Lebensdaten
1937 bis 2006
Geburtsort
Warendorf (Westfalen)
Sterbeort
Düsseldorf
Beruf/Funktion
Journalist ; Unternehmer ; Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 123284384 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spiegel, Paul

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Zitierweise

Spiegel, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123284384.html [18.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Hugo (1905–87), Viehhändler, emigrierte 1939 n. Belgien, im KZ Dachau inhaftiert, kehrte 1945 n. W. zurück;
    M Regina Weinberg ( 1974), emigrierte 1939 n. Belgien, tauchte in Brüssel unter;
    1 Schw Rosa (1931–42 Auschwitz);
    1964 Gisèle, T d. Leon Spatz, 1967 Mitgründer d. Franz Rosenzweig Lodge v. B'nai B'rith Europe in D., u. d. Mary N. N.;
    2 T Dina (* 1967), Leonie (* 1972).

  • Leben

    S. emigrierte 1939 mit seiner Familie nach Belgien, nachdem sein Vater 1938 in der Reichspogromnacht von SA-Leuten schwer mißhandelt worden war. Nach dem Einmarsch dt. Truppen in Belgien wurde der Vater verhaftet und nach Dachau deportiert, S.s Schwester Ende Okt. 1942 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Die Mutter tauchte in Brüssel unter, nachdem es ihr gelungen war, S. bei einer Bauernfamilie in Uccle zu verstecken. 1945 kehrten S. und seine Eltern als einzige jüd. Familie nach Warendorf zurück, wo er 1951 seine Bar Mizwa feierte – die erste in Westfalen nach dem Holocaust.

    S.s berufliche Laufbahn begann 1958 bei der von Karl Marx (1897–1966) herausgegebenen „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ in Düsseldorf, wo er bis 1965 als Redakteur tätig war. Während der 1960er Jahre schrieb S. zudem u. a. für die Zeitungen „Montrealer Nachrichten“, „Nieuw Israelietisch Weekblad“ (Amsterdam), „Neue Welt“ (Wien), „Jüdische Rundschau Maccabi“ (Basel), „Der Mittag“ (Düsseldorf), „Neue Rheinzeitung“ (Düsseldorf) und „Westfälische Rundschau“ (Dortmund). 1965–72 arbeitete er als Assistent des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Hendrik George van Dam (1906–73). 1973/74 fungierte er als Chefredakteur der Zeitschrift „Mode & Wohnen“ (Düsseldorf). 1974–86 leitete er die Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Rhein. Sparkassen- und Giroverbands. 1986 gründete S. die Internationale Künstler- und Medienagentur „Paul Spiegel“ und arbeitete u. a. mit Rudi Carrell, Udo Lindenberg und Hans Rosenthal (1925–87) zusammen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Seit 1991 gehörte er dem Rundfunkrat und dem Programmausschuß des WDR an.

    1984 wurde S. Vorsitzender des Gemeinderats der Jüd. Gemeinde Düsseldorf (Mitgl. seit 1967, Ehrenvors. 2003); 1989–2000 war er Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und seit 1995 Vorsitzender des Landesverbands der Jüd. Gemeinden von Nordrhein. 2000 wurde S., der seit 1993 bereits als Vizepräsident amtierte, als Nachfolger von Ignatz Bubis (1929–99) zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Mit seinen Vizepräsidenten Charlotte Knobloch (* 1932) und Michel Friedman (* 1956) bzw. dessen Nachfolger Salomon Korn (* 1943) arbeitete er in zahllosen Gesprächen auf politischer Ebene, im Bereich des interreligiösen Dialogs, an Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen sowie in Publikationen und Interviews für eine nachhaltige Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden. Scharfe Kritik äußerte er, wenn er überzeugt war, daß die nichtjüd. Mehrheitsgesellschaft ihre aus den NS-Menschheitsverbrechen resultierende besondere Verantwortung für Demokratie und Menschenrechte nicht wahrnahm und Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in ihrer Mitte nicht ausreichend bekämpfte. Die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, an deren erfolgreicher Ausgestaltung, die religiöse, kulturelle, soziale und berufliche Integration betreffend, er maßgeblich mitwirkte und in die er viel Kraft investierte, bedeutete für ihn eine Renaissance jüd. Lebens in Deutschland. Zu S.s größten Erfolgen gehört der Abschluß des Vertrags zwischen dem Zentralrat der Juden und der Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003, der die Beziehungen zwischen Zentralrat und Bundesregierung regelt und in dem sich diese verpflichtet, zur Erhaltung und Pflege des dt.-jüd. Kulturerbes, zum Aufbau einer jüd. Gemeinschaft sowie den integrationspolitischen und sozialen Aufgaben des Zentralrats in Deutschland beizutragen.

  • Auszeichnungen

    Verdienstorden d. Landes NRW (1993); BVK 1. Kl. (1997); Offz. d. franz. Ehrenlegion (2000); Heinrich-Albertz-Friedenspreis d. dt. Arbeiterwohlfahrt (2001); Ehrenbürger v. Warendorf (2001); NRW-Staatspreis (2002); Quirinuspreis (2003); Dr. h. c. (Düsseldorf 2004); – P. S. Memorial Lecture (Univ. Düsseldorf, seit 2007).

  • Werke

    Wieder zu Hause?, Erinnerungen, 2001 (Autobiogr., P), Tb. 2003;
    Eine gute Woche! Shavua Tov!, 2001;
    Was tun gegen Antisemitismus?, 2002;
    Was ist koscher?, Jüd. Glaube – jüd. Leben, 2003 (P);
    „Einer, der sich einmischt“, 2004;
    Hans Rosenthal, Dtlds. unvergessener Quizmaster, 2004 (mit M. Schäbitz u. C. Flatow);
    Gespräch über Dtld., Ein Interview mit Wilfried Köpke, 2006 (P).

  • Literatur

    L Munzinger;
    Dokumentarfilme:
    W. Filmer, Die Schatten werden tiefer, P. S., Zw. Zweifel u. Zuversicht, WDR, 2001;
    Günter Gaus im Gespräch mit P. S., Regie: D. Procop, Ostdt. Rundfunk Brandenburg, 2001;
    P. S. im Gespräch mit Ulrich Wickert, Phoenix, 2001;
    Interview mit Johannes B. Kerner in dessen Talkshow, ZDF, 28. 5. 2004.

  • Autor/in

    Stephan J. Kramer
  • Empfohlene Zitierweise

    Kramer, Stephan J., "Spiegel, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 681-682 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123284384.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA