Lebensdaten
1880 bis 1936
Geburtsort
Blankenburg (Harz)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Geschichtsphilosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118616110 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spengler, Oswald Arnold Gottfried
  • Aosiwa'erde Sibin'gele
  • Išpinglir, Uswāld
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Zitierweise

Spengler, Oswald, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118616110.html [06.12.2016].

CC0

Spengler, Oswald Arnold Gottfried

Geschichtsphilosoph, * 29. 5. 1880 Blankenburg (Harz), 8. 5. 1936 München, München, Nordfriedhof.

  • Genealogie

    V Bernhard (1844–1901), Postsekr. in B., später in Soest, S d. Theodor (1806–76) u. d. Carolin Häberlin (1811–65); M Pauline (1840–1910), T d. Gustav Adolf Grantzow (1811–83), Ballettmeister am Hoftheater in Braunschweig, u. d. Katharina Kirchner (1813–73); Tante-m Adele Grantzow (1845–77), Tänzerin, Ausbildung in Paris, Engagements in Hannover, Moskau, St. Petersburg, Berlin u. Kairo|(s. Braunschweig. Biogr. Lex. I), Anna Grantzow ( Albert Steude, 1815–1912/13, aus Dresden, Oberregisseur am Hoftheater in Kassel, s. BJ 18, Tl.; Kosch, Theater-Lex.), Schausp.; 1 B (früh †), 3 Schw Adele (1881–1917), Gertrud (1882–1957), Hildegard Kornhardt (1883–1942); – ledig; N Hildegard Kornhardt (1910–59), Dr. phil., Klass. Philol., 1936–38 u. seit 1949 Mitarb. am Thesaurus linguae Latinae d. Bayer. Ak. d. Wiss. in M., Lehrbeauftragte f. Griech. an d. Univ. München, Bearb. v. S.s. Nachlaß (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1950–61; W); Vt 2. Grades Oskar (s. 1).

  • Leben

    Nach dem Abitur am Gymnasium Latina der Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale studierte S. seit 1899 Mathematik und Naturwissenschaften in Halle, München und Berlin, u. a. bei Lujo Brentano (1844–1931) und Hans Vaihinger (1852–1933). 1904 wurde er bei Alois Riehl (1844–1924) in Halle mit der Dissertation „Der metaphysische Grundgedanke der Heraklitischen Philosophie“ zum Dr. phil. promoviert und absolvierte das Staatsexamen für das höhere Lehramt. Anschließend war er bis 1910 im Schuldienst tätig, zuletzt als Gymnasiallehrer für Mathematik in Hamburg. Das mütterliche Erbe ermöglichte ihm ein bescheidenes Auskommen als freier Schriftsteller und Privatgelehrter in München, wo er vom März 1911 bis zu seinem Tod wohnte.

    Unter dem Eindruck der Agadirkrise im Juli 1911, die S. als geistigen Wendepunkt seines Lebens bezeichnete, reifte der Plan für sein Hauptwerk. Während des 1. Weltkriegs, den S. euphorisch begrüßte, an dem er aber wegen eines Herzfehlers nicht teilnahm, arbeitete er am ersten Band von „Der Untergang des Abendlandes“, der im Sept. 1918 erschien. Mit diesem Werk avancierte er schlagartig zu einem der bekanntesten Intellektuellen der Weimarer Republik. Sein Buch wurde ein Bestseller der Zwischenkriegszeit und eines der meistverkauften philosophischen Werke überhaupt (bis heute ca. 250 000 Exemplare). Daran mag auch die markante Titelthese Anteil gehabt haben, die von vielen Zeitgenossen als Kommentar zur dt. Niederlage mißverstanden wurde.

    S. hatte indessen weit größere Dimensionen vor Augen: Er verstand den Untergang als Abschluß einer Jahrhunderte umspannenden Kurve, in deren Verlauf die großen Kulturen entstanden und vergingen. Diesem zyklischen Gesetz der Weltgeschichte zufolge war auch der Untergang des Abendlandes ein naturhafter, unabwendbarer und in wesentlichen Zügen prognostizierbarer Vorgang. Aus dem Vergleich mit der Geschichte anderer Hochkulturen, v. a. der Antike, zog S. den Schluß, daß die Verfallsperiode der abendländischen „Kultur“ bereits im 19. Jh. begonnen habe und nun in das Endstadium der „Zivilisation“ überging.

    Schon die Zeitgenossen kritisierten die Schwachstellen dieser Philosophie, darunter v. a. die logisch nicht zu beantwortende Frage, wie S. zu gültigen Aussagen über die verschiedenen Kulturen gelangen konnte, wenn er davon ausging, daß ein tieferes Verständnis zwischen diesen unmöglich sein sollte. Auch die schwer auflösbare Verschränkung von Tatsachen- und Werturteilen, die mit der Gegenüberstellung von „Kultur“ und „Zivilisation“ einherging, wirft tiefgreifende Probleme auf. S. befand zwar später, statt von „Untergang“ hätte er ebenso gut von „Vollendung“ sprechen können, tatsächlich fungierte die „Zivilisation“ in seinem Werk aber immer wieder als Sammelbegriff für alle negativ bewerteten Auswirkungen der Moderne.

    Mit seinem 1919 publizierten Pamphlet „Preußentum und Sozialismus“ gab sich S. als radikalkonservativer Gegner der Weimarer Republik zu erkennen. Das wiederum enorm erfolgreiche Buch interpretierte Preußen sozialistisch um und bot dem antirepublikanischen Denken der sich formierenden „nationalen Bewegung“ griffige Argumente. Der zweite Band von „Der Untergang des Abendlandes“ (1922) verlieh dann mit seiner demokratie- und kapitalismusfeindlichen Gegenwartsanalyse, mit seinem Ruf nach starken „Cäsaren“ und mit der Prognose bevorstehender Weltherrschaftskämpfe der Absage an das parlamentarische System der Weimarer Republik eine geschichtsphilosophische Dignität. Bis in seine letzten Schriften postulierte S. die darwinistische Entsicherung der Civitas als zeitgemäßen „Realismus“.

    Nachdem S. 1923 eine Zeit lang im Lager der Gegenrevolution aktiv gewesen war, schaltete er sich erst gegen Ende der 1920er Jahre wieder stärker in das politische Geschehen ein. Seine Hoffnung, persönlicher Ratgeber Hitlers zu werden, erwies sich rasch als unrealistisch. S. wählte zwar NSDAP, wurde aber kein aktiver Nationalsozialist und hielt bewußt Distanz zu den neuen Machthabern. Mit „Jahre der Entscheidung“ (1933) positionierte er sich publikumswirksam als Kritiker des NS-Regimes, der zwar viele Ziele der Partei befürwortete, gegenüber ihrem Personal aber skeptisch blieb. Nach dem „Röhm-Putsch“ 1934 zog sich S., inzwischen von der „gleichgeschalteten“ Presse totgeschwiegen, in die „innere Emigration“ zurück. Seine nachgelassenen Fragmente zeugen von|Haß auf den Nationalsozialismus. – Die ideologische Aufladung hat S.s Geschichtsphilosophie lange kompromittiert. Erst in jüngster Zeit wurde der Versuch unternommen, die Relevanz seiner Kulturkritik jenseits ihrer geschichtsphilosophischen Ansprüche und politischen Implikationen zu befragen.

  • Werke

    Weitere W Neubau d. Dt. Reiches, 1924; Der Mensch u. d. Technik, Btr. zu e. Philos. d. Lebens, 1931; Pol. Schrr., 1932; Reden u. Aufss., hg. v. Hildegard Kornhardt, 1937; Briefe 1913–1936, hg. v. A. M. Koktanek, 1963; Urfragen, Fragmente aus d. Nachlaß, hg. v. dems., 1965; Frühzeit d. Weltgesch., Fragmente aus d. Nachlaß, hg. v. dems., 1966; Ich beneide jeden, d. lebt, Die Aufzeichnungen „Eis heauton“ aus d. Nachlaß, mit e. Nachwort v. G. Merlio, 2007; – Nachlaß: Bayer. Staatsbibl., München.

  • Literatur

    Th. Mann, Über d. Lehre S.s, in: ders., Altes u. Neues, 1953, S. 142–50; Th. W. Adorno, S. nach d. Untergang, in: ders.: Prismen, 1955, S. 45–71; A. M. Koktanek (Hg.), S.-Studien, 1965; ders., O. S. in seiner Zeit, 1968 (P); G. Merlio, O. S., Témoin de son temps, 1982; D. Felken, O. S., Kons. Denker zw. Ks.reich u. Diktatur, 1988 (P); A. Demandt u. J. Farrenkopf (Hg.), Der Fall S., Eine krit. Bilanz, 1994 (P); M. Ferrari Zumbini, Untergänge u. Morgenröten, Nietzsche, S., Antisemitismus, 1999; J. Farrenkopf, Prophet of Decline, S. on World History and Politics, 2001; F. Boterman, O. S. u. sein ,Untergang d. Abendlandes`, 2000; H. Jaumann, O. S., Der Untergang d. Abendlandes (1918/1922), in: W. Erhart u. H. Jaumann (Hg.), Jh.bücher, Gr. Theorien v. Freud bis Luhmann, 2000, S. 52–72; D. Conte, O. S., Eine Einf., 2004; F. Lisson, O. S., Philosoph d. Schicksals, 2005 (P); U. Jaensch, Goethe u. Nietzsche b. S., Eine Unters. d. strukturellen u. konzeptionellen Grundlagen d. S.schen Systems, 2006; M. Henkel, O. S., der NS u. d. Nachkriegszeit (1918–1979), in: Hist. Mitt. d. Ranke-Ges. 20, 2007, S. 174–92; Rhdb. (P); Gedenktage d. mitteldt. Raumes 1980 (P); Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L); Killy; Metzler Philosophenlex.; Enz. Philos. Wiss.theorie (W, L); Lex. Konservatismus (W, L); BBKL X (W, L); Munzinger.

  • Portraits

    Büsten v. F. Cleve, 1911/12 u. v. F. Behn, 1928, beide Abb. in: A. M. Koktanek, 1968 (s. L); Foto v. Th. Hilsdorf, Abb. in: Münchner Kreise, Der Fotograf Theodor Hilsdorf 1868–1944, Ausst.kat. 2007, S. 223.

  • Autor

    Detlef Felken
  • Empfohlene Zitierweise

    Felken, Detlef, "Spengler, Oswald" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 664-666 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118616110.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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