Lebensdaten
1864 – 1945
Geburtsort
Ludom (Ludomy, Provinz Posen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Jurist ; Publizist
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 119310333 | OGND | VIAF: 61786571
Namensvarianten
  • Westarp, Kuno Friedrich Viktor Graf von
  • Westarp, Kuno Graf von
  • Westarp, Kuno Friedrich Viktor Graf von
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Zitierweise

Westarp, Kuno Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119310333.html [22.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Viktor (1826–68), preuß. Oberförster, S d. Adolf (1796–1850, preuß. Gf. 1810 / 11), preuß. Oberstlt., Kommandeur d. 8. Husarenrgt., Ehrenrr. d. Johanniterordens, u. d. Pauline Freiin v. Müffling gen. Weiß (1803–86);
    M Emma (1831–1910), T d. Engelbert v. Oven (1795–1846), Pfarrer in Stiepel b. Bochum, Wetter/Ruhr u. Neuss, Konsistorialrat (s. F. W. Bauks, Die ev. Pfarrer in Westfalen, 1980, Nr. 4642; Prot. Profile im Ruhrgebiet, hg. v. M. Basse u. a., 2009) u. d. Charlotte Brügelmann (1805–75);
    Ur-Gvv Franz Prinz v. Anhalt-Bernburg-Schaumburg-Hoym (1760–1807), preuß. Oberstlt., Karl Frhr. v. Müffling (1775–1851), preuß. GFM, Präs. d. Staatsrats, Mil.schriftst. (s. NDB 18), Ur-Gmv Karoline Gfn. v. W. (1771–1818, bis 1810/11 Prn. v. Anhalt-Bernburg-Schaumburg-Hoym, preuß. Gfn. 1802 bzw. 1810 / 11);
    Ov Otto (1825–79), preuß. Reg.präs. v. Gumbinnen (s. Gen. 2), B Werner (1853–94), preuß. Hptm., Adolf (1854–1925), preuß. Gen.lt., Rechtsrr. d. Johanniterordens (s. Wi. 1922), Schw Viktoria (1868–1922, 1] Wilhelm v. Krause, 1862–93, 2] Paul v. Somnitz[-Charbrow], 1856–n. 1909, Erbkämmerer d. Hzgt. Hinterpommern, Fideikommissherr, Reg.rat in Stettin, Land- u. Forstwirt, Rittmeister, Mitgl. d. Ges. f. pomm. Gesch. u. Altertumskde., s. Wi. 1909);
    1893 Ada (1867–1943), T d. Bernhard Gf. v. Pfeil u. Klein-Ellguth (1829–1910), preuß. Gen.major (s. BJ 15, Tl.; NDB 20*), u. d. Adelheid Hiller v. Gaertringen (1835–1909);
    2 T Gertraude (1894–1975, Berthold Hiller v. Gaertringen, 1880–1951, auf Gaertringen, Rittmeister), Adelgunde (1895–1960);
    E Johann Hiller v. Gaertringen (1921–2004), Friedrich Hiller v. Gaertringen (1923–99), Dr. phil., Hist. am Mil.geschichtl. Forsch.amt in Freiburg (Br.), Ehrenrr. d. Johanniterordens (s. GHdA 39, Frhrl. Häuser IV, 1967, S. 276 f.; L).

  • Biographie

    Nach dem frühen Tod des Vaters wuchs W. in Potsdam auf, wo er das Viktoria-Gymnasium besuchte und 1882 das Abitur ablegte. Er studierte Rechtswissenschaften 1882 / 83 in Tübingen, 1883 / 84 in Breslau, 1884 / 85 in Leipzig und 1885 in Berlin, wo er 1885 das 1. und 1891 das 2. Staatsexamen ablegte. Den Einjährig-Freiwilligen Militärdienst absolvierte er 1883 / 84 in Breslau. 1886 trat er in den preuß. Staatsdienst ein und war u. a. Landrat in den Kreisen Bomst (1893–1900) und Randow (1900–03) sowie Polizeipräsident in Schöneberg und Wilmersdorf (1904–07). 1908 zum Oberverwaltungsgerichtsrat in Berlin ernannt, wurde er im selben Jahr für die Dt.konservative Partei (DkP) politisch aktiv und zog über eine Nachwahl in den Reichstag ein. Bis 1913 arbeitete er sich zum Fraktionsvorsitzenden hoch und bestimmte bald in enger Abstimmung mit dem Parteivorsitzenden Ernst v. Heydebrand und der Lasa (1851–1924) die Richtlinien konservativer Politik: preuß. Hegemonie im Reich, agrarische Interessenvertretung (Mitgl. d. BdL) und Opposition gegen innenpolitische Reformen. Im 1. Weltkrieg, in dem er 1914–18 die Freiwilllige Krankenpflege des militärischen Verwundetentransports der Berliner Bahnen leitete, trat W. als Befürworter eines „Siegfriedens“ mit Annexionen auf.

    Nach Kriegsende beteiligte W. sich an der Gründung der Dt.nationalen Volkspartei (DNVP), deren Vorstand er seit Dez. 1918 angehörte. Eine Kandidatur für die Nationalversammlung wurde ihm wegen seiner Kriegspolitik verwehrt. W. positionierte sich als Hardliner auf dem rechten Parteiflügel und schied 1920 aus dem Staatsdienst aus, um keinen Eid auf die neue Verfassung schwören zu müssen. Obwohl er die Chancen einer Restauration der Hohenzollern als gering einschätzte, hielt er öffentlich an der Monarchie fest. Seit 1919 war er politischer Leiter der Neuen Preuß. (Kreuz-)Zeitung, deren Weiterbestand er in den 1920er Jahren durch Reorganisationen und Spendensammlungen sicherte; seine Kolumne „Innere Politik der Woche“ wurde bald als aktuelle konservative Agenda gelesen. 1920 gehörte er dem engeren Planungsausschuß des Kapp-Putsches an, an dessen Ausführung er nicht beteiligt war.

    Trotz dieser Verwicklung überwand W. den Widerstand des gemäßigten Parteiflügels gegen seine Reichstagskandidatur und zog 1920 wieder in das Parlament ein. Als die DNVP 1924 Wahlerfolge feierte, arbeitete er erfolgreich gegen eine Regierungsbeteiligung, da er seine Partei in einer Koalition für nicht durchsetzungsfähig hielt. Es folgte seine zweite Parteikarriere (1925 Fraktions-, 1926 Parteivors.). W. suchte der Rechten politische Mitsprache zu sichern, unterstützt von Abgeordneten wie Martin Schiele (1870–1939) und Gottfried Treviranus (1891–1971), stellte seine Skepsis gegenüber Regierungsbeteiligungen zurück und beteiligte die DNVP an| den Kabinetten Luther I (1925) und Marx IV (1927). Hier setzte er im Bündnis mit Interessenvertretern alte konservative Kernprogrammatik wie Schutzzölle durch, provozierte jedoch durch seine Kompromißbereitschaft den Widerstand des rechten Parteiflügels; die Parteibasis erzwang 1925 ein Ausscheiden der dt.nationalen Kabinettsmitglieder aus Opposition gegen die Verhandlungen zum Locarno-Pakt. Innenpolitisch sorgte v. a. die von W. unterstützte Verlängerung des Republikschutzgesetzes 1927, das dem Ex-Kaiser für mehrere Jahre die Einreise auf dt. Boden verweigerte, für Konflikte. Der rechte Flügel begann, sich um Alfred Hugenberg (1865–1951) zu sammeln, dem W. 1928 den Parteivorsitz überlassen mußte; im Dez. 1929 sah er sich gezwungen, auch den Fraktionsvorsitz an den Hugenberg-Anhänger Ernst Oberfohren (1881–1933) abzugeben. Im April 1930 schied W. mit rund 30 weiteren Parlamentariern, der „Gruppe Westarp“, aus der Partei aus, da die neue DNVP-Führung der ersten Regierung Heinrich Brünings (1885–1970) die Unterstützung verweigert hatte. W. selbst unterstützte die Präsidialkabinette, da er sich von ihnen eine Evolution zu einer autoritären Regierungsform erhoffte. 1930 zog er für die Brüning nahe stehende Konservative Volkspartei (KVP) in den Reichstag ein und versuchte vergeblich, die rechten Splitterparteien zu bündeln. Mit der Demission Brünings schied auch er 1932 aus der Politik aus.

    Während seines Ruhestands lebte W. zurückgezogen in Berlin. Er schrieb seine Memoiren, verfaßte unveröffentlichte Rezensionen zur Literatur über Wilhelm II. und publizierte einige Aufsätze. Seine Haltung zum Nationalsozialismus war ambivalent: Während er die Revision des Versailler Vertrags durch den 2. Weltkrieg begrüßte, kritisierte er im Privaten die völlige Ausschaltung des Parlaments als Schwäche. Wenige Tage nach Ende des 2. Weltkriegs wurde er von den russ. Besatzern interniert und verstarb kurz nach seiner Entlassung.

  • Auszeichnungen

    |Ehrenrr. d. Johanniterordens (1904);
    preuß. Roter Adlerorden IV. Kl. (1908);
    Ehrenkreuz II. Kl. d. schaumburg-lipp. Hausordens (1911);
    preuß. Kronenorden III. Kl. (1912);
    Germania-Hausorden II. Kl. mit d. Stern (1916);
    Offz.-Ehrenzeichen mit d. Kriegsdekoration f. Verdienste um d. österr.-ungar. Rote Kreuz (1916).

  • Werke

    |Preußens Vfg. u. Verw. als Grundlagen seiner Führerstellung im Reiche in Vergangenheit u. Gegenwart, in: Preußen, Dtld.s Vergangenheit u. Dtld.s Zukunft, Vier Vorträge, 1913, S. 28–57;
    Zehn J. republikan. Unfreiheit, 1928;
    Am Grabe d. Parteiherrschaft, Bilanz d. dt. Parlamentarismus v. 1918–1932, 1932;
    Reichspräs. u. RT als Gesetzgeber, in: Preuß. Jbb. 230, 1932, S. 193–204;
    Kons. Pol. im letzten J.zehnt d. Ks.reiches, 2 Bde., 1935;
    Das Ende d. Monarchie am 9. Nov. 1918, Abschließender Ber. n. d. Aussagen der Beteiligten, hg. v. W. Conze, 1952;
    Kons. Pol. im Übergang v. Ks.reich z. Weimarer Rep., bearb. v. F. Frhr. Hiller v. Gaertringen unter Mitwirkung v. K. J. Mayer u. R. Weber, 2001;
    Nachlaß: Archiv d. Frhrn. Hiller v. Gaertringen in Gärtringen;
    BA Berlin-Lichterfelde.

  • Literatur

    |M. Dörr, Die Dt.nat. Volkspartei 1925–1928, 1964;
    E. Jonas, Die Volkskonservativen 1928–1933, 1965;
    A. Thimme, Flucht in d. Mythos, 1969;
    J. M. Retallack, Notables of the Right, 1988;
    T. Mergel, Das Scheitern d. dt. Tory-Konservatismus, Die Umformung d. DNVP zu e. rechtsradikalen Partei 1928–1932, in: HZ 276, 2003, S. 323–68;
    L. E. Jones u. W. Pyta (Hg.), „Ich bin d. letzte Preuße“, Der pol. Lebensweg d. kons. Pol. K. Gf. v. W. (1864–1945), 2006 (P);
    M. Ohnezeit, Zw. „schärfster Opposition“ u. d. „Willen z. Macht“, Die Dt.nat. Volkspartei (DNVP) in d. Weimarer Rep. 1918–1928, 2011;
    D. Gasteiger, From Friends to Foes, Count K. v. W. and the Transformation of the German Right, in: The German Right in the Weimar Republic, Studies in the Hist. of German Conservatism, Nationalism, and Antisemitism, hg. v. L. E. Jones, 2014, S. 48–78;
    dies., K. v. W. (1864–1945), Parlamentarismus, Monarchismus u. Herrschaftsutopien im dt. Konservatismus, 2018;
    Biogr. Lex. Weimarer Rep.;
    Schumacher, M. d. R.;
    zur Fam.: Adolf Gf. v. Westarp, Fam.gesch. d. Grafen v. W., 1896;
    GHdA VI, 1953, S. 488–95;
    Adelslex. 16, GHdA 137, 2005.

  • Porträts

    |Photogrr. (BA, Bildarchiv).

  • Autor/in

    Daniela Gasteiger
  • Zitierweise

    Gasteiger, Daniela, "Westarp, Kuno Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 894-895 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119310333.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA