Lebensdaten
1864 bis 1949
Geburtsort
Riesa/Elbe
Sterbeort
Schloß Elmau (Oberbayern)
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Schriftsteller ; Religionsphilosophen
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118585061 | OGND | VIAF

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Zitierweise

Müller, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118585061.html [24.08.2017].

CC0

Müller, Johannes

lutherischer Theologe, Schriftsteller, * 19.4.1864 Riesa/Elbe, 4.1.1949 Schloß Elmau (Oberbayern).

  • Genealogie

    V Johann Gottfried Lobegott (1833–1905) aus Striesen b. Dresden, Kantor, Organist u. Oberlehrer in R.; M Christiane Friedericke (1833–93), T d. Bauern N. N. Dölitzsch in Mautitz b. R.; 1) 1891 ( 1896) Sophia v. Römer (* 1871), 2) Schliersee (Oberbayern) 1900 Marianne Fiedler (1864–1904) aus Dresden, Malerin (s. ThB), 3) Schliersee 1905 Irene (1880–1957) aus Würzburg, Bildhauerin (s.| L), T d. Johann Ernst Sattler (1840–1923), Kunstmaler, u. d. Elsbeth Hurzig (1851–1943); 1 S, 2 T aus 2), u. a. Hans Michael (1901–89), Prof. f. systemat. Theol. in Jena u. Königsberg, seit 1933 „Adjutant“ d. Reichsbischofs Ludwig Müller (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1941–54; L), 4 S, 4 T aus 3), u. a. Eberhard (* 1905), Schausp., Bernhard (* 1916), Nachfolger M.s in Elmau (s. W); E Uwe Richardsen, Geschäftsführer d. Schloß Elmau Betriebs-GmbH.

  • Leben

    M. wuchs in einem von der Erweckungsbewegung geprägten Elternhaus auf. Nach dem Abitur in Dresden 1884 studierte er in Leipzig – u. a. bei Franz Delitzsch – und Erlangen ev. Theologie und Philosophie. Im Anschluß an das 1. theologische Examen 1888 widmete er sich judaistischen Studien und war seit 1889 in Leipzig als Missionssekretär beim „Zentralverein für Mission unter Israel“ tätig, obwohl er die „Proselytenmacherei“ ablehnte, weil „eine fruchtbare Gemeinschaft zwischen dem jüdischen Volk und den anderen Völkern“ nur mit einem nicht-assimilierten „nationalen und religiös treu gebliebenen Judentum“ möglich sei (Vom Geheimnis des Lebens, I, 1937). 1890 wurde er mit einer Arbeit über den Sündenbegriff bei Descartes und Spinoza zum Dr. phil. promoviert. Die Ablehnung seiner theologischen Dissertation 1891 und sein Ausscheiden aus der Mission 1892 markieren den Beginn der Abkehr M.s von Theologie und Kirche. Seit 1893 wandte er sich auf Vortragsrundreisen sowie in zahlreichen Schriften, die z. T. in hohen Auflagen erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt wurden, an die "entkirchlichten Gebildeten“. Große Wirkung erzielte er vor allem auch in Unternehmer- und Adelskreisen (Erbslöh, Haniel, Bahlsen, Prinz Max von Baden). Diese ermöglichten es ihm, seit 1903 im Schloß Mainberg (gemeinsam mit Heinrich Lhotzky) und dann seit 1916 im eigens errichteten Schloß Elmau bei Mittenwald eine „Freistätte persönlichen Lebens“ zu leiten, in der M. durch Vorträge bzw. „Fragebeantwortungen“ und Lebensratschläge sowie mit Hilfe von Musik und Tanz Menschen zu einem „naturhaften, unmittelbarursprünglichen Leben“ verhelfen wollte.

    M. setzte sich mit unterschiedlichen Geistesströmungen und Denkern auseinander: Jugendbewegung, liberale Theologie, Tolstoi, Nietzsche, Anthroposophie, Mystik, völkisch-nationalistische Bewegung. Persönlichen Kontakt hatte er u. a. zu Martin Rade, in dessen Zeitschrift „Die Christliche Welt“ er veröffentlichte, zu Friedrich Naumann und vor allem zu Adolf v. Harnack, der veranlaßte, daß M. 1917 in Berlin die theologische Ehrendoktorwürde verliehen wurde, und der seit 1919 ständiger Gast im Schloß Elmau war (Briefwechsel in: Adolf v. Harnack zum Gedächtnis, 1930). 1897 suchte M. Christoph Blumhardt in Bad Boll auf.

    M.s „Lehre“ entzieht sich einer exakten geistesgeschichtlichen Einordnung. Schroff wandte er sich gegen Pietismus und kirchliche Orthodoxie sowie gegen die Dialektische Theologie, der er allerdings in der Ablehnung des Religionsbegriffs und z. T. in der Kulturkritik zustimmte. Ganz im Gegensatz zur biblischen Wort-Gottes-Theologie Karl Barths war M. davon überzeugt, daß „das lebendige Wort Gottes“ in allem gegenwärtig sei, was der Mensch erlebt, im weltgeschichtlichen Geschehen, in der Natur, in jedem „Lebensanspruch“, etwa auch in den Schrecken des 1. Weltkriegs. Das „naive, instinktive“ Erleben, nicht das bewußte Erkennen eröffne den Zugang zum Reich Gottes. M. meinte, sich auf das Vorbild und eigentliche Wollen Jesu berufen zu können, wie es vor allem in der Bergpredigt zum Ausdruck komme, sofern man sie nur aus dem nach seiner Ansicht fremdartigen jüdischen Kontext herauslöse. Zu welch fragwürdigen Konsequenzen seine Haltung führen konnte, zeigte sich spätestens, als M. Hitler als „das Empfangsorgan für die Regierung Gottes und Sender der ewigen Strahlen“ pries und die gewaltsamen kirchenpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten und der Deutschen Christen, einschließlich der Einführung des „Arierparagraphen“ in der Kirche, ausdrücklich rechtfertigte (Das Deutsche Wunder und die Kirche, 1934). Obgleich nicht selbst direkt kirchenpolitisch aktiv, galt M. dennoch als „eine Art Kirchenlehrer deutschchristlicher Kreise“ (Georg Merz). Vor allem seine Idee eines dogmenlosen, überkonfessionellen, in „deutsches Empfinden“ übertragenen, intuitiv gelebten und nicht theologisch reflektierten „Christentums“, sein natürliches Offenbarungsverständnis und seine nationalistische „Ethik“ – “Du sollst dein Volk mehr lieben als dich selbst“ (Vom Geheimnis des Lebens, II, 1938) – entsprechen ganz Positionen, die deutsch-christliches Denken wesentlich bestimmten.

    1946 wurde M. in einem Entnazifizierungsverfahren wegen propagandistischer Unterstützung des Nationalsozialismus als „Hauptschuldiger“ eingestuft. M. gestand ein, daß er sich in der Einschätzung Hitlers geirrt habe, und distanzierte sich vom Nationalsozialismus, hielt im übrigen aber an seiner „Lehre“ fest. Seit seinem Tode versuchen Angehörige M.s, sein Lebenswerk weiterzuführen. Schloß Elmau, nach wie vor Anziehungspunkt für Prominente aus Politik und Gesellschaft, ist mittlerweile jedoch vor allem ein Erholungs- und Tagungshaus mit umfangreichem Kulturprogramm. Neuerdings beruft sich Franz Alt (Jesus – der erste neue Mann, 1989) auf M.s Jesus- und Gottesverständnis.

  • Werke

    Das persönl. Christentum d. paulin. Gemeinden, 1898; Beruf u. Stellung d. Frau, 1902; Die Bergpredigt verdeutscht u. vergegenwärtigt, 1906; Hemmungen d. Lebens, 1907, neu zusammengestellt hrsg. v. Bernhard Müller 1956 (W-Verz.); Vom Leben u. Sterben, 1907; Reden Jesu, 3 Bde., 1908-18; Reden üb. d. Krieg, 1915; Jesus, wie ich ihn sehe, 1930, u. d. T. Jesus, d. Überwinder d. Religionen, 1954; Der Weg, 1933; Jesus u. d. dt. Volk, 1936; Vom Geheimnis d. Lebens, 3 Bde., 1937-53 (P). – Hrsg.: Bll. z. Pflege d. persönl. Lebens, 1897–14, fortgesetzt u. d. T. Grüne Bll., 1914-41.

  • Literatur

    Hans Michael Müller, Elmauer Chronik, 1950; C. Zuyderhoff, Die Heilung durch d. Seele, Was hat J. M. d. Psychol. u. d. Psychotherapie zu sagen? 1953; M. Gerner-Beuerle (Hrsg.), Schöpfer. Leben, Die Bedeutung J. M.s f. unsere Zeit, 1964 (W-Verz, P); Wi. 1935; RGG2; RGG; Kosch, Lit.-Lex.3; BBKL. – Zu Irene: G. Griebsch, in: B. Vogel-Fuchs (Hrsg.), Lb. Schweinfurter Frauen, 1991, S. 99-104.

  • Autor

    Thomas Martin Schneider
  • Empfohlene Zitierweise

    Schneider, Thomas Martin, "Müller, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 426-428 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118585061.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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