Lebensdaten
1817 bis 1894
Geburtsort
Danzig
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Medizinhistoriker ; Hygieniker ; Professor der Medizin in Berlin
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 116903864 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hirsch, Aron Simon (vor der Taufe)
  • Hirsch, August
  • Hirsch, Aron Simon (vor der Taufe)
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Hirsch, August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116903864.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Samuel Salomon (1790–1861), Kaufm.;
    M Henriette Bender (gestorben 1843);
    Pauline (1827-1908), T d. Kaufm. Hirsch Friedländer ( 1871) in Königsberg u. d. Emma Levin Perlbach; Ov d. Ehefrau Ludw. Hermann Friedländer (1790–1851), Prof. d. Med. in Halle (s. ADB VII); Schwager Ludwig F. ( 1909), klass. Philol. (s. NDB V).

  • Leben

    H. trat mit 15 Jahren als Lehrling in ein Berliner Handelshaus ein, ging dann aber nach dreijähriger kaufmännischer Ausbildung auf das Gymnasium in Elbing zurück, um dort die Hochschulreife zu erwerben. 1839-43 studierte er in Leipzig und Berlin Medizin (Dissertation über den Croup, 1843). Zunächst ließ er sich als praktischer Arzt in Elbing nieder, siedelte aber schon 1846 nach Danzig über. Hier konzentrierte er seine Interessen auf geographisch-pathologische Fragen, da er Kolonialarzt werden wollte. Als sich das nicht verwirklichen ließ, begann er die reichen Ergebnisse seiner Vorstudien (über Malaria, typhöse Erkrankungen, Ruhr, indische Pest, Friesel, Madura Fuß und andere) in medizinischen Zeitschriften zu veröffentlichen und fand damit Anerkennung. Die Hauptfrucht seiner Arbeit sollte jedoch das große „Handbuch der historisch-geographischen Pathologie“ werden (1859-64, 21881-86, englisch 1883-86). Dieses wegen der Fülle seines historischen, statistischen und bibliographischen Materials einzigartige Werk ließ H. schnell bekannt werden und verschaffte ihm 1863 einen Ruf als ordentlicher Professor der Pathologie und medizinischen Geschichte und Literatur nach Berlin. 1865 wurde er von der Regierung mit einer Inspektionsreise in die von epidemischer Hirnhautentzündung heimgesuchte Provinz Westpreußen beauftragt. Während des deutsch-französischen Krieges war er als leitender Arzt eines Lazarettzuges eingesetzt. 1873 wurde auf H.s und Pettenkofers Veranlassung die „Cholera-Commission für das Deutsche Reich“ gebildet, und H. bereiste als deren Mitglied die von der Cholera besonders hart getroffenen Provinzen Westpreußen und Posen. 1874 nahm er als deutscher Delegierter an den|Beratungen der in Wien tagenden internationalen Cholera-Konferenz teil. 1879 entsandte ihn die Reichsregierung zusammen mit M. Sommerbrodt und Küssnernach Rußland mit dem Auftrag, über die im Gouvernement Astrachan herrschende Pest zu berichten. Die Erfahrungen, die H. bei solchen Unternehmungen machte, fanden ihren Niederschlag in zahlreichen Monographien und Aufsätzen über Ausbreitungsmodus und Verhütungsmöglichkeiten von Volksseuchen. Seit 1866 gab er mit Virchow den „Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen in der Medicin“ heraus.

    H. muß nicht nur zu den maßgeblichen Vertretern der Hygiene in der vorbakteriologischen Zeit gerechnet werden – unter anderem wies er als erster auf die Bedeutung und Richtigkeit der Semmelweisschen Theorie des Kindbettfiebers hin –, er leistete auch als Historiker der Medizin Beachtliches: Schon seine Habilitationsschrift hatte ein medizingeschichtliches Thema, die Anatomie der Hippokratiker (1864). Er gab die kleineren Schriften seines Vorgängers J. F. K. Hecker zur Seuchengeschichte des Mittelalters neu heraus (1865), schrieb für das „Handbuch der Augenheilkunde“ von Graefe und Saemisch den historischen Teil (1877), er verfaßte im Auftrage der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eine „Geschichte der Medicinischen Wissenschaften in Deutschland“ (1893), gab das „Biographische Lexicon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker“ (1884-88) heraus und bearbeitete zahlreiche Artikel in der „Allgemeinen Deutschen Biographie“. Sein Bestreben, epidemiologische Fakten in große geschichtliche Zusammenhänge einzufügen, kommt nicht zuletzt in seiner vielbeachteten Rede „Über die historische Entwickelung der öffentlichen Gesundheitspflege“ zum Ausdruck, die er 1889 am Stiftungstag der militärärztlichen Bildungsanstalten in Berlin hielt. Hier tritt auch besonders deutlich das für ihn und seine Zeit kennzeichnende Verhältnis zur Wissenschaftsgeschichte hervor, wenn er betont, man müsse in der Vergangenheit der Gesundheitspflege „den Maßstab für die Schätzung der Fortschritte … gewinnen, deren sie sich in der Gegenwart rühmen darf“.|

  • Auszeichnungen

    Gründer (1872) u. bis 1885 1. Vorsitzender d. Dt. Ges. f. öffentl. Gesundheitspflege.

  • Literatur

    ADB 50;
    H. Zeroni, Das Auftreten d. Cholera …, Eine Besprechung …, 1874;
    J. v. Kerschensteiner, in: Münchener med. Wschr. 40, 1893, Nr. 49 (P);
    ders., ebd. 41, 1894, Nr. 6;
    R. Virchow, in: Berliner klin. Wschr. 31, 1894;
    Kukula;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Hans H. Lauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Lauer, Hans H., "Hirsch, August" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 212 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116903864.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hirsch: August (vor der Taufe Aron Simon) H., Arzt und Historiker der Medicin, geboren als Sohn eines Kaufmanns in Danzig am 4. October 1817, fand bereits als Knabe besonderen Gefallen an historischer und geographischer Lectüre, Reisebeschreibungen u. dgl. Anfangs vom Vater für den Kaufmannsstand bestimmt, trat er mit 15 Jahren in ein Berliner Handlungshaus als Lehrling ein, gewann jedoch gegen den kaufmännischen Beruf eine Abneigung und nahm infolgedessen nach dreijähriger, wenig erfolgreicher Thätigkeit den Schulbesuch auf dem Gymnasium in Elbing wieder auf, das er 1830 absolvirte, um dann Medicin in Leipzig und Berlin zu studiren. An letztgenannter Universität erlangte er mit einer umfangreichen, an litterarhistorischen Notizen außerordentlich reichhaltigen, seinem Gönner Wilhelm Baum, damals noch Oberarzt in Danzig, gewidmeten Inauguraldissertation „De laryngostasi exsudativa vulgo Croup vocata“ 1843 die Doctorwürde. Nach Beendigung seiner Studien und Prüfungen ließ sich H. zunächst als Arzt in Elbing nieder. Von hier aus beabsichtigte er anfangs in holländisch-indische, und nachdem ihm hiervon von privater ärztlicher Seite abgerathen war, in englisch-ostindische Dienste als Arzt zu treten. Auch dieser Plan zerschlug sich|jedoch, und H., der mittlerweile nach Danzig übergesiedelt war, setzte hier die schon früher für den erwähnten Plan zwecks wissenschaftlicher Vorbereitung begonnenen Studien über historisch-geographische Pathologie fort. Als Ergebniß derselben erschien nach mehreren kleineren, in Virchow's Archiv und anderen Zeitschriften veröffentlichten Abhandlungen (über Malariafieber, typhöse Krankheiten, Ruhr, indische Pest, Friesel, Madura-Fuß u. a.) das große „Handbuch der historisch-geographischen Pathologie“ (2 Bde., Erlangen 1859—64, 2. Aufl., 3 Bde., Erlangen 1881—86), das dem Verfasser einen Weltruf begründete und zugleich 1863 einen Ruf als ordentlicher Professor der Pathologie und medicinischen Geschichte und Litteratur nach Berlin verschaffte, wo H. bis zu seinem am 28. Januar 1894 erfolgten Ableben in segensreichster Weise als Lehrer, Forscher und Schriftsteller wirkte, nachdem er nur in den letzten Lebensmonaten wegen Krankheit seine Thätigkeit hatte einstellen müssen. Hirsch's Hauptwerk ist das vorhin genannte Handbuch, das mit Recht Aufsehen erregte. Es steht in seiner Art wegen der überwältigenden Fülle litterarhistorischer Notizen, die sich nach einer Zählung des Unterzeichneten auf gegen 15 000 belaufen, wegen einer großen Reihe ätiologischer Aufschlüsse und vor allem als erste, systematische und vollständige Bearbeitung des Gegenstandes noch heute unübertroffen da und wird für immer seinen Werth behalten, obwol inzwischen durch die von der Bacteriologie ausgegangene Umwälzung der Anschauungen manche darin niedergelegte Lehren als veraltet gelten müssen. Als ein Denkmal deutschen Gelehrtenfleißes und in der Art, wie Verfasser es verstanden hat, als ein „vir ex libris doctus“ ohne Experiment, ohne Section, ohne Mikroscop, ohne Laboratorium lediglich auf dem Wege gesunder Kritik und einer rationellen Empirie auf Grund statistischer und anderweitiger litterarischer Mittheilungen mit vielem Scharfsinn über einzelne Krankheiten sehr wichtige Aufschlüsse zu gewinnen bezw. zu erhärten (z. B. über Malaria, Kindbettfieber, meningitis cerebrospinalis epidemica) verdient das Werk die höchste Bewunderung. Weitere, nicht minder gediegene Arbeiten von H. zur Geschichte sind seine „Geschichte der Augenheilkunde“ (Leipzig 1877 als Bd. VII von Graefe-Saemisch, Handbuch der Augenheilkunde); „Geschichte der medicinischen Wissenschaften in „Deutschland“ (München und Leipzig, 1893, im Auftr. der histor. Commission der Münchener Akad. d. Wissensch.), seine Habilitationsschrift über die Anatomie der Hippokratiker (Berlin 1864), seine Ausgabe von Hecker's kleineren seuchengeschichtlichen Schriften (ebd. 1865), sein großes, zusammen mit Gurlt herausgegebenes „Biographisches Lexikon hervorragender Aerzte aller Zeiten und Völker“ (Wien und Leipzig 1884—88), seine schöne, zur Stiftungsfeier der Kaiser-Wilhelm-Akademie für Militärmedicin am 2. August 1889 gehaltene Rede über die historische Entwicklung der öffentlichen Gesundheitspflege u. a. m. Auch um den letztgenannten Zweig hat sich H. in der vorbacteriellen Zeit wesentliche Verdienste erworben. Er bereiste 1865 im Auftrage der Regierung die von Meningitis cerebrospinalis heimgesuchte Provinz Westpreußen und veröffentlichte über die Ergebnisse dieser Studien eine Monographie (Berlin 1866), veranlaßte zusammen mit v. Pettenkofer die 1873 erfolgte Bildung der „Cholera-Commission für das deutsche Reich“, bereiste als deren Mitglied die Provinzen Westpreußen und Posen, nahm 1874 als Delegirter des deutschen Reichs an den Berathungen der internationalen Cholera-Conferenz theil, ging 1879 im Auftrage der Reichsregierung zusammen mit Sommerbrodt und Küßner zu Studien über die im Gouvernement Astrachan herrschende Pest nach Rußland und veröffentlichte auch hierüber die betreffenden Berichte (Berlin 1880), wurde Begründer und hervorragendes Mitglied der 1872 zu Berlin ins Leben getretenen „Deutschen Gesellschaft für öffentliche|Gesundheitspflege“, deren erster Vorsitzender er bis 1885 war und zu deren Ehrenmitglied er 1886 ernannt wurde.

    • Literatur

      Vgl. Pagel, Deutsche Med. Wochenschr. 1893, Nr. 7 und ebenda 1894, Nr. 5 sowie Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspfl. 1894.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Hirsch, August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 361-363 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116903864.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA