Lebensdaten
1859 bis 1930
Geburtsort
Münster (Westfalen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Kritiker
Konfession
evangelischer Bruder
Normdaten
GND: 11872052X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hart, Julius

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Hart, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872052X.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Heinrich (s. 1);
    N. N.;
    1 T.

  • Leben

    In Leben und Wirken waren die Brüder H. eng miteinander verbunden. Bereits in Münster waren sie als Gründungsmitglieder des „Westfälischen Vereins für Literatur“ und als Mitarbeiter einer Zeitschrift literarisch und organisatorisch tätig. Julius besuchte dort noch das Gymnasium, Heinrich hatte sein Studium begonnen (zunächst Theologie, dann Philosophie, neuere Sprachen und besonders Geschichte, außer in Münster auch in Halle und München). Mittelpunkt ihres gemeinsamen Wirkens wurde 1877 Berlin. Julius hatte dort ein bald aufgegebenes Jurastudium begonnen und war nach seiner Tätigkeit als Theaterkritiker in Bremen (1878) und als Redakteur in Bromberg und Glogau 1682 endgültig in Berlin seßhaft geworden, während Heinrich seit Herbst 1877 mit häufigen und zum Teil längeren Unterbrechungen in Berlin lebte. Sie fanden hier ein weites Aufgabenfeld und gewannen führenden Einfluß auf die literarische Entwicklung. – Heinrich erkannte als erster von beiden die neuen Ideen an den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit und vermittelte sie seinem Bruder und mit ihm gemeinsam einer ganzen literarischen Generation. Die Brüder H. gaben damit den Anstoß zu jenem Protest gegen das erstarrte, pseudo-klassizistische Epigonentum des ausgehenden 19. Jahrhunderts, aus dem in der 80er und 90er Jahren die Stilrichtung des Naturalismus erwuchs. Sie wandten sich gegen das in dieser Zeit heftiger sozialer Kämpfe blutleer anmutende klassische Schönheitsideal und gegen die ihnen flach erscheinende französische Dichtung, indem sie auf die Skandinavier (Björnson, Ibsen) und Russen (Turgenjew, Tolstoi, Dostojewski) hinwiesen. Doch wollten sie nicht nur die Kunst, sondern alle Lebensbereiche auf die Grundlage der gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse, der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und der daraus entstandenen populär-materialistischen Philosophie stellen.

    Durch ihre führende Rolle in der literarischen Gesellschaft „Durch“ und später im „Friedrichshagener Kreis“ und durch ihre vielen Freundschaften, die vor allen Dingen Heinrich, kraft seiner gewinnenden Persönlichkeit, gewonnen hatte, erreichten ihre Gedanken eine ebenso breite Wirksamkeit wie durch ihre gemeinsamen Publikationen, von denen die „Deutschen Monatsblätter“ – das|„Zentralorgan für das literarische Leben der Gegenwart“ – (1878/79) und insbesondere die „Kritischen Waffengänge“ (1882-84) dem Naturalismus zum Durchbruch verhalfen. Die junge Dichtung förderten sie auch durch eine Anthologie (Moderne Dichtercharaktere, 1884) sowie durch ihre Beteiligung an der Gründung der Berliner „Freien Bühne“ (1889) und, wenig später, der „Neuen Freien Volksbühne“. Seit 1887 arbeiteten sie als Kritiker an der „Täglichen Rundschau“, seit 1900 (Heinrich seit 1901) am „Tag“; 1900 gründeten sie unter dem Einfluß des Sozialisten Bruno Wille die sozial-religiöse Sekte „Die Neue Gemeinschaft“, deren seit 1902 erscheinende gleichnamige Zeitschrift Heinrich redigierte. Während die Brüder H. in ihrer Bedeutung als Kritiker, Publizisten und persönliche Anreger für die Entwicklung und Durchsetzung des literarischen Naturalismus kaum zu überschätzen sind, finden ihre Dichtungen nur noch geringes Interesse. Bis in die 20er Jahre galt Heinrich als der bedeutendere Dichter und als seinem Bruder ebenbürtiger Kritiker und Kulturpolitiker, heute wird Julius, nach Einsicht in seinen Nachlaß, höher geschätzt.

    Heinrich fand keinen unmittelbaren Zugang zur Dichtung: Er dachte in kulturhistorischen Kategorien, ohne aber je seinen Ideen feste Umrisse zu geben. Sein idealistisches Sendungsbewußtsein brachte J. Bab mit der „religiösen Formkraft“ seiner westfälischen Heimat in Verbindung. In seinem umfangreichen dichterischen Schaffen knüpfte er bei Heine, gelegentlich auch bei Geibel an. Die lyrischen Zyklen und Kosmologien, die er der Zeitmode entsprechend schrieb, sind heute kaum mehr lesbar, mit Ausnahme seines ersten Gedichtbandes „Weltpfingsten, Gedichte eines Idealisten“ (1872), der sich immerhin durch gewandte Verstechnik auszeichnet. Auf 24 Bände geplant war sein Hauptwerk, das Versepos „Das Lied der Menschheit“, in dem er die kulturgeschichtliche Entwicklung der Menschheit dichterisch bewältigen wollte, unter der an Haeckel orientierten Analogie, nach der sich das organische Wachstum der Gattung Mensch in dem geschichtlichen Reifungsprozeß der Menschheit wiederhole (erschienen Teil I-III: „Tul und Nahila“, „Nimrod“, „Mose“, 1888-95; Teil IV: „Der Seefahrer“, 1896, Fragment).

    Julius wird man nur gerecht, wenn man ihn nicht bloß als radikalen Neuerer sieht, der seine Anschauungen von D. F. Strauß, Feuerbach, L. Büchner, Moleschott, Schopenhauer, E. von Hartmann, Darwin und Haeckel bezog, sondern als Idealisten, der für die Kunst lebte und, zumal in späteren Jahren, keinem literarischen Dogma verpflichtet war. Wenn er auch mit seinen oft verschwommenen und vieldeutigen, aber stets lebendigen und weiterwirkenden Gedanken mehr Kritiker, Kulturphilosoph und Wegbereiter der Moderne war als innerlich berufener Dichter, so verdienen seine Dichtungen doch Beachtung. In seiner Lyrik gab er seinem Naturpantheismus Ausdruck, seine späteren Novellen „Stimmen in der Nacht“ (1898) und die Prosastücke „Träume der Mitsommernacht“ (1905) nahmen Expressionistisches vorweg. Sein philosophisches Hauptwerk aus den letzten Lebensjahren, „Die Vernunft als Quelle des Übels“, blieb ungedruckt. Mehr Prediger als Dichter, kämpfte er für ein ideales, sittlich-religiös, aber nicht christlich gebundenes Menschentum.

  • Werke

    Weitere W Das Reich d. Erfüllung, Schrr., 2 Bde., 1900 f. - Hrsg.: Dt. Lit.-Kal., 1879-82 (später v. J. Kürschner hrsg.). - Zu Heinrich:
    Sedan, Tragödie, 1882;
    Ges. Werke, 4 Bde., hrsg. v. Julius H., 1907;
    - Zu Julius:
    Sansara, Gedichte, 1879;
    Don Juan Tenorio, Tragödie, 1881;
    Homo sum, Gedichte, 1890;
    Triumph d. Lebens, Gedichte, 1893;
    Gesch. d. Weltlit. u. d. Theaters aller Zeiten u. Völker, 2 Bde., 1894-96;
    Rev. d. Ästhetik, Schrr., 1908.|

  • Nachlaß

    Teilnachlaß in d. Stadt- u. Landesbibl. Dortmund.

  • Literatur

    L. H. Wolf, Die ästhet. Grundlage d. Lit.rev. d. 80er J. (Die Krit. Waffengänge d. Brüder H.), Diss. Bern 1921;
    C. Tillmann, Die Zss. d. Gebr. H., Diss. München 1923;
    Soergel I (P);
    Soergel-Hohoff I (P);
    Kosch, Lit.-Lex. - Zu Heinrich:
    J. Arndt, Das kulturgeschichtl. Epos b. Adolf v. Schack, H. H., Josef Pape, Diss. Königsberg 1928. - Zu Julius:
    K. Maertin, in: Ostdt. Mhh. 11, 1930/31, S. 509-16 (P);
    I. Jürgen, der Theaterkritiker J. H., Diss. FU Berlin 1965 (ungedr.).

  • Autor/in

    Dietmar N. Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Dietmar N., "Hart, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 706-707 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872052X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA