Lebensdaten
um 1467 bis 1525
Geburtsort
Balingen (Schwarzwald)
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Kartäuserprior, Enzyklopädist ; Beichtvater Kaiser Maximilians I.
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118744364 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reisch, Gregorius
  • Reysch, Georgius
  • Reysch, Gregor
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Reisch, Gregor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744364.html [19.11.2018].

CC0

  • Leben

    R. wurde 1487 als Kleriker der Konstanzer Diözese in die Freiburger Matrikel aufgenommen; im folgenden Jahr zum Baccalaureus kreiert, lehrte er nach Erlangung des Magister|artium 1489 an der Freiburger Albertina. 1494 war er kurzzeitig an der Univ. Ingolstadt immatrikuliert. Frühestens 1496 trat R. in die Freiburger Kartause ein, ehe er 1501 zum Prior in Buxheim berufen wurde. Von 1502 bis zu seinem Tod hatte R. das Priorat in Freiburg inne und war zugleich Visitator der oberrhein. Provinz, was er zu intensivem Studium der Schriften in den Ordensbibliotheken nutzte. Ein von der älteren Forschung angenommener Aufenthalt in Klein-Basel als Prior der dortigen Kartause läßt sich nicht nachweisen. Als Mitglied des Generalkapitels seines Ordens (seit 1507) gab er die Statuten und Privilegien (Statuta Ordinis Cartusiensis, Basel 1510) heraus. Seit 1510 gewann R. das besondere Vertrauen Maximilians I., mit dem er Fragen des Glaubens und der Wissenschaften erörterte. Als Beichtvater reichte er 1519 dem sterbenden Kaiser in Wels die Letzte Ölung.

    Bereits während seiner Lehrtätigkeit verfaßte R. sein enzyklopädisches Hauptwerk, die „Margarita philosophica“, die offenbar bereits 1496 weitgehend fertiggestellt war und 1503 in Freiburg gedruckt wurde. 1523 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich bis zu seinem Tod während des Bauernkriegs und der Evakuierung aus der Freiburger Kartause nicht mehr erholte.

    R. pflegte engen Kontakt zu einem Kreis humanistischer Gelehrter: Die unterschiedlichen Auflagen vorangestellten Widmungsvorreden zu seiner Enzyklopädie stammen von Adam Werner von Themar, Paul Volz (vor 1480-1544), dessen Schüler Matthias Ringmann (Philesius) (1482–1510), aus dem Umfeld Jakob Wimphelings, Ulrich Zasius (1461–1536), Theodor Ulsen (1450- nach 1507) sowie Jacob Locher (Philomusus) (1471–1528).

    Zu R.s Schülern gehörten u. a. Johann Eck (1486–1543) und Martin Waldseemüller (um 1475- um 1518). Kontakte bestanden ferner zu Konrad Pellicanus (1478–1556), dessen hebr. Kollektaneen im Nachdruck von 1504 in Auszügen eingebunden und seit der dritten Auflage der „Margarita philosophica“ (Basel 1508) als Anhang beigefügt wurden, zu Beatus Rhenanus (1485–1547) und zum Straßburger Kartäuser und Botaniker Otto Brunfels (1488–1534). Erasmus von Rotterdam, dem R. Handschriften für dessen Hieronymus-Ausgabe verschaffte, schrieb R.s Lehren bei den Deutschen das Gewicht eines Orakels zu.

    Die „Margarita philosophica“ ist die erste philosophische Enzyklopädie der Wissenschaften im dt. Sprachraum. Sie diente im 16. Jh. als maßgebliches Lehrbuch an den dt. Universitäten und wurden bis ins 17. Jh. mehrfach neu aufgelegt, 1599 auch ins Italienische übersetzt. Bereits ein Jahr nach der in Freiburg von Johann Schott gedruckten Erstausgabe erschien 1504 ein nahezu unveränderter unautorisierter Nachdruck von Johannes Grüninger in Straßburg, der seinerseits drei weitere Male aufgelegt wurde. Bis 1599 lassen sich insgesamt 12 Auflagen nachweisen. Die Gliederung in zwölf Bücher, die in das Trivium der rationalen Philosophie (Buch I: Grammatik, II: Logik, III: Rhetorik), dann in das Quadrivium der reale Philosophie (IV: Arithmetik, V: Musik, VI: Geometrie, VII: Astronomie, VIII: Physik [Naturphilos.], IX: Naturkunde, X: Physiol., XI: Psychol.) und schließlich als Gipfel des Studiums in die Moralphilosophie (XII) einführen, spiegelt im wesentlichen das aristotelisch-scholastische Wissenschaftssystem in der Umbruchphase zwischen Spätscholastik und Humanismus wider. Doch die starke Gewichtung der Realwissenschaften gegenüber theol.-phil. Materien weist ebenso wie die Aufnahme neuer Lehrmethoden auf neuzeitliche, humanistisch beeinflußte Formen der Wissensvermittlung (z. B. die Einf. neuer Grammatiken in Buch I, die Erl. geometr. Bezugspunkte am menschl. Körper in VI, 1,11, die math. exakte Berechnung d. Äquators in VII, 1,44 oder d. abschätzige Beurteilung der Astrol. in VII, 2,8). Zur Autorisierung der in Dialogform vermittelten Kenntnisse dienen bes. Augustinus- und Aristoteleszitate, die ebenso wie die Bibel- und Kirchenväterzitate eine spätscholastische Ausrichtung erkennen lassen. Die Häufung von Aristoteleszitaten gibt R.s Stellung als entschiedener Verfechter des Realismus im Freiburger Gelehrtenstreit an der Wende zum 16. Jh. wieder. Seine Funktion als Vermittler wird daraus ersichtlich, daß R. neben antiken, mittelalterlichen und arab. Schriftstellern auch Vertreter des Neuplatonismus wie Pico di Mirandola und Marsilius Ficinus zitiert. Die „Margarita philosophica“ ist mit zahlreichen Holzschnitten versehen, die Martin Obermüller bzw. Michael Wolgemut zugeschrieben werden. Neben den 20 (ab 2. Aufl.: 21) ganzseitigen Allegorien und Personifikationen bieten viele kleinere Holzschnitte zum Teil äußerst detailgetreue Illustrationen. Deren Analyse in Originalausgabe und Nachdrucken steht noch aus, ebenso wie eine angemessene Gesamtwürdigung des zumindest in Deutschland meistverwendeten Lehrbuchs des 16. Jh.

  • Werke

    W-Verz. N. N., List of Editions (Margarita philosophica), New York 1886;
    J. Ferguson, The Margarita Philosophica of G. R., A Bibliography, 1930.

  • Literatur

    ADB 28;
    J. Müller, Qu.schrr. u. Gesch. d. dt.sprachigen Unterr. 1882, S. 244-51 u. 259 f.;
    K. Hartfelder, in: ZGORh NF V, 1890, S. 170-200;
    S. Günther, Gesch. d. Erdkunde 1. T., 1904, S. 65;
    G. Münzel, Der Kartäuserprior G. R. u. d. Margarita philosophica, in: Zs. d. Freiburger Gesch.ver. 48, 1938, S. 1-87;
    R. v. Srbik, Die Margarita philosophica d. G. R. (gest. 1525), Denkschr. 104 d. Wiener Ak. d. Wiss., Math.-Naturwiss. Kl., 1941 S. 85-205;
    ders., Maximilian I. u. G. R., hg. v. A. Lhotsky, in: AÖG 122, 1961, S. 1-112;
    H. Gericke, Zur Gesch. d. Math. an d. Univ. Freiburg i. Br., 1955, S. 11-27;
    K. W. Niemöller (Hg.), Die musica figurativa d. M. Schanppecher, Opus aureum, Köln 1501, pars III/IV, 1961, S. 41-46;
    U. Becker, Die erste Enz. aus Freiburg um 1495, Die Bilder d. „Margarita philosophica“ d. G. R. […], 1970;
    E. Leedham-Green, Books in Cambridge Inventories, 2 Bde., 1987;
    H. Wiesflecker, Maximilian I., 1991, S. 377-85;
    M. H. Schmid, Die Darst. d. Musica im spätma. Bildprogramm d. Margarita Philosophica v. G. R. 1503, in: Hamburger Jb. f. Musikwiss. 12, 1994, S. 247-61;
    L. Andreini, G. R. e la sua Margarita philosophica, 1997;
    P. Burke, A Social History of Knowledge, 1997, dt. u. d. T. Papier u. Marktgeschrei, Die Geburt d. Wissensges., 2000, bes. S. 104-06 u. 116;
    – Petreius, Bibliotheca Cartusiana, 1609, S. 109-12;
    Hurter, Nomenclator II, 31906, S. 1278 f.;
    Eitner, Qu.-Lex.;
    Pogg. II;
    VD 16 G4071 u. R1033-1041;
    LThK;
    LThK III, S. 441, IV, S. 89;
    Kosch, Kath. Dtld.;
    Jöcher;
    Jöcher-Adelung;
    Gerber, Hist.-biogr. Lex. d. Tonkünstler;
    ders., Neues Hist.-biogr. Lex. d. Tonkünstler;
    Wetzer u. Welte's Kirchenlex.;
    Abert, Ill. Musik-Lex.;
    Biogr. universelle des Musiciens;
    MGG;
    Riemann mit Erg.bd.;
    New Grove;
    New Grove;
    BBKL.

  • Autor/in

    Gilbert Heß
  • Empfohlene Zitierweise

    Heß, Gilbert, "Reisch, Gregor" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 384-386 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744364.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Reisch: Gregor R., 1525, ein Karthäuser Mönch, Prior der Karthause bei Freiburg i. B., angeblich Beichtvater des Kaisers Maximilian, verfaßte ein vielbenütztes encyclopädisches Werk unter dem Titel: „Margarita philosophica“, in welchem wir ein interessantes Spiegelbild des Unterrichtes jener Zeit besitzen, welche als Ausläufer der Scholastik zu bezeichnen ist. Das Buch soll bereits 1496 gedruckt worden sein, gewiß aber ist, daß es von 1503 bis 1517 in mehreren allmählich vermehrten Ausgaben (meistens in Straßburg) erschienen ist. Dasselbe enthält in Form eines Dialoges zwischen Lehrer und Schüler zunächst den traditionellen Umkreis der scholastischen sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), wobei die Logik syncretistisch aus Aristoteles und den terministischen Autoren zusammengestellt ist und bei der Astronomie nicht nur Astrologie, sondern auch „Nekromantie, Pyromantie und Geomantie“ entwickelt wird. Dann aber folgt noch die philosophia naturalis nach aristotelisch-arabischer Tradition mit Einschluß der Alchymie, hierauf Psychologie und Ethik in aristotelisch-thomistischer Gestalt. Im Anhange findet sich in einigen Ausgaben auch ein kurzer Abriß der griechischen Grammatik, sowie eine hebräische Grammatik, welche an Reuchlin's Bearbeitung anknüpft.

    • Literatur

      J. Gottfr. Weller, Altes aus allen Theilen der Geschichte, Bd. I, 3. St. (1760), S. 401 ff.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Reisch, Gregor" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 117 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744364.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA