Lebensdaten
um 1400 bis 1467
Geburtsort
Reichenhofen (Allgäu)
Sterbeort
Ulm
Beruf/Funktion
Bildhauer
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118735195 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Multscher, Hans
  • Hans, Multscher
  • Multscher von Reichenhofen, Hans

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Zitierweise

Multscher, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735195.html [20.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit 1304 im Allgäu nachweisbarer Fam. freier Leute auf d. Leutkircher Heide;
    V wahrsch. Hans Nuoltscher (Muoltscher), 1405-37 Inh. d. Waibelhub b. R.;
    M N. N.;
    B Heinrich, Bildhauer, in M.s Werkstatt tätig;
    Ulm 1427 Adelhaid ( v. 1467), T d. Bildhauers N. N. Kitzin, dessen Fam. u. Werkstatt seit 1370 in U. nachweisbar sind;
    K (alle früh †).

  • Leben

    Nach einer Lehre wahrscheinlich im Allgäu begab sich M. auf eine lange Gesellenwanderung durch die Niederlande, Nordfrankreich und Burgund. Eine Zeitlang hielt er sich sicher auch in Paris auf; die Meisterwürde scheint er seinem Meisterzeichen zufolge in Aachen erworben zu haben. Wohl um 1424/25 kam er nach Ulm, wo er nach einer Zeit des „Mutens“ 1427 steuerfrei das Bürgerrecht erhielt. Bei seiner Eheschließung besaß er dort bereits ein eigenes Haus, zudem verschiedene Grundstücke im Wert von 37 Gulden 2 Ort Ulmer Währung. Die Stadtregierung, interessiert an einer Ausweitung der Produktion und an der Steigerung des Fernhandels, bestellte M. zum amtlich vereidigten Sachverständigen („geschworener Werckmann“) und befreite ihn vom Zunftzwang. Rat und Patriziat der Stadt erteilten M. auch erste anspruchsvollere Aufträge, deren Bewältigung einen umfangreichen Werkstattbetrieb voraussetzte. Außer dem Meister waren darin gleich nach M.s Einbürgerung eine größere Anzahl von Gesellen und Lehrlingen aus mehreren artverwandten Handwerken tätig. 1427-30 gestaltete M. ein Prunkfenster für das Ulmer Rathaus, dessen Figuren deutlich die auf der Wanderschaft gewonnenen Eindrücke (König David des Claus Sluter, Dijon; Propheten des André Beauneveu, Ste. Chapelle, Bourges) widerspiegeln. Sehr wahrscheinlich ist M. auch ein in Alabaster gearbeiteter Gnadenstuhl aus Sandizell (um 1429, heute Liebieghaus, Frankfurt) zuzuschreiben. Wie genau M. den Realismus der Monumentalskulptur in Burgund und Nordfrankreich (z. B. am Mosesbrunnen der Kartause von Champmol) studiert hatte, bezeugt sein differenziert modellierter Schmerzensmann am Hauptportal des Ulmer Münsters (1429). 1430 lieferte M. den Bozzetto (Bayer. Nat.-mus., München) für das von Hzg. Ludwig d. Gebarteten von Bayern-Ingolstadt in Auftrag gegebene, jedoch nicht zur Ausführung gelangte Hochgrab. Der Herzog bestand auf einer Ausführung in Rotmarmor; M. dürfte jedoch – nicht zuletzt der extrem feinen Reliefierung wegen – an einen Bronzeguß gedacht haben, ähnlich der für Georg Truchseß von Waldburg ( 1467) ausgeführten Grabplatte. Bis 1433 erfolgten Planung und Einbau eines von Konrad Karg, dem reichsten und einflußreichsten Ulmer Patrizier seiner Zeit und Finanzier Hzg. Ludwigs, bestellten Retabels in die Stirnwand des südlichen Seitenschiffs im Ulmer Münster. M. griff dabei die in Burgund, den Niederlanden und in Frankreich empfangenen Anregungen, z. B. das Motiv der Halbfiguren, die durch das Fenster in den „Kapellenschrein“ hineinsehen, oder Engel, die eine Draperie tragen, auf und schuf damit ein Retabel in einer bis dahin völlig neuen Form.

    Hatte M. das Karg-Retabel sowohl selbst entworfen als auch mit eigener Hand ausgeführt, so trat er nach dem Wortlaut seiner Signatur bei dem 1437 vollendeten Landsberger Retabel (sog. „Wurzacher Altar“) als Meister an der Spitze seiner Werkstatt auf, der das Werk allein plante und einen – wahrscheinlich vertraglich festgelegten – Teil der Skulpturen und Malarbeiten selbst ausführte, den größten Teil der Arbeiten aber von seinen Mitarbeitern ausführen ließ. Die erhaltene lebensgroße Hauptfigur der Muttergottes (heute Pfarrkirche, Landsberg/Lech), deren rechte Assistenzfigur, eine hl. Katharina (heute zur Halbfigur verkürzt, Städt. Kunstslgg., Augsburg) und die später in acht Einzeltafeln zersägten Flügel (Gem.gal. Staatl. Museen, Preuß. Kulturbes. zu Berlin) bezeugen M.s endgültigen Übergang vom sog. Weichen zum „Knitterfaltenstil“, sein Interesse an tiefenräumlicher Ausformung mit entsprechendem Faltenwurf sowie den Durchbruch zu einem neuen Realismus in den Flügelbildern. Inwieweit M. selbst sich auch als Maler betätigte, ist aufgrund der Quellenlage freilich nicht eindeutig zu klären. Das Landsberger Retabel hatte ein geschnitztes Corpus mit einer monumentalen Dreifigurengruppe, wie bereits das Karg-Retabel, und sicher eine diesem vergleichbare, auf räumliche Wirkung bedachte Gestaltung. Möglicherweise besaß es auch ein Gesprenge wie das Sterzinger Retabel (1456–58/59), in dem M. die Form des spätgotischen Schnitzaltars mit skulptierten, hierarchisch gestaffelten Monumentalfiguren im Schrein und gemalten Flügeln für die Werk- und Feiertagsseiten zur Vollendung führte. In Sterzing läßt sich eine Vielzahl von Händen – zeitweise waren 16 Gesellen beschäftigt – archivalisch nachweisen; drei sind sogar namentlich bekannt. Für Planung und Ausarbeitung der Risse und Tafeln zog M. begabte Maler heran, für die Flügelbilder eine jüngere Kraft, die eine Generation nach ihm in den Niederlanden geschult worden war.

    Den Ausbau des Werkstattbetriebs zu einem Großunternehmen, wie ihn M. durchgeführt hatte, vollzogen ähnlich Hans Schüchlin, Friedrich Herlin, der ältere und der jüngere Syrlin, Jörg Töber und Nikolaus Weckmann. Als Bildhauer war M. der führende Meister der 1. Hälfte des 15. Jh. und – neben Nikolaus Gerhaert von Leyden – der eigentliche Vermittler franz.-niederländ.-burgund. Formensprache in der Skulptur des süddeutschen Raumes. Stilistisch und formal wurde M.s Retabelschema für viele Künstler der nachfolgenden Generation wie Hans Klocker, Jörg Syrlind. Ä. , Ivo Striegel, Veit Stoß und Michael Pacher zum entscheidenden Vorbild.

  • Werke

    Weitere W u. a. Stehende Muttergottes mit Kind, Bronze, um 1430/33 (Bayer. Nat.mus., München);
    Thronende Muttergottes, 1435-37 (ebd., ursprüngl. Vesperbild mit nicht zugehörigem Kind zur Thronmadonna umgestaltet);
    Hll. Barbara u. Katharina, 1435-40 (Württ. Landesmus., Stuttgart);
    Hll. Barbara u. Magdalena, um 1450-55 (Dominikanermus., Rottweil, ehemals Heiligkreuztal);
    Grabmalfigur d. Gfn. Mechthild v. Württemberg-Urach, um 1450-55 (Stiftskirche, Tübingen);
    Hl. Johannes d. Täufer, 1456-58 (Bayer. Nat.mus., München);
    Sog. Bihlafinger Madonna, um 1460 (Städt. Mus., Ulm);
    Hl. Katharina, Reliquienbüste, Bronze, um 1460 (The Frick Collection, New York);
    Christus als Schmerzensmann, um 1460 (Hess. Landesmus., Kassel);
    Hl. Magdalena, um 1465-67 (Liebieghaus, Frankfurt/M.).

  • Literatur

    F. Stadler, H. M. u. seine Werkstatt, 1907;
    K. Gerstenberg, H. M., 1928;
    A. Schädler, Die Frühwerke H. M.s, in: Zs. f. Württ. Landesgesch. 14, 1955, S. 385 ff.;
    M. Schröder, Das plast. Werk M.s in seiner chronolog. Entwicklung, 1955;
    W. Paatz, Süddt. Schnitzaltäre d. Spätgotik, 1963;
    M. Tripps, H. M., Seine Ulmer Schaffenszeit 1427–67, 1969 (Qu., W, L, P);
    ders., H. M. – Meister d. Spätgotik, Sein Werk, Seine Schule, Seine Zeit, Ausst.kat. Leutkirch 1993 (W, L, P);
    ders., Neue Beobachtungen u. Erkenntnisse zu verlorenen Altarretabeln v. H. M., in: Pantheon 52, 1995, S. 4 ff.;
    I. Dietrich, H. M., Plast. Malerei – Maler. Plastik, Zum Einfluß d. Plastik auf die Malerei d. Multscherretabel, 1992;
    ThB.

  • Autor/in

    Manfred Tripps
  • Empfohlene Zitierweise

    Tripps, Manfred, "Multscher, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 576-577 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735195.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA