Lebensdaten
1901 bis 1976
Geburtsort
Wien
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Soziologe
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 118726862 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lazarsfeld, P. F.
  • Lazarsfeld, Paul
  • Lazarsfeld, Paul F.
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Zitierweise

Lazarsfeld, Paul Felix, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118726862.html [28.03.2017].

CC0

Lazarsfeld, Paul Felix

Soziologe, * 13.2.1901 Wien, 30.8.1976 New York. (konfessionslos)

  • Genealogie

    V Robert (1872–1939), aus Martinitz, Rechtsanwalt; M Sofie Munk (1881–1976), aus Troppau, Psychologin (s. Kürschner, Lit.-Kal. 1932); 1) 1926 ( 1934) Marie Jahoda (* 1907), Soz.psychologin, 2) 1936 ( 1949) Herta Herzog (* 1910), Soz.psychologin, 3) 1949 Patricia Kendall, Soziologin; 1 T aus 1), 1 S aus 3).

  • Leben

    Die austromarxistische Gesinnung des Elternhauses bestimmte die intellektuelle Entwicklung L.s. Schon der Jugendliche hatte direkten Kontakt mit Max Adler, Otto Bauer, Rudolf Hilferding und Karl Renner. Insbesondere auf den Einfluß von Friedrich Adler geht L.s Interesse an Mathematik zurück, so daß er das Studium der Staatswissenschaften und der Mathematik an der Univ. Wien (1922/23 Studium an der Sorbonne in Paris) wählte. Während seiner Schul- und Studentenzeit war L. aktives Mitglied der radikal sozialistischen Mittelschülerbewegung und wurde 1923 einer der Gründer der „Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler“ in Wien; in dieser Zeit wirkte er als Betreuer von Arbeiterkindern und sozialistischen Jugendlagern. 1924 veröffentlichte er zusammen mit Ludwig Wagner die Schrift „Gemeinschaftserziehung durch Erziehungsgemeinschaften“. Er beendete sein Studium 1925 mit der Promotion zum Dr. phil. in Astronomie (Über die Berechnung der Perihelbewegung des Merkur aus der Einsteinschen Gravitationsbewegung) und dem Staatsexamen als Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer hielt er Vorlesungen am Psychologischen Institut der Univ. Wien (Carl und Charlotte Bühler) über Statistik. Nach Beurlaubung vom Schuldienst wurde er 1927 Wissenschaftlicher Assistent am Psychologischen Institut. Er leitete dort die von ihm gegründete „Österr. Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle“. Er beschäftigte sich mit Auftragsforschung zu Jugendfragen, statistischen Problemen, Industriesoziologie. Seit 1930 kamen Forschungsarbeiten über die Auswirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit (mit M. Jahoda und H. Zeisel: „Die Arbeitslosen von Marienthal“, 1933) mit stark interdisziplinärer Ausrichtung hinzu. Seit Sept. 1933 besuchte L. als Traveling Fellow der Rockefeller Foundation mehrere amerikanische Universitäten, absolvierte ein Praktikum bei der Federal Emergency Relief Administration (FERA) in Washington und der Psychological Corporation of America (PCA). Durch Vermittlung von Robert S. Lynd bekam L. 1935 eine Stelle bei der National Youth Administration an der University of Newark, New Jersey. Seit 1936 war er Direktor des von ihm gegründeten University of Newark Research Center. Die Rockefeller Foundation etablierte 1937 ein Office of Radio Research an der Princeton University, das die Auswirkungen des Rundfunks auf die Gesellschaft erforschen sollte: L. wurde sein Direktor und zugleich Research Associate an der Princeton University; 1938 erfolgte die Verlegung des Büros nach New York, 1939 an die Columbia University, wo L. Lecturer und 1940 Associate Professor für Soziologie wurde. 1944 erfolgte die Umwandlung des Office of Radio Research in das Bureau of Applied Social Research (BASR). Während des 2. Weltkriegs war L. Berater beim Office of War Information, beim War Production Board und beim War Department (Office of Strategic Studies). Seit 1945 kam es zur Integration des BASR in die Columbia University (Auflösung 1977). L. wurde Mitglied des Department of Sociology (1949 Chairman), 1962 bis zur Emeritierung 1969 war er Quételet Professor of Social Science an der Columbia University, 1969-76 Distinguished Professor of Social Sciences an der University of Pittsburgh. L. war Mitglied der National Academy of Education und der National Academy of Sciences, Gastprofessor an der Universität Oslo, am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences, Stanford, und an der Sorbonne in Paris.

    L. kann als einer der maßgeblichen Innovatoren der internationalen Soziologie bezeichnet werden: Er ist der eigentliche Begründer der modernen empirischen Sozialforschung, sowohl in ihren Methoden als auch in ihren Institutionen. Ein typischer Repräsentant des Wiens der Jahrhundertwende, entwickelte L. in den USA jene Methoden und Institutionen der empirischen Sozialforschung, die er im Europa des beginnenden 20. Jh. kennengelernt hatte und die von Amerika aus nach 1945 ihren Siegeszug durch die internationale Sozialwissenschaft antraten. Was heute als „typisch“ amerikan. Soziologie bezeichnet wird, mit der Betonung empirischer, quantifizierender Vorgehensweise, ist ohne die „Columbia School“ mit ihren beiden Repräsentanten, dem Methodologen L. und dem Theoretiker Robert K. Merton, nicht zu denken. Auch der Re-Import dieser Richtung nach Europa ist maßgeblich von L., im Auftrag der Ford Foundation und der UNESCO, betrieben|worden. Seinen Aufstieg zu einem der führenden Soziologen der USA verdankte L. seinem Geschick zur Integration von europ. und amerikan. Ideen, von Sozialwissenschaft und Mathematik und von Wissenschaft und (ökonomischer) Anwendung. Er kann beschrieben werden als akademischer Manager, als sozialwissenschaftlicher Unternehmer, der als „Institutionen-Bildner“ maßgebend wurde für die Anfänge der Motivations- und Umfrageforschung vor allem in der Rundfunk- und Wahlforschung. Es waren vor allem drei Themen, um die sein Lebenswerk kreiste: Wie treffen Menschen Entscheidungen? Wodurch werden Menschen bei ihren Entscheidungen beeinflußt? Wie können (politische) Führer die „wahren“ Wünsche der Menschen erfahren? Stets stand die Analyse solcher Entscheidungsprozesse im Zentrum seines Forschungsinteresses. L. entwickelte einige methodologische Konzepte der empirischen Sozialforschung (Panel-Forschung; „latent structure analysis“; opinion leadership; two-step flow of communication; „Lazarsfeld-Stanton-Program-Analyzer“), gab aber vor allem entscheidende Impulse für die Praxis der empirischen Sozialforschung, indem er den Typ des sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts begründete, das für öffentliche und private Auftraggeber Untersuchungen durchführt, dabei jedoch in Verbindung mit Forschung und Lehre an den Universitäten steht. Auch seine Bedeutung für die Herausbildung einer mathematisch fundierten Soziologie liegt mehr im Aufwerfen von Problemen und in der Organisation ihrer Bearbeitung als in ihrer Lösung. Sein Einfluß auf der sozialorganisatorischen Ebene war enorm, sowohl bei seinen Kollegen (vor allem Hans Zeisel, Robert S. Lynd, Bernard Berelson, Frank N. Stanton, Edward A. Suchman, Allen H. Barton, Samuel A. Stouffer, Robert K. Merton) als auch bei seinen Schülern (vor allem J. S. Coleman, Ch. Y. Glock, E. Katz, W. N. McPhee, P. H. Rossi, H. C. Selvin, L. M. Wiggins). Die für L. typische Verbindung von exaktem Zahlenmaterial, formalen Modellen und dem Hineinleben in die untersuchte Situation sowie seine scharfe Trennung von Untersuchungsergebnissen und (politischer) Bewertung dieser Ergebnisse machen ihn zu einem charakteristischen Vertreter der amerikan. Soziologie dieses Jahrhunderts.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Chicago 1966, Yeshiva 1966, Columbia 1970, Wien 1971, Sorbonne 1972).

  • Werke

    Weitere W u. a. Statist. Praktikum f. Psychologen u. Lehrer, 1931; Jugend u. Beruf, 1931; Radio and the printed page, 1940; Radio Research, 1941 (mit F. N. Stanton); The People's Choice, 1944 (mit B. Berelson u. H. Gaudet); The People Look at Radio, 1946 (mit H. Field); Radio Listening in America, 1948 (mit C. Hart u. P. L. Kendall); Continuities in Social Research, 1950 (mit R. K. Merton); Mathematical Thinking in the Social Sciences, 1954; Voting, 1954 (mit B. Berelson u. W. N. McPhee); The Language of Social Research, 1955 (mit M. Rosenberg); The Academic Mind, 1958 (mit W. Thielens); Readings in Mathematical Social Science, 1966 (mit N. W. Henry); The Uses of Sociology, 1967 (mit W. H. Sewell u. H. L. Wilensky); Latent Structure Analysis, 1968 (mit N. W. Henry); Qualitative Analysis, 1972; Continuities in the Language of Social Research, 1972 (mit A. K. Pasanella u. M. Rosenberg). - Autobiographisches: An episode in the hist. of social research: A memoir, in: Perspectives in American History II, 1968, S. 270-337, dt. Übers.: Eine Episode in d. Gesch. d. empir. Soz.forschung, in: Soziologie-autobiographisch, Drei krit. Berr. z. Entwicklung e. Wiss. (Parsons, Shils, Lazarsfeld), hrsg. v. H. Hartmann, 1975, S. 147-225.

  • Literatur

    R. König u. N. Stehr, Wiss. u. Soz.forschung, In memoriam P. F. L., in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 28, 1976, S. 794-807; R. Boudon, Un marginal devenu un classique: P. L., in: Bull., Societé française de sociol., 1976, Nr. 3, H. 8, S. 5-7; A. H. Barton, in: The Bureau Reporter (Newsletter of the Columbia Bureau of Applied Social Research), 23, 1976, H. 1, S. 1 f.; W. B. Lerg, P. F. L. u. d. Kommunikationsforschung, in: Publizistik 22, 1977, H. 1, S. 72-88; V. Cappecchi, P. F. L., A Link Between American and European Methodology, in: Quality and Quantity, 1978, H. 12, S. 239-54; A. Oberschall, P. F. L. and the Hist. of Empirical Social Research, in: Journal of the Hist. of the Behavioral Sciences, 1978, H. 14, S. 199-206; R. K. Merton, J. S. Coleman u. P. H. Rossi (Hrsg.), Qualitative and Quantitative Social Research, Papers in Honor of P. F. L., 1979 (W-Verz.); D. L. Sills, in: International Encyclopedia of the Social Sciences 18 (Biographical Supplement), 1979; M. Pollak, P. F. L., A Socio-intellectual Biogr., in: Knowledge II, 1980, Nr. 2, S. 157-77; J. S. Coleman, P. F. L., The Substance and Style of His Work, in: R. K. Merton u. M. W. Riley (Hrsg.), Sociological Traditions from Generation to Generation, 1980, S. 153-74; Internat. Soziologenlex., hrsg. v. W. Bernsdorf, 21980; Enc. Jud., 1971; Dict. Biogr. du Mouvement Ouvrier International I, 1971; Enc. of American Biogr., 1974; G. Hartfiel, Wb. d. Soziol., 21976; Biogr. Hdb. d. dt.sprachigen Emigration nach 1933 I, 1980.

  • Autor

    Dirk Käsler
  • Empfohlene Zitierweise

    Käsler, Dirk; Kaesler, Dirk/später, "Lazarsfeld, Paul Felix" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 10 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118726862.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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