Lebensdaten
1801 bis 1836
Geburtsort
Detmold
Sterbeort
Detmold
Beruf/Funktion
Dramatiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118541102 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • grabbe, ...

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Grabbe, Christian Dietrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118541102.html [20.11.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf Henrich (1765–1832), Zuchtmeister, ab 1804 auch Leihbank-Verwalter in D., S d. Knechtes Joh. Frdr. in Ahmsen u. d. Anna Marie Elis. Meyer;
    M Dorothea (1765–1850), T d. Tischlers u. Kleinkötters Joh. Christoph Grüttemeier in Hiddesen u. d. Cunigunda Friderica Huncke;
    Detmold 1833 Louise (1791–1848), T d. Chrstn. Gottlieb Clostermeier (1752–1829), aus Regensburg, Archivrat u. Historiker (s. ADB IV), u. d. Luise Knoch; kinderlos.

  • Leben

    G.s Herkunft – er war Sohn des Aufsehers des Detmolder Zuchthauses – blieb nicht ohne Einfluß auf sein Werk. So bietet die frühe, die ungewöhnliche dramatische Begabung G.s erweisende Tragödie „Herzog Theodor von Gothland“, die er als Schüler des Gymnasiums zu Detmold 1819 begann und während seines juristischen Studiums in Leipzig und Berlin 1820-22 fortsetzte und vollendete, eine Fülle hemmungsloser Brutalitäten und zeigt die in G. angelegte zügellose Phantasie und eine fast pathologische Neigung zur Destruktion. Mit den Mitteln des romantischen Schicksalsdramas im Stile Müllners und eines Schiller entlehnten Pathos gelang es hier dem jungen G., seiner der Romantik entgegengesetzten nihilistischen Weltschau dichterischen Ausdruck zu verleihen und zu einem die Ausweglosigkeit des Daseins schonungslos enthüllenden, vornehmlich emotional bestimmten Elementarstil zu finden. Der hemmungslose Gefühlsausbruch des „Gothland“ mit seiner oft die Grenzen des Komischen streifenden Übersteigerung des Tragischen erfuhr seine Mäßigung vom Rationalen her durch die kritische Auseinandersetzung G.s mit der zeitgenössischen Literatur – er wurde 1822 Mitglied eines Berliner literarischen Zirkels und lernte Heine, Köchy, Friedrich von Uechtritz und F. W. Gubitz, 1823 in Dresden auch Tieck kennen –, die ihren Niederschlag fand in dem komische und tragische Elemente zu skurriler Unheimlichkeit verbindenden, von derber Realistik erfüllten Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ (1822), das in letztgültiger Gestalt jedoch erst 1827 erschien und von den Werken G.s die größte Bühnen Wirksamkeit besitzt und bis heute bewahrt hat. Das zwischen rüder Sinnlichkeit und hoher Geistigkeit schwankende, zutiefst in sich widersprüchliche Wesen des jungen G. fand seine adäquate Ausdrucksmöglichkeit in der die „Extreme der Menschheit“ (Brief an Kettembeil vom 16.1.1829) zur Darstellung bringenden, in ihren Anfängen auf das Jahr 182; zurückgehenden, aber erst 1828 vollendeten Tragödie „Don Juan und Faust“, dem einzigen zu seinen Lebzeiten (1829 in Detmold unter schauspielerischer Mitwirkung und mit der Bühnenmusik Lortzings) aufgeführten Werk G.s.

    Das wiederum mit den phantastisch-ironischen Stilmitteln der Romantik zur Anschauung gebrachte Menschenbild, in dem schon die himmlischen Mächten absagende, ganz im Irdischen sich vollendende autonome Persönlichkeit einer neuen Zeit sich ankündigt, erhält allerdings erst dort scharfe Profilierung, wo G. den Raum der Geschichte betritt. Die Anfänge seines Geschichtsdramas reichen noch zurück in seine Berliner Zeit, ein erstes Fragment der Tragödie „Marius und Sulla“ datiert aus dem Jahre 1823, aber|erst nach seiner im gleichen Jahre erfolgten Rückkehr nach Detmold, wo er 1824 sein juristisches Examen ablegte und sich zunächst als Advokat, ab 1828 dann als Auditeur betätigte, wandte er sich ernsthafter wissenschaftlicher Tätigkeit zu und schuf durch umfangreiche historische Studien, die zu einer dreijährigen Unterbrechung seiner dichterischen Arbeiten führten, die stofflichen Voraussetzungen für seine zweite, ausschließlich geschichtliche Themen zur Darstellung bringende Schaffensperiode, die 1827 mit einer in Prosa ergänzten Fassung von „Marius und Sulla“ eingeleitet wird. Noch in der Tragödie „Kaiser Friedrich Barbarossa“ (1829), die gemeinsam mit „Kaiser Heinrich der Sechste“ (1829) den vollendeten Teil eines auf 6-8 Dramen geplanten Hohenstaufenzyklus bildet, gewinnt G. die tragische Wirkung aus der traditionellen Polarität der Helden, die sich in den Zwiespalt von gegenseitiger menschlicher Zuneigung und geforderter Unterordnung unter die geschichtliche Notwendigkeit ausweglos verstrickt finden. Erst in der Tragödie „Kaiser Heinrich der Sechste“ gelingt G. in der Gestalt des jugendlichen Kaisers, der auf dem Gipfel des Ätna einem jähen, tragischen Tod erliegt – von G. als eine der Geschichte immanente, rein destruktive, anonyme Macht verstanden – ein seiner pessimistischen Geschichtsauffassung adäquates dichterisches Symbol. Die hier spürbare Ironisierung des geschichtlichen Sinnes, die unerbittliche Entlarvung des Daseins und allen heroischen Handelns als trügerischer Schein wird, meisterhaft durchformt, zur Anwendung gebracht in den beiden, den Höhepunkt seines Schaffens darstellenden Tragödien „Napoleon oder die hundert Tage“ (1831) und „Hannibal“ (1835). In ihnen zeigt G. wiederum die an Zeit und Umwelt scheiternde, unter das furchtbare Gesetz des Todes gegebene große geschichtliche Persönlichkeit, wobei nun allerdings zu der himmelstürmenden, der Epoche ihren Stempel aufdrückenden Aktivität seiner frühen Helden die in ihrer Sinnlosigkeit als zutiefst tragisch erkannte geschichtliche Passion des der Masse und ihren Gewalten erliegenden großen Einzelnen tritt. „Napoleon“ und „Hannibal“ spiegeln noch einmal das revolutionäre Aufbegehren des Individualisten G. gegen die Enge des Kleinbürgertums seiner Zeit und jede Form der Gebundenheit. Der Dichter suchte fortan verzweifelt Trost im Trunk, quittierte 1834 seinen Dienst als Auditeur, floh im gleichen Jahr aus einer äußerst unglücklichen Ehe mit der um 10 Jahre älteren Louise Clostermeier zu seinem Verleger Kettembeil nach Frankfurt am Main, entzweite sich mit diesem nach wenigen Wochen unüberbrückbar und fand schließlich ein armseliges Asyl bei Immermann in Düsseldorf, wo er auf dessen Rat den ursprünglich in Jamben gefaßten „Hannibal“ in Prosa umschrieb (1835). In dem ebenfalls in Düsseldorf begonnenen, nach dem Bruch mit Immermann nach 5facher Umarbeitung schließlich 1836 in Detmold vollendeten letzten Werk G.s, der seiner lippischen Heimat verpflichteten „Hermannsschlacht“, kündigt sich bereits der Untergang des Dichters an. Während die früher unverkennbar geniale Züge tragende dramatische Aussagekraft G.s bereits gebrochen erscheint, teilweise absinkt ins Flache und Banale, steigert sich sein Stil wie schon im „Napoleon“ weiter ins Überdimensionale und überfordert maßlos alle der Bühne eigenen Möglichkeiten. Auch hier zeigt sich wiederum G.s Schicksal, die überkommenen dramatischen Formen revolutionär zu sprengen und damit dem Geist eines sich ankündigenden neuen Zeitalters der Masse Bahn brechen zu müssen, ohne jedoch zu einer letztgültigen, die Zeiten überdauernden dichterischen Aussage und Gestalt zu gelangen, so daß, trotz imponierender Aufführungen im 20. Jahrhundert, sein dramatisches Werk nicht zum festen Besitz der deutschen Bühne wurde.

    G.s aktuelle literarische Bedeutung beruht vor allem auf der Entdeckung neuer, noch im modernen Drama wirksamer Ausdrucksmöglichkeiten. So führt das Aufgeben der dramaturgischen Gesetze der Klassik zu einer filmische Wirkungen vorwegnehmenden Auflösung des Handlungsablaufes in eine lockere Folge von Bildern, deren Dynamik in dem gedrängten dramatischen Rhythmus der Sprache ihren Niederschlag gefunden hat. Daneben entdeckt an der Schwelle des Industriezeitalters der mit einer stark kritischen Einsicht in die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit begabte Dichter erstmals die Masse als eine das geschichtliche Geschehen bestimmende Macht und gewinnt durch sie ein neues, wesentliches Handlungselement, durch das sein Werk einen spürbaren, die dramatische Thematik des späteren 19. und 20. Jahrhunderts vorwegnehmenden politisch-sozialen Akzent erhält. – Unversöhnt wie G.s Leben und Wirken blieb auch sein Ende. Der völlig ausgebrannte Dichter starb unter entwürdigenden Verhältnissen in seiner Vaterstadt, noch im Tode den Bezug auf eine heilende und erlösende Macht zurückweisend, durch die er möglicherweise jenen in ihm angelegten erschreckend inhumanen Zug hätte überwinden können, aus dem letztlich die Tragik des Menschen|wie des Dichters erwuchs.|

  • Auszeichnungen

    Grabbe-Ges. in Detmold.

  • Werke

    Ch. D. G.s sämtl. Werke u. hs. Nachlaß, hrsg. v. O. Blumenthal, 4 Bde., 1875;
    Ch. D. G.s sämtl. Werke, hrsg. v. E. Grisebach, 4 Bde., 1902 (P);
    Ch. D. G.s sämtl. Werke, hrsg. v. O. Nieten, 6 Bde., o. J. (1908) (P);
    G.s Werke, hrsg. v. Sp. Wukadinowić, 3 Bde., (Bong), (1912);
    Ch. D. G., Werke u. Briefe, hist.-krit. Gesamtausg., hrsg. v. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, bearb. v. A. Bergmann, 6 Bde., bisher erschienen: I-III, 1960-63.

  • Literatur

    ADB IX;
    F. J. Schneider, Das tragische Faustproblem in G.s „Don Juan u. Faust“, in: DVjS 8, 1930, S. 539-57;
    ders., Ch. D. G. u. d. jungdt. Liberalismus, in: Euphorion 32, 1931, S. 165-79;
    ders., Ch. D. G., Persönlichkeit u. Werk, 1934 (ältere L);
    ders., Kleine G.-Stud., in: Zs. f. dt. Philol. 64, 1939;
    ders., G. als Gesch.dramatiker, in: Zs. f. dt. Geisteswiss. 1, 1939;
    A. Bergmann, Die Glaubwürdigkeit d. Zeugnisse f. d. Lebensgang u. Charakter Ch. D. G.s, 1933;
    ders., G.-Forschung u. G.-Probleme 1918–34, in: German.-Roman. Mschr. 22, 1934;
    ders., Die Vorfahren Ch. D. G.s, 1937;
    ders., Meine G.-Slg., 1942;
    ders., in: Westfäl. Lb. IX, 1962, S. 125-44 (L, P);
    Günther Müller, Eigenzüge westfäl. Dichtens im 19. Jh., in: Westfalen 26, 1941;
    M. Kessel, Ch. D. G.s romantischer Teufel, Dargest. an s. Briefen, in: Essays u. Miniaturen, 1947;
    B. v. Wiese, Die Dt. Tragödie v. Lessing bis Hebbel, 1948, 41958 (L);
    I. Ortmann, Unterss. z. Sprache G.s, Diss. Köln 1948;
    H. Leippe, Das Problem d. Wirklichkeit b. Ch. D. G., in: Vom Geist d. Dichtung, Gedächtnisschr. f. R. Petsch, hrsg. v. F. Martini, 1949;
    G. Jahn, Übermensch, Mensch u. Zeit in d. Dramen Ch. D. G.s, Diss. Göttingen 1950 (ungedr.);
    G. Schubert, G. als Held in Drama u. Roman, Diss. Wien 1950;
    H. W. Nieschmidt, Ch. D. G., Zwei Stud., 1951;
    F. Sengle, Das dt. Gesch.drama, 1952;
    A. Closs, Nihilism and Modern German Drama: G. and Büchner, in: Medusa's Mirror, London 1957, S. 147-63;
    F. Martini, G., Napoleon od. d. hundert Tage, in: Das dt. Drama v. Barock b. z. Gegenwart, hrsg. v. B. v. Wiese, 2. Bd., 1958;
    W. Höllerer, Zwischen Klassik u. Moderne, 1958;
    G. Kaiser, G.s Scherz, Satire, Ironie u. tiefere Bedeutung als Komödie d. Verzweiflung, in: Deutschunterricht 11, 1959, H. 5, S. 5-14;
    F. Sieburg, Napoleon od. Die hundert Tage v. Ch. D. G., in: Dichtung u. Wirklichkeit, hrsg. v. H. Schwab-Felisch u. W. J. Siedler, o. J. (1963). – Jbb. d. G.-Ges., 1939 ff. |

  • Quellen

    Qu.: Umfangreiche Hss.- u. Briefslg. (Grabbe-Archiv) in Detmold, Lipp. Landesbibl.

  • Portraits

    Bleistiftzeichnung v. Th. Hildebrandt, Mai 1835 (Detmold, Lipp. Landesbibl.);
    Kreide-Kohlezeichnung v. W. Pero, 1836 (Köln, Wallraf-Richartz-Mus.), Abb. in: Jahresgabe d. G.-Ges. 1955/56 u. 1956/57, auch in: Westfäl. Lb. (s. L) u. b. Wilpert, Literatur in Bildern;
    idealisierende Büste v. E. v. Bändel, n. 1845 (Detmold, Lipp. Landesbibl.).

  • Autor

    Rüdiger Frommholz
  • Empfohlene Zitierweise

    Frommholz, Rüdiger, "Grabbe, Christian Dietrich" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 694-696 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118541102.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Grabbe: Christian Dietrich G., geboren am 11. December 1801 zu Detmold, gestorben am 12. September 1836 daselbst. Der Vater, Aufseher des Detmolder Zuchthauses und Leihbankverwalter, und die Mutter (eine geb. Grüttemeier), beide von ehrenwerthem Charakter und festem Willen, hingen mit großer Zärtlichkeit an G., ihrem einzigen Kinde, und ließen ihm eine Erziehung zu Theil werden, für welche ihre geringen Mittel kaum hinreichten. G. besuchte einige Klassen des Gymnasiums seiner Vaterstadt und zeigte namentlich großen Eifer für Geographie und Geschichte. Auch seine deutschen Aufsätze zeugten von origineller Auffassung und großer Phantasie, die in Folge ungezügelter Lesewuth immer neue Nahrung empfing. Schon frühe trat eine unverkennbare Neigung für das Poetische hervor, wie er denn die Tragödien Shakespeare's, um deren Anschaffung er die Eltern in einem Jugendbrief bat, "in seiner Art das erste Buch der Welt" nennt und von sich selbst erklärt, baß er sich fähig fühle "das zu schreiben, was in Shakespeare's Fach schlägt: Dramen". Das starke Selbstgefühl, das in diesen Worten des Jünglings durchbricht, gab sich auch sonst auf mannichfache Weise kund. Daneben machten sich Züge bizarrer Laune, ein heftiges Schwanken zwischen Milde und Anmaßung, zwischen Gesprächigkeit und Verschlossenheit sehr bemerklich. Die Gelegenheit, die sich ihm darbot, mit Altersgenossen bei gemeinsamen Ausflügen aufs Land starken geistigen Getränken zuzusprechen, mag die Ausbildung des furchtbaren Lasters befördert haben, das der böse Dämon seines Lebens wurde. Andere Eindrücke seiner Jugend hat er wohl übertrieben, wie wenn er später einmal ausrief: "Was soll aus einem Menschen werden, dessen erstes Gedächtniß das ist, einen alten Mörder in freier Luft spazieren geführt zu haben." — Ostern 1820 bezog er die Universität Leipzig, um die Rechtswissenschaft zu studiren. Der Briefwechsel, den er von hier aus und später mit seinen Eltern führte, kann am besten die schweren Vorwürfe widerlegen, mit denen man ihr Andenken belastet hat. Es zeigt sich, wie innig das Verhältniß zwischen ihnen und dem Sohne war, wie sie ihm ein Geldopfer nach dem anderen brachten, wie er es an Dank und Anerkennung dafür nicht fehlen und sie hoffen ließ, daß er in kurzer Zeit "sehr berühmt" sein werde. Diese Berühmtheit gedachte er keineswegs als Jurist zu erlangen. Seine Studien traten sehr bald hinter einem wilden, regellosen Leben zurück, unter dem seine Gesundheit litt. Aber gleichzeitig brach seine Neigung für das Theater und die dramatische Dichtung immer entschiedener durch. Er besuchte das Schauspiel häufig und hatte selbst die Absicht auf die Bühne zu gehen. Er arbeitete sein schon während der Schulzeit begonnenes erstes Drama, den "Herzog von Gothland", aus und nahm es mit sich nach Berlin, als er Ostern 1822 die dortige Universität bezog. In Berlin als ein Original angestaunt, nicht selten mit Schmeicheleien überschüttet, die seine außerordentliche Einbildung noch steigerten, führte er im Umgang mit Gustorff, Köchy, Ludwig Robert, Heine ein tollgeniales Leben, vollendete den "Gothland" und sandte ihn "halb mit Vertrauen, halb mit Zagen" an Tieck, indem er ihn aufforderte, ihn "öffentlich für einen frechen, erbärmlichen Dichterling zu erklären", wenn er "sein Trauerspiel den Producten der gewöhnlichen heutigen Dichter ähnlich finde". Tieck's Antwort bezeugt den großen, aber gemischten Eindruck, den das Drama auf ihn, wie auf jeden Leser machen mußte. Die Leidenschaftlichkeit der Empfindung, die Kühnheit der Sprache wirken eben so gewaltig, wie die Zerrissenheit der Handlung und die gesuchte Gräßlichkeit des gesammten Stoffes und einzelner Situationen das Gefühl verletzen. Der Vergleich mit "Titus Andronicus" oder mit den "Räubern" lag nahe, und man mochte das dramatische Monstrum als Ausgeburt der Sturm- und Drangperiode eines noch ungebändigten Genies betrachten. Aber wie Tieck sehr richtig bemerkte: "Das Gräßliche ist nicht tragisch, wilder, roher Cynismus ist keine Ironie, Krämpfe sind keine Kraft." Grabbe's Schaffensdrang ließ indessen nicht nach. In rascher Folge entstanden das Lustspiel "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", in welchem die|Fülle witziger Einfälle und litterarischer Sarkasmen den Mangel der Handlung ersetzen muß, das "tragische Spiel": "Nannette und Marie", eine flüchtige dramatische Skizze, aus der sich einzelne Stellen von außerordentlicher Kraft und Schönheit abheben, das großartige Fragment der Tragödie "Marius und Sulla", welches zuerst die hervorragende Begabung Grabbe's für das historische Drama offenbarte. Die offenherzige Kritik Tieck's schreckte G. auch nicht ab, im Frühjahr 1823 sich persönlich an ihn zu wenden, da er keine Neigung für den juristischen Beruf fühlte, vielmehr sich schmeichelte, als Schauspieler oder Vorleser sein Glück machen zu können. Tieck nahm sich seiner ein Vierteljahr lang an. Indessen löste sich das Verhältniß und G. kehrte nach kurzem, ziemlich fruchtlosem Aufenthalt in Leipzig, Braunschweig, Hannover verwildert und unmuthig in die Heimat zurück.

    Das kleinstädtische Wesen einer Umgebung, in der ihn Niemand verstand, war ihm verhaßt. Er benahm sich wie ein Sonderling, und, wie er selbst bekennt: "es wurde wild, vielleicht gemein gelebt". Im Sommer 1824 gelang es ihm zwar das juristische Examen zu bestehen, als Advocat sich einige Praxis zu erwerben und 1827 die Stelle eines Auditeurs bei dem Lippe'schen Militär zu erhalten. Aber er fühlte sich so blasirt, "nichts mehr zu glauben, zu hoffen, zu wünschen, zu lieben, zu achten und zu hassen". "Meine Jahre lange Operation" — urtheilte er über sich selbst — "den Verstand als Scheidewasser auf mein Gefühl zu gießen, scheint ihrem Ende zu nahen. Der Verstand ist ausgegossen und das Gefühl zertrümmert." In dieser Lage erhielt er von einem alten Studiengenossen, Kettembeil, der die Hermann'sche Buchhandlung in Frankfurt übernommen hatte, den Antrag, ihm seine poetischen Arbeiten in Verlag zu geben. Wie er diesen Antrag aufnahm, wie sehr er sich durch "diese Glückswende" zu neuer poetischer Thätigkeit angeregt fühlte, und zugleich von einer wie krankhaften Ruhmsucht er verzehrt wurde, beweist der merkwürdige Briefwechsel, den er von nun an mit Kettembeil führte. Im J. 1827 erschienen bei diesem, nicht ohne bedeutendes Aufsehen zu machen, Grabbe's "Dramatische Dichtungen" nebst einer Abhandlung über die "Shakespearo-Manie", welche erst damals geschrieben, von G. in einer ihm eigenen Art von litterarischem Versteckspiele um einige Jahre zurückdatirt wurde. Es folgten "Don Juan und Faust" (1829), der kühnste Versuch "die beiden Extreme des Männlichen nach der sinnlichen und geistigen Seite zu in tragischer Verknüpfung zu produciren", aufgeführt in Detmold am 29. März 1829, die "Hohenstaufen" ("Kaiser Friedrich Barbarossa", 1829, "Kaiser Heinrich VI.", 1830), "Napoleon oder die hundert Tage", 1831. Die "Hohenstaufen", die ihm in ihrer Vollendung als ein Cyclus von "6—8 Dramen" vorschwebten, sollten nach Grabbe's eigenen Worten "das Größte seines Lebens" werden. In der That hat er mit den beiden Dramen, die allein aus jenem Cyclus ins Leben traten, den Höhepunkt seines dichterischen Schaffens erreicht. Der Aufbau der Handlung, die Sicherheit der Charakteristik, die Tiefe der historischen Auffassung würden nicht nur den Leser, sondern auch den Zuschauer zur Bewunderung hinreißen, wenn man es über sich gewinnen könnte, die beiden Dramen nach unerläßlichen scenischen und sprachlichen Veränderungen in geschickter Bearbeitung auf einer deutschen Bühne zur Aufführung zu bringen. Die gleiche Fähigkeit, einen großen historischen Stoff poetisch zu durchdringen, bekundet der "Napoleon", eine gigantische Dichtung, der man nur dann gerecht wird, wenn man sie, von jeder Berechnung auf die Bühne absehend, als ein modern-geschichtliches Epos in dramatischer Form betrachtet. Die prophetischen Aussprüche, an denen diese Dichtung reich ist, erhalten ein um so größeres Interesse, wenn man bedenkt, daß die Abfassung mit der Vorbereitung und dem Ausbruch der Juli-Revolution zusammenfiel.

    Für längere Zeit blieb die Muse Grabbe's verstummt. Doch arbeitete er an einem Drama "Kosciusko" und an einem Roman "Ranuder". Von einer Erholungsreise, die er im Sommer 1831 unternahm, krank zurückgekehrt, verlor er, im Gefühl eines verfehlten Daseins, immermehr die Fähigkeit, sich zu beherrschen und sein Leben auf eine bürgerlich-verständige Weise zu ordnen. Sein excentrisches Wesen führte 1831 zur Auflösung seiner Verlobung mit der anmuthigen Schwägerin eines Detmolder Kaufmanns. Seine Ehe mit der Tochter des Archivraths Clostermeier, die er im März 1833 heimführte, wurde eine Quelle der ärgerlichsten Zwistigkeiten, an denen keiner von beiden Theilen schuldlos war. Er vernachlässigte nicht nur seine häuslichen und finanziellen Angelegenheiten, sondern auch seine Amtsgeschäfte, die ihn, wie die ganze beengte Existenz, in die er sich mit seinen "fünf Seelen in einem Kopfe" gebannt fühlte, aufs äußerste anwiderten, und suchte immer häufiger Trost bei der Flasche. Eine Zeit lang begeisterte er sich für die Idee, daß er zum Soldaten geboren sei und wandte sich mit einem wunderlichen Gesuch an den Fürsten, ihn seiner Stelle zu entlassen und zum Offiziere zu ernennen. Inzwischen äußerte die Regierung einen Tadel über die mangelhafte Führung der militärgerichtlichen Geschäfte. G. bat in der ersten Aufwallung um seine Entlassung. Doch ließ er sich beruhigen, als ihm ein sechsmonatlicher Urlaub gewährt wurde, der freilich zur Herstellung seiner Kräfte nicht hinreichte, ihm aber Muße zum Beginn seines "Hannibal" gab. Statt eine Verlängerung dieses Urlaubs zu erreichen, erhielt er vielmehr die Aufforderung, sich darüber zu erklären, "ob er auf seinem früheren Entschluß, den Dienst zu quittiren, beharre oder nicht". Er war gewillt, seinen Entschluß zurückzunehmen. Als er sich aber von dem Beamten, mit dem er persönlich verhandeln wollte, kühl empfangen sah, erwachte sein Stolz und, ohne lange zu überlegen, bat er um seinen Abschied. In Detmold, wo er sich allgemein verachtet glaubte, bei seiner Frau, welche ihr Eingebrachtes zu eigener Verwaltung zurückforderte, war seines Bleibens nicht länger. In jeder Weise vernachlässigt, langte er im Spätherbst 1834 in Frankfurt an. Er rechnete auf seinen Verleger, dem er den "Hannibal" anvertrauen wollte, fand sich aber nach einigen Wochen enttäuscht, vereinsamt, von rührenden Sorgen wegen der Zukunft seiner Mutter gequält. In seiner Bedrängniß wandte er sich an Immermann, der eben damals in Düsseldorf dem Theater seine reformatorische Thätigkeit widmete und sah sich in seinem Vertrauen nicht betrogen. Immermann lud ihn zu sich ein, mußte sich aber bald überzeugen, daß er "eine Natur in Trümmern" vor sich hatte, wenn diese Trümmer auch von "Granit und Porphyr" waren. Doch ließ er sich durch die abstoßenden Außenseiten des neuen Ankömmlings in dem Bestreben, ihm zu helfen, nicht beirren. Er sorgte für seine häusliche Einrichtung und suchte ihn in die Gesellschaft einzuführen. Daß er ihn gezwungen habe, sich durch die mechanische Beschäftigung des Rollenausschreibens seinen Unterhalt zu verschaffen, ist eine Verleumdung. G. hat sich nur ein einziges Mal und zwar nach seinem eigenen Wunsch damit abgegeben. Das Hauptverdienst Immermann's war, daß er dem Dichter ermöglichte, den "Hannibal" zu vollenden, wobei er ihn mit seinen Rathschlägen unterstützte. Ihm war das Stück gewidmet, das gleichzeitig mit dem "dramatischen Märchen Aschenbrödel", einer ziemlich verfehlten Jugendarbeit, 1835 in Düsseldorf erschien. Nebenher benutzte G. eifrig das Freibillet, das ihn zum Besuch des Theaters berechtigte, und schrieb, um sich Immermann nützlich zu machen, eine Abhandlung "Das Theater zu Düsseldorf" und gesonderte Kritiken einzelner Aufführungen in das Düsseldorfer Tageblatt. Aber auch auf diesem neuen Boden fand er keinen Halt. Er versaß einen Theil seiner Tage im Wirthshause im vertrauten Verkehr mit dem talentvollen Musiker Norbert Burgmüller, für den|er einen Operntext, "Der Cid", verfaßte, eine tolle Satire auf die widersinnigen Libretti und zeitgenössische Litteraturzustände. Sein Cynismus machte ihn in der Gesellschaft unmöglich. Seine Theaterkritiken begannen Immermann zu verletzen. Im Februar 1836 brach dieser in nicht ganz zu rechtfertigender Empfindlichkeit das Verhältniß zu G. gänzlich ab. — Einige Monate später, erschüttert durch die Nachricht, daß Burgmüller plötzlich in Aachen gestorben sei, geistig und körperlich gebrochen, begab sich G. zurück nach Detmold, weil er sich "für einen wohlfeilen Sturz in den Rhein noch zu theuer hielt". Auf heimischem Boden vollendete er "Die Hermannsschlacht", das "Nationaldrama", wie er es nennt, in welchem, wie im "Hannibal" ein "Athem der Größe.. der Hauch des wahrsten poetisch-historischen Geistes weht", zugleich aber die Verachtung der bühnenmäßigen Erfordernisse, der Mangel dramatischer Ausmalung, der Lakonismus der Sprache bis zur verzerrten Manier gesteigert erscheint. Die "Hermannsschlacht" war das letzte, was G. vollendete. Zwei Tragödien "Christus" und "Alexander der Große", ein Lustspiel "Till Eulenspiegel" kamen, wie früher Erwähntes, nicht über die Idee oder Fragmente hinaus. Am 12. September 1836 starb der Dichter in den Armen seiner Mutter, die sich den Platz an seinem Krankenlager gegen ihre Schwiegertochter förmlich hatte erkämpfen müssen.

    Grabbe's Gesicht wie sein Wesen war nach Immermann's Schilderung aus den größten Gegensätzen gemischt: "Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, darunter große, geisterhaftweite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin — das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet — alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute." Grabbe's Stellung in der Geschichte der deutschen Litteratur wird man vielleicht nicht zu hoch auffassen, wenn man ihn neben H. v. Kleist das größte dramatische Genie nennt, das unser Volk nach Schiller besessen hat. Nur daß ihn der Mangel an Selbstbeherrschung ebensowenig zum fertigen Künstler ausreifen ließ, wie zum glücklichen Menschen. Seine hochfliegende Phantasie verliert sich nicht selten in maßlose Breite. Seine Gestaltungskraft gefällt sich zu oft in Fratzenhaftem und Ueberspanntem. Sein Pathos wird häufig bombastisch, sein Humor bizarr, seine im allgemeinen kräftige Sprache gewöhnlich oder geziert. Aber alles in allem bleibt seiner dichterischen Individualität etwas Titanenhaftes eigen, und nicht mit Unrecht ist er "der Buonarotti der Tragödie" genannt worden.

    • Literatur

      C. D. Grabbe's sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Erste kritische Gesamtausgabe (enth. auch den Briefwechsel) von Oskar Blumenthal, 4 Bde., Detmold 1874. — O. Blumenthal, Beiträge zur Kenntniß Grabbe's nach ungedruckten Quellen, Berlin, Grote, 1875 (daselbst ein Ueberblick über die Grabbe-Litteratur). — Grabbe's Leben von Hermann Duller (vorgedruckt der "Hermannsschlacht", Düsseldorf 1838). — Grabbe's Leben und Charakter von Karl Ziegler, Hamburg 1855. — Immermann's Memorabilien, 2. Theil (J. s. S. XIII. p.1—181, 1843).

  • Autor

    Alfred , Stern.
  • Empfohlene Zitierweise

    Stern, Alfred, "Grabbe, Christian Dietrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 532-536 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118541102.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA