Lebensdaten
1885 bis 1970
Geburtsort
Prag
Sterbeort
Princeton (New Jersey)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Kulturphilosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118891634 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kahler, Erich von
  • Kahler, Eric
  • Kahler, Eric V.
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel
Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Weitere Erwähnungen in der NDB/ADB

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Kahler, Erich von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118891634.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Rudolf (1852–1932), Industrieller, S d. Max (Adel 1910, 1912 [?]), Großgrundbes., Großindustrieller, Präs. d. Waren- u. Effektenbörse in Prag;
    M Antoinette (1862–1951), T d. Wollfabr. Moritz Schwarz in Brünn u. d. Therese Schwarz;
    Vt d. M Richard Beer-Hofmann ( 1945), Dichter (s. NDB I);
    Vt Eugen (1882–1911), Maler (s. ThB; ÖBL);
    - 1) Wien 1912 ( 1941) Josefine (1889–1969), T d. Malzfabr. Moritz Sobotka in Wien u. d. Sofie Brumm. 2) Princeton/N. J. Alice Loewy Pick (* 1900), T d. Kunsthändlers Ignaz Pick (1870–1940) in Wien u. d. Gisela Fischer; kinderlos.

  • Leben

    Nach Schuljahren in Prag und Wien studierte K. in Berlin, München und Heidelberg Geschichte und Philosophie. In Heidelberg trat er in Beziehung zum Max-Weber-Kreis, wobei sich seine Kontakte im wesentlichen auf Alfred Weber und Arthur Salz beschränkten. Aus derselben Zeit datiert K.s Freundschaft zu F. Gundolf und anderen Mitgliedern des George-Kreises. In Wien wurde K. 1911 mit einer Arbeit „Über Recht und Moral“ zum Dr. phil. promoviert. Im folgenden Jahr wählte er Wolfratshausen bei München zu seinem Wohnsitz. 1933 floh er über Wien und Prag nach Zürich (1935–38), wo er eine enge Freundschaft mit Thomas Mann knüpfte. Im Oktober 1938 folgte er diesem nach Princeton (USA). Hermann Broch wohnte hier 1942 bis 1949 in K.s Haus; Albert Einstein, Ernst Kantorowicz, Ben Shan, Wolfgang Pauli und Roger Sessions gehörten zu seinen Gesprächspartnern. K.s Arbeit wurde durch diese Freundschaften und eine umfangreiche Korrespondenz befruchtet.

    K. warnte vor der Tendenz der Wissenschaft, das Faktum zur „Alleinherrschaft“ zu erheben, eine „Demokratie der Fakten“ und der „Zwecke“ zu schaffen. Es gelte vielmehr, die „Inkongruenz“ zwischen dem einzelnen und der Vielfalt der Fakten in einer höheren „Einheit und Eintracht“, in einem erweiterten Bewußtsein zu überwinden. Es schwebte ihm hierbei eine Art perspektivischer Ausrichtung aller Gedanken und Handlungen auf einen Fluchtpunkt im Unendlichen vor. Nach dieser, von ihm selbst als „Scienza Nuova“ bezeichneten Erkenntnistheorie versuchte K., die „Zeit“ und ihre Erscheinungen aus den Perspektiven verschiedener Wissensbereiche synoptisch zu erfassen und seinen Postulaten der Einheit des Universums und Totalität der menschlichen Erkenntnis näher zu kommen. Als Literarhistoriker machte K. auf die Kraft des Wortes zur Verwandlung der Wirklichkeit sowie auf die Wechselbeziehung zwischen Dichter und Gesellschaft aufmerksam. Er deutete die moderne Literatur als Ausdruck einer Zeit, die „nichts mehr als restlos stabil annehmen darf“. Aus Brochs „Zerfall der Werte“ folgerte er den „Verfall des Werfens“ (1947/51) und die Auflösung der Form in Kunst und Literatur als „reaktive Explosion des Bewußtseins“. Dieser Erscheinung setzte er den Gedanken der Formzucht und Harmonie entgegen. Hierin stimmte er mit vielen Literarhistorikern überein, während die meisten Historiker K.s Polyhistorismus verwarfen und andere – zum Beispiel E. Troeltsch, M. Scheler und A. Salz – K.s Scienza Nuova als romantischen Evolutionismus ablehnten.

  • Werke

    Weitere W u. a. Syrinx, Gedichte, 1903;
    Die Brücke d. Iris, Gedichte, 1905;
    Das Geschl. Habsburg, 1919;
    Beruf d. Wiss., 1920;
    Israel unter d. Völkern, 1933;
    Der dt. Charakter in d. Gesch. Europas, 1937;
    Man the Measure, A New Approach to Hist., 1943;
    Verfall d. Werfens, 1947-51;
    Weltgesicht u. Pol., 1916;
    Die Verantwortung d. Geistes, Ges. Aufsätze, 1952;
    Die Verantwortung d. Geistes, Thomas Mann z. 70. Geb.tag, in: Neue Rdsch. 55, 1945, S. 47-58;
    Die Säkularisierung d. Teufels, Thomas Manns Faust, ebd. 58, 1948, S. 185-202;
    Rede üb. H. Broch, ebd. 63, 1952, S. 232-42 (engl. in: Social Research 19, 1952, S. 105-15);
    Untergang u. Übergang d. epischen Kunstform, ebd. 64, 1953, S. 1-44 (auch in: DTV 638, 1970);
    Die Verinnerung d. Erzählens, ebd. 68, 1957, S. 501-46, 70, 1959, S. 1-54 (engl.: The Inward Turn of Narrative, 1973, mit ausführl. Würdigung K.s in d. Einl. v. J. Frank, S. 7-16);
    The Tower and the Abyss, 1958;
    Einleitung zu d. Gedichten H. Brochs, Ges. Werke I, 1953, S. 7-60;
    Einführung in d. Werk v. H. Broch, in: Dichter wider Willen, 1958, S. 7-39;
    Die Philos. v. H. Broch, 1962;
    The meaning of hist., 1964;
    Der Sinn d. Gesch., 1964;
    Stefan George, Größe u. Tragik, 1964;
    The Rallying Idea, 1965;
    The Disintegration of Form in the Arts, dt. Bearb. v. W. Höck: Die Auflösung d. Form, Tendenzen d. modernen Kunst u. Lit., 1971 (List Taschenbücher 379);
    Die Prosa d. Expressionismus, in: Der dt. Expressionismus, hrsg. v. H. Steffen, 1965, S. 157-178;
    Form u. Entformung in d. modernen Lit., in: Merkur Jg. 14, 1965, S. 318-35 u. 413-28;
    Out of the Labyrinth, Essays in Clarification, 1967;
    The Orbit of Thomas Mann, 1969, (engl. Bearb. d. dt. Aufsätze üb. Th. Mann);
    Briefwechsel Th. Mann - E. v. K., Briefwechsel im Exil, hrsg. v. H. Wysling, in: Bll. d. Th. Mann Ges. 10, 1970;
    An Exceptional Friendship. The Correspondence of Thomas Mann and E. K., Transl. by R. and C. Winston, 1975;
    The Germans, 1974.

  • Literatur

    E. Troeltsch, Die Rev. in d. Wiss., in: Schmollers Jb. 45, 1921, S. 65-94;
    ders., Ges. Schrr. IV, 1925, S. 653-77;
    M. Scheler, Schrr. z. Soziol. u. Weltanschauungslehre, 1922, 21963;
    H. Broch, Gesch. als Moral. Anthropol., E. K.s „Scienza Nuova“, in: Hamburger Akadem. Rdsch. 3, 1948/1949, S. 406-17, engl. in: Festschr. f. E. K., S. 18-30, hrsg. v. E. Wolff u. H. Steiner, 1951;
    Th. Mann, E. v. K., Zum 60. Geb.tag, in: Dt. Bll. 3, H. 28, Santiago de Chile, 1945, wieder in: ders., Altes u. Neues, 1953, S. 222-25;
    G. Mann, Für E. K., in: Neue Rdschau 67, 1956, S. 512-14;
    J. Urzidil, Prag als geist. Ausgangspunkt, Ansprache z. 80. Geb.tag v. E. v. K., geh. im Leo Baeck Inst., 1965;
    W. Vordtriede, Die Aktualität d. Unzeitgemäßen, E. v. K. z. 80. Geb.tag, in: Merkur 19, 1965, S. 1000-03;
    Th. Koebner, in: Hdb. d. dt. Gegenwartslit. 1965, S. 329 ff.;
    A. Kiel, Het wijsgerig aspect van de evolutiegedachte bij E. v. K., in: Mens en Kosmos 24, 1968, S. 137-41;
    dies., Dem Andenken E. K.s, Die Bedeutung s. Utop. Denkens, in: Duitse Kroniek 23, 1971, S. 144-53;
    Jos. Frank, The Quest for a human absolute, in: Sewanee Review 77, 1969, S. 184-92;
    V. Lange, in: Jb. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung 1970, S. 95-97;
    W. Müller-Seidel, in: Neue Rdsch. 81, 1970, S. 822-29.

  • Autor/in

    Annie Kiel
  • Empfohlene Zitierweise

    Kiel, Annie, "Kahler, Erich von" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 25 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118891634.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA