Lebensdaten
1839 bis 1899
Geburtsort
Friedeberg (Neumark) oder Schwarzsee Kreis Oststernberg
Beruf/Funktion
sozialpolitischer Schriftsteller ; Journalist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 129304735 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meyer, Rudolf
  • Meyer, R.
  • Meyer, Rudolf H.
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Zitierweise

Meyer, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd129304735.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottfried, Gutsbes. b. Stettin;
    M Elisabeth N. N.;
    1885 Mathilde Tranthow ( 1913, Cousine);
    1 S.

  • Leben

    Nach Schulbesuch in Kolberg und Stettin, wo er das Abitur ablegte, studierte M. seit 1858 Chemie und Physik an der Berliner Bau-Akademie und der Universität, wechselte dann aber zu den Fächern Geschichte, Philosophie, Literaturgeschichte und Nationalökonomie. 1864 war er Hauslehrer in Ungarn, seit 1867 lebte er als Schriftsteller und Journalist in Berlin. 1874 promovierte M. bei Bruno Hildebrand in Jena über „Entstehen und Wirken des Sozialismus in Dänemark“ zum Dr. phil. 1874/75 gab er die „Socialpolitischen Flugblätter“ heraus, 1875 kandidierte er für die Konservative Partei erfolglos im Kreis Stolpe-Lauenburg für das Preuß. Abgeordnetenhaus. 1877-81 war M. Wirtschaftsredakteur der agrarisch-konservativen Zeitschrift „Vaterland“ in Wien, danach arbeitete er als Reiseleiter, Landwirt, Lehrer und betriebswirtschaftlicher Berater österr. Magnaten.

    M. stand mit einer Vielzahl sozialpolitisch engagierter Zeitgenossen in Kontakt. In seinen theoretischen Vorstellungen wurde er zunächst von Karl Rodbertus, Adolph Wagner, Lorenz v. Stein und Eugen Dühring beeinflußt, später auch von Marx und Engels. 1867 berief ihn der damals einflußreiche konservative Politiker und Publizist Hermann Wagener zum Redakteur der „Berliner Revue“, die M. 1873/74 – bis zu ihrer Einstellung – herausgab. Diese Phase war gekennzeichnet durch eine enge politische Zusammenarbeit mit Wagener und Rodbertus, doch endete M.s Versuch, seinen sozialkonservativen Ideen partei- und regierungspolitischen Einfluß zu verschaffen, 1873 mit dem durch die Liberalen herbeigeführten politischen Sturz Wageners. M. verbündete sich nun mit den konservativen Kritikern Bismarcks, die den Kanzler öffentlich des Amtsmißbrauchs beschuldigten. 1877 wurde er zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe wegen Beleidigung Bismarcks und der Minister Otto v. Camphausen und Adalbert Falk verurteilt, denen er in seinem Buch „Politische Gründer und die Corruption in Deutschland“ (1877) dubiose Börsengeschäfte vorgeworfen hatte. Damit verlor er seine Verbindungen zu den sozialkonservativen Kreisen. M. entzog sich der Haft durch Flucht ins Ausland, wo er Kontakt zu Sozialtheoretikern wie Marx in London und v. Stein in Wien knüpfte. 1878 beteiligte er sich an der Gründung des Vereins zum Schutze politischer Flüchtlinge in der Schweiz. Als Begleiter ungar. Magnatensöhne unternahm er 1881 eine Studienreise durch Italien, Frankreich, England, die USA und Kanada. 1884 kehrte er nach Kanada zurück, wurde brit. Staatsbürger und gründete eine Farm, die er 1889 wieder verkaufte. Während seines Exils veröffentlichte M. mehrere sozialkritische Werke in franz. Sprache. 1888 amnestiert, kehrte er erst 1897 nach Deutschland zurück.

    Als Herausgeber und Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften und als Autor vielbeachteter Werke übte M. zeitweilig beträchtlichen Einfluß auf die sozialpolitische Diskussion seiner Zeit aus. Seine entschieden antikapitalistische Einstellung ließ ihn freilich liberalen Zeitgenossen als konservativ getarnten Sozialdemokraten erscheinen, umso mehr, als er die persönliche Berührung mit sozialdemokratischen Führern und Versammlungen keineswegs scheute. M.s großes Fachwissen erleichterte es Wagener, einige Jahre lang eine bedeutende Rolle als Berater Bismarcks in Fragen der Arbeiterpolitik zu spielen. Als Mittelpunkt einer „kleinen, aber wissenschaftlich und zumal publizistisch einflußreichen Schar“ (R. Michels) wirkte M. an wichtiger Stelle im beginnenden Prozeß der sozialpolitischen Meinungsbildung in Deutschland mit. Solange er, wie Wagener, glaubte, Bismarck dazu bewegen zu können, durch gesetzgeberische Maßnahmen eine Art konservativen Sozialstaat zu begründen, war sein ganzes Trachten darauf gerichtet, zur Theorie und Praxis einer daraufgerichteten Sozialpolitik beizutragen. Sein zweibändiges Hauptwerk „Der Emancipationskampf des Vierten Standes“ (1874/75, 21882) atmet ganz den Geist dieser Programmatik einer positiven konservativen Arbeitergesetzgebung mit dem Ziel, die „große Gefahr eines sozialen Bürgerkrieges“ zu bannen. Eine Socialconservative Reformpartei“ sollte ein solches Programm fördern, eine Kommission von Sachverständigen eine umfassende Enquete über die Lage der arbeitenden Klassen vorbereiten. Hauptinhalte der daran anschließenden Gesetzgebung sollten sein: wirksame Arbeitsschutzmaßnahmen, staatsgeleitete Organisationen zur Vertretung der Arbeiterinteressen, staatliche Unterstützung bei Krankheit und Arbeitslosigkeit, dazu Invaliden- und Altersversorgung durch Bildung von sog. Produktivständen der Grundbesitzer, Handwerker etc. Am Ende dieser Politik sollte ein „hohenzollernsches Kaiserthum der socialen Reform“ stehen.

    M. war einer der wenigen, die schon zu Beginn der 1870er Jahre die ganze Reichweite der sozialen Frage erkannten und praktische Lösungsvorschläge erarbeiteten. Seine umfassende Kenntnis der europ. Arbeiterbewegungen und ihrer Ideen befähigte ihn zu einer objektiveren Beurteilung des Problems, als sie vielen seiner Zeitgenossen möglich war. Zwar irrte er mit der Vermutung, die Grundbesitzer würden die Interessen der Arbeiter zu den ihren machen, weil sie im Bankkapital den gemeinsamen Feind sehen müßten, aber er behielt recht mit der Annahme, daß der Arbeiterbewegung, deren historische Berechtigung er im Prinzip anerkannte, nicht durch gewaltsame Unterdrückung oder Palliativmittel, sondern nur durch energische und umfassende Reformen begegnet werden könne.

  • Werke

    Weitere W u. a. Was heißt konservativ sein? Reform od. Restauration?, 1872, 21873;
    Die bedrohl. Entwicklung d. Socialismus u. d. Lehre Lassalles, 1873;
    Die ländl. Arbeiterfrage in Dtld. – Socialismus, Auswanderung – Mittel gegen beide, 1873;
    Die neueste Lit. z. socialen Frage, 1873;
    Ursachen d. amerikan. Konkurrenz, 1883;
    La crise internationale de l'industrie et de l'agriculture, 1885;
    In Ketten u. Banden, 1886;
    La question agraire, 1887;
    Le mouvement agraire dans la péninsule des Balkans, 1889;
    L'Angleterre et ses colonies, 1889;
    Der Capitalismus fin de siècle, 1893;
    Das Sinken d. Grundrente u. dessen mögliche soz. u. pol. Folgen, 1894;
    Hundert J. conservativer Pol. u. Lit. I, 1895;
    Colonisation v. Arbeitslosen, Ein neues Landwirtsch.-System, 1896;
    Asyl f. Obdachlose, 1896. – Hrsg.: Die Actiengesellschaften, in: Wochen-Anz. f. Börse u. Geschäftswelt Centraleuropas, H. 1-47, 1872-75;
    Briefe u. soz.pol. Schrr. v. Dr. Rodbertus-Jagetzow, 2 Bde., 1882;
    Heimstätten u. andere Wirtsch.gesetze d. Vereinigten Staaten v. Amerika, v. Canada, China, Indien, Rumänien, Serbien u. England, 1883.

  • Literatur

    K. Femerling, Die Stellung d. Konservativen Partei z. gewerbl. Arbeiterfrage in d. Zeit v. 1848-1880, Diss. Halle 1927;
    P. Ernst, Jünglingsjahre, 1931, S. 240-89;
    K. Feibelmann, R. M., 1933;
    A. Hahn, Die Berliner Revue, 1934;
    H.-J. Schoeps, Zur Ideengesch.Ideengeschichte d. Sozialismus, R. M. u. d. Ausgang d. Sozialkonservativen, in: Zwischenstation, FS f. K. Kupsch, hrsg. v. E. Wolf, 1963, S. 221-33;
    Die neue Zeit 15, I, 1898/99, S. 545-48;
    P. Ernst, Ein konservativer Soz.politiker, in: Die Zukunft 26, 1899, S. 216-21;
    Die Zeit (Wien) 1899, Nr. 221.

  • Autor/in

    Lothar Machtan
  • Empfohlene Zitierweise

    Machtan, Lothar, "Meyer, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 371 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd129304735.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA