezug nimmt. Sack's Predigten haben ihrer Zeit nicht nur ernstdenkende und sittlich fühlende Hörer verschiedener Richtungen angesprochen, sondern auch tieferen religiösen Gemüthern, namentlich unter dem weiblichen Geschlechte geistige Nahrung und Erbauung gewährt. Doch hingen sie zu sehr von einer durch subjective Disposition bedingten Verwerthung der damaligen Bildung ab, um für eine spätere Zeit, was ja in der Geschichte der Predigt ohnehin selten vorkommt, eine ähnliche Bedeutung beanspruchen zu können.

    Sack's äußeren Lebensgang haben wir bis zum Beginn seiner Wirksamkeit in Berlin kennen gelernt. Bald nach seiner Uebersiedelung in die Residenz befiel ihn theils infolge körperlicher Erschöpfung, die er sich durch die fortschreitende Steigerung seines rastlosen Arbeitens zugezogen hatte, theils aus Veranlassung geistiger aus den neuen Verhältnissen, in die er sich in Berlin gestellt sah, entsprungener Aufregungen, unter welchen ihn die Anfeindungen seines religiösen Standpunktes als eines ungläubigen besonders trafen, ein heftiges, mit hochgradiger Hypochondrie verknüpftes Nervenleiden. Er sah sich dadurch zu einer längeren Entfernung von allen Geschäften und von Berlin gezwungen; doch überwand er die Krankheit allmählich, so daß er nach Jahr und Tag seine amtliche Thätigkeit aufnehmen und auch die Kanzel wieder besteigen durfte. Eine gesunde und vorsichtige Lebensweise, namentlich rechtzeitig unternommene Erholungsreisen verhinderten die Wiederkehr jenes gefährlichen Leidens. So konnte er eine lange Reihe von Jahren seinen öffentlichen Aemtern vorstehen und auf dem von ihm bebauten weiten Arbeitsfelde wirken, bis ihn herannahendes hohes Alter nöthigte, mehr und mehr Feierabend zu machen. Seine letzte Predigt hielt er im 78. Lebensjahre (am 27. August 1780) im Dome über Jos. 90, 10. Er erlebte die Freude, daß ihm im J. 1777 sein ältester Sohn zur Seite gestellt und zum fünften Hof- und Domprediger berufen wurde, und daß er Letzteren in dieses Amt selbst einführen durfte. S. war zweimal verheirathet. Den ersten Ehebund schloß er bald nach Antritt seiner ersten Pfarrstelle zu Magdeburg mit der Tochter des damaligen Richters der französischen Colonie zu Frankfurt a. O., Cardel. Diese Gattin starb im ersten Wochenbett, nachdem sie ihm eine Tochter geschenkt hatte, welche nachmals an den Prediger Bamberger, der zuerst als Geistlicher an der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin, dann als Hofprediger in Potsdam fungirte, verheirathet war. Zum zweiten Male vermählte er sich nach vier Jahren (1737) gleichfalls mit einer Angehörigen der französischen Emigration, einem Fräulein Guarrigue, der Tochter eines Goldarbeiters zu Magdeburg, welche den Gatten als treue, christliche Gefährtin auf seinem weiteren Lebensgange fortan begleitete und ihn noch kurze Zeit überlebte. Der erwähnte älteste Sohn, aus dieser Ehe stammend, vermählte sich im J. 1770 mit der einzigen Tochter des Propstes Spalding, wodurch das bereits bestehende Freundschaftsverhältniß zwischen Spalding und S. nur um so enger wurde. Daß S. in nahe Beziehungen zu den höchsten Ständen trat, haben wir bereits erfahren; vermöge seines Geistes und seiner gesellschaftlichen Fähigkeiten war er ein gern gesehenes Mitglied der vornehmen Kreise. In seinem Umgange mit „den Großen und Vornehmen“ behauptete er aber nach dem Zeugniß seines Sohnes „beständig den Charakter eines wahrheitliebenden und freimüthigen Mannes". Unter Sack's sonstigen Charaktereigenschaften ragt noch eine große Uneigennützigkeit und Freigebigkeit hervor. Seinen Kindern hinterließ er daher als Haupterbschaft seinen ehrlichen Namen, von dem er hoffte, er werde ihnen „zum Segen werden“. Seiner zweiten Ehe entsprangen sechs Kinder, von denen zwei in früher Jugend, zwei (ein Sohn als preußischer Hauptmann und eine Tochter als Gattin des Kriegsrathes Eltester) noch vor dem Vater starben. Außer dem Hofprediger überlebte ihn noch ein Sohn, der im preußischen Staatsdienste Verwendung gefunden. Obgleich Sack's geistige Spannkraft zuletzt nachgelassen und namentlich sein Gedächtniß im Alter gelitten hatte, so reichte doch sein geistiges Vermögen bis an sein Ende dazu aus, sich seiner Familie und einem engeren Freundeskreise mit vollem Bewußtsein und in ungestörtem Zusammensein zu widmen. Auf seinem Sterbebette nahm er erbaulichen Abschied von den Seinen und besiegelte sein christliches Leben durch ein frommes und schönes Sterben. Altersschwäche löschte am 22. April 1786 sein Lebenslicht aus.

    Hauptquelle zur Kenntniß seines Lebens ist: August Friedrich Wilhelm Sack's etc. Lebensbeschreibung nebst einigen von ihm hinterlassenen Briefen und Schriften. Herausgeg. von dessen Sohne Friedrich Samuel, Gottfried Sack, Hofprediger etc. 2 Bde. Berlin 1789. Vgl. dazu: Formey, Éloge pour Monsieur S. in den Nouveaux mémoires de l'académie royale des sciences et belles lettres. Année 1786. Avec l'histoire de la même année. Berlin 1788. — H. Döring, Die deutschen Kanzelredner des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. 1830, S. 353 ff. — Dr. Karl Heinrich Sack, Geschichte der Predigt in der deutsch-evangelischen Kirche von Mosheim bis auf die letzten Jahre von Schleiermacher und Menken. 1886, S. 35 ff. — R. Rothe, Geschichte der Predigt von den Anfängen bis auf Schleiermacher. Herausgeg. von A. Trümpelmann. 1881, S. 421 f. — Berliner Kalender auf das Gemeinjahr 1827, S. 334. — Dr. K. H. Sack über Aug. Fr. Wilh. S. in Herzog's Real-Encyklop. f. prot. Theol. u. Kirche, 2. Aufl. Bd. XIII, S. 203 ff. Ein unvollständ. Verzeichniß seiner Schriften bei Döring a. a. O. S. 360; ausführlicher in der vom Sohne verfaßten Lebensbeschreibung, Bd. I, S. 125. Hier auch sein Briefwechsel, fünf amtliche Gutachten, Predigten u. A. Die Mehrzahl seiner Predigten sind in 6 Theilen, Magdeburg 1735—1764 gesammelt, von denen die beiden ersten Theile sechs Auflagen erlebten. Eine Anzahl Predigten sind nur in Einzeldrucken vorhanden. Von den Patriotischen Predigten aus dem siebenjährigen Kriege sind drei von K. H. Sack, dem Enkel des Verfassers wieder herausgegeben worden: Drei Dankpredigten über die von dem großen Könige Friedrich II. im J. 1757 erfochtenen Siege bei Prag, bei Roßbach und bei Leuthen, in demselben Jahre im Dome zu Berlin gehalten von A. F. W. S. Zum hundertjährigen Gedächtniß der genannten Schlachten. Berlin 1857. Sack's Bildniß von D. Berger nach Grass befindet sich vor dem 7. Stück der Berliner Monatsschrift (1786).

  • Autor/in

    Siegfried Lommatzsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lommatzsch, Siegfried, "Sack, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 295-307 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11674183X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA